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„Lebendes Fossil“ betreibt Kulturförderung

Landschaftsverband „Lebendes Fossil“ betreibt Kulturförderung

Er gehört zu den großen Kulturförderern, tritt aber kaum in Erscheinung. Mit 400000 Euro im Jahr unterstützt der Verein Landschaftsverband Südniedersachsen seit gut 25 Jahren Orchester und Theater, Kinos und Museen. Er geht auf eine Ständevertretung des Hochmittelalters zurück.

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Göttingen. „Um die Macht der Landesherren zu begrenzen, schlossen sich im ausgehenden Mittelalter Adlige, Klerus und Städte zu sogenannten Landschaften zusammen“, erläutert Olaf Martin, der Geschäftsführer des Landschaftsverbands. Die Landschaften hätten bei der Erhebung von Steuern, dem Aufstellen des Staatshaushalts und Kriegserklärungen mitbestimmt und seien so Vorläufer der Parlamente. Ihren politischen Einfluss hätten sie später während der Zeit des Absolutismus wieder eingebüßt.

„In vielen Teilen Deutschlands haben sich die Landschaften aufgelöst, im Gebiet des ehemaligen Königreichs Hannover bestehen sie als lebende Fossilien bis heute fort“, berichtet Martin. Ein Grund: Dort war 1750 auf Anregung der Calenberg-Grubenhagenschen Landschaft die spätere Landschaftliche Brandkasse Hannover gegründet worden. Sie sollte die Not der Menschen lindern, die durch Feuersbrünste Hab und Gut verloren hatten. Heute sind die sechs Landschaften des früheren Königreichs Träger der Versicherung, die sich mittlerweile VGH nennt. Die Landschaften stellen den Aufsichtsrat, der den Vorstand beruft.

Nach dem Zweiten Weltkrieg entdeckten die Landschaften die Kulturförderung als Handlungsfeld. „Thassilo von der Decken, der Präsident der Landschaft Bremen und Verden, hatte die Idee, dabei die Landkreise mit einzubinden“, sagt Martin. Von der Decken, der gleichzeitig Oberkreisdirektor in Stade war, initiierte 1963 die Gründung des ersten Landschaftsverbands. „Andere Kreise wollten sich dagegen nicht an solchen Vereinen beteiligen. Sie sahen darin für sich keinen Vorteil“, sagt der Geschäftsführer.

Erst als in den 80er-Jahren die VGH eine jährliche Zuwendung für die Kulturarbeit in Aussicht stellte und das Land diese Mittel aufstockte, zogen die Landkreise mit. 1989 entstand der südniedersächsische Verband. Auch außerhalb des Gebiets des früheren Königreichs bildeten sich Landschaftsverbände, von denen es heute in Niedersachsen 13 Stück gibt.

„Die Auflösung der Bezirksregierungen 2005 hat uns gestärkt“, so Martin. Damals übertrug das Land den Landschaftsverbänden die Verwaltung jener Mittel, die den Bezirksregierungen bis dahin für Kulturförderung zur Verfügung gestanden hatten. „Das hat uns in die Lage versetzt, über einzelne Projekte hinaus ausgewählten Kultureinrichtung eine Strukturförderung zukommen zu lassen“, sagt der Geschäftsführer.

Interview mit Geschäftsführer Olaf Martin

Olaf Martin

Olaf Martin

Quelle: r

Wer ist Mitglied des Landschaftsverbands?

Olaf Martin: Mitglieder des Verbands sind neben der Calenberg-Grubenhagenschen Landschaft die Landkreise Göttingen, Holzminden, Northeim und Osterode am Harz sowie 14 Städte und Gemeinden und drei Museen. Der Landkreis Goslar wollten dem Verein dagegen nicht beitreten. 1995 hat sich der Verband für nichtkommunale Kultureinrichtungen geöffnet. 35 von ihnen sind heute im Beirat organisiert.

Wie werden die Gelder verteilt?

Der Landschaftsverband hat dazu Förderkriterien erarbeitet. An ihrer Weiterentwicklung sind die Kultureinrichtungen über den Beirat beteiligt. Da wir überwiegend Steuergelder verteilen, liegt uns an Transparenz. Wir veröffentlichen, wer für was in welcher Höhe Mittel von uns erhält.

Wie hoch liegen die Personal- und Verwaltungskosten?

Der Landschaftsverband, der neben mir als Geschäftsführer noch drei Mitarbeiterinnen beschäftigt, hatte 2015 Personalausgaben in Höhe von 114000 Euro. Der Verwaltungsaufwand betrug 21000 Euro. Zum Vergleich: Die Projektausgaben beliefen sich auf 624000 Euro.

Zuschüsse, eigene Projekte, Beratung

Der Landschaftsverband Südniedersachsen, der seinen Sitz in der Berliner Straße 4 in Göttingen hat finanziert sich durch Gelder, die er von der Versicherungsgruppe Hannover (VGH), dem Land Niedersachsen und seinen Mitgliedern erhält. Mit dem größten Teil seines Etats bezuschusst er Kultureinrichtungen. Eine Strukturförderung erhalten in Göttingen unter anderem die Händel-Festspiele, das Kino Lumiere oder das Literarische Zentrum, in der Region etwa die Gandersheimer Domfestspiele.

Vereinzelt setzt der Verband eigene Projekte um. So gibt er das Gutscheinheft Kulturbonus Südniedersachsen heraus. Als dritte Aufgabe kam im Laufe der Jahre die Beratung von Kultureinrichtungen dazu. Die Geschäftsstelle ersetzt so das Fachpersonal der Kulturämter, das in den Kommunen abgebaut worden ist.

2015 übernahm der Landschaftsverband die Aufgaben des Museumsverbunds Südniedersachsen, der sich aufgelöst hat. Die übernommene Museumsberaterin unterstützt weiter Mitglieder bei Ausstellungen, der pädagogischen Vermittlung oder der Inventarisierung.

Verband vernetzt die Kultureinrichtungen

„Die Kulturförderung ist dünn gestrickt, ohne die Gelder vom Landschaftsverband wäre es für uns viel schwerer, Neues auszuprobieren“, meint Wilfried Arnold, Leiter des Göttinger Kinos Lumiere. Gleichzeitig trage der Verband durch seinen Beirat seit den 90er-Jahren „wesentlich“ zur Vernetzung der Kulturszene in Südniedersachsen bei. „Wir treffen uns drei bis vier Mal im Jahr, informieren uns über unsere Projekte, tauschen Erfahrungen aus und erörtern Herausforderungen, vor denen wir stehen“, erläutert Arnold, der dem Beirat vorsitzt.

„Bei den Sitzungen sind von den 35 Mitgliedern meist 20 bis 25 Einrichtungen vertreten“, sagt der Vorsitzende. Über den Beirat seien zahlreiche Kooperationen untereinander zustande gekommen. Der Beirat biete dem Landschaftsverband „geballten Sachverstand“ in Kulturfragen. Das stärke den Verband bei Verhandlungen mit dem Land, von dem er finanziell unterstützt werde. Die Beziehung des Beirats zum Verbandsvorstand beschreibt Arnold als „gleichberechtigtes Miteinander“, auch wenn am Ende dort die Entscheidungen getroffen würden.

„Aufgrund der Förderung des Landschaftsverbands konnten wir in den vergangenen Jahren in der Region interessante Spielstätten erschließen und neue Formate ausprobieren“, sagt Tobias Wolff, der geschäftsführende Intendant der Internationalen Händel-Festspiele Göttingen. Wolff schätzt die Beiratssitzungen als „Treffpunkt für den Austausch unter den Kulturschaffenden der Region und für die Begegnung mit potentiellen Kooperationspartnern“. Er hebt die „wichtige Beratungsfunktion“ des Verbands hervor. Diese trage mit seinen Umfragen und Forschungsprojekten dazu bei, „ein fundiertes Bild über Kulturveranstalter, Zielgruppen und Zuschauer der Region“ sowie über deren Entwicklung zu ermitteln.

„Der Landschaftsverband hat uns für drei Jahre eine Strukturförderung von jeweils 10000 Euro zugesagt“, berichtet Stefan Mitwoch, der kaufmännische Geschäftsführer der Gandersheimer Domfestspiele. Das gebe seiner Kultureinrichtung Planungssicherheit. Von Bund und Land erhalte die Einrichtung lediglich jährliche Projektförderungen.

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