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Von Flaschenpfand bis Fit-for-Pisa

Litfin-Stiftung Von Flaschenpfand bis Fit-for-Pisa

Seit zehn Jahren engagieren sich Susanne und Gerd Litfin ehrenamtlich für ihre Stiftung. Das Ziel ist die langfristige Wirkung.

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Litfin-Stiftung förderte Fit-für-Pisa zum Start.

Quelle: Hinzmann

Göttingen.  Musikunterricht für traumatisierte Kinder liegt ihnen ebenso am Herzen wie die Aufarbeitung der Händel-Geschichte in Göttingen: Susanne und Gerd Litfin könnten sich längst zurücklehnen und es sich gut gehen lassen. Sie aber stecken viel Energie in ihre Stiftung. Die Litfin-Stiftung wird zehn Jahre alt. Rund eine halbe Million Euro sind in dieser Zeit in 107 gemeinnützige Projekte geflossen.

Lange ehrenamtlich aktiv

Es gibt wenig, wo sich die beiden nicht engagieren oder engagiert haben. Ob Palliativarbeit, Helmholtz-Gesellschaft, Max-Planck-Institute, das X-Lab, die Händel-Gesellschaft, Kirche, Schule  oder die Gründung der Fachhochschule Göttingen.  "Uns ist es immer gut gegangen, wir wollen etwas zurückgeben", sagt Susanne Litfin. 2006, im Jahr bevor die Stiftung ihre Arbeit aufnahm, verkauften Gerd Litfin und seine Familie als Hauptaktionäre ihre Aktienpakete an seiner Firma Linos (vormals Spindler&Hoyer). Das geschah im Zuge der Übernahme durch die  Qioptiq Group . Die Firma hatte damals 760 Mitarbeiter und setzte nahezu 90 Millionen Euro jährlich um. "Wir waren schon lange vorher ehrenamtlich aktiv", so die Litfins.  

Initiativpreis

Die Susanne und Gerd Litfin Stiftung hat im vergangenen Jahr zum ersten Mal  einen Preis ausgelobt, mit dem  “neu ins Leben gerufene Initiativen mit nachhaltiger Wirkung im südniedersächsischen Raum”  ausgezeichnet werden. Er ist mit 5000 Euro und einer Bronzeskulptur dotiert.  Vorschläge nimmt der Vorstand der Litfin-Stiftung entgegen. Selbstvorschläge sind nicht möglich. Die Jury besteht aus dem Oberbürgermeister der Stadt Göttingen und dem Landrat des Landkreises Göttingen sowie den Kuratoren der Litfin Stiftung. Der Preis wird im Wechsel während des Jahresempfangs der Stadt Göttingen und dem des  Landkreises verliehen. 2017 wurde der Initiativpreis beim Jahresempfang des Landkreises an Wolfgang Brunk, Vorsitzender des Vereins  „Wiechert’sche Erdbebenwarte Göttingen überreicht.

Vier Fördersäulen hat ihre  Stiftung: Wissenschaft und Forschung, Kunst und Kultur, Bildung und Erziehung sowie Kirche und Sozialeinrichtungen. Sport, so sagt das ehemalige Unternehmer-Ehepaar, werde bereits von vielen anderen Organisationen unterstützt.

"Nachhaltigkeit" sei ihnen wichtig, sagt der Physik-Professor Gerd Litfin. Nachhaltigkeit- ein Wort, das häufig bemüht wird. Hier aber wird klar, was Nachhaltigkeit im besten Sinne bedeutet. Ein Beispiel: "BonBons".  Das sind die Kästen, die neben den Flaschenpfand-Automaten in einigen Göttinger Supermärkten wie Real, Edeka und Tegut hängen. In diese Boxen können Kunden ihren Pfandbons stecken und damit den Betrag für benachteiligte Menschen in Göttingen spenden. “Wir haben als Anschub 1292 Euro für den Bau der Boxen zur Verfügung gestellt”, erzählt Susanne Litfin. Das Geld dafür konnten die Initiatoren der Göttinger Tafel und des Tagessatzes nicht aufbringen. Sie stellten einen Antrag bei der Stiftung, der gerne bewilligt wurde. Von dem Geld konnten die Boxen in der Jugendanstalt Leineberg gebaut werden. Eine kleine, einmalige Investition. Im vergangenen Jahr sind in den Boxen mehr als 10 000 Euro zusammengekommen.

Musikunterricht für traumatisierte Jugendliche

Vieles, was die Litfin-Stiftung angeschoben hat, läuft heute von allein. Denn das ist erklärtes Ziel der Förderung. Es ist die langfristige Wirkung, die die Stiftungs-Gründer glücklich macht. “Wir fördern in der Regel nicht länger als drei Jahre”, sagt Susanne Litfin. “Dann ist in der Schluss und das Projekt sollte selbstständig weiter bestehen.” Nur ganz selten hilft die Stiftung länger. Musikunterricht für traumatisierte Jugendliche ist solch ein Beispiel. Susanne Litfin berichtet von Kindern und Jugendlichen, die im Psychagogischen Kinderheim Rittmarshausen betreut werden.
Von benachteiligten, kranken Kindern, die nicht einmal mehr sprechen konnten und durch den musikalischen Unterricht ein Stück ins Leben zurück fanden. “Wenn solch ein Jugendlicher dann auf der Bühne steht und musiziert, das ist doch unbezahlbar”, sagt die Vorsitzende. Der Unterricht sei nicht teuer, werde aber dennoch nicht als Leistung von den Krankenkassen übernommen. Hier hilft die Stiftung gemeinsam mit dem Rotary-Club.

Plattform im Netz

“Es gibt viele kreative und innovative Projekte, die es wert sind, gefördert zu werden. Deshalb haben wir für alle ideenreichen und kreativen Menschen die Internet-Plattform ‘Impulse für Göttingen” eingerichtet”, so Susanne Litfin. Dort können sich gemeinnützigen Projekte aus dem Bereich Göttingen vorstellen und um Unterstützung werben. Wer helfen möchte, kann sich dort gezielt ein Projekt aussuchen, das man unterstützen kann. “Wir sind überzeugt, dass es gelingen wird, der Stadt und Region Göttingen damit  Impulse zu geben”, so Litfin.  Ein aktuelles Projekt ist beispielsweise die Finanzierung von Skulpturen-Sockeln für die Brüder-Grimm-Schule. Mehr als 800 der benötigten 1060 Euro sind dort bereits zusammengekommen.

www.impulse-fuer-goettingen.de

Die Liste der unterstützten Arbeiten ist lang - 107 sind es. Manchmal sind es Kleinigkeiten, manchmal etwas größere Anliegen, über deren Finanzierung die Stiftung entscheidet. “Wir versuchen im Kuratorium immer, einstimmig über die Anträge zu beschließen”, sagt Gerd Litfin. Das gelinge häufig. Neue Anträge für weitere Projekte werden sehr gerne gesehen. “Wir haben meist eine recht einheitliche Sicht auf die Dinge”, sagt der 69-jährige Wissenschaftler.

Wenn es Zweifel oder Fragen bei einer Entscheidung gibt, dann finde sich immer ein Kurator, der das direkte Gespräch mit den Antragstellern sucht, hingeht, sich informiert.  “Wir schauen gerne nach”, sagt er.  Auch deshalb  hilft die Stiftung vor allem in und um Göttingen herum. Eine Ausnahme: Über den Verein  Lichtblick wurden die Litfins auf eine Idee aufmerksam gemacht. In Südafrika hatte sich ein Pastor in den Kopf gesetzt, zehn Familien aus einem Slum heraus und  in kleinen, neuen Häusern unter zu bringen. Die Stiftung half. Das Foto vom  “Göttinger Haus” in Südafrika freute sie sehr.

"Göttinger Haus" in Südafrika

Quelle: r

Dennoch: “Unser Schwerpunkt ist die Stadt Göttingen”, sagen die Litfins.  Denn: “Wir leben gerne hier”, so die gebürtigen Hannoveraner. Die ganze Familie steht hinter der Stiftung, die Töchter arbeiten ebenfalls ehrenamtlich im Vorstand. Und den Erfolg des Projekts “Fit-for-Pisa+”, das die Stiftung unterstützte, könne sie an den eigenen Enkeln beobachten. “Alle Schüler lernen damit besser”, sagt Gerd Litfin. Heute wird es vom ASC fortführt. “Ein wunderbares Projekt”, sagt Susanne Litfin.

Mehr Informationen: www.litfin-stiftung.de

Die Stiftung

Die Susanne und Gerd Litfin Stiftung wurde im Dezember 2006 gegründet, 2007 nahm sie ihre Arbeit auf. im Vorstand arbeiten Susanne Litfin (Vorsitzende) , Julia Schomburg und Claudia Neu. Im Kuratorium, dem Prof. Gerd Litfin vorsitzt, sind Prof. Jens Frahm, Dr. Martin Gehrold,  Dr. Thomas Häntsch und Dr. Martin Rudolph aktiv.

Auf den Spuren der Händel-Festspiele

Göttingen. Die Göttinger  Händel-Festspiele sind  weltweit das älteste Musikfestival. Sie finden seit 1920 jährlich in Göttingen statt. Die Geschichte der Festspiele indes ist nicht wirklich erforscht und dokumentiert. Auch hier hilft die Litfin-Stiftung - sie finanziert den Arbeitsplatz einer Historikerin. Rund 60 000 Dokumente zur Geschichte der Händel-Festspiele in Göttingen schlummern unter anderem im Göttinger Stadtarchiv. Darunter Fotos, Briefwechsel, Plakate, Programmhefte aus den 30er und 40er Jahren.

Förderung für Händel

Quelle: r

Nun werden die zeitgeschichtlichen Stücke ausgewertet. Sie Litfin-Stiftung finanziert die Stelle der Historikerin und Archivarin Petra Vintová für die Göttinger Händel-Gesellschaft. “Das ist eine wirklich tolle Sache”, sagt Tobias Wolff, Geschäftsführer der Händel-Gesellschaft. Die Litfin-Stiftung habe den Anschub gegeben, jetzt seit auch die Stiftung Niedersachsen bei der Finanzierung mit im Boot. Ganz so, wie es dem Gedanken der Litfin-Stiftung entspricht. Wolff hofft nun, weitere Partner für eine längerfristige Finanzierung zu finden, damit aus den jährlichen Bewilligungen der Stelle etwas längerfristiges entstehen kann.

Ein Großteil der Dokumente stammt aus dem Nachlass von Walter Meyerhoff, der die Händelfestspiele von 1936 bis 1978 leitete. “Wir wollen diesen Schatz erschließen, auswerten und der Öffentlichkeit zugänglich machen”, sagt Wolff. Auch eine Digitalisierung der Dokumente ist geplant. Nach der Initialzündung durch die Litfin-Stiftung will Wolff nun einen Großantrag für eine drei-Jahres-Förderung bei Stiftungen stellen. Im Jahr 2020 feiern die Händel-Festspiele 100-jähriges Bestehen.

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