Volltextsuche über das Angebot:

2 ° / -8 ° wolkig

Navigation:
Woran erkennt man gute Schuhe, Meister Proffen?

Göttinger Innung der Schuhmacher ist aufgelöst Woran erkennt man gute Schuhe, Meister Proffen?

„Frollein Mecke“ war die letzte Kundin, die sich noch Maßschuhe in der Werkstatt von Karl-Heinz Proffen hat anfertigen lassen. Das war irgendwann in den 70er Jahren. Es waren keine ausgefallenen Schuhe, die die alternde Lehrerin anfertigen ließ, „eher so rustikale“, erinnert sich Proffen.

Voriger Artikel
„Traurige und brutale Botschaft“
Nächster Artikel
Ein Haus mit „Kraft“

Göttingen. Die Zeit der handgemachten Schuhe ist vorbei -  oder nur noch im exklusiven Luxussegment zu finden.

Proffen kann und weiß fast alles, was mit Schuhen einhergeht. Er ist nicht nur Schuhmacher- und Orthopädieschuhmachermeister sowie Meisterprüfer sondern auch vereidigter Sachverständiger in Schuhfragen. Sein Wissen ist beispielsweise vor Gericht gefragt, wenn jemand wegen schlechter Schuhe auf Schadensersatz klagt. „Beispielsweise, wenn die vermeintlich wasserdichten Schuhe doch nicht wasserdicht sind“, erklärt Proffen. Er war der letzte und langjährige Innungsmeister (seit 1986) der Schuhmacher in Göttingen. Die Ära der Innung ist zu Ende. 

Karl-Heinz Proffen war der letzte und langjährige Innungsmeister der Schuhmacher-Innung in Göttingen.

Quelle: CH

In dritter Generation hat Proffen diesen Beruf erlernt. „Mein Großvater hat die Tochter des Schumachers von Ebergötzen geheiratet, der hat noch mit Wilhelm Busch Karten gespielt“, erinnert er sich. Auch der Ur-Großvater war als Schuhmacher auf der Walz. 1928 eröffnete Großvater Proffen seinen Laden in der Zindelstraße, im Hinterhof. Dort war auch der kleine Karl-Heinz, der 1949 in Göttingen geboren wurde,  oft zu Besuch, die Familie wohnte an der Grenze zu Grone. In der Werkstatt wurden bereits auch orthopädische Schuhe gefertigt.

In der Nachkriegszeit begehrte Hilfsmittel für Versehrte. „Mein Großvater hat den Proffen-Leisten erfunden“, sagt der Enkel.  Mit 15 begann er in Northeim die Lehre. „Ich war kein guter Lehrling, hatte mehr Musik und Konzerte als Arbeit im Kopf“, sagt er. Noch heute steht Proffen mit seinem Schlager-Duo „Gebrüder Fürchterlich“ oft auf der Bühne. Nach der Lehre folgten die Schuhfachschule Pirmasens, Proffen holte das Abitur nach, begann ein BWL-Studium,  machte die Meisterprüfung zum Schuhmacher und die zum Orthopädieschuhmacher.

Proffen kann Sohlen nageln oder nähen, mit einer Schweineborste als Faden. „Nageln ging schneller, die hochwertigen Schuhe wurden genäht“, sagt er. „Der Kleber hat dann alles revolutioniert“, so der Meister. Dennoch stecken auch heute selbst in fabrikgefertigten Schuhen immer noch viele Arbeitsschritte. Wenn jemand, außerhalb des Orthopädiehandwerks, Schuhe maßfertigt, dann sind das fast immer Männerschuhe. „Frauenschuhe sind schwieriger zu machen“, sagt er. Boden und Schaft mache den Schuh aus, der Schaft wird genäht. „Bei Pumps ist das eine Katastrophe“, sagt der Meister.

Wie erkennt man heute gute Schuhe? „Das ist schwierig, die Firmen täuschen selbst den Fachmann“, sagt er. Häute werden gespalten, Prägungen gedruckt, Lederfehler vorgetäuscht, damit der Schuh hochwertig wirke. „Ein Lederfutter ist wichtig“, sagt Proffen. Und: „Das Leder erkennt man an den Schnittkante. „Teure Schuhe seien nicht automatisch besser als die im  mittleren Preissegment. „Heute wird mehr die Mode denn die Qualität teuer verkauft.“ In seiner Jugend, da hatte Mann zwei Paar Schuhe. „Ein normales und eines für gut“, sagt Proffen. Und wie viele besitzt der Meister heute? „Naja, so 20 Paar werden es wohl sein“.

30 Mitglieder: Orthopädieschuhmacher

Die Innung der Schuhmacher in der Region ist Geschichte,  ein Stück des Handwerks aber lebt in einer anderen, auf medizinische Schuhe spezialisierten Innung weiter. „Wir haben etwa 30 Mitglieder“, sagt Claus Kopp.  Der Osterödrer ist Obermeister der Orthopädie-Schuhmacher-Innung für den Bezirk Göttingen-Hildesheim. Bis in die 70er-Jahre hinein waren beide Handwerke noch in einer Innung vereint. Medizinische Hilfsmittel wie Schuhe für Menschen Frakturen, mit Klumpfuß oder anderen Beeinträchtigungen aber werden auch heute noch gebraucht.

Leistenlager eines Orthopädieschuhmachers.

Quelle: dpa

Sie können kaum industriell gefertigt werden. Deshalb, so erklärt Kopp, lernen Orthopädie-Schuhmacher von der Pike auf auch, Maßschuhe komplett in Handarbeit zu fertigen. Was dann folgt, sei oft „High-Tech“, sagt der Obermeister. „Bundesweit gibt es 2500 Orthopädie-Schuhmacher Betriebe“, sagt Kopp. Die Zahl der Innungsmitglieder sei seit Jahren  recht stabil bis leicht abnehmend.

Das Ende der Schuhmacher-Ära

Die Schuhmacher bilden die nach urkundlichem Zeugnis älteste Handwerkergilde der Stadt Göttingen": So steht es in der Chronik des Göttinger Handwerks von 1997. Die älteste Innung der Stadt ist tot. Sie wurde 2016 Jahr aufgelöst. Im Jahr 1251 wurde die Gilde der Schuhmacher bereits urkundlich erwähnt. Mindestens 765 Jahre lang hatte sie also Bestand.

Am Ende war nur noch ein beruflich aktiver Meister dort organisiert. "Eine Innung wird aufgelöst, wenn sie nicht mehr leistungsfähig ist", erklärt Andreas Gliem, Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft in Göttingen. Was leistungsfähig ist, sei zwar nicht eindeutig festgelegt, aber wenn nicht mehr alle Posten in einer Innung besetzt werden könnten, sei das der Fall.

Schuhmachermeister Bernd Schutte betreibt an der Großen Breite in Weende seine Schuh- und Schlüsseldienst-Werkstatt.

Quelle:

Um 1400, so steht es in der Chronik, war die der Schuhmacher die mitgliederstärkste der Stadt Göttingen. 2016 war es nur noch der Einzelkämpfer Bernd Schutte, der seinen Schuh- und Schlüsseldienst in der großen Breite führt. Schutte hatte sich in den vergangenen Jahren bemüht, weitere Meister für die Innung zu begeistern - vergeblich. In diesem Jahr hat dann die Handwerkskammer Kontakt mit ihm aufgenommen; die Schließung war unausweichlich. "Das ist wohl der Lauf der Dinge", sagt Schutte. Die Zahl der Schuhmacher schrumpfte in den vergangenen 100 Jahren  enorm. 1899 wurde aus der Gilde die Zwangsinnung mit 208 Mitgliedern.

1925 sind es noch 190, im Jahr 1938 rund 200 Mitglieder aus Stadt und Landkreis. Auch im Jahr 1950 gibt es noch 196 Betriebe, dann geht es bergab; 1963 sind es noch 108 Betriebe, nur noch 68 sind in der Innung. Bereits 1970 sprechen sich von den 62 Schuhmachen nur elf  für eine Beibehaltung der Innung aus, 1973 gründet sich die der Orthopädieschuhmacher mit zehn Mitgliedern. 1980 schrumpf sie auf acht Mitglieder.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Kontrollaktion gegen Smartphones im Straßenverkehr