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Leiser Abschied für den Kostenlos-Mann

Thema des Tages Leiser Abschied für den Kostenlos-Mann

Bilstein geht, Kossert kommt – die Wirtschaftsförderung in Hann. Münden hat ein neues Gesicht. Doch was haben zweieinhalb Jahre Bilstein gebracht? Und warum ist der Mann ein solches Politikum in der Dreiflüssestadt?

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Rolf Bilstein und sein „Baby“ – die alte Weserumschlagstelle. Kommt irgendwann ein neuer Hafen samt Montagehalle, ist das Bilsteins Verdienst.

Quelle: Pförtner

Hann. Münden. Wann bekommt schon einmal eine Stadt einen Wirtschaftsförderer geschenkt? Mitte 2013 begann Rolf Bilstein als Geschäftsführer der städtischen Weserumschlagstelle Hann. Münden Wirtschaftsförderungs- und Stadtmarketing GmbH (WWS) – ehrenamtlich. Nun geht er und hinterlässt ein schwieriges Erbe.

Rolf Bilstein ist eigentlich geschäftsführender Gesellschafter der DOS Software-Systeme GmbH, die er 1987 in Hann. Münden gegründet hat.

Als er ein Konzept für eine neue Wirtschaftsförderung präsentierte, wurde er gefragt, ob er sich nicht auch die Umsetzung der Ideen vorstellen könne. Bilstein sagte zu. Zwar war und ist er SPD-Mitglied, „für Engagement in der Politik hatte ich als Unternehmer aber bis dahin keine Zeit.“

Das änderte sich gänzlich, denn Bilstein wurde Vollzeit-Wirtschaftsförderer – zum Nulltarif, denn ein Gehalt wollte er nicht. Wenn man für eine solche Geschäftsführerstelle von vielleicht 3000 Euro brutto ausgeht – ein willkürlich gewählter Wert –, dann hat er in seiner zweieinhalbjährigen Amtszeit der Stadt rund 100000 Euro „geschenkt“.

Gleichzeitig stieß er eine Vielzahl von Ideen an: Vernetzung von Unternehmern, Einzelhandel und Politik an runden Tischen, Innenstadtaktivitäten, Einkaufsportal Münden24, Freifunk, Einzelhandelskonzept, Mobilitätskonzept, Leerstandsregister, Wirtschaftsscouting, die Herauslösung städtischer Betriebe aus der Verwaltung, wie etwa die Umwandlung der WWS in eine GmbH, und die Weiterentwicklung der Weserumschlagstelle zum Schwergutterminal.

Gerade letzteres ist ein Projekt von großer Tragweite, nicht nur in seiner Bedeutung für Münden – Bilstein baute auch Verbindungen nach Kassel und Göttingen auf, um gemeinsam das Projekt voranzutreiben, und machte so Münden überregional sichtbarer.

„Bilstein hat die Umschlagstelle aus dem Dornröschenschlaf wachgeküsst. Daraus hat er die Idee des Schwergutterminals entwickelt“, meint Detlev Barth. Und auch sonst sieht der Wirtschaftsförderer des Landkreises Göttingen viele gute Ansätze in den Aktivitäten, die die WWS inzwischen entfaltet hat. Leistungen, die auch Mündens Bürgermeister Harald Wegener (Bürgerforum Münden) anerkennt.

Und doch reicht es nicht für einen feuchten Händedruck: „Der Wunsch nach einer offiziellen Verabschiedung und Danksagung ist nicht an mich herangetragen worden“, so Wegener. „Ich werde in der Hinsicht nicht tätig.“

„Ich bedauere, dass es keine offizielle Verabschiedung gibt“, sagt Mündens stellvertretender Bürgermeister Günter Fraatz (SPD), der seinerseits im Herbst Bilstein ein kleines persönliches Dankeschön übergab. „Ich hätte es mir gewünscht und er hätte es auch verdient, selbst wenn man in der Sache anderer Meinung ist.“

Deutlich wird: Egal, mit wem man in Münden spricht, die Personalie Bilstein ist ein Politikum, selbst jetzt noch, nachdem er Ende 2015 als Geschäftsführer der WWS ausgeschieden ist. Warum? „Bilstein hat bei seinen Aktionen immer die Politik mit einbezogen“, sagt Fraatz. „Das ist das eine. Aber wenn er in seiner Firma Prozesse in Gang setzt, geht das schneller. Politik jedoch ist langsam und sie besteht nicht nur aus Freunden, sondern auch aus Bedenkenträgern.“

Langsamkeit, das ist auch für Bilstein das Stichwort. Unmittelbar nach seiner Bestellung zum Geschäftsführer initiierte er ein neues Einzelhandelskonzept – erst Ende 2015 wurde beschlossen, es in Auftrag zu geben. Oder schnellere Entscheidungsstrukturen für die WWS:

Seit anderthalb Jahren gebe es einen Ratsbeschluss, einen Vorstand zu installieren und damit Verwaltungsausschuss und Vertreterversammlung zu ersetzen – umgesetzt ist er indes noch nicht. „Geschwindigkeit ist heute entscheidend“, meint Bilstein. „Vielleicht bin ich auch zu ungeduldig. Aber in der Wirtschaft laufen die Dinge anders. Da muss man sich anpassen.“

Die Frage, die sich stellt, ist: Wie geht es weiter? Viele Ideen sind in der Mündener Welt, vieles ist angeschoben, doch was daraus wird, hängt auch am politischen Willen, den eingeschlagenen Weg weiterzugehen. „Die Veränderungen waren notwendig. Andere Städte sind so verfahren und wir haben nachgezogen“, so Bilstein.

„Wenn man neue Wege geht, dann funktioniert das nicht ohne Ecken und Kanten. Dass man dadurch einer besonderen Kritik ausgesetzt ist, muss man aushalten. Mein Vorteil war: Ich hatte keine Abhängigkeiten, die Arbeit hat mir Spaß gemacht. Und nun habe ich persönliche Pläne. Im Februar beginnt meine Weltreise.“

Der lange Atem

Welche Themen sind 2016 für die WWS wichtig?
Das größte Thema ist das Schwergutterminal. Da stehen wir in engem Kontakt mit den Wirtschaftsförderungen aus Göttingen und Kassel. Die sehr guten Gespräche der letzten Zeit wollen wir weiter voranbringen und uns auch mit dem Wirtschaftsministerium zusammensetzen. Mit dem Terminal einher geht die Wiederbelebung der Weserumschlagstelle. Wir haben schon relativ viele Interessenten, die ihre Waren in Münden umschlagen wollen, derzeit aber noch mit einem mobilen Kran und hohen Kosten.

Und an kleineren Aufgaben?
Da gibt es vieles, das wir angestoßen haben. Darunter das Einzelhandelskonzept für Münden, das jetzt in Auftrag gegeben worden ist, um gegen den Leerstand zu kämpfen. Es gab viele Aktionen – etwa Dekorationsseminare für Schaufenster, Verpackungsseminare zu Weihnachten –, mit denen wir  die Einzelhändler vor Ort unterstützen. Das möchte ich fortführen sowie aktiver in die Bewerbung des Standorts zu gehen.

Was sind in Ihren Augen die Erfolge der WWS?
Einer der wichtigsten, und gleichzeitig das große Verdienst von Rolf Bilstein, ist die Vernetzung. Wir haben beim Schwergutterminal mit Kassel und Göttingen als Region zusammengearbeitet, das hat es nach meiner Kenntnis vorher noch nicht gegeben. Wirtschaftsförderung wird jetzt als eine regionale Aufgabe angesehen, die nicht vor Landesgrenzen halt macht. Aber auch Sachen, die Bilstein mehr oder weniger im Vorbeigehen gemacht hat, etwa die Freifunkinitiative seit Mitte 2015. Da ist er vorgeprescht, hat gesagt, wir brauchen das in Münden, hat selbst ein paar W-LAN-Punkte eingerichtet und jetzt ist das ein Selbstläufer. Ebenso das Leerstandskataster, mit dem ein Problembewusstsein geschaffen wurde. Viele Entwicklungen sind angelegt, man braucht aber auch einen langen Atem, weswegen wir die Früchte der Arbeit erst in ein paar Jahren ernten werden.

Kommentar: Querkopf? Glücksfall!

▶Die Kulturen in Wirtschaft und Politik könnten unterschiedlicher nicht sein: Schnelle Entscheidungen und ein hoher Wettbewerb auf der einen Seite – Ochsentour durch die Parteien und endlose Sitzungen auf der anderen.
Was passiert, wenn diese beiden Welten frontal zusammenstoßen, ließ sich in den vergangenen zweieinhalb Jahren in Hann. Münden beobachten. Auf der einen Seite die in 13 Jahren Amtszeit eingefahrenen Wege der Kommunalpolitik unter Bürgermeister Klaus Burhenne, auf der anderen Seite ein erfolgreicher Unternehmer, der mit einem Höchstmaß an finanzieller und persönlicher Unabhängigkeit sowie einem gerüttelt Maß an Lebenserfahrung seine Vorstellung davon umsetzte, wie „Wirtschaftsförderung heute“ zum Nutzen der Stadt auszusehen hat.
Dass dies in einem Takt passierte, der deutlich schneller als die Politik war, verwundert nicht; ebenso, dass sich Bilstein mit seiner robusten Art wenig Freunde in der Politik machte – dass er so lange durchgehalten hat und sogar von sich aus länger amtierte, vielleicht schon eher. Für Münden dürfte sich das mittelfristig als echter Glücksfall entpuppen, denn Bilstein hat es geschafft, verkrustete Strukturen aufzubrechen, neue Ideen zu säen und einen Prozess in Gang zu bringen, der überfällig war. Wie groß ist die Chance, dass jemand anderes das geschafft hätte?

Von Sven Grünewald

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