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Verschwinden von Kröte und Käfer

Klimawandel bei Tieren und Pflanzen Verschwinden von Kröte und Käfer

Für das Land Niedersachsen gibt es eine so genannte Rote Liste. Das ist eine Zusammenstellung von Tier- und Pflanzenarten, die im Bundesland vom Aussterben bedroht sind. Für die Region gibt keine spezielle Liste. Auch dort gibt es Tiere, die kaum mehr zu finden sind.

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Lebte früher in Werra und Leine: Der Pfeilschwanzkrebs gilt in der Region als ausgestorben.

Quelle: Sophia Willmann

Göttingen. Welche Arten gibt es in der Region und wie hat sich deren Bestand verändert? Das ist gar nicht so leicht zu beantworten. Denn: „Die Natur ist dynamisch“, sagt Rainer Willmann, Professor am Institut für Zoologie der Universität Göttingen. Und wirklich flächendeckend erfasst werden die Spezies nicht.

Professor Rainer Willmann vom Institut für Zoologie der Universität Göttingen, hier mit einem Riesen-Bärenklau

Professor Rainer Willmann vom Institut für Zoologie der Universität Göttingen, hier mit einem Riesen-Bärenklau

Quelle: Sophia Willmann

Die Veränderung der Tier-Populationen haben laut dem Wissenschaftler drei Gründe. Zum einen ist das Klima in einem ständigen natürlichen Wandel. Vor 12 000 Jahren herrschte im heutigen Südniedersachsen nach der letzten Eiszeit eisiges Tundraklima. Mit der klimatischen Veränderung in Richtung einer Warmzeit geht immer auch eine Veränderung der Tier- und Pflanzenpopulationen einher.

Lebte früher in Werra und Leine: Der Pfeilschwanzkrebs gilt in der Region als ausgestorben

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Der zweite Einfluss ist der Mensch. Etwa seit dem 16 Jahrhundert sei zu beobachten, dass Menschen dafür sorgen, dass Arten aus fernen Gefilden mitgebracht und später heimisch werden. Jüngere Beispiels dafür: Waschbär und Marderhund, so genannte Neozoon, die nach Freilassung über die Jahre auch in Südniedersachsen eingewandert sind. Beispiele aus dem Pflanzenreich (Neophyten) sind das indische Springkraut oder der Staudenknöterich.
Dritter Grund sei laut Willmann die Zivilistion: „Der menschlich gemachte Klimawandel wird nicht mehr bestritten“, sagt er. Die Erwärmung führe dazu, dass Arten wie die Wespenspinne, Streifenwanzen, oder Eichenschrecken nach Norden vordringen.
Welche Arten verschwinden, sei manchmal schwer herauszufinden. Kaum jemand gehe in die Natur und untersuche beispielsweise den Bestand bestimmter Fliegen.  „Vögel, Säugetieren, Amphibien und Reptilien sind leichter zu erfassen“, sagt Willmann. Aber: „Es gibt selten jemanden, der sich mit Blattkäfern auskennt.“  Als Beobachter seinen beispielsweise Mitglieder des Nabu, Jäger oder Studierende, die für Examensarbeiten Arten kartieren, unterwegs. „Naturschutzverbände leisten oft gute Arbeit“, sagt Willmann.  Dennoch: Rote Listen sind „unwahrscheinlich mühselig“.
Auch die Naturschutzbehörden - in der Region also die Unteren Naturschutzbehödern der Landkreise – erfassen partiell Arten. Beispielsweise in den Flora-Fauna-Habitat (FFH) Schutzgebieten. „In manchen FFH-Gebieten hat das Land die Erfassung bestimmter Arten in Auftrag gegeben, so etwa Fledermäuse, Hirschkäfer und Eremit, Amphibien, FFH-relevante Moose und Frauenschuh“, sagt Verwaltungssprcher Ulrich Lottmann. Der Landkreis Göttingen habe darüber hinaus die Erfassung einiger besonders schutzwürdiger Tierarten in Auftrag gegeben. Die Arterfassungen reichten aber nicht aus, um Aussagen über die Populationsentwicklung treffen zu können.
Seit den 1950er Jahren ist laut Willmann auch in Südniedersachsen ein Höfesterben zu verzeichnen, „die Arten der Agrarlandschaften wie Kiebitz, Lärche oder Rebhuhn leiden darunter.“ Vögel seien häufig ein guter Indikator. Der Neuntöter etwa,  der mit seinem spitzen Schnabel Insekten aufspießt, brauche eine buschige Agrarlandschaft. „In Südniedersachsen stehen wir noch relativ gut da“, meint der Wissenschaftler.
Nicht nur Vögel, auch Amphibien leiden unter dem Landschaftswandel.  „Alle Amphibien sind zurückgegangen“, so Willmann. Ein Grund: Es gebe  weniger Altarme, weniger kleine Gewässer und dadurch auch weniger  Arten wie etwa Wechelkröten.
Zu viele Nährstoffe, die vom Acker in Gewässer gespült werden, wirken sich „verheerend“  auf  Wasserorganismen aus. Ein Beispiel: der bedrohte Kolbenwasserkäfer. Willmann lobt in Bezug auf die Biodiversität die Einrichtung von Ackerblühstreifen. „Die bringen richtig etwas, ein echtes Erfolgsmodell.
 „Die roten Listen gibt es erst seit 1977“, sagt Willmann. Wie viele Lebewesen schon davor verschwunden sind, weiß niemand. Eine der wenigen Quelllen ist beispielsweise die Zoologische Sammlung in Göttingen. Sie ist laut Willmann „von unendlichen Wert“.  Es sei durchaus „denkbar, dass es dort noch  Arten gibt, die früher einmal in der Region lebten“.

Diese Arten sind in der Region ausgestorben

Nach Angaben des Umweltamtes des Landkreises Göttingen sind in den vergangenen 30 Jahren folgende Arten ausgestorben: Steinkauz, Grauammer, Uferschwalbe, Kreuzotter, Europäischer Flusskrebs, Goldener Scheckenfalter, Schwarzfleckiger Ameisenbläuling. Darüber hinaus gibt es von folgenden vom Aussterben bedrohten Arten im Landkreis Göttingen nur noch ein einziges Vorkommen: Gelbbauchunke, Laubfrosch, Kreuzkröte, Kiebitz. „Diese Restvorkommen liegen fast alle in FFH-Gebieten. Für solche Arten wird intensiv an der  Erhaltung dieser Vorkommen gearbeitet“, so Kreisverwaltungssprecher Ulrich Lottmann.
Zoologe Rainer Willmann fügt zu den ausgestorbenen Arten noch den Urzeitkrebs (Triops cancriformis) hinzu, der  vor 1900 in Überschwemmungsgebieten der Werra, eventuell auch der Leine und anderer Flüsse in Südniedersachsen vorkam.  

Steinkautz

Steinkautz

Quelle: Pförtner

Der Wissenschaftler spricht bei Agrarland-Vögeln von einem Bestandsrückgang von  52 Prozent seit 1980.  Der Kiebitz sei um 1970 noch häufig zu finden gewesen, heute gebe es nur noch  80000 Brutpaare in Deutschland. Ähnlich der Neuntöter. Dessen Bestände sind ab etwa 1960  „massiv“ eingebrochen seien. Bundesweit haben sich die Bestände leicht erholt, in Niedersachsen steht er noch auf den Roten Liste. Die Rebhuhn-Bestände sind seit den 1980er Jahren in Europa um 80 Prozent zurückgegangen. In Südniedersachsen ist laut Willmann  von 2005 bis 2011 ein Rückgang um 44 Prozent verzeichnet worden. „Rund um Göttingen leben 300 bis 400 Brutpaare, deren Zahl bedroht ist, es sei denn, es werden mehr passende Habitate  wie Blühstreifen verfügbar“, sagt der Zoologe. Auch der  Eisvogel steht unter strengem Schutz. Bis 1900 sei er wohl in Südniedersachsen noch häufig zu sehen gewesen, seit 1949 spärlich bis selten. „Heute leben nur noch etwa 35 Brutpaare im Raum Göttingen und Northeim“.
Weitere stark bedrohte Spezies in Südniedersachsen sind die Wechselkröte, der Schwalbenschwanz und der Käfer  Heldbock. Unter strengem Schutz stehen beispielsweise auch der Bockkäfer, der Moschusbock, der Lederlaufkäfer und die Großlibelle.
Einige der verschwundenen Arten kehren in den letzen Jahren zurück. Als Beispiele nennt Lottmann Uhu, Wanderfalke, Luchs, Fischotter und Biber.

Eingeführte Arten

Waschbär

Quelle: Sophia Willmann
  • Waschbär :  Er ist schwer zu bekämpfen und nachtaktiv. Er kann laut Rainer Willmann Gelege von Vogelarten bis zur Gefährdung von Populationen (beispielsweise Kormoran-Kolonie in Norddeutschland) ausräubern. Der Waschbär wurde 1934 am Edersee ausgewildert, 1952 erste Nachweise in Niedersachsen (Hardegsen) und im Kreis Northeim. Heute ist Göttingen die landesweite Hochburg der Tiere.
  • Marderhund: Seit 1962 in Niedersachsen. 2014 rund 2500 Abschüsse in Niedersachsen. Aus Ostasien; dann als Pelztier in Westrussland. Im Göttinger Raum deutlich weniger Marderhunde als im Norden Niedersachsens. Bis 15 Junge pro Jahr und keine natürlichen Feinde.
  • Varroa-Milbe : Stammt aus Asien. Sie befällt Honigbienen und führt zu Sterben ganzer Völker
  • Stauden-Knöterich : Er verdrängt heimische Arten.  Stammt aus Japan, zunächst bei uns als Zierpflanze.
  • Wespenspinne : Früher nur bei Berlin und im Bereich Rhein/Main. Nach 1950 in Südniedersachsen. Seit 1992 auch in Dänemark.
  • Drüsiges (indisches) Springkraut: 1839 aus Asien nach England importiert, Ende des 19. Jahrhunderts verwilderte Bestände in Holland und Norddeutschland, inzwischen ganz Europa. Oft bekämpft. An der Weser häufig Uferbewuchs.
  • Riesen-Bärenklau : 2008 Giftpflanze des Jahres. Stammt aus dem Kaukasus. In Europa etwa ab 1890 als Zierpflanze, dann wegen vermeintlichem wirtschaftlichen Nutzen ausgebracht. Verbreitung entlang von Bächen, da die Samen schwimmfähig sind. Die Bärenklau-Bestände nördlich von Dransfeld gehen laut Rainer Willmann auf eine einzige Pflanze zurück, deren Samen entlang des Baches Auschnippe Fuß fassten.
  • Zukünftig – wenn man nicht aufpasst: Grauhörnchen statt Eichhörnchen
  • Asiatische Tigermücke : Aus Südost-Asien.
  • Asiatischer Marienkäfer : Etwa 19 Punkte, aus Gewächshäusern entkommen, rasche Verbreitung. Kein Konkurrent des heimischen Marienkäfers.
  • Asiatischer Laubholzbockkäfer : 2001 mit Palettenholz nach Österreich eingeschleppt, offenbar danach wiederholt auch nach Deutschland.  Verbreitung in Deutschland wenig untersucht. Parasit vor allem in Ahorn, Rosskastanie, Ulme, Pappel,Birke, Weide sowie weiteren fast 100 Laubholzarten

Klimafolger

Im Zuge der jüngsten Klimaerwärmung sind einige südliche Arten auch in Südniedersachsen zu beobachten. Willmann nennt folgende Beispiele:

  • Streifenwanze : Seit etwa 1997.
  • Südliche Eichenschrecke :  Kam über die Burgundische Pforte aus Südfrankreich nach Deutschland: 1958 am Kaiserstuhl, seit 2008 in Sachsen zu finden. Das Tier ist flugunfähig, die ihre Verbreitung erfolgt eventuell über Verkehrsmittel.
  • Taubenschwänzchen : Fliegt jährlich ab etwa Mai bis Juli nach Norden. Dann werden Eier bei uns abgelegt. Seit einigen Jahren überwinternde Puppen, daher bisweilen Meldungen schon aus März und April.
  • Admiral : Wandert jährlich aus dem Mittelmeerraum zu. Seit 2000 auch überwinternde Raupen und Puppen.
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