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Kooperationsverbot schockt ASC 46

Freiwilliges Soziales Jahr Kooperationsverbot schockt ASC 46

Dem freiwilligen sozialen Jahr im Sport droht in Niedersachsen ein harter Einschnitt. Seit fast zehn Jahren leisten viele FSJler für ihren Sportvereinen einen Teil ihrer Stunden in Schulen ab ‒ etwa im Sport­unterricht oder bei AGs im Rahmen der Ganztagsbetreuung. Damit soll nun Schluss sein.

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Quelle: Hendrik Schmidt (dpa)

Göttingen. Sportvereine und Schulen dürfen ab dem 1. August nicht mehr kooperieren. Per Handreichung hat das Kultusministeriums die Schulen informiert und sorgt somit für Unverständnis.„Ich habe überhaupt kein Verständnis dafür, warum man ein Erfolgsmodell so abrupt und ohne Not zu Ende bringen will“, zürnt Jörg Schnitzerling. Der Vorsitzende des 9000 Mitglieder starken ASC 46 organisiert mit seinen Königsblauen gemeinsam mit dem Landessportbund die Freiwilligendienste im Sport für das Land Niedersachsen – und das als von der Landesregierung anerkannter Träger.

Nun soll ab dem 1. August jedoch vieles anders werden. Konkret: Einsätze von Freiwilligen die ihr freiwilliges soziales Jahr (FSJ) in einem Sportverein absolvieren und für ihren Klub Angebote in Schulen anbieten, sollen nicht mehr erlaubt sein. „Dieser Bereich ist in den vergangenen fünf Jahren enorm angewachsen, weil es ein riesiges Interesse der Schulen gab“, betont Ole Fröhlich, Abteilungsleiter Bereich Freiwilligendienste beim ASC 46. Als Beleg führt der ASC eine Untersuchung aus dem vergangenen Jahr ins Feld, die die außergewöhnlich hohe Zufriedenheit aller Beteiligten nachweist.

„Die Freiwilligen treten nicht in Konkurrenz mit Lehrern, sondern mit anderen Freiwilligen. Deswegen ist es kein Problem der Marktneutralität. Ich denke, dass Herr Eickmann hier aus der Sicht eines Juristen zu falschen Schlüssen gekommen ist. Wenn wir den Vereinen die Chance nehmen, in die Schulen gehen zu können, dann geben wir gesellschaftlich richtig etwas auf. Viele FSJler finden hier Orientierung für ihren späteren Beruf und geben der Gesellschaft dann über Jahre viel zurück. Das wird fehlen“, betont Schnitzerling.

Unterdessen sei der politische Druck auf Kultusministerin Frauke Heiligenstadt erheblich gestiegen, berichten Fröhlich und Schnitzerling unisono. „Sie hat das wohl von Beginn an falsch eingeschätzt, und das bekommt sie nun zu spüren“, sagt Schnitzerling. Der 50-Jährige  kritisiert zudem, dass der ASC „nur über den Umweg LSB“ von der Änderung zum 1. August in Kenntnis gesetzt worden ist. Die Sportvereine seien noch gar nicht informiert worden.  

Die Kooperation Schule und Verein war gerade bei kleineren Klubs sehr beliebt. Besonders die klassischen Dorfvereine haben oft Probleme, die Freiwilligendienstler über die vorgesehenen 39 Stunden pro Woche zu beschäftigen. Auch finanziell entlastete dieses Modell die kleinen Klubs, denn  übernahmen die Schulen einen Teil der Kosten, die für einen FSJler 430 Euro pro Monat betragen. „Die Freiwilligendienste bieten dem organisierten Sport die Möglichkeit, zu den Kindern und Jugendlichen zu gehen und sie zu bewegen. Gerade durch die schwindende Freizeit der Kinder und Jugendlichen aufgrund der stetig steigenden Zahl von Ganztagsschulen ist das ein wichtiger Baustein“, betont Fröhlich.

Für den ASC 46 und die Vereine beginne in vier Wochen die heiße Phase, denn im Mai und Juni würden gut 50 Prozent der Stellen vermittelt. „Die jungen Freiwilligen und auch die Vereine benötigen Sicherheit, wie die FSJler eingesetzt werden können“, sagt Fröhlich. Am Mittwoch gibt es ein Treffen im Kultusministerium, doch Schnitzerling ist nicht besonders optimistisch, dass es zu einer Änderung kommt, er macht gleichwohl einen Vorschlag. „Die Chancen beziffere ich auf ein Drittel. Sinn macht für mich nur, die Veränderung um ein Jahr zu verschieben. Dieses Jahr müssen wir dann für Diskussionen nutzen und gemeinsam eine Lösung finden. Ich finde es nicht tragbar, dass bisher über uns anstatt mit uns diskutiert wurde.“

"Das ist absurd"

Auch die Schulen reagieren überrascht und mit Unverständnis auf die Ankündigung des Kultusministeriums. „Wir brauchen FSJler, um unsere besonderen Angebote machen zu können“, sagt Regine Dittmar, Schulleiterin der Göttinger Leinebergschule,  einer Ganztagsgrundschule mit dem Schwerpunkt Englisch und Sport.

Auch ihre FSJler werden über den ASC koordiniert. Sie würden zusätzliche Angebote unter Anleitung begleiten – im Sport ebenso wie während der Mittagspause oder bei der Hausaufgabenbetreuung. Für die Schüler seien die meist jungen FSJler eine große Bereicherung. Aber auch für sie selbst sei es erkennbar wichtig, in dieser Funktion Verantwortung zu übernehmen und sich zu entwickeln.

„Ich verstehe überhaupt nicht, warum eine seit Jahren gut funktionierende Praxis plötzlich falsch sein soll“, sagt Tom Wedrins, Leiter der Geschwister-Scholl-Gesamtschule (GSG): „Das ist absurd.“ Zumal es die Bedenken des Ministeriums in anderen Bundesländern nicht gebe. Wenn jetzt jeder Einsatz der FSJ-Absolventen stundengenau überprüft werde, „kann man das FSJ vergessen“.

An der GSG seien viele FSJler beschäftigt, direkt bei der Schule und teilweise über den Göttinger ASC als Kooperationspartner. Gerade im Sportbereich seien Letztgenannte eine Bereicherung, weil sie von dort auch viel Knowhow und Verständnis für ihre Arbeit mitbringen.
„Zum Glück“ sei ihr Anteil klein, so Wedrins. Sollte die Vorgabe des Ministeriums greifen, „könnten wir das auffangen, kleine Schulen aber sicher nicht“.us

Ministerium gesprächsbereit

Das niedersächsische Kultusministerium verteidigt in einer Stellungnahme seine umstrittene Handreichung mit neuen Vorgaben zum Einsatz von FSJ-Kräften in den Schulen. Damit habe das Ministerium „erstmalig rechtskonforme Regelungen geschaffen“, sagte dessen Sprecher Sebastian Schumacher. Zugleich macht er den Vereinen und Trägern Hoffnung: „Das Ministerium stimmt derzeit mit dem Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend ab, ob eine Tätigkeit der Freiwilligen, deren Einsatzstelle ein Sportverein ist, im Rahmen des FSJ stundenweise für zusätzliche Hilfstätigkeiten an Schulen möglich ist.“

Sollte dies rechtlich möglich sein, werde eine entsprechende Musterreglung erarbeitet und mit den Akteuren abgestimmt.
Schumacher wertet die neue Handreichung als eine „zweifellos gute Regelung“, die vor allem jungen Menschen die Möglichkeit einräume, das komplexe System Schule kennen zu lernen. Allerdings sei im Bundesgesetz klar geregelt, dass eine freiwillige Tätigkeit im Rahmen eines FSJ eine überwiegend praktische Hilfstätigkeit sein müsse, die an Lernzielen orientiert ist – pädagogisch begleitet von der Einsatzstelle.

FSJler dürften also nicht alleine arbeiten und selbstständig außerschulische Angebote an Schulen umsetzen. Sportvereine könnten sie also nicht in Schulen schicken, um dort ohne weitere Anleitung durch den Verein tätig zu werden. Damit „können FSJler nur an einer Einsatzstelle eingesetzt werden – Verein oder Schule.“
Hintergrund sei das Gebot der Arbeitsmarktneutralität laut Jugendfreiwilligendienstgesetz. Ein Freiwilliger dürfe andere Beschäftigungsmöglichkeiten nicht verdrängen. Er könne nur  zusätzlich und begleitend in der Schule aktiv sein. Schumacher: „Es darf nicht sein, dass FSJler als kostengünstige Arbeitskräfte eingesetzt werden und reguläre Beschäftigung verdrängen.“

Daher sei es unerlässlich, den Einsatz von Freiwilligen in Schulen rechtssicher unter Berücksichtigung der Arbeitsmarktneutralität aufzustellen. Zugleich sei dem Ministerium „sehr daran gelegen, dass die bewährte Zusammenarbeit mit den hoch engagierten Sportvereinen davon nicht negativ tangiert wird“. Um mögliche Irritationen auszuräumen, werde das Ministerium  mit dem Landessportbund Gespräche führen. Gemeint sein dürfte das Treffen an diesem Mittwoch. Der Landessportbund wollte keine Stellungnahme abgeben.

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