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Baustelle Rote Straße

Lob für die Bauarbeiter Baustelle Rote Straße

Seit Anfang Mai wird die Rote Straße in Göttingen umgestaltet. Noch bis Ende des Jahres sollen die Bauarbeiten andauern. Lärm, Staub, Absperrungen. Einige Geschäftsleute verzeichnen Umsatzeinbußen - dennoch loben viele Geschäftsleute die Zusammenarbeit mit den Bauarbeitern. Aber: Es fallen 14 Parkplätze weg.

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Ein Teil der Baustelle in der Roten Straße wird auch schon mal als Fahrradparkplatz genutzt.

Quelle: Hinzmann

Marie Ahrens vom Kinderkleidungs-Geschäft Sperling ist genervt. „Die Laufkundschaft bleibt aus“, sagt sie. Vor allem zu Beginn der Bauarbeiten habe es eine rund zweiwöchige Phase gegeben, die „sehr belastend“ war. Sie zeigt Bilder auf ihrem Handy, auf denen Bagger und andere große Baufahrzeuge quasi in ihrem Eingang zu sehen sind. „Mütter mit Kinderwagen oder kleinen Kindern kamen da nicht mehr durch“, sagt sie. Die Bauarbeiter aber seien immer kooperativ gewesen. Wöchentlich gibt es Dienstagmorgens eine Baustellenrunde für Anlieger. Als sie ihr Problem dort vorgebracht habe, sei es besser geworden. Dennoch: „Wir haben schon große Umsatzeinbußen“, sagt sie. Immerhin gehe es voran. „Jetzt ist es schon fast paradiesisch“, sagt Ahrens und lächelt. Vor ihrem Eingang sind Markierungen auf den Asphalt gemalt. Eine Markierung zeigt an, wie breit der Gehweg nach dem Umbau ist - deutlich breiter. Ein roter Kreis mit einem „B“ darin steht dafür, dass dort ein Baum gepflanzt wird. Ahrens war eine der Anliegerinnen, die, wie andere Bewohner und Gewerbetreibende auch, mehr Parkplätze am Straßenrand für ihre Kunden erhalten wollten. Vor dem Umbau waren es 24 Plätze am östlichen Teil der Roten Straße. Nach dem Umbau werden es  noch zehn sein. Das hätten die Betroffenen auch in der Bürgerbeteiligungsrunde deutlich gesagt. Dass das nicht berücksichtigt wurde, sei „eine Farce“.
Starker Andrang gegen 17 Uhr
Andreas Götz, Inhaber es Geschäfts „Frohnatour“ hat eine andere Beobachtung gemacht: „Das Geschäft verlagert sich in die späten Nachmittagsstunden“, sagt er. Tagsüber, wenn die Bagger rollen, kämen weniger Kunden. Wenn die Baustelle ruht, gegen 16/17 Uhr, verzeichnet er einen stärkeren Andrang. Einen echten Vergleich zu anderen Jahren kann er nicht ziehen, das Geschäft ist erst seit zwei Jahren unter dieser Adresse zu finden. Wenn allerdings Fahrzeuge direkt vor seiner Ladentür abgestellt werden und die Kunden nicht mehr durchkommen, sei das ärgerlich. Ebenso ärgert ihn, dass er vom Beginn der Bauarbeiten überrascht wurde, „wir wurden über den Start nicht informiert“, sagt er. Eines ist Götz wichtig: „Die Bauarbeiten müssen bis zum Weihnachtsgeschäft abgeschlossen sein“.
Auf der gegenüberliegenden Straßenseite hat Birgit Leberecht ihren Friseursalon. Ihr bereitet die Baustelle weniger Ärger als gedacht. „Ich bin sehr lärmempfindlich und hätte mit Schlimmeren gerechnet“, sagt die Friseurin. Dadurch, dass sie zwei Türen und Doppelverglasung in ihrem Salon hat, sei alles halb so schlimm. Und die Kunden? „Das klingt jetzt vielleicht merkwürdig, aber ich habe eher mehr zu tun“, sagt sie. Vielleicht liege das daran, dass die Leute jetzt langsamer durch die Straße gehen und eher auf den kleinen „Schnittkunst“-Laden aufmerksam werden. Auch Leberecht ärgert sich aber darüber, dass ihr Votum in der Bürgerbeteiligung gar keine Rolle gespielt habe. „Wir Geschäftsleute waren uns hier doch alle einig, dass 17 Parkplätze erhalten bleiben sollen“, sagt sie. Wozu solch eine Bürgerbeteiligung gut sei, wenn man doch ignoriert werde, sei fraglich.
Laufkundschaft bleibt aus
In der Boutique Überhaupt wird bereits mit „Baustellen-Sale“ auf der Schaufensterscheibe geworben. Mitarbeiterin Anke Thormann hofft, dass die Rote Straße nach dem Umbau „richtig schön“ wird. In dem Geschäft sei  es allerdings zur Zeit deutlich ruhiger als sonst. Auch sie berichtet davon, dass die Laufkundschaft ausbleibe. Ein Blick am späten Nachmittag auf die Straße unterstreicht ist das. Während im westlichen Abschnitt der Straße allerhand Menschen bummeln herrscht jenseits der Baustelle Besucherflaute. „Die Leute, die an der Stadthalle parken und sonst bei uns vorbei kommen, die suchen sich jetzt einen anderen Weg“, sagt Thormann. Auch sie bedauert den Wegfall der Parkplätze. „Wir stehen ja in Konkurrenz zum Internethandel, da wäre es schon gut, wenn die Kunden uns auch mit dem Auto erreichen können“. Angesichts der geplanten Fahrradständer an der Straße vor dem Laden ist sie skeptisch. Dennoch hofft sie, das auch das Modegeschäft am Ende von der Umgestaltung der Straße profitiert.
„Ich kann gar nicht viel kritisieren“, sagt Ines Pieper vom Modegeschäft Piepers‘s Vintage. Natürlich sei es staubig und laut und dreckig, aber das sei normal. „Die Bauarbeiter sind unglaublich kooperativ, stellen Zäune für uns um und helfen, wo sie können“, sagt die Geschäftsfrau. Viele ihrer Kunden aber kommen und wollen trotzdem oder gerade wegen der Baustelle kaufen, so ihre Einschätzung. Das habe auch ihr Nachbar, der Kioskbetreiber beobachtet. Ihre Kritik ist die der meisten Geschäftsleute an der Roten Straße: „Zehn Parkplätze sind definitiv zu wenig“. Auch sie hatte für die 17-Stellplätze-Variante gestimmt.
Ganz entspannt betrachtet Thomas Dabergott die Bauarbeiten. Auf dem Umsatz in seinem Café Dabi haben sie sich bislang kaum ausgewirkt. Dabergott freut sich darauf, dass die Straße nach den Umbauarbeiten schöner wird. Es selbst habe sich für eine shared-space-Lösung ausgesprochen, ein Verkehrskonzept also, bei dem alle Verkehrsteilnehmer gleichberechtigt aufeinander Rücksicht nehmen müssen. Der Cafébetreiber findet es „erstaunlich“, dass trotz der Baustelle noch so viele Leute durch die Rote Straße kämen. Mehr Parkplätze hält er nicht für nötig. „Wir wollen ja nicht das Auto-Klo der Weender Straße werden.“
Anwohnerin Iris Quentin ärgert sich besonders über rücksichtslose Rad- und Autofahrer. „Während der Bauarbeiten fahren die Radfahrer Slalom um die Absperrgitter, Fußgänger stellen diese abends um, damit sie kürzere Wege gehen können und Autofahrer ignorieren das Durchfahrt-verboten-Schild“, beobachtet die Göttingerin. Abends und am Wochenende werde sogar in der Baustelle geparkt. Auch die Umleitung durch die Mauerstraße werde genutzt, das Halteverbot aber ignoriert. „Für Fußgänger kann das lebensgefährlich werden, wenn sie auf der Straße gehen müssen“, so Quentin.

So wird gebaut

Der Teilabschnitt der Roten Straße zwischen Jüdenstraße und Burgstraße soll nach seiner Fertigstellung mehr Aufenthaltsqualität bieten. Dazu wird die Fahrbahn auf 3,5 Meter und die Anzahl der Parkplätze auf zehn begrenzt. Für 44 Fahrräder solle es auf gesamter Länge mehrere Abstellmöglichkeiten geben. Der größte Bereich beidseitig der Fahrbahn gehört den Fußgängern. Fünf Bäume säumen künftig den Straßenverlauf.
 Nach den Vorstellungen der Planer soll die Blickachse aus der Innenstadt in Richtung Nord-Ost über die Straße auf die Freifläche im oberen Bereich der Roten Straße fallen. Hier weist der Plan eine Freifläche für Events aus. Außerdem soll dem dort gelegenen Café mehr Platz für Außengastronomie eingeräumt werden. Sitzgelegenheiten außerhalb dieses Bereichs soll es nicht geben. Stattdessen war die Installation von sogenannten Anlehnmöglichkeiten diskutiert worden.
 Begonnen haben die Arbeiten bereits am 2. Mai mit der Erneuerung der Schmutzwassergrundstücksanschlüsse und der Sanierung des Schmutzwasserhauptkanals  durch die Göttinger Entsorgungbetriebe (GEB). Anschließend wird der Regenwasserhauptkanal neu verlegt. Diese Arbeiten sollen bis Anfang August fertiggestellt sein. Parallel beginnen die Stadtwerke Göttingen mit der Erneuerung der Gas- und Wasserleitungen. Im August verlegt die Energie Netz-Mitte ihre Verkabelung und erneuert die Straßenbeleuchtung.
 Ab August soll dann mit den Straßenausbauarbeiten begonnen werden, heißt es auf der Seite der Stadtverwaltung.  Es sei vorgesehen, diese Arbeiten bis zum Ende des Jahres 2017 abzuschließen und die Straße für den Fahrverkehr wieder freizugeben. Während der Bauzeit wird der über die Mauererstraße und Wendenstraße umgeleitet. ms

So wurde entschieden

Am 7. September 2016 war es noch zu heftigen Diskussion gekommen. Im Rahmen eines Bürgerworkshops hatten Anwohner, Kaufleute und Eigentümer zum Teil kontrovers über die Neugestaltung von Jüdenstraße und Roter Straße gerungen. Vor allem zum Thema Autostellplätze deutete sich bereits an, dass es schwer würde, allen Parteien gerecht zu werden.
 Zwei Monate später stellte die Bauverwaltung die drei Varianten für die Rote Straße inklusive den Präferenzen der Anlieger im Bauausschuss vor. Hauptunterschied auch hier wieder die Anzahl der Parkplätze. Während sich die Gewerbetreibenden und die Immobilieneigentümer mehrheitlich für eine Version mit 17 Plätzen und vier Bäumen erwärmen konnten, hatten die Bewohner mehrheitlich für Version zwei mit zehn Parkplätzen und fünf Bäumen votiert. Die vollständig autofreie Variante hatte nur wenige Fürsprecher.
 Eine Entscheidung der Politik gab es 2016 nicht. Statt dessen legten die Ratsfraktionen von SPD und Grünen einen Änderungsantrag vor, über den Ende Januar erneut im Bauausschuss ausführlich diskutiert wurde. Während die Antragsteller mehr Aufenthaltsqualität forderten, fürchtete unter anderem die CDU eine Benachteiligung des Innenstadthandels. Auch Pro City kritisierte, der Antrag habe die Bewohner einseitig im Blick. Inhaltlich wurden dennoch mehrere der in dem Antrag enthaltenen Forderungen schließlich beschlossen: die Installation von Anlehnmöglichkeiten und die Umwandlung von drei Parkplätzen in Fahrradabstellfläche. Von den gewünschten Car-Sharing-Parkplätzen hatte die Verwaltung mit dem Hinweis auf bereits vorhandene Fläche abgeraten.
 Am Ende hatte man sich für zehn Parkplätze, fünf Bäume, 44 abgestellte Fahrräder und Anlehnmöglichkeiten entschieden. So wird aktuell gebaut. ms

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