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Kobs contra Sicherheit

Thema des Tages Kobs contra Sicherheit

Die Zahl der Kontaktbereichsbeamten der Polizei in Göttingen soll bis 2020 deutlich verringert werden. Derzeit betreuen noch sieben Kobs die Stadtteile, in vier Jahren sollen es nur noch zwei sein. Die Reduzierung der Stellen ist von Politikern teilweise mit deutlichen Worten kritisiert worden. Doch die Polizeiführung hält an den Plänen fest. Ein Blick auf die Argumente der Beteiligten.

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Problem Einbruchskriminalität: Durch Verstärkung des Einsatz- und Streifendienstes in Göttingen will die Polizei schneller reagieren können.

Quelle: dpa

Göttingen. Die Kritik an der Reduzierung der Kob-Stellen in Göttingen habe ihn nicht überrascht, sagt Polizeipräsident Uwe Lührig – der Ton der Kritik aber schon. Wenn die Reduzierung der Stellenzahl als Katastrophe bezeichnet werde, stelle sich schon die Frage, ob das Wort angemessen gewählt sei.

Für ihn sei eine Katastrophe eher ein wirklich schwerer Autobahnunfall, so Lührig. Die Zahl der Kobs bis 2020 schrittweise von sieben auf zwei zu reduzieren und zugleich die Zuschnitte der Zuständigkeitsbereiche zu vergrößern, sei für ihn dagegen keine Katastrophe. Es gehe dabei schließlich darum, die Stellen in den Einsatz- und Streifendienst zu verlagern, um die Interventionsfähigkeit der Polizei zu verbessern. Die Polizei müsse die vorhandene Personalstärke effizient ausnutzen, um neue Aufgaben bewältigen zu können.

Sieben Kobs

Seit 1978 gibt es Kontaktbeamte in Göttingen. Derzeit sind noch sieben in folgenden Bereichen unterwegs:

Kob 1: Bernhard Bode, Innenstadt
Kob 2: Peter Schmoll, Geismar, Kiessee-Karree, Treuenhagen
Kob 3: Michael Feuer, Südstadt, Leineberg
Kob 4: Hans-Joachim Meyer, Grone, Groß Ellerhausen, Hetjershausen
Kob 5: Rüdiger Iben, Ostviertel, Herberhausen, Klausberg, Mittelberg, Zietenterrassen
Kob 6: Marko Otte, Weende, Holtensen, Elliehausen, Hagenberg, Holtenser Berg, Weende-Nord
Kob 7: Katrin Kressing, Nikolausberg, Roringen, Weststadt, Nordstadt

Zum Schutz von Flüchtlingsunterkünften und auch zum Beenden von Auseinandersetzungen zwischen Flüchtlingen in den Unterkünften seien zusätzliche Einsatzkräfte nötig. Diese würden auch benötigt, um gegen die zunehmende Einbruchskriminalität vorzugehen sowie um bei sportlichen Großveranstaltungen, Public Viewings oder auch Wahlveranstaltungen von rechtsextremen Parteien für Sicherheit zu sorgen.

Die Kobs hätten bislang gute Arbeit geleistet, betont Lührig. Doch vor dem Hintergrund der zusätzlichen Belastungen im Einsatzdienst sei es nun notwendig, die Personalstärke auf ein Maß zurückzufahren, das in anderen Bereichen der Polizeidirektion üblich sei. In Hildesheim kämen beispielsweise 75 000 Bürger auf einen Kontaktbeamten – deutlich mehr als derzeit in Göttingen mit rund 130 000 Einwohnern und sieben Kobs. In Sachen Präventionsarbeit müssten die Schulen selbst dann wieder stärker in die Bresche springen, meint Lührig.

Thomas Rath

Quelle: EF

Die Kobs seien in der öffentlichen Wahrnehmung stark verankert, weil die Bürger die Beamten häufig sähen, ergänzt Thomas Rath, Leiter der Polizeiinspektion Göttingen. Die Polizisten im Streifendienst dagegen tauchten weniger in der Öffentlichkeit auf, denn nur die Opfer bekämen sie zu Gesicht – doch hier liege die eigentliche Kernaufgabe der Polizei. Es hätte sicherlich niemand dafür Verständnis, wenn Anzeigen nicht schnell bearbeitet würden, meint Rath.

Die Zahl der Kobs wird dadurch reduziert, dass die Betroffenen – bis auf zwei – in den kommenden Jahren nach und nach in Pension gehen. Als erstes tritt in diesem Jahr der Geismar-Kob im April in den Ruhestand. Dorthin werde dann der bisherige Innenstadt-Kob einen Schwerpunkt seiner Tätigkeit verlegen, erklärt Rath. In der Innenstadt sei weiterhin eine Wache vorhanden.

Die Reduzierung der Kob-Stellen in Göttingen sei Folge einer grundlegende Prüfung der derzeitigen Organisationsstruktur der Polizei, erklärt Polizeivizepräsident Bernd Wiesendorf. Auch in anderen Bereichen gehe es darum, Zuschnitte und Strukturen anzupassen.

Hallo, Herr Otte

Weende. Seit rund vier Jahren arbeitet der 44-jährige Marko Otte als Kob. Er ist zuständig für Weende, Holtensen, Elliehausen, Esebeck, den Hagenberg und den Holtenser Berg. Vorher war Otte im Streifendienst im Einsatz.
Die wichtigste Aufgabe eines Kobs sei es, Kontakte zu Menschen aller Altersklassen herzustellen und zu pflegen, meint Otte. Als Kob sei er ein Bindeglied zwischen den Bürgern und der Polizei. Er sei möglichst viel zu Fuß auf der Straße unterwegs, um angesprochen werden zu können. Er versuche dabei, alle Gebiete seines Zuständigkeitsbereiches zu begehen, feste Routen gebe es nicht.

Unter anderem ist Otte viel an Schulen unterwegs, gibt Einheiten zur Verkehrserziehung, schult Eltern als Verkehrshelfer für Zebrastreifen, nimmt Fahrradprüfungen ab. Eines der schönsten Erlebnisse am Tag sei es, wenn die Kinder, die ihn kennen, ihm morgens zuwinkten und „Hallo, Herr Otte“ riefen, berichtet der Polizist.

Zu seinen Aufgaben gehört auch die Mitarbeit in Gremien wie Runden Tischen, das Anbieten von Bürgersprechstunden und die Betreuung von Schülerpraktikanten. Im vergangenen Jahr hat Otte zudem den zweiten Weender Fahrradsicherheitstag für rund 400 Schüler mitorganisiert.

An der Wilhelm-Henneberg-Schule: Kob Marko Otte.

Quelle: Pförtner

Angesprochen wird Otte per Telefon oder auf seinen Streifen. Es gehe dabei unter anderem um Nachbarschaftsstreitigkeiten, eine schwierige Parksituation oder auch das Verhalten von Fahrradfahrern. Jeder habe dabei seine eigene Sicht auf die Dinge, und er versuche zu vermitteln, erzählt Otte.

Oft könne er dadurch das Aufgeben einer Anzeige verhindern. Wenn sich jemand über den Lärm in einer anderen Wohnung beschwere, rede er mit dem Kontrahenten. Oft ließen sich so Probleme aus der Welt schaffen. Auch in Sachen Flüchtlinge sei er unterwegs. Im Hinblick auf eine geplante Unterkunft könne der Bevölkerung beispielsweise durch Gespräche im Vorfeld die Angst vor Problemen genommen werden.

Bei seiner Arbeit in Kitas und Schulen schaffe er Vertrauen zu Kindern und Jugendlichen, meint Otte. Das Verhältnis zur Polizei habe sich dort in vielen Fällen verbessert. Als Kob zu arbeiten, mache Spaß, so Otte, denn dann sei man „der gute Polizist“.

Kritik aus der Politik

Göttingen. Die Ankündigung der Polizei, die Zahl der Kontaktbereichsbeamten in Göttingen bis 2020 von sieben auf zwei zu reduzieren, ist in der Politik auf ein sehr kritisches Echo gestoßen. Zuletzt hat der Rat der Stadt Göttingen einstimmig an die Polizeidirektion Göttingen appelliert, die Anzahl der Kobs bei der Polizei in Göttingen auf dem jetzigen Stand zu erhalten.

Kobs seien mit ihrer Bürgernähe und ihrer Ortskenntnis im jeweiligen Stadtteil wichtig für die Sicherheit, heißt es in der gemeinsamen Resolution aller Ratsfraktionen. Regelmäßige Streifengänge der Beamten vermittelten auch für den präventiven Bereich rechtzeitig Informationen und könnten so Straftaten vorbeugen und zur Verbesserung der Verkehrssituation beitragen.

Auch der Ortsrat Grone hat sich einstimmig gegen eine Reduzierung der Kobs ausgesprochen. Dabei fielen in der Ortsratssitzung deutlich Worte. Ortsbürgermeisterin Birgit Sterr (SPD) sagte, es sei „völlig falsch“,  die Zahl der Kobs zu reduzieren. Diese verkörperten das positive Bild der Polizei als „Freund und Helfer“. Es wäre eine Katastrophe für Grone, wenn es keine Kobs im Stadtteil mehr gäbe, meinte die Ortsbürgermeisterin. Kobs seien wichtige Ansprechpartner für die Bürger, heißt es in der Begründung der Resolution. Die Beamten sicherten Schul- und Kindergartenwege, berieten Eltern, Kinder, Schulen Kitas und Seniorenheime.

Auch Geismars Ortsbürgermeister Thomas Harms (Grüne) äußerte sich kritisch. Den Kob aus Geismar abzuziehen, würde bedeuten, „eine gefühlte Sicherheit bei den Menschen wegfallen zu lassen“. Gerade in Geismar mit knapp 20 000 Einwohnern werde ein Ansprechpartner in Uniform gebraucht. Gerade Flüchtlinge aus Polizeistaaten könnten im Kontakt mit dem Polizisten „ein positives Gefühl zu einem funktionierenden Rechtsstaat aufbauen“. In Geismar geht demnächst der erste Kob in Pension. Der Ortsteil soll dann allerdings von Kob Bernhard Bode versorgt werden, der dann hauptsächlich für Geismar und nur noch am Rande für die Innenstadt zuständig ist. bar

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