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Kränkelnde Pflege

Expertenrunde über aktuelle Herausforderungen Kränkelnde Pflege

Die Pflege ist Intensivpatientin – und wird es voraussichtlich bleiben. Im Gespräch mit dem Tageblatt haben Petra Broistedt, Sozialdezernentin der Stadt, und Marcel Riethig, Sozialdezernent des Landkreises, mit drei Leitern von Wohlfahrtsverbänden aus der Region Göttingen über aktuelle Herausforderungen diskutiert.

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Marcel Riethig, Sozialdezernent des Landkreises Göttingen, Volker Bullwinkel, Geschäftsführer von „Der Paritätische“ Göttingen, Jörg Mannigel, Geschäftsführer des Diakonieverbandes Göttingen, Gerd Hegerkamp, Fachbereichsleiter der Caritas Duderstadt, und Petra Broistedt, Sozialdezernentin der Stadt Göttingen

Quelle: NR

Göttingen. „Der Beruf der Pflege ist nicht sehr attraktiv“, sagt Petra Broistedt, Sozialdezernentin der Stadt Göttingen. Dabei werden Fachkräfte dringend benötigt, um den 13500 Menschen, die in Stadt und Landkreis der Pflege bedürfen, gerecht zu werden. Eine Hoffnung liegt auf Migranten.

Marcel Riethig, Sozialdezernent des Landkreises Göttingen, Volker Bullwinkel, Geschäftsführer von „Der Paritätische“ Göttingen, Jörg Mannigel, Geschäftsführer des Diakonieverbandes Göttingen, Gerd Hegerkamp, Fachbereichsleiter der Caritas Duderstadt, und Petra Broistedt haben alle das gleiche Ziel: eine der Bedürftigkeit entsprechende Pflege zu gewährleisten, für jeden, der sie benötigt.

Vor dem Hintergrund der demographischen Entwicklung wird das nicht einfach: Prognosen der Kreisverwaltung zufolge wächst die Anzahl der Pflegebedürftigen in Stadt und Landkreis innerhalb der nächsten zehn Jahre auf mehr als 16000 an. „Wenn sie das umlegen auf die Anzahl der Fachkräfte, die sie brauchen, dann sind das 500 zusätzliche Stellen.

Marcel Riethig

Marcel Riethig

Wir steuern in Stadt und Landkreis auf einen Pflege-Notstand zu“, warnt Riethig und ergänzt: „Wir werden auf keinen Fall drumherum kommen im Bereich der Zuwanderung Fachkräfte anzuwerben.“ Aktuell arbeiten rund 2500 Menschen in der Region als Pflegepersonal.

Auch Broistedt will den Beruf in der Pflege attraktiver machen für Menschen mit Migrationshintergrund, sie fordert bessere Arbeitsbedingungen und höhere Löhne. Vor allem türkisches, kurdisches, italienisches und griechisches Personal werde benötigt, sagt die Sozialdezernentin, denn aus diesen Ländern stammten die Gastarbeiter der 60er-Jahre, die nun Pflege benötigten.

Petra Broistedt

Petra Broistedt

Mit Hilfe einer generalistischen Ausbildung, mit der Berufsanwärter in drei Jahren die Abschlüsse zum Altenpfleger, Krankenpfleger und Kinderkrankenpfleger erwerben können, sollen Berufseinsteiger gelockt werden. „Aus meiner Sicht muss nicht jeder die Vollausbildung haben. Es muss nur gesichert sein, dass auch immer eine vollausgebildete Kraft im Dienst ist“, erklärt Broistedt. Sie, vor allem aber auch Riethig, hoffen zudem auf das Pflege-Engagement von Angehörigen, Nachbarn und Ehrenamtlern.

„Die Generalisierung der Pflegeberufe löst das Problem des Fachkräftemangels gar nicht“, erwidert Mannigel vom Diakonieverband. Habe es vor zehn Jahren noch bis zu zehn Bewerbungen auf eine ausgeschriebene Stelle gegeben, seien es heute noch drei. „Das macht das Dilemma deutlich“, klagt Mannigel.

Volker Bullwinkel wittert ausgerechnet im demographischen Wandel eine Chance, um dem Personalmangel entgegenzuwirken. „Gerade nach der Erwerbstätigkeit fängt für viele ein neues Stadium des Lebens an. Viele wollen sich noch einmal engagieren, vielleicht auch im direkten Wohnumfeld.“ Diese Potenziale gelte es zu nutzen, erklärt Bullwinkel.

Als „einen Schritt in die richtige Richtung“, bezeichnet Broistedt die neuen Pflegestärkungsgesetze zwei und drei, die den Pflegebedürftigkeitsbegriff neu definieren. Wurden Patienten früher anhand ihrer körperlichen Verfassung in eine Pflegestufe eingeordnet, ist seit Anfang des Jahres ihre Selbstständigkeit der Maßstab für den entsprechenden Pflegegrad.

Davon profititeren unter anderem Menschen mit Demenz, denen vorher kein Anspruch auf Leistungen eingeräumt wurde, da sie keine körperlichen Einschränkungen hatten. Der Fakt, dass sie dennoch nicht gänzlich selbstständig leben können, fiel unter den Tisch. Deshalb sei die neue Regelung „vom Grundsatz her richtig“, wenngleich der Übergang von den Pflegestufen zu den Pflegegraden nicht einfach zu vermitteln sei, sagt Bullwinkel.

Spannend sei besonders ein Modellprogramm, bei dem 60 ausgewählte Kommunen die Trägerschaft der Pflegestützpunkte und die Pflegeberatung übernehmen sollen, um den Bereich Pflege besser steuern zu können. „Es ist leider etwas problematisch ausgestaltet“, sagt Riethig, „es soll mehr angeboten werden, aber es darf nichts kosten.“

Er sehe die Zukunft der Pflegeversorgung kommunal, um direkter Einfluss nehmen zu können. Denn: „Wenn man sieht, worauf wir in den nächsten 15 Jahren zusteuern, frage ich mich, wie die Pflegekassen das leisten wollen“, sagt Riethig. Deshalb komme man auch um eine Steuerfinanzierung auf kurz oder lang nicht umher. Sozialdezernentin Broistedt bringt es auf den Punkt: „Wir brauchen eine finanzielle Aufwertung der Pflege.“

Die Last der Angehörigen

Dreiviertel aller Pflegebedürftigen in Deutschland werden zu Hause versorgt

Göttingen. Von knapp drei Millionen Pflegebedürftigen in Deutschland, wurden nach Angaben des Statistischen Bundesamtes Ende 2015 mehr als zwei Millionen Menschen zu Hause versorgt, davon rund 1,4 Millionen von Angehörigen. „Sie werden es auch künftig machen müssen“, sagt Sozialdezernent Marcel Riethig.

Mit Zuwanderung und einer „Revitalisierung der Familiensysteme“ soll die Versorgung pflegebedürftiger Menschen gelingen. Zumindest, wenn es nach Riethig geht. Gerd Hegerkamp vom Caritas-Centrum Duderstadt hält das für zu optimistisch. „Wir sehen dort dicke Probleme“, sagt er und spricht sich stattdessen für Pflegewohngemeinschaften aus, in denen sich ein Pfleger um vier bis sechs Pflegebedürftige kümmern könnte. Durch eine Zusammenarbeit mit Wohnungsgenossenschaften könne dies gelingen, zugleich könnten die Menschen in ihren Wohnbezirken leben bleiben, argumentiert der Fachbereichsleiter.

Ein weiterer Dorn im Auge ist Hegerkamp die Vergütung der Pflegeleistungen. Während in Bayern pro Pflegeeinsatz 4,57 Euro bezahlt werden, sind es in Niedersachsen derzeit nur 3,37 Euro. „Bestimmte Leistungen werden von der Krankenkasse überhaupt nicht bezahlt“, sagt Hegerkamp. Damit die Gelder für die Personalkosten reichen, stehe Fachpersonal für einen Verbandswechsel bei einem Patienten gerade einmal acht Minuten zur Verfügung. Hegerkamp verweist auf eine Studie des Fraunhofer Instituts, das eine benötigte Verweildauer beim Patienten von 19 Minuten errechnet hat. Pflege geschieht somit nach bezahlter Zeit, nicht nach benötigter Zeit.

„Wir sind uns einig, dass die Arbeitbedingungen nicht in Ordnung sind“, sagt Sozialdezernentin Petra Broistedt. Sie möchte Druck auf die Tarifpartner ausüben und durch Kurzzeitpflege und Tagespflege Angehörige entlasten. Denn: „Wer das ganze Jahr durchpflegt, brauch auch Urlaub und Entspannung.“ Riethig mahnt unterdessen, dass eine bessere Versorgung „am Ende die Versicherten bezahlen“ werden.

Von Yannick Höppner

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