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„Wer kein Glyphosat benutzt, muss pflügen“

Thema des Tages „Wer kein Glyphosat benutzt, muss pflügen“

Es gibt viele Unkrautvernichtungsmittel. Über keines wird aber so heftig gestritten wie über Glyphosat. „Wen man Glyphosat verbieten will, müsste man auch Alkohol verbieten“, sagt Landvolk-Chef Achim Hübner. Viele Landwirte lehnen ein Verbot des – auch unter dem Namen „Round-up“ im Gartenmarkt gehandelten – Mittels ab.

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Plädoyer für Glyphosat-Einsatz: Landwirt Gerhard Teichmann und Landvolkchef Achim Hübner stehen im Rapsfeld – mit wenig Unkraut.

Quelle: Heller

Ballenhausen/Göttingen. Gerhard Teichmann bewirtschaftet 325 Hektar Ackerland rund um Ballenhausen. Raps, Rüben, Weizen, Gerste und Ackerbohnen baut er in Betriebsgemeinschaft an. Das besondere: „Wir arbeiten seit 25 Jahren pfluglos“, so der 49-Jährige. Das heißt, der Boden seiner Äcker wird nicht umgepflügt. Das geht nur, weil er Glyphosat einsetzt. „Ohne das Mittel müssten wir den Boden bearbeiten“, sagt er. Bodenbearbeitung, das bedeutet laut Hübner und Teichmann allerdings eine deutlich höhere Erosionsgefahr. Das wiederum heißt: Die Böden können schneller von Regen weggespült werden. „Wir verzeichnen eine große Bodenfruchtbarkeit, das zeigt sich unter anderem in unserem Ertrag und in der großen Regenwurmpopulation“, sagt Teichmann. „Ich kann hier jetzt in den Acker greifen und habe mit Sicherheit einen Wurm in der Hand“, sagt der Landwirt.
Dass Bauern den Einsatz von Glyphosat auf ihren Äckern verteidigen, ist nicht neu. In den vergangenen Wochen war eine hitzige politische Debatte darüber entbrannt, ob der Einsatz des Wirkstoffes Glyphosat in der Landwirtschaft verboten werden soll. Hübner ist der Meinung, dass in dieser Diskussion Risiko und Gefahr nicht auseinander gehalten werden. Es sei bis heute nicht klar, ob Glyphosat krebserregend ist. Sein Vergleich: „Alkohol ist bekanntermaßen  gefährlich, trotzdem setzen sich die meisten Menschen der Gefahr sogar  freiwillig aus.“ Und: „Wer ein solch ungefährliches Mittel verbieten will, müsste alle anderen Herbizide auch verbieten.“

Pflanzenschutzmittel.

Pflanzenschutzmittel.

Quelle: Heller

Teichmann hat in diesem Jahr etwa die Hälfte seiner Flächen mit Glyphosat behandelt. Das Mittel vernichtet alle Unkräuter, deshalb muss der Boden nach der Ernte nicht umgepflügt, sondern nur oberflächlich behandelt werden – durch so genanntes Grubbern. In Südniedersachsen sind es vor allem Quecke, Trespe und andere Gräser, die die Ernte  gefährden. Landwirte bekämpfen Unkraut zum einen mit Glyphosat, das in der Regel dann gespritzt wird, wenn die Äcker abgeerntet sind, es wird auf den Stoppelfeldern ausgebracht. Die frische Saat kann dann anschließend im Idealfall ohne Beeinträchtigung wachsen. Zudem werden punktuell Unkräuter im Bestand – die Bauern sprechen von „Nestern“ – damit bekämpft. Zum anderen setzen sie je nach Art der Unkräuter auch andere Herbizide ein.
Zugelassen sei ein Verbrauch von vier Litern Glyphosat pro Hektar Anbaufläche pro Jahr. „Wir verbrauchen im Durchschnitt aber nur einen Liter“, sagt Teichmann. Mal müsse man gar nicht, mal aber mit starkem Herbizideinsatz  gegen Unkräuter vorgehen. Aber: „Wir gehen nur dorthin, wo wir müssen“, sagt er. Das Argument, Glyphosat schade der Biodiversität, kann er nicht nachvollziehen. „Ja, es vernichtet Unkraut“, sagt er. Das aber mache der Pflug auch. Vorteil des Spritzmittels: Bodenbrüter und Regenwürmer beispielsweise würden geschont.  Denn: „Wer kein Glyphosat benutzt, muss pflügen“.
Einen Einsatz von Round-Up  in der Sikkation lehnen die beiden Landwirte ab. Sikkation ist eine Methode, bei der das Mittel eingesetzt wird, um die Pflanzen abzutöten und damit die Reife zu beschleunigen. Eine weitere  Begrenzung der Mengen oder der Gebiete halten sie für schwierig, die Auflagen seien streng genug. Generell, so Hübner, sei man aber jederzeit gesprächsbereit, um einen Kompromiss zu finden.

Glyphosat

Glyphosat ist der weltweit am meisten eingesetzte Wirkstoff in Pflanzenschutzmitteln. In der Landwirtschaft und im Gartenbau wird es vor der Aussaat zur Unkrautbekämpfung verwendet, in Deutschland auf rund 40 Prozent der Felder. Dem Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit zufolge wurden 2014 in der Bundesrepublik 5426 Tonnen des Wirkstoffs verkauft, davon 95 Tonnen an Privatpersonen. Dabei werden Glyphosat oft noch andere Stoffe beigemischt. Diese sind nach Einschätzung des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) zum Teil giftiger als das Glyphosat selbst. Glyphosat steht im Verdacht, krebserregend zu sein; allerdings sind die Forschungsergebnisse unter Experten umstritten. Zuletzt fanden sich in einer Studie zweier UN-Organisationen keine Hinweise darauf, dass Glyphosat bei der Nahrungsaufnahme zu genetischen Zellveränderungen führt. dpa

Entscheidung der EU am Montag

Das umstrittene Pflanzenschutzmittel Glyphosat soll in Europa vorläufig für zwölf bis 18 Monate weiter zugelassen werden. Einen entsprechenden Vorschlag will die EU-Kommission am Montag vorlegen. Während des vorgeschlagenen Zeitraums von zwölf bis 18 Monaten soll die Europäische Chemikalienagentur (ECHA) eine Studie abschließen, die Aufschluss über mögliche Gefahren von Glyphosat geben soll. Deutschland wird bei der EU-Abstimmung über die weitere Zulassung des umstrittenen Pflanzenschutzmittels Glyphosat keine Meinung abgeben. Es sei der Bundesregierung „bislang nicht gelungen, eine gemeinsame Position zu entwickeln“, so Regierungssprecher Steffen Seibert am Freitag. In der Bundesregierung ist das Thema seit Langem umstritten Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) ist für die Weiterzulassung, Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) ist dagegen. dpa

Kritik von Minister Wenzel

Stefan Wenzel

Stefan Wenzel

Quelle: dpa

Stefan Wenzel (Grüne), Umweltminister in Niedersachsen, bewertet die erneute Verlängerung der Glyphosat-Anwendung kritisch. „Man kann nicht solange abstimmen lassen bis das Ergebnis passt“, kommentiert der Umweltminister die Ankündigung der EU-Kommission, erneut eine befristete Verlängerung der Zulassung vorzuschlagen. Die Zulassung wäre eigentlich bereits 2012 ausgelaufen. Jetzt solle zum dritten Mal eine befristete Verlängerung erfolgen, obwohl die Zulassung hoch umstritten sei. Seiner Meinung nach spreche der Vorsorgegrundsatz gegen eine erneute Zulassung des Wirkstoffs. „Die Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC) der WHO stufte das Mittel als wahrscheinlich krebserregend ein“, so Wenzel gegenüber dem Tageblatt. Zudem gebe es Hinweise auf Auslösung von Dysbiose, die die Darmflora und die Immunabwehr beeinflusst, sowie auf teratogene und damit embryonenschädigende Wirkungen. bib

Agrarwissenschaftler für Einschränkung

Horst-Henning Steinmann

Horst-Henning Steinmann

Quelle: Heller

Wissenschaftler der Universität Göttingen haben sich jetzt in einem Papier für die weitere Nutzung von Glyphosat in der Landwirtschaft ausgesprochen. Sie empfehlen aber, nach Einschränkungs-Möglichkeiten zu suchen. „Diese Diskussion müssen wir jetzt führen“, sagt Dr. Horst-Henning Steinmann vom Zentrum für Biodiversität und nachhaltige Landnutzung der Uni.
Ende Mai 2016 haben sich Wissenschaftler in der Uni Göttingen getroffen, um einen möglichen Weg im Umgang mit Glyphosat aufzuzeichnen. Teilnehmer waren Biodiversitätsforscher, Agrarökonomen  sowie Pflanzen- und Bodenwissenschaftler. „Die Bewertung toxikologischer Fragen war nicht Gegenstand des Workshops“, erklärt Steinmann.
Laut Steinmann lautete die Kernfrage: „Wie geht es mit weniger Glyphosat?“ Seiner Meinung nach müssen die Landwirte jetzt das Signal geben, dass sie bereit sind, mit weniger Spritzmittel auszukommen“, sagt Steinmann. In den vergangenen Jahren sei der Verbrauch an Glyphosat gestiegen. Zwar sei der Einsatz an sich sinnvoll, über Details aber müsse man noch diskutieren.
Die Wissenschaftler haben am Freitag ein 29-Punkte-Papier vorgelegt, in dem sie diverse Methoden zur Diskussion stellen. Im Kern sprechen sie sich für einen Methodenmix aus, um Glyphosat zulassungsfähig zu erhalten.
Forderungen, den Einsatz von Glyphosat zu reduzieren, seien bisher von Seiten der Landwirtschaft zurückgewiesen worden, schreiben Steinmann und seine Mitautoren Prof. Ludwig Theuvsen (Universität Göttingen) und Prof. Bärbel Gerowitt (Rostock). Als Instrumente der Mengenbegrenzung nennen sie eine Besteuerung von Pflanzenschutzmitteln, Einschränkungen von Anwendungsgebieten sowie die Anlage von Kompensationsflächen zum Ausgleich für Beeinträchtigungen der Biodiversität.
Gegen die Steueridee spricht aus Sicht der Autoren, dass sie nicht auf Glyphosat beschränkt werden kann. Die Idee der Kompensationsflächen möchten die Forscher weiter verfolgen. Bei den Anwendungsgebieten Nachernte (Stoppel), Vorsaat und Sikkation kommen sie zu dem Schluss, dass eine Abschaffung der Sikkation am ehesten vertretbar sei.
Bei der Stoppelanwendung, wo das meiste Glyphosat ausgebracht wird, könnten Einschränkungen helfen. „Anwendungen, die lediglich der Arbeitsorganisation dienen, müssen strikter als bisher unterbunden werden“, so die Wissenschaftler. Die Vorsaatanwendungen hingegen bewerten sie als  nützlich für den erosionsschonenden Anbau. Dieser Nutzen solle erhalten bleiben.
„Die Forderung nach Flächen, die der Kompensation von Verlusten bei der biologischen Vielfalt dienen, ist mittlerweile untrennbar mit der Wiederzulassung des Wirkstoffs verbunden“, sagt Steinmann. Die Landwirte sollten nach Ansicht der Forscher der Diskussion, beispielsweise um Ausgleichsflächen, weniger skeptisch entgegensehen. Es seien aber noch zahlreiche Fragen ungeklärt. bib

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