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Schleppende Akzeptanz

Kaffee im Mehrwegbecher Schleppende Akzeptanz

Eigentlich sind sich alle einig: Die Menschen produzieren zu viel Müll. Mehr als sieben Millionen Einweg-Kaffeebecher landen jährlich im Göttinger Müll. Unter anderem die Göttinger Entsorgungsbetriebe (GEB) und Schüler der BBS wollen der Becherflut entgegenwirken. Der Erfolg hält sich bislang in Grenzen.

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Quelle: Mischke

Göttingen. Maja Heindorf von den Göttinger Entsorgungsbetrieben sagt: „Ein nennenswerter Rückgang an Kaffeebechern ist bei uns nicht zu verzeichnen“. Im vergangenen Jahr hatten die GEB eine Image-Kampagne für mehr Mehrweg gestartet. Immerhin sei überall „subjektiv“ eine wachsende Akzeptanz für das Mehrweg-System zu beobachten. „Ich sehe viele Kunden mit Mehrwegbechern in der Stadt“, sagt sie. Bislang mache sich das aber bei den Müllbergen noch nicht bemerkbar. Gerade bei schönem Wetter seien Grünflächen und Wege stets „sehr vermüllt“. Der Trend gehe ja nicht nur hin zum Kaffee-zum-Mitnehmen sondern generell zum Food-to-go - inklusive Verpackungsmüll.

Einwegbecher bestehen nach Angaben der Deutschen Umwelthilfe überwiegend aus Papierfasern, für deren Herstellung oft Neumaterial eingesetzt wird. Es werden kaum Recyclingpapierfasern genutzt, für die Herstellung müssen neue Bäume gefällt werden.

Weil die Einwegbecher nicht nur aus Pappe, sondern auch aus Kunststoff bestehen, wird Rohöl zur Becherproduktion benötigt. Ein durchschnittlicher Einwegbecher besteht zu fünf Prozent aus dem Kunststoff Polyethylen – dazu kommen noch Plastikdeckel, Rührstäbchen und Tragehilfen aus Pappe. Nach Angaben der GEB gehören Einwegbecher in den Mülleimer. Selbst die Plastikdeckel tragen keinen grünen Punkt des Dualen Systems.

Jan Gresens von der Firma Ruch bestätigt, das „mindestens 90 Prozent, wenn nicht mehr“ aller Heißgetränke, die in seinen Filialen verkauft werden, im To-Go-Becher landen. Dennoch seien mehr als 8000 der hauseigenen Mehrwegbecher verkauft worden, sie waren schnell vergriffen. Wie viele davon wirklich zum Wiederbefüllen benutzt werden, sei kaum zu beziffern. Gresens meint, dass nur ein bundesweit einheitliches System wirklich zu einem Erfolg führen könnte. Wer einen Becher kauft, müsste ihn auch überall wieder abgeben können. Solange das nicht etabliert sei, bleibe der Mehrwegbecher seiner Ansicht nach in einer „Nische“.

Vor allem Stammkunden greifen zum Fair-Cup

„Unsere erste Bilanz ist gut“, sagt Sibylle Meyer von der Unternehmergesellschaft Fair-Cup. Wir können daher von fünf bis zehn Prozent weniger Pappbechern in Geschäften in einer stark frequentierten Lage sprechen. Dennoch: „Sie wäre deutlich besser, wenn wir einen Testbecher in der richtigen Größe gehabt hätten“, sagt sie. Fair Cup ist ein Projekt, das Schüler der BBS2 auf den Weg gebracht haben. An vielen Kaffeetresen gibt es seit etwa einem halben Jahr den recycelbaren „Fair-Cup“. Wer in Göttingen bei einem Fair-Cup-Partner den Kaffee im Mehrwegbecher kauft, zahlt den gleichen Preis plus einen Euro Pfand. Den Euro bekommt man wieder, sobald man den Becher bei einem der teilnehmenden Partner zurückgibt.

Bequemlichkeit führt zum Griff zum Einwegbecher

Vorwiegend, so Meyer, greifen Stammkunden wie Handwerker, Stadtreinigungsleute, Taxi- und Busfahrer zum Fair-Cup. „Laufkunden entscheiden sich nur selten für den Mehrwegbecher.“ Das Studentenwerk erhebe derzeit keine Daten über die Akzeptanz von Mehrwegbechern, so eine Sprecherin auf Anfrage.

Andreas Hermann von der gleichnamigen Bäckerei meint, die Nachfrage nach Mehrwegbechern sei „eher rückläufig“. Bei vielen Bürgern sei es doch die Bequemlichkeit, die zum Griff zum Einwegbecher führt. Die Universitätsmedizin setzt derzeit auf ein anderes Versuchsmodell. „Bei uns im Haus wird mehr als 90 Prozent Mehrweggeschirr - der klassische Becher - genutzt“, sagt Peter Schierschke, Geschäftsführer der UMG-Gastronomie. Dort, wo viel Publikums- und Studentenbetrieb herrsche, sei Kaffee-to-Go natürlich verbreitet. Das gelte vor allem für den Shop im Foyer. Rund 300 000 Heißgetränke im Einwegbecher werden dort jährlich verkauft.

„Es wird auch bei uns immer mehr Müll“, sagt er. In der UMG läuft jetzt ein Test: „Wir probieren aus, ob abbaubare Becher eine Alternative sind“, sagt Schierschke. Die unbeschichteten Becher aus Recyclingpapier hätten nur einen Nachteil, sie isolieren nicht so gut und lassen die Finger schneller heiß werden. Modell wie der Fair-Cup-Becher seien derzeit keine Option. Auch Schierschke sagt, es müsse ein System geben, bei dem jeder den Pfandbecher an jeder Stelle wieder abgeben kann.

„Wir sind total gegen Einwegbecher"

Ein häufiges Bild in der Göttinger Innenstadt: Menschen, die mit Kaffee-To-Go-Bechern unterwegs sind. Der Kaffee ist schnell getrunken, die Pappbecher landen im Müll. Ob auf dem Weg zur Arbeit oder mit den Freundinnen am Nachmittag – man sieht die Becher überall. Dabei bieten viele Bäckereien und Cafés mittlerweile Mehrwegbecher mit Pfand für den Kaffee zum Mitnehmen an.

In manchen Cafés können sich die Kunden auch ihre eigene Tasse befüllen lassen und den Kaffee daraus genießen. „Das machen unsere Stammkunden des Öfteren“, sagt Wiebke vom Kaffehus.

„Die meisten Kunden kaufen aber unsere biologisch abbaubaren Einwegbecher.“ Auch Tanja Jahn von „Hier backt Hermann“ erzählt, dass die Kunden eher zu den Einwegbechern greifen. „Wir bieten auch Mehrwegbecher an, die wieder zurückgegeben werden müssen. Erst dann kann man sie wiederverwenden.“ Allerdings nehme nicht jedes Café oder jede Bäckerei diese Mehrwegbecher wieder zurück, sodass man sie häufig nur in einer bestimmten Filiale abgeben könne.

Für die meisten Kunden spreche da die Gewohnheit und vor allem Bequemlichkeit für die Einwegbecher, meint Romualda Braunschweig, Kundin im „Backwerk“. „Ich kaufe meistens die Einwegbecher, das ist einfacher.“ Tanja Jahn sieht das Problem eher in der Hygiene der Mehrwegbecher: „Manchmal bekommen wir aus anderen Filialen die Becher zurück und müssen sie erst abgeben, weil wir hier keine Spülmaschine haben. Wir bekommen die Becher dann gewaschen zurück. Aber von Hygiene kann dann trotzdem, im Vergleich zu den Einwegbechern, kaum die Rede sein.“

Eine Ansicht, die Rosemarie Schäfer, Elisabeth Richert und Renate Anders nicht teilen. Sie sind langjährige Kaffeetrinkerinnen und verstehen den Rummel um „Kaffee to go“ überhaupt nicht: „Wir sind total gegen Einwegbecher! Die Leute gehen damit ein paar Meter und dann landet der Becher eh im Müll. Jeder hat doch zwei, drei Minuten Zeit, sich kurz gemütlich hinzusetzen, seinen Kaffee aus der Tasse zu trinken und etwas gutes für die Umwelt zu tun.“

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