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"Schnitzel" besteht nicht aus Palmöl und Soja

Landvolk im Interview "Schnitzel" besteht nicht aus Palmöl und Soja

Die Landwirtschaft kämpft mit einem massiven Imageproblem. Das sagen Kreislandwirt Hubert Kellner, Landvolk-Geschäftsführer Achim Hübner, und Landvolk-Vorstandmitglied Ralf Bartens. Im Interview erklären sie, wie sie das ändern wollen und warum sie trotzdem gerne Lebensmittel produzieren.

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Kreislandwirt Hubert Kellner (Mitte)

Quelle: HW

Warum haben Sie den Eindruck, dass die Landwirtschaft am Pranger steht, woran machen Sie das fest?
Kellner : Es gibt  so oft und viele negative Schlagzeilen, in der Regel besonders dann, wenn die Landwirtschaftsmesse Grüne Woche beginnt.
Hübner : Kritik kann man nicht an einem Thema festmachen. Nitrat ist immer wieder in den Schlagzeilen, ebenso wie Vorschläge von Organisationen wie beispielsweise Greenpeace. Die machten kürzlich den Vorschlag, dass wir die Produktion um 40 Prozent drosseln sollen um das Klima zu schützen.
Bartens : Wir Landwirte haben eine hohe Identifikation mit unserem Beruf. Von Anfeindungen fühlen wir uns persönlich angegriffen, denn unser Beruf ist für uns mehr als nur ein Beruf.

Es sind ja häufig bundes- oder europaweite Themen im Fokus. Stellen Sie in der Region ebenfalls fest, dass die Bürger Sie anfeinden?
Kellner : Die überregionalen Themen treffen auch uns hier. Ich nenne einige der Vorwürfe gerne postfaktisch, denn gerade bei uns Landwirten werden die Bürger mit Unwahrheiten auf die Palme gebracht - und dort gelassen. Ich komme gerade von einer Anhörung aus dem Landtag, in der es um die Produktbezeichnungen für vegetarische Fleischersatzprodukte ging. Zu diesem Thema sagen wir, es muss klar erkennbar sein, dass eine vegetarische Bratwurst eben keine Bratwurst ist.

Das heißt, die Bauern ärgert, dass beispielsweise mit ihrem Produkt Schnitzel etwas bezeichnet wird, dass kein Schnitzel , sondern eine industriell gefertigtes Nahrungsmittel ist?
Kellner : Genau. Wir haben das doch damals in der Schule gelernt: Der Schinken am Schwein, der ist nicht vorne sondern hinten, und das Kotelett ist in der Mitte. Das Schnitzel ist ein Stück des Schweins und besteht nicht aus Palmöl, Soja und gentechnisch gefertigten, zugesetzten Vitaminen. Man kann also nicht sagen, das hier, das ist ein vegetarisches Schnitzel.

Hat der allgemeine Veggie-Trend denn Auswirkungen auf die regionale Landwirtschaft?
Keller : Nein, wir sind hier in Südniedersachsen ein Ackerbaustandort - und kein klassisches Schweinezucht- oder Milchviehland.

 

Ein  Vorwurf ist ja auch, dass beispielsweise zu viel Fleisch produziert wird.
Kellner : Unser Essverhalten hat sich verändert. Fette Bäuche beispielsweise gehen nach China, das sind Waren, die wir hier in Deutschland nicht absetzen können.
Hübner : Es stimmt, wir exportieren Schweinefleisch, aber das meiste sind Schwänze, Füße Schnauzen, die bei uns niemand mehr haben will. Bei Edelteilen wie Schnitzel oder Schinken haben wir hingegen einen Importbedarf. Das Argument, wir haben so viele Schweine, dass wir exportieren, ist also erstmal richtig, aber nicht bei den Teilen, die wir essen. Die Kritik am Export von Schweinen ist also für uns nicht wirklich nachvollziehbar.
Bartens : In Wolfsburg werden viel mehr Autos gebaut, als gebraucht werden.

Wie viele Bundesbürger kann ein Landwirt ernähren?
Kellner : Rund 145 Menschen.

 

Es gibt ja tatsächlich Vorgänge in Betrieben, die man kritisieren kann. Beispielsweise wenn selbst ehemalige Mitarbeiter riesiger Mastbetrieben zugeben, dass die Haltungsbedingungen dort mit Tierwohl nur wenig zu haben. Was unternehmen andere Landwirte gegen die schwarzen Schafe?
Kellner : Genau deswegen gehen wir am Sonnabend auf die Straße und klären die Leute auf.

 

Was können die Guten gegen die Bösen unternehmen?
Bartens : Wir diskutieren intern häufig darüber, was wir dagegen tun können. Das ist ein schwieriges Thema. Wir dürfen uns nicht schützend vor Leute stellen, die nicht ordentlich arbeiten. Es hat sich in den vergangenen Jahren aber schon viel verbessert.

Was denn?
Bartens : Wir hatten früher viele kleine Mischbetriebe, die Schweine und Kühe hielten und Ackerbau betrieben. Wir haben seit Jahren eine deutliche Spezialisierung und Professionalisierung. Auf guten Standorten hin zu Ackerbau, auf schwierigeren Standorten hin zu Vieh. Beim Tierschutz hat sich nichts verschlechtert. In Deutschland gibt es keine Studien dazu, in Schweden hat man herausgefunden, dass bei Verstößen gegen Tierschutzgesetze die Größe des Betriebes keine Rolle spielt. Entscheidend ist die personelle Ausstattung.
Hübner : Man kann auch zehn Kühe schlecht halten. Aber wenn ein Großbetrieb nicht ordentlich arbeitet, ist der Schaden ungleich höher.

Welches ist denn bei uns in der Region das dringendste Problem der Bauern?
Hübner : Alles das, was überregional diskutiert wird, fällt uns vor die Füße. Beispiel Nitrat: Wir haben nur vereinzelt mal Probleme mit erhöhten Werten im Trinkwasser. Die Probleme an anderen Orten und die daraus resultierende gesetzlichen Restriktionen treffen uns dann aber trotzdem.

Kellner : Im Nordwesten gibt es durch die großen Viehhalter damit Probleme. Am Ende heißt es dann aber für alle: Mehr Auflagen, somit noch mehr teurer Technikeinsatz und dadurch noch mehr Strukturwandel.

Strukturwandel - das heißt Höfesterben?
Hübner : Ja. Aus vielen der Forderungen entsteht ein Regelwerk, dessen Umsetzung auf den Höfen Kosten versursacht, die viele kleine Betriebe nicht aufbringen können. Man braucht heute eine Mindestgröße, um überleben zu können. Größe allein ist aber auch kein Selbstläufer.

Umweltministerin Barbara Hendricks hat aktuell vorgeschlagen, landwirtschaftliche Subventionen nach einem Punkte-System zu vergeben, in dem es um Landschaftserhaltung geht. Das müsste den eher  kleinen Betrieben in der Region doch entgegen kommen?
Bartens : Je mehr wir versuchen mit Gesetzen zu steuern, desto schwieriger wird es. Das Ziel unterstützen wir absolut, das Wie aber nicht.

Keller : Wenn man aber für jeder Misthaufen eine Mistplatte für 30.000 oder 50.000 Euro bauen muss, dann führt schon mal dazu, dass es beispielsweise in der Gemeinde Gleichen Ärger gibt, weil der eine seinen Mist abdeckt und der andere nicht. Es muss eine flexible und praktikable Lösungen für kleine und große Höfe her.
Hübner : Man erreicht mit all den höheren Auflagen das Gegenteil von dem was alle wollen: es geben noch mehr kleine Betriebe auf. Wir sind ganz klar für eine bäuerliche Landwirtschaft. Solche Regeln aber sind es, die die Milchviehhalter aufgeben lassen, nicht nur der niedrige Milchpreis.

Es wird ja manchmal gefordert, generell alle landwirtschaftlichen Subventionen abzuschaffen. Wie sehen Sie das?
Kellner : Drüber muss man diskutieren, dann aber für alle europäischen Länder.
Hübner :  Nur etwa ein Drittel der Fläche, die ein Landwirt beackert, gehört ihm noch. Fläche ist eine knappe Ressource. Man muss also aufpassen, dass die Subventionen am Ende nicht dem Eigentümer der Flächen aber nicht mehr dem Bauen, der sich um sie kümmert, zu Gute kommen.

Wievielte Milchbauern haben in den vergangenen zwei, drei Jahren aufgegeben?
Kellner :  Etwa zehn von 120. Im Eichsfeld haben wir noch die kleinen Strukturen, die Landwirte bauen nicht nach jeder neuen Auflage beispielsweise einen Silo neu. Dann ist dort halt Feierabend. Der Bauer geht nicht pleite, der macht solange, bis er nicht mehr kann. Das macht irgendwann keine Spaß mehr. 

Hübner : Bauernhöfe sterben leise. In den vergangenen 15 Jahren hat sich die Zahl der Höfe halbiert.
Bartens : Wenn ein Arbeitgeber mit 1.200 Mitarbeitern, soviele wie im Landkreis in der Landwirtschaft arbeiten, wie die Bauern im Landkreis, die Hälfte entlassen würde, wäre der Aufschrei groß.

Kann man heute überhaupt noch von der Landwirtschaft leben?
Hübner : Selbstverständlich kann man das. Aber der gemischte Kleinbetrieb hat heute keine Perspektive mehr, wenn er nicht erfolgreich Nischen bedient. Die Vorstellung davon kann man ja ganz nett finden, aber wirtschaftlich hält man das nicht einmal im Nebenerwerb aus.

Warum soll man dann noch Landwirt werden?
Hübner : Weil es der schönste Beruf der Welt ist.
Kellner : Mein Neffe übernimmt meinen Betrieb, bei Ralf Bartens ist es der Sohn. Wir leben noch mit den vier Jahreszeiten. Jetzt ist es ein wenig ruhiger aber bald geht es wieder los - mit dem Düngerstreuen. Da freuen wir uns drauf.
Bartens : Eine scharfe Trennung zwischen Arbeit und Freizeit gibt es bei uns nicht.

Warum stellen nicht mehr Landwirte auf Bio um?
Hübner : Weil der Markt nicht da ist. Wir produzieren genau das, was die Verbraucher am nächsten Tag aus dem Supermarkt oder vom Wochenmarkt nach Hause tragen. Und dafür müssen wir uns rechtfertigen? Wenn morgen niemand mehr Schnitzel kauft, dann gibt es in vier Monaten keine Schweine mehr in Deutschland. Man muss einen Markt haben, dann stellen wir gerne um.

Das heißt, wenn die Verbraucher mehr Bio kaufen, produzieren die Bauern mehr Bio?
Hübner : So ist es. Aber es kaufen leider zu wenige und oft auch nur Bioware aus dem Ausland.

Sie haben ja bereits im vergangenen Jahr die Aktion "Redet mit uns" in Göttingen organisiert. Rund 150 Landwirte haben sich damals den Fragen der Bürger gestellt. Welche Kritik prasselt da auf Sie ein?

Bartens : Wir führen dort ganz vernünftige Gespräche, weil die Menschen kommen, die sich für das Thema wirklich interessieren.
Hübner : Eigentlich gibt es erstaunlich wenig Kritik, wir nehmen viel Interesse und Verständnis war. Sobald ein Thema mit einer Person verbunden wird, läuft die Diskussion meist sachlich, anders sieht es aus, wenn allgemein die Landwirtschaft angegriffen wird.

 

Was ist ihr Wunsch für Sonnabend?

Hübner :  Wir wünschen uns, das viele Bauern kommen und vielen Bürgern die passenden Antworten geben können, und eine Versachlichung der Diskussion.

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