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Kaltblut lässt die Ketten klirren

Thema des Tages Kaltblut lässt die Ketten klirren

Pferde, die als Arbeitstiere eingesetzt werden, sind selten geworden. Manchmal aber ist der Einsatz eines Kaltblutes bei der Forstarbeit die beste Wahl. Ein Besuch im Wald bei Barterode.

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Wallach Nanuk bei der Arbeit: Kerstin Wipke rückt mit ihrem rheinisch-deutschen Kaltblut Baumstämme in einem Waldstück bei Barterode.

Quelle: Hinzmann

Barterode. Motoren brummen und der Geruch von nassem Waldboden mischt sich mit dem von Pferdeäpfeln. Zwischen den Bäumen im Wald bei Barterode sind in einigen hundert Metern Entfernung Forstarbeiter mit orangefarbenen Westen und Helmen zu sehen, ebenso wie große Maschinen. Der Förster ruft „Kerstin!“ aber es kommt keine Antwort. Der Waldboden ist weich, gibt unter jedem Schritt nach und lässt ein schmatzendes Geräusch hören. Äste und große Baumstämme machen den Weg, der zu dem Arbeitsbereich von Pferderückerin Kerstin Wipke führt, beschwerlich. Abseits der großen Maschinen arbeitet sie mit ihrem rheinisch-deutschen Kaltblut Nanuk. „Ha“ ruft sie und das bedeutet links. Wenn sie „brr“ sagt, „dann muss er sofort stehen, egal wo er sich befindet, er darf sich dann keinen Zentimeter mehr bewegen“, sag Wipke. Einmal in Bewegung gesetzt läuft der Braunschimmel Nanuk über den unebenen Boden und die im Weg liegenden Stämme hinweg, als wenn dort nichts wäre und er keinen Baumstamm hinter sich herziehte. Der wiegt immerhin fast genauso viel wie das Tier selbst. Reisig bricht, als es das kräftige Kaltblut  mit seinem starken Körper streift. Das Laub raschelt unter dem über den Boden schleifenden Baumstamm. Die Zugketten klirren und das Geschirr knarrt unter der Last. Aber das Einzige, auf das Nanuk reagiert sind die Worte von Wipke.

 

Die Pferderückerin gibt ihrem Wallach „Stimmkommandos“.

Die Pferderückerin gibt ihrem Wallach „Stimmkommandos“.

Quelle: Hinzmann

Es gibt viele Kommandos, deshalb kann das Pferd nur dreieinhalb bis vier Stunden am Tag arbeiten. „Nach den ganzen Stimmkommandos lässt die Konzentration nach und er macht einfach das, was er gerade für richtig hält“, sagt Wipke. Genügend Kraft wäre noch länger vorhanden. Ein einzelnes Pferd kann in einer Stunde fünf Festmeter (ein Festmeter entspricht einem Kubikmeter massivem Holz) bewegen. Es kann mit einem Mal einen Stamm von seinem eigenen Körpergewicht, also zwischen 700 und 1000 Kilo, bewegen.

 
Nach jedem erfolgreich zur Rückegasse transportieren Stamm krault Wipke ihren Nanuk am Rücken. Er schnaubt, als würde er ihr zustimmen, dass das Lob angemessen sei. „Ich habe 14 Jahre als Försterin gearbeitet. Das Holzrücken war der Ausgleich zur Schreibtischarbeit. Es war nie mein Plan, dass hauptberuflich zu machen“, sagt Wipke. Die Aufträge seien von selber mehr geworden und ihre eigentliche Arbeit hätte immer mehr gelitten. Nach einer einjährigen Pause entschied sie sich dazu, dass Rücken zum Hauptberuf zu machen. Das ist jetzt vier Jahre her und genauso lange arbeitet sie mit Nanuk zusammen. „Wir sind ein eingespieltes Team. Wir verstehen uns quasi blind. Pferde sind Fluchttiere, wenn Nanuk aber in für ihn eigentlich bedrohlichen oder unangenehmen Momenten auf meine Kommandos hört, dann weiß ich das er mir vertraut“, sagt die Hessin Wipke. Die Ausbildung im Wald dauere nur wenige Tage, wenn die Pferde zuvor schon vor der Kutsche eingefahren wurden. Bis aber das Vertrauen zwischen Mensch und Pferd so stark ist, wie bei Wipke und Nanuk, dauere es Jahre.

 

Von Kira Gilster

 

Rückkehr der Pferde in den Forst

Nachdem das Pferderücken 1990 in Folge zweier Orkantiefs nahezu ausgestorben war, ist die Tendenz zum Einsatz von Pferden in der Forstarbeit wieder steigend. Immer mehr Waldbesitzer wollen Wald und Boden möglichst schonend bewirtschaften, um gewissen Zertifizierungslabels gerecht werden zu können.  „Zurück ins Mittelalter geht es nicht, aber immer mehr Waldbesitzer finden einen 20 Meter Abstand von Rückegassen zu viel, sodass  zwangsläufig wieder Rückepferde in Einsatz genommen werden müssen“, sagt der Leiter der Revierförsterei Adelebsen, Ralf Krannich.

 
Das Waldgebiet „Ossenberg-Fehrenbusch“, für das Krannich zuständig ist, ist ein Naturschutzgebiet. Es steht unter den Fauna-Flora-Habitat-Richtlinien, die zur Erhaltung der natürlichen Lebensräume sowie der wildlebenden Tiere und Pflanzen dienen. „Wir fällen und arbeiten das Holz durch unsere Forstwirte auf.

 

Ralf Krannich

Quelle: EF

Der Holztransport wird durch ein kombiniertes Verfahren erledigt. Hierbei zieht das Pferd die schwächeren Stämme aus dem Bestand an die Rückegasse“, erklärt Krannich. Von der Rückegasse wird das Holz mit einem Forwarder (Tragrückeschlepper) aufgeladen und an einem Lkw-befahrbaren Weg abgelegt. Aufgrund des geringeren Gewichts des Pferdes und dessen Wendigkeit könne mit dem Pferd boden- und bestandsschonender gerückt werden, sagt der Revierleiter. Außerdem wird so umweltschonender gearbeitet, da kein Abgas und kein Diesel- und Ölverbrauch anfällt. „Die Arbeit mit dem Pferd ist vor allem in schwierigen und sensiblen Waldbeständen, wie in unserem Ossenberg eine sinnvolle Alternative und Ergänzung zu herkömmlichen Forstmaschinen“, bilanziert Krannich.  gil/Foto: EF

 

Jeder Baumstamm kommt vor dem Rücken an die Kette.

Quelle: Hinzmann

Kombiniertes Verfahren

 

Wo und warum werden Rückepferde eingesetzt? Torsten Vor von der Abteilung für Waldbau und Waldökologie der gemäßigten Zone an der Universität Göttingen sagt, dass Rückepferde vermutlich hauptsächlich in Nationalparks und Forstbereichen mit sensiblen Böden, die zum Vernässen neigen, eingesetzt werden.

 
Die Winter sind nicht mehr so kalt und der Boden gefriert nicht. „Ich bin kein Experte für Rückepferde, aber vermutlich bleibt der Boden aufgrund der schwachen Winter viel zu weich für die schweren Geräte“, sagt Vor. Vor schätzt die Arbeit mit Pferden besonders in schwächeren Sortimenten als ökonomisch ein. Problematisch sei, dass die Pferde begrenzt einsatzfähig und hauptsächlich auf schwächeres Holz spezialisiert sind. Sie könnten schnell an ihre Grenzen geraten und die Arbeit unter Verdacht der Tierquälerei fallen. Zumeist wird jedoch das kombinierte Verfahren verwendet. Dann kommen doch Machinen zum Einsatz.

 

Kaltblüter: Schwere Pferde für schwere Arbeiten

Kaltblüter waren früher als Arbeitspferde in Landwirtschaft und Industrie verbreitet. Aufgrund ihrer hohen Körperkraft und ihrem Gewicht ab 700 Kilo sind sie für schwere körperliche Arbeiten prädestiniert. Ausschlaggebend kommt ihr ruhiger Charakter hinzu. „Die Arbeit in der direkten Nähe zu einer Motorsäge macht ihnen überhaupt nichts aus. Da kommt nur ein kurzes Zucken mit den Ohren“, so Pferderückerin Kerstin Wipke. Das mittelschwere Kaltblut eigne sich besonders gut für Rückearbeiten im Wald. Es verbindet Wendigkeit mit ausreichender Zugkraft.           gil

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