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Tierfreundlicher Tüftler

Künstler Gerhard Glück wird 20. Göttinger Elch Tierfreundlicher Tüftler

Das Atelier von Gerhard Glück ist klein. Es ist eigentlich kein Atelier, es ist ein kleiner Schreibtisch. Darauf: ein paar Pinsel, ein paar Tuben Acrylfarbe, ein Föhn und ein Aschenbecher. Seine Bilder sind ebenfalls klein, die meisten kleiner als ein Schreibblock. Glück ist einer der ganz großen Karikaturisten Deutschlands. Am Sonntag, 15. Januar, wird ihm im Deutschen Theater der Satirepreis „Göttinger Elch“ verliehen.

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Vielseitiger Künstler: Dieser ganz besondere Blick auf die Menschen findet sich auch in Glücks Fotografien.

Quelle: Mischke

Kassel. Seine langnasigen, leicht vorgebeugten Männer mit hängenden Schultern, die Damen, gerne im pelzbesetzten Mantel mit Henkelhandtasche, sind unverwechselbar. Auch Tiere und Gartenzwerge schleichen sich immer wieder in seine meisterlich gemalten Städte, Räume und Landschaften. Dabei passen die Originale in handelsübliche Schubladen. Glück und seine Frau leben in Kassel.

In ihrem Haus, gebaut im Jahr 1912, hat der Künstler zwei Arbeitszimmer, in denen sich die Regale biegen. Modellautos, Eisenbahnen, Bücher, Scherben griechischer Keramik, ein Vaporetto. „Dinge, die ich brauche“, sagt er – ein Bauhaus-Band und die Lederstrumpf-Ausgabe aus seiner Kindheit. „Ein paar Bücher könnte ich ja mal wegschmeißen“, meint der 72-Jährige. Auch ein „Rahmenwender und eine „Schmetterlingsmaschine“ zählen zu diesem Sammelsurium. Die kleinen mechanischen Konstruktionen – eine stellt mittels einer Kurbel die Bewegungen der Flügel eines auf natürlichem Wege gestorbenen Tagpfauenauges nach –, hat der ehemalige Lehrer erfunden.

Gebastelt wird mit Resten aus dem Keller. Die Flugmaschine, frei nach Leonardo da Vinci vom Meister konstruiert und durch Solarzellen in die Moderne überführt, findet im Garten ihren, auch wenn sie von Zeit zu Zeit ein wenig Schlagseite beim Flattern hat, was Glück mit einigen eindrucksvollen Armbewegungen verdeutlicht. Auf dem Boden steht ein Geschenk von Freunden. Ein Ferrari-Modell von knapp einem Meter Länge. „Der ist bis zu 120 Stundenkilometer schnell“, sagt Glück. Doch es fehlt am geeigneten Platz, den ferngesteuerten Rennwagen auszufahren.

 Glück ist einer, der auch in den kleinen Dingen Inspiration für seine zahlreichen Bilder und Zeichnungen findet. Zum Beispiel in Keksen, die in einem neuen Werk eine Rolle spielen. Unter seinen zahlreichen Modellautos und Eisenbahnen – die natürlich nur für die Enkel angeschafft wurden – steht ein „Schneewittchensarg“. Der Messerschmitt-Kabinenroller findet sich auch in einem seiner Werke wieder. Auf die Bitte hin, doch einmal zu zeigen, wie er zeichnet, legt er mit schnellen, präzisen Strichen los. Erst entsteht ein Rahmen, dann eine kleine Bühne, ein Publikum.

Zeichnungen fertigt er aktuell unter anderem für das NZZ-Magazin. „Ich darf nicht mehr als zwei Zeilen darunter schreiben“, sagt er. Und: „Diese Idee hatte ich gerade vorhin.“ Die Skizze ist schnell umgesetzt, das dürfe nicht lange dauern.  „Die eigentliche Arbeit, die entsteht vorher im Kopf“, sagt Glück und drückt seine Zigarette aus, die er gar nicht rauchen sollte. Denn er hat eine Erkältung, er hustet. „Vielleicht ist es auch eine Staublunge“, sagt er schmunzelnd. Das Staubwischen in seinem Refugium muss er selbst erledigen, das ist in den vergangenen Tagen ein wenig zu kurz gekommen.
Für seine Bilder verwendet Glück eine Mischung aus Acryl- und Temperafarbe. Damit sie schneller trocknen, setzt Glück einen Föhn ein.

Die Figuren in Glücks Bildern tragen oft Namen. „Die Timmelmanns“, „Herr Heinrich“, „Gabriele R. aus Holzminden“. Es bereite ihm große Freude, sich diese Namen auszudenken. Aber einmal, da stieß sein „Arnulf Triebbein“ auf wenig Gegenliebe bei einem Lehrer-Kollegen ähnlichen Namens. Manchmal aber bekomme er auch Postkarten von Menschen, die ihren Namen zufällig in seinen Bildern finden – die meisten freut es.
Der oft hintergründige Humor Glücks ist feinsinnig, er führt seine Protagonisten nicht vor. Auch bei bissiger Satire, in der sich Anwälte, Banker oder reiche Araber finden, blitzt immer der Menschenfreund Glück durch. Oder der Tierfreund.

Glücks Lieblingstier ist der Waschbär. Trotz oder gerade wegen seines Wohnorts, der deutschen Hochburg der kleinen Räuber. „Willi“ der Waschbär, der sich zeitweise auf dem Grundstück und unter dem Dach der Glücks eingerichtet hatte, füllt einen ganzen Ordner: „About Willi“. Das Tier wurde zum Gegenstand einer regelmäßigen Korrespondenz zwischen Glück und dem Elchpreisträger und Satiriker-Kollegen F.W. Bernstein in Berlin. Gut und vor allem künstlerisch dokumentiert sind beispielsweise Willis Meisenknödel-Klau und seine Dachziegel-Demontage. Über Willi, dessen Verbleib ungeklärt ist, erzählt der Künstler gerne. Auch über die mehrfachen Abwehrversuche mittels eines monströsen Stachelhalsbandes für die Regenrinne oder einer „kunstvoll geflochtenen“ Stacheldraht-Eigenkonstruktion. Nichts half. „Ich habe mich gefragt, magst Du das Tier oder bringst Du es um“, sagt Glück. Die Antwort lautet: beides.

Karikaturen zeichnet Glück schon seit vielen Jahren, den Lehrerberuf gab er dafür auf. „Ich habe das sehr gerne gemacht, aber die Zeit reichte nicht aus.“ Manchmal fertigt er vorab Fotos dafür. Sie zeigen Menschen. Im Museum, auf der Bank, beim Fotografieren. Menschen, leicht vorgebeugt mit hängenden Schultern.

2 Am Sonntag, 15. Januar, 11 Uhr wird zum 20. Mal der Satirepreis „Göttinger Elch“ verliehen, in diesem Jahr an Gerhard Glück. Im Deutschen Theater stehen dann auch der Elchpreisträger von 2007, Ernst Kahl, und der Satiriker Pit Knorr auf der Bühne. Preisträger sind bislang unter anderem F.W. Bernstein, Harry Rowohlt, Otto Waalkes, Helge Schneider, Max Goldt, Michael Sowa und Robert Gernhardt. Die Arbeiten des neuen Preisträgers sind in der Ausstellung „Glücks Heile Welt“ im Alten Rathaus zu sehen.  Die Ausstellung ist ab Sonntag, 15. Januar, dienstags bis sonntags von  11  bis 17 Uhr  geöffnet. Sie läuft bis zum  26. März.

Gerhard Glück

Gerhard Glück, geboren 1944, ist in Frankfurt aufgewachsen. Er hat in Kassel, seinem heutigen Wohnort, Werbegrafik studiert. Seine ersten Cartoons erschienen 1972. Mehrfach wurde er ausgezeichnet, zuletzt im Jahr 2005 mit dem Deutschen Karikaturenpreis; drei dieser geflügelten Bleistifte stehen in seinem Regal. Glücks Karikaturen erscheinen unter anderem seit 25 Jahren regelmäßig  im NZZ-Folio, der Zeitschrift der Neuen Zürcher Zeitung, und im Satiremagazin Eulenspiegel. Er ist verheiratet, Vater zweier erwachsener Kinder und glücklicher Großvater.

„Glück ist einer der ganz Großen der Komischen Kunst“, begründete die Preisjury ihre Wahl. Er sei „ein Spiegelmacher höchst eigenwilligen und einzigartigen Zuschnitts, ein bildnerischer Verführer sondergleichen, ein heimlicher Lehrmeister und ein großartiger Schalk – der langen Reihe der Vor-Preisträger überaus angemessen und ebenbürtig. Ein „Elch“ für den Glück, ein Glück für den Elch!“ Und was sagt Glück? „Ich freue mich sehr. Es ist eine große Auszeichnung. Ich hoffe, ihr gerecht zu werden.“

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Göttinger Satire-Preis
Elch Gerhard Glück mit Elch-Warnweste während der Preisverleihung.

Gerhard Glück ist der 20. Göttinger Elch. Am Sonntag hat Oberbürgermeister Rolf-Georg Köhler (SPD) den Zeichner und Karikaturisten aus Kassel mit dem Elchpreis 2017 ausgezeichnet: eine silberne Brosche, eine Urkunde und 3.333,33 Euro Preisgeld. Es ist der einzige Satire-Preis in Deutschland.

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