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Lückenfüller, Technikenthusiasten und eine andere Landwirtschaft

"Wie wollen wir zukünftig in Göttingen wirtschaften?" Lückenfüller, Technikenthusiasten und eine andere Landwirtschaft

"Wie wollen wir zukünftig in Göttingen wirtschaften?" soll am Donnerstag, 24. November, in Göttingen diskutiert werden. Dazu eingeladen ist Harald Welzer, der als Sozialpsychologe fordert, anders als bisher zu wirtschaften und zu konsumieren. Ein Ansatz, für den sich auch in der Region Beispiele finden.

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Nachhaltiger Ackerbau zum Mitmachen: Der "Dorfgarten" in Hebenshausen.

Quelle: HW

Nachhaltiger Ackerbau zum Mitmachen

Der "Dorfgarten"

Hebenshausen. Dass Landwirte auf Direktvermarktung setzen, ist nichts neues. Einen Schritt weiter geht die sogenannte solidarische Landwirtschaft in Hebenshausen: Den "Dorfgarten" bewirtschaften Vereinsmitglieder gemeinsam und teilen sich die Ernte.

Ein alter Gehöft im Dorfkern von Hebenshausen: Der Garten ist etwas verwildert, vom Fachwerk blättert der Lack ab. Dafür gibt es im Innenhof reichlich Sitzflächen, um sich auszutauschen: "Solidarische Landwirtschaft" steht für Ackerbau, der statt von einem einzelnen Bauern von einer Gemeinschaft organisiert wird - was auch Raum für Gespräche braucht.

Auch der "Dorfgarten" lege Wert auf Mitbestimmung und Transparenz, erklärt Simon Arbach. Er ist einer der fünf Gärtner, die der Verein wechselnd anstellt. Sie bewirtschaften rund zwei Hektar Fläche, die Erträge werden unter den rund 120 Anteilseignern aufgeteilt. Je nach Jahreszeit bekämen diese zwischen zwei und fünf Kilo Gemüse wöchentlich

- angebaut ohne jegliche Pestizide oder Kunstdünger, wie Arbach betont.

Wichtiger ist den Gärtnern allerdings die Mitbestimmung: Sie machen regelmäßig Mitgliederbefragungen und versuchen mit Newslettern Transparenz zu wahren. Außerdem organisieren sie Mitmachtage, an denen Vereinsmitglieder, oft mit Kindern, auf dem Acker aushelfen - "Erfahrungsräume" nennt Arbach die Veranstaltungen.

Was nach Hippie-Romantik klingt, hat auch einen ernsten Hintergrund: Die rund 50 Euro Monatsbeitrag der Vereinsmitglieder machen von instabilen Marktpreisen unabhängig: "Das sichert ab", sagt Arbach. Ihm zufolge ist der Beitrag flexibel: Manche Mitglieder würden mehr, Andere weniger zahlen.

Das Abo-Modell hat für Gärtnerin Manja Kunzmann noch einen anderen

Vorteil: "Wenn man für den Markt produziert, muss das Gemüse bestimmte Normen erfüllen", erklärt sie und ärgert sich: "Unglaublich, was deshalb teilweise auf Äckern liegen bleibt". Für die Mitglieder des Dorfgartens bedeute die Alternative zwar manchmal unförmige Möhren und gelblichen Blumenkohl - "lecker ist der aber trotzdem", sagt Kunzmann.

Die kulturelle Lücke füllen

Das Kulturwerk am Euzenberg

Eine leerstehende Halle in einem Duderstädter Gewerbegebiet:

Geziegeltes Mauerwerk, hohe Decken, fast 900 Quadratmeter Platz - und Heizungen, die noch montiert werden. Das "Kulturwerk Euzenberg" entsteht gerade erst, doch die Ziele sind ambitioniert: "Wir wollen die Kulturszene wiederbeleben", sagt Martin Wihgrab.

Der Mitbegründer des Vereins meint damit Musik, Literatur, Kunst und Tanz, denen das Kulturwerk Räume bieten soll. Kommerziell waren entsprechende Versuche in Duderstadt bisher wenig erfolgreich: In der örtlichen Diskothek sind Livekonzerte eine Ausnahme, die Eichsfeldhalle spricht ein eher etabliertes Publikum an und selbst von Mäzenen unterstützte Projekte scheiterten in der Vergangenheit. "Eingeschlafen" nennt Vereinsmitglied Sandra Kewitz die örtliche Kulturszene.

Das Kulturwerk will deshalb etwas neues ausprobieren und setzt auf das klassische Ehrenamt: Rund 20 Vereinsmitglieder bringen sich auf unterschiedliche Weise ein. So sieht sich Kewitz, im wirklichen Leben Verwaltungsangestellte, als "Organisatorin im Hintergrund". Wihgrab, der eine Musikschule leitet, will "ein Netzwerk schaffen", in dem vom Tanzverein bis zur Nachwuchsband alle dabei sind. Und andere Vereinsmitglieder bringen Erfahrungen aus Presse- oder Sozial-Arbeit ein, die sie im Berufsleben erworben haben.

Dementsprechend vielfältig ist das, was der Verein sich vorgenommen hat:

Einige Mitglieder planen Integrations und Inklusions-Projekte mit Flüchtlingen und Menschen mit Behinderungen. Andere visieren Tango-Abende an. Wihgrab hingegen setzt auf Nachwuchsarbeit, will Bands fördern, Jugendliche anlocken und zielgruppengerechte Konzerte veranstalten. "Das ist das was die Jugend braucht", glaubt auch Kewitz.

Allerdings bedeutet es auch viel Arbeit. "Putzen, Verpflegung - alles auf freiwilliger Basis", schildert Kewitz die Erfahrung mit bisherigen Veranstaltungen. Dazu kommt Zeit für die Planung, das meiste wird gemeinsam entschieden: "Wir treffen uns ständig, sagt Kewitz. Sie investiere rund 8 Stunden wöchentlich in die Vereinsarbeit, manche Vereinsmitglieder mehr, andere weniger. Trotzdem bilanziert sie: "Man merkt, dass die Leute dahinterstehen".

Die Diskussionsveranstaltung:

Bei der Diskussionsveranstaltung "Spurwechsel – Wie wollen wir zukünftig in Göttingen wirtschaften?" will das Göttinger EPIZ über "sozial und ökologisch nachhaltige Zukunftsmodelle" für die Region debattieren. Am Donnerstag, 24. November, referiert dazu ab 19.45 der Sozialpsychologe Harald Welzer im Deutschen Theater.

Anschließend wollen Göttingens Oberbürgermeister Rolf-Georg Köhler (SPD), Universitätspräsidentin Ulrike Beisiegel und andere Vertreter aus Wissenschaft, Politik und Zivilgesellschaft öffentlich über konkrete Lösungsansätze diskutieren. Die Debatte ist Teil der bundesweiten Veranstaltungsreihe "die offene Gesellschaft", bei der zur Zeit in verschiedenen Städten Konzepte für den Umgang mit sozialen und ökologischen Herausforderungen besprochen werden.

Internet für alle

Die "Freifunkinitiative"

Kostenloses W-Lan in Cafés, nahe Privatwohnungen oder Flüchtlingsunterkünften: Dank "Freifunk" ist das in Göttingen immer öfter verfügbar. Dahinter stehen Göttinger Technikenthusiasten - getrieben von Idealismus und Spaß an der Materie.

Freifunk, das sei "die Idee, Internetzugänge zu teilen", formuliert es Sebastian Klamt. Der Informatikstudent ist Teil der Göttinger Freifunkinitiative. Rund 780 Zugangspunkte zum offenen WLAN gibt es mittlerweile in der Region, Klamt spricht von rund 2500 gleichzeitigen Nutzern täglich. Dass das funktioniert, liegt an meist privaten Anschlussinhabern, die ihre Internetzugänge der Öffentlichkeit zur Verfügung stellen. Und es liegt an der Freifunk-Initiative, die unaufhörlich für das Konzept wirbt. Außerdem bietet sie die entsprechende Software für Router an, mit der sich der eigene Internetzugang relativ sicher teilen lässt.

Geld bekommt keiner der rund 20 Technikenthusiasten dafür. Dabei ist das Freifunk-Netzwerk wesentlich komplizierter, als es viele Endbenutzer merken: Fällt ein Internetzugang aus, wählen sich die Router über ein benachbartes Netzwerk ein - bei Netzstörungen funktionieren deshalb Teile des Freifunknetzwerkes weiter. Eine Menge Know-How steckt dahinter, doch die Technikfans experimentieren gerne: "Mich begeistern Netzwerke", sagt beispielsweise Klamt. Das Lustprinzip gilt auch für andere Aufgaben: Dass mittlerweile leistungsstarke Anlagen auf Kirchtürmen halbe Ortschaften versorgen, liegt Freifunker Hans-Werner Hilse zufolge daran, dass Göttinger Amateurfunker mit dem Projekt ein neues Betätigungsfeld gefunden haben.

Ein professioneller Internetanbieter soll das Freifunk-Netz aber nicht sein: Für Unterhaltungs-Angebote wie Videostreaming reiche die Bandbreite meist nicht, erklärt Klamt. Für Hilse ist es deshalb unverständlich, dass dem neu gegründeten Verein bisher der Gemeinnützigkeitsstatus unter Verweis auf die kommerzielle Konkurrenz verwehrt blieb - die rund 90 Euro monatlichen Kosten decken die Engagierten aus eigener Tasche.

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Der Wochenrückblick vom 26. November bis 2. Dezember 2016