Volltextsuche über das Angebot:

2 ° / -8 ° wolkig

Navigation:
Wie ländlich liebt's der Landrat, Bernhard Reuter?

Portrait Wie ländlich liebt's der Landrat, Bernhard Reuter?

Stadt und Land in Harmonie – das ist eines der großen politischen Ziele Bernhard Reuters. Und auch in seinem Privatleben spielt das Thema Balance eine große Rolle. Ein Frühstücksgespräch über Finanzen, Farbeimer und Fahrradtouren.

Voriger Artikel
Wie passt Pulp Fiction ins Zeitmanagement, Ludwig Theuvsen?
Nächster Artikel
„Gemeinsam die Denkmale erhalten“

Frühstück mit Kaffee, Müsli und Zeitung, am besten auf der Terrasse. So startet Bernhard Reuter am liebsten in den Tag.

Quelle: Nadine Eckermann

Eddigehausen. Die Sonne flutet an diesem Morgen im September die Landschaft: Kraftvoll überzieht sie Straßen und Bäume auf dem Weg nach Eddigehausen. An beinahe jedem Laternenpfahl strahlen die Kandidaten für die Kommunalwahl auf den Wahlplakaten mit ihr um die Wette. Einer von ihnen: „Der Landrat“. Mit diesem Schlagwort wirbt Bernhard Reuter (SPD) für sich.
In Eddigehausen bewohnt Reuter ein uriges, mit Efeu bewachsenes Häuschen am Rauschenwasser – von dessen erster Etage aus blickt er auf das Plakat der CDU und sein eigenes. Möglicherweise hätte er auch „Der Nachbar“ darauf drucken lassen können. Vieles deutet darauf hin, dass Haus und Garten Freunden, Familie und Bekannten häufig offen stehen und auch spontaner Besuch gern gesehen ist: Der einladende Eingangsbereich, eine großzügige Rasenfläche, auf die der Blick von der Terrasse aus frei wird und Sitzgelegenheiten samt Feuerstelle lassen auf gemütliche Sommerabende in der Dorfidylle schließen. „Ein Landrat gehört aufs Land“, sagt Reuter schmunzelnd, als er den Blick über den Garten schweifen lässt, in dem er gern selbst Hand anlegt, wie er sagt. Neulich erst habe er die Brücke, die eine Hinterlassenschaft eines Bekannten aus dessen Garten sei, weiß getüncht. „Nicht so ganz perfekt, wie man sieht“, sagt er lachend, als er den Pinsel ansetzt, um eine unsaubere Stelle nachzustreichen. Für ihn sei es ideal, in erreichbarer Nähe der Stadt und doch im Grünen zu leben, wo einer den anderen kenne.
Gäste betreten den Garten durch einen schmalen Durchgang neben dem Eingang zum Haus mit dem spitzen Hexenhaus-Dach. Durch viel Grün hindurch führt der Weg zu einer kleinen Terrasse mit Liegestuhl, Outdoor-Couch und Stühlen. Auf einem kleinen Tisch stehen Kaffeebecher und ein Teller mit Müsli und Obst. „Wenn ich erst später los muss, starte ich gern hier in den Tag“, erklärt Reuter, der an diesem Morgen leger in Jeans und Polo-Shirt gekleidet ist. Auf einem Tablet zeigt er eine Tageblatt-Seite, die Morgenlektüre zum Frühstück: „Aufgabe eines Landrats ist es auch, sich auf dem Laufenden zu halten“, sagt er lachend. Sicher werde ihm im Laufe des Tages ein Pressespiegel zusammengestellt – doch er lese eben gern früh und selbst, wann immer es der Terminkalender zulasse.

Büroarbeit, Aktenwälzen, Sitzungen und „eine enge Abfolge von Terminen“ seien Alltag im Leben eines Landrats, erklärt Reuter. Derzeit, in der heißen Phase des Wahlkampfs, kämen zudem rund 30 Termine in der Woche obendrauf. Betriebsbesuche, Präsenz auf Marktplätzen, Veranstaltungen und Gespräche bräuchten Zeit. Da könne es schon einmal passieren, dass auch der längste Arbeitstag nicht ausreiche, um alle Aufgaben zu erledigen – und Arbeit am Wochenende zu Hause erledigt werden müsse. Entschuldigend fügt er mit einem Blick auf seine Frau hinzu: „zu ihrer großen Freude“. Um das Praktische mit dem Nützlichen zu verbinden und einen sportlichen Ausgleich herzustellen, setze er sich dann aufs Rad und fahre ins Büro, um Akten zu holen.
Obwohl er in 15 Minuten mit dem Auto im Kreishaus sei oder auch den Bus nehmen könne, sei oft das Rad das Mittel der Wahl, sagt Reuter. Sport sei im wichtig. „Wenn ich in Bewegung bin, kann ich sehr gut nachdenken“, erklärt er. Früher sei er gelaufen, heute aufs Rad umgestiegen. Die körperliche Anstrengung beflügele seine Kreativität. Die habe ganz entscheidenden Anteil an seinem Leben, sagt Reuter. Denn das, was er tue, sei nicht „reines Verwalten“. Um Verbesserungen herbeizuführen, seien Ideen die Grundvoraussetzung. Und die kämen ihm am ehesten beim Sport und im Gespräch.
Also doch Arbeit, selbst auf dem Fahrrad. Seine Partnerin Reinhild Otterbein weiß damit umzugehen, wenn er Reuter mal wieder mit einem Aktenstapel unter dem Arm am Wochenende nach Hause kommt. So wirkt es, wenn sie sagt: „Wir erledigen das dann hier.“. Das „Wir“ betont sie dabei nicht. Selbst politisch aktiv als Kreistagsmitglied, unterstützt sie ihren Partner Reuter gerade im Wahlkampf ganz selbstverständlich nach vollen Kräften, häufig finden sich auf den Social-Media-Accounts beider Bilder von denselben Veranstaltungen. Und nicht nur sie sei da, wenn Reuter den Dialog suche, um seine Gedanken zu ordnen oder neue Ideen zu entwickeln: „Der Rückhalt durch Freunde und Familie ist ganz wichtig“, sagt er. Er selbst habe vier erwachsene Kinder, Otterbein eines. Inzwischen gebe es zudem zwei Enkelkinder, wobei weder Kinder noch Enkelkinder noch vor Ort leben. Doch unter anderem im Garten am Rauschenwasser komme die Patchwork-Famililie zusammen.
In den Gesprächen mit Freunden und Familie gehe es allerdings nicht immer um Politik. „Den Kindern muss ich mit den Problemen im Landkreis Göttingen nicht kommen.“ Dennoch seien die Impulse aus den Lebenswelten seiner Lieben immer schon ein entscheidender Antrieb für sein politisches Engagement gewesen, berichtet Reuter. Wäre er Single gewesen und nicht junger Familienvater in seiner Zeit in Herzberg, wären ihm womöglich nicht die Dinge aufgefallen, die ihn zur Politik gebracht hätten, sagt er: Schlechte Radwegverbindungen, fehlende Kindergartenplätze und mangelhafte Schulwege seien es neben umweltpolitischen Themen gewesen, die ihn zunächst veranlasst hätten, eine Interessengruppe zu gründen und später in die SPD einzutreten - und die „Aversion gegen den Satz ,Das geht nicht´“, sagt Reuter. Er habe etwas verändern wollen.
In die Entscheidung für die Sozialdemokratie – auch ein Beitritt zu den Grünen sei für ihn zeitweilig denkbar gewesen – habe die Familientradition hineingespielt, berichtet Reuter. Sein Großonkel, Ernst Reuter, war Regierender Bürgermeister in Berlin und von den Nationalsozialisten verfolgt. „Er war für mich ein Vorbild“. Auch das Elternhaus habe eine Rolle gespielt. Von seinem Vater habe er die juristische Prägung mitbekommen, von seiner Mutter das Interesse daran, sozial benachteiligten Menschen zu helfen. In den 1970er-Jahren habe er seinen Freunden vorgeschlagen, sich in einer Obdachlosensiedlung zu engagieren. „Wir haben es uns zur Aufgabe gemacht, uns um die Kinder zu kümmern.“ Hausaufgabenhilfe, Schwimmbadbesuche, kleine Ausflüge aufs Land und gemeinsame Freizeitbeschäftigung hätten ihre Spuren hinterlassen. Das soziale und pädagogische Interesse sei geweckt geworden. Entsprechend habe sich Reuter zunächst für ein Lehramtsstudium entschieden. Gegen den Wunsch des Vaters, der ihn gern aus Nachfolger in seiner Anwaltskanzlei gesehen hätte, sagt Reuter. „Ich war ein ganz guter Lehrer“, sagt Reuter und fügt  hinzu: „Das ist mir jedenfalls attestiert worden.“ Er arbeitete zunächst als Lehrer für Deutsch, Mathematik, Politik und Religion, später dann wurde er erst stellvertretender Schulleiter, dann Rektor.
Jurist und Schulleiter – beste Voraussetzungen, meint Reuter
Als 44-Jähriger, relativ jung also, kandidierte er für das Amt des damals neuen hauptamtlichen Landrates – und wurde gewählt. Im Amt habe er von seiner Vorgeschichte profitieren können: Das Jurastudium habe eine Sicherheit in Verwaltungsangelegenheiten gegeben. „Eine der besten fachlichen Vorbereitungen, die man haben kann“. Auch die Arbeit als Schulleiter habe sich positiv ausgewirkt: Der Umgang mit selbstbewussten Lehrern ähnele der Aufgabe des Chefs der Verwaltung.
Eine seiner Stärken sei, Menschen motivieren zu können, demokratisch zu führen und und Interessen verschiedener Menschen und Berufsgruppen ausgleichen zu können, schätzt Reuter sich selbst ein. Gelernt habe er dies Zeit seines Lebens. „Es griff eben eins ins andere“, sagt er.
Bei allem Stress im Amt und im Wahlkampf wirkt Reuter gelassen und selbstsicher. Selbst als es um seine klare Absage an rechte Parteien geht, die in seinen Augen nur provozieren, aber nicht konstruktiv arbeiten wollen, bleibt der Landrat ruhig und bedacht. Als das Gespräch auf Finanzen, Forderung nach Fünf-Euro-Tickets, Familienzentren und flächendeckendes Internet kommt, schildert er seine Ideen strukturiert und sachlich. Alle Themen führt er zusammen unter dem Schlagwort „Stadt und Land“ in Harmonie – zu Reuter passt es in politischer wie in privater Hinsicht.

Vita

Bernhard Reuter wurde am 8. Januar 1955 in Kassel geboren. Nach dem Abitur 1973 studierte er Rechtswissenschaften, Sozialwissenschaften und Lehramt in Göttingen und schloss 1976 mit der ersten, 1978 mit der zweiten Lehramtsprüfung sowie 1986 mit der ersten juristischen Staatsprüfung (mit Prädikat) ab. Reuter arbeitete von 1979 bis 1989 als Lehrer. Er übernahm 1989 die stellvertretende Leitung der Leinebergschule Göttingen, 1994 wurde er Schulleiter deren Orientierungsstufe.
1999 wurde Reuter , der seit 1986 Mitglied der SPD ist, erstmals zum Landrat des Landkreises Osterode am Harz gewählt, eine zweite Amtszeit trat er 2006 an, nachdem er im ersten Wahlgang 62,1 Prozent der Stimmen erhalten hatte. Am 11. September 2011 wurde Reuter zum Landrat des Landkreises Göttingen gewählt.
Reuter ist seit 2002 ehrenamtlich als Vorstandsvorsitzender des Regionalverbandes Südniedersachsen tätig, Vizepräsident des Niedersächsischen Landkreistags, Vizepräsident des Deutschen Landkreistags. Seit 2015 steht er an der Spitze des Stiftungsrates der SüdniedersachsenStiftung

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Thema des Tages: Steinträume aus der Toskana