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Kampf gegen Fakeshops und Trojaner

Fahnder des Kommissariat Cybercrime 3.2 K ermitteln Kampf gegen Fakeshops und Trojaner

Eine Lederjacke der britischen Marke Belstaff für 186 statt für 528 Euro: Bei solch einem Schnäppchen muss man doch zuschlagen. Die Website ist mit „Peek und Cloppenburg“ übertitelt.

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Ermittlerteam: Susanne Huch, Oliver Knabe (rechts) und Jörg Gottschalk.

Quelle: Theodoro da Silva.

Göttingen. Das, was die Göttinger Kunden, die bereits auf die diesen Shop reingefallen sind, geliefert bekamen, war statt einer hochwertigen Designerjacke aber „billigste Plastikware aus China“. Das sagt Oliver Knabe, Chef des Kommissariats „Cybercrime 3.2 K“ der Polizeiinspektion Göttingen.

Seit 2011 besteht Knabes Abteilung, aus dem anfänglich dreiköpfigen Ermittlerteam ist ein siebenköpfiges geworden. Im Sommer kommt noch ein Informatiker hinzu. Seit Jahren nimmt die Kriminalität im Netz zu, allein von 2014 auf 2015 haben sich die Fälle „fast verdoppelt“, sagt der Hauptkommissar. Und: Die Maschen der Täter werden immer perfider. „Alle drei Minuten wird weltweit ein neues Computervirus ins Netz gestellt“, erklärt Ermittler Jörg Gottschalk. Waren es damals noch PCs, die benutzt wurden oder betroffen waren, sind es heute zusätzlich auch mobile Endgeräte.

„Fast jeder hat doch heute einen Rechner und dazu ein Smartphone oder Tablet“, so Ermittler Frank Wehr. Entsprechend häufig sind die Taten. So weltweit wie das Netz ist sind auch die Täter unterwegs. Die Göttinger Fahnder haben auf der Spur der Nigeria-Connection, einer weltweit agierenden kriminellen Vereinigung, schon Festnahmen in Frankfurt veranlasst. „Der Haupttäter, ein massiger, trainierter Zwei-Meter-Mann wurde uns gut verpackt übergeben“, erinnert sich Wehr.

„Die Nigeria-Connection operiert von Ghana aus, ist aber international verzweigt“, so Knabe. Was das mit Göttingen zu tun hat? „Das ist ein Supermarkt der Kriminalität“, sagt Knabe. Beispielsweise steckt die Connection gerne einmal hinter vermeintlichen Schnäppchen auf Automobil-Verkaufs-Websites. „Wenn etwas besonders günstig erscheint, rückt bei vielen Kunden das Nachdenken in den Hintergrund“, sagt Wehr. „Die Leute denken dann, kann ich nicht auch mal Glück haben? Nein, Du hast kein Glück,“ sagt Knabe. Sein Tipp: Den Anbieter gegen-googeln. Ein weiterer Trend: Auch Firmen werden mehr und mehr zum Opfer. Mit gezielten Anfragen und mit „minimal veränderten Emailadressen“ werden auch dort digitale Viren platziert. Eine Göttinger Firma habe kürzlich durch im Hintergrund umgeleitete Finanztransaktionen 80000 Euro verloren.

Erst beim zweiten Angriff, bei dem es um eine noch weit höhere Summe ging, fiel der Betrug auf – so die Ermittler. Auch Behörden und Krankenhäuser, vor allen in Nordrhein-Westfalen, wurden so bereits lahm gelegt. Früher, da sind sich die Ermittler einig, war es weitaus schwieriger, Verbrechen zu begehen. „Man musste schon Kontakt zu einem gewissen Milieu haben“, sagt Wehr. Heute reiche es aus, genügend Zeit zu haben und sich im Netz schlau zu machen. Trojaner sind dort ebenso einfach zu ordern wie Kreditkartennummern inklusive Prüfziffer, Chrystal Meth oder Waffen. „Es gibt sogar Online-Kurse über Cyberkriminalität“, sagt Knabe.

Die Polizisten müssen also schnell sein, um den Netzverbrechern das Handwerk zu legen. Beispiel „Locky“, ein Erpresser-Trojaner, der zurzeit massiv unterwegs ist. Klickt man auf eine infizierte Email, werden die Daten des Computers gesperrt. Dann erhält das Opfer eine Zahlungsaufforderung. Einen dieser aktuellen Viren konnten die Göttinger Ermittler bei einem Göttinger Opfer schnell sichern. Er liegt jetzt beim Landeskriminalamt in Hannover. Jede Security habe in diesme Fall versagt. Aber: „Trojaner, die haben wir täglich“, so die Ermittler. Noch ein Trend: Erpressersoftware befällt zunehmend auch Handys. Selbst die Ermittler sind davor nicht sicher: „Ich bekomme zur Zeit jede Menge Mails mit Schadsoftware“, sagt Knabe.

„Schon das Angucken des Quelltextes einer Mail hat für die Infektion gereicht.“ Sicher sei einfach niemand. Man brauche viel technisches Know-how aber auch Kreativität und Phantasie, um diesen Beruf auszuüben. Und: „Man muss Freude an Trojanern haben“, sagt Knabe lächelnd. Er sieht sich und seine Leute auf „der guten Seite der Macht“ und hat gleich ein schönes Beispiel parat: Einem syrischen Flüchtling, der kürzlich mit seinem von einem Trojaner blockierten Telefon bei der Polizei aufkreuzte, konnten die Experten schnell helfen. Mit ein paar Handgriffen konnten sie die Schadsoftware entfernen. Generell ist das Cybercrime-Team für schnelle Hinweise offen, oft können sie auch mit einem Rat schlimmeres verhindern.

„Wir möchten frühzeitigen Kontakt, in ein paar Tagen ist das Thema meist durch“, sagt Wehr. Beispiel: Dank der polizeilichen Bescheinigung, dass die angebliche Designerjacke nicht das Produkt war, das bestellt wurde, zahlten das Kreditkartenunternehmen den Schaden. Eine Hauptaufgabe des Teams: „Beweismittel beschaffen und die Täter lokalisieren“. Dabei müssen sich die Ermittler ans Gesetz halten: „Wir dürfen leider nicht alles, was wir können“, sagt Knabe. Doch selbst in der rasanten Welt der Cyberkriminalität gibt es etwas Beständiges: „Den Ebay-Betrüger, den gibt es nach all den Jahren immer noch.“

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