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Mehr als Schmetterlingsfangen

Lacrosse Mehr als Schmetterlingsfangen

Sie ist eine der schnellsten Ballsportarten der Welt: Lacrosse. Auch in Göttingen wird gespielt, und in der Nachbarschaft, in Kassel, gibt es für die Nationalmannschaft der Herren ein Leistungszentrum. Einmal im Monat wird hier trainiert, das nächste Mal am 27. Februar. In Deutschland gibt es 53 Ligateams und rund 2750 Spieler. Trotzdem fristet die Sportart immer noch ein Schattendasein. Was ist der Reiz des Spiels, wie sieht die Ausrüstung aus, was ist zu beachten? Drei Göttinger Lacrosse-Spieler geben Antworten.

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In voller Montur: Severin Senge in Aktion.

Quelle: Pförtner

„Geht es wieder zum Schmetterlingsfangen?“ Diesen und andere ignorante Sprüche musste schon so mancher Lacrosse-Spieler über sich ergehen lassen. Dabei ist dieser Sport anspruchsvoll – und es gibt erhebliche Unterschiede zwischen Damen- und Herren-Lacrosse.

 

Severin Senge

Lacrosse-Werdegang: Göttingen Grasshoppers, DHC Hannover, Vorauswahl der U-21-Nationalmannschaft in Amsterdam, Weimar Wookies, Göttingen Grasshoppers.

Zunächst einmal: Die Sportart war ursprünglich bei den Indianern als kleiner Bruder des Krieges bekannt und wies damit keine einzige Parallele zur Schmetterlingsjagd auf. Die Indianer von der amerikanischen Ostküste spielten das sogenannte Baggataway zur Besänftigung von Stammesfehden und kamen nicht selten mit gebrochenen Knochen wieder – sofern sie überhaupt wiederkehrten.

 
1936 wurde das Spiel dann in Ontario von französischen Missionaren entdeckt und als Spiel des Teufels bezeichnet, weil die Indianer während der Spieltage heidnische Tänze und exzessive Wetten ausführten. Aufgrund der verwendeten Stöcke erhielt das Spiel von den Missionaren den heutigen Namen Lacrosse.

Im Laufe der Zeit gewann die Sportart immer mehr Anhänger und war Anfang des 20. Jahrhunderts sogar eine olympische Disziplin. Mittlerweile ist der kanadische Nationalsport auch in Deutschland mit 53 Ligateams und 2750 Spielern vertreten. Dazu zählen die Göttinger Grasshoppers mit einem Damenteam, das in einer Spielgemeinschaft mit Marburg in der zweiten Bundesliga West spielt, und dem Herrenteam in der zweiten Bundesliga Nord. Den Grasshoppers gehöre auch ich an.

 
Ich bin im Alter von 14 Jahren zu Lacrosse gekommen. Ich probierte einige Sportarten aus und entdeckte eine kontaktlose Variante von Lacrosse. Der Sommerkurs köderte mich, und ich ging zum Training der Grasshoppers. Ich kam mir vor wie David zwischen zahllosen Goliaths, die wie röhrende Elche aufeinander zuliefen und sich mit den Schlägern verprügelten.

 
Mit verbalen „Vorsicht zerbrechlich“-Etikettierungen fing ich mit Pass- und Fangübungen an. Das Netz des Schlägers unterschied sich jedoch in großem Maße von der Plastikkorb-Variante Intercrosse aus dem Sommer. Resultat: Ich katapultierte den Ball mit vollem Elan direkt vor meine Schuhspitze. Später muss es bei mir von weitem ausgesehen haben wie Tontaubenschießen, so wie ich die Bälle in die Luft schoss. Erst nach einer halben Ewigkeit durfte ich am Regelbetrieb des Trainings teilnehmen.

 

Info

Interessierte sind beim Training von Göttingen Lacrosse willkommen und können sich ausprobieren. Informationen gibt es auf der Homepage des Klubs.

Ich versuchte, in Schlangenlinien zwischen Gegenspielern zu laufen, die mir den Ball aus dem Schläger schlugen. Erst scheiterte ich bereits vor dem ersten Gegenspieler, dann kam ich mir vor wie beim Eierlaufen. Immer weniger verstand ich, wie die anderen spielend leicht sprinteten und dabei den Schläger von der einen zur anderen Seite ohne Ballverlust drehten.

 
Trotzdem hatte ich mein Herz an Lacrosse verloren und spürte eine regelrechte Sucht. Lacrosse hat mich mit seiner  Vielseitigkeit betört: Sprints, schnelle Richtungswechsel, komplexe Spielabfolgen, Körperkontakt und rasend schnelle Bälle. Auch sind grundlegende Englischkenntnisse erforderlich, um nicht wie ein deutscher Tourist dazustehen. Mittlerweile gehöre ich selbst zu den „Großen“ – liege aber andererseits immer noch oft im Dreck. Man lernt nie aus bei meiner Lieblingssportart Lacrosse.

 

Von Severin Senge

Worum geht es?

Beim Ballsport Lacrosse versuchen zwei Teams, sich einen tennisballgroßen Hartgummiball mit den Schlägern präzise zuzuspielen und in das gegnerische Tor zu befördern. Dabei wird der Ball mithilfe eines Schlägers transportiert. Um den Ball im Sprint nicht zu verlieren, wird der Schläger eingedreht – das sogenannte Cradling. Auf deutsch heißt das wiegen, und so wie ein Baby behandeln viele Lacrosser auch ihre Schläger. Gespielt wird auf einem 45 Meter breiten und 102 Meter langen Feld. Die Tore sind 14 Meter eingerückt und ermöglichen, wie im Eishockey das Spiel auch hinter das Tor zu verlagern. Ziel des Spiels ist es, mehr Tore als das gegnerische Team zu schießen. Der schnellste Schuss wurde mit rund 193 km/h gemessen. Nach Ultimate Frisbee ist Lacrosse damit die schnellste Ballsportart. War sie bei den Olympischen Spielen 1904 in St. Louis und 1908 in London eine Wettkampfdisziplin, verlor sie später an Bedeutung. Lacrosse ist neben Eishockey kanadischer Nationalsport. ses

 

Ausrüstung: Mundschutz ist Pflicht
Herren (Pflicht):
Schläger (Das Netz ist tiefer als bei den Damen; Schaftlänge variiert zwischen 102 und 183 cm)
Handschuhe
Helm mit Schutzgitter und Kinnriemen
Mundschutz
Herren (möglich):
Ellenbogenpolster
Brustpanzer
Rippenschutz
Suspensorium
Damen (Pflicht):
Schläger
Mundschutz
Damen (möglich):
enge-dünne Handschuhe
Nasen- & Augenschutz

 

Warum hat Lacrosse Suchtpotenzial?

Rachael Garcia führt den Ball im Schläger.

Quelle: EF

Eine amerikanische Frohnatur gibt beim weiblichen Göttinger Lacrosse-Team den Ton an. „Ich lache eigentlich immer, selbst dann, wenn ich im Spiel einen Schlag abbekomme“, sagt Rachael Garcia. Die Kalifornierin spielt in der 2. Bundesliga West.

 
„Lacrosse ist ein großer Teil meines Lebens“, sagt die 27-Jährige, ein nur 159 Zentimeter großes Energiebündel, das in den USA „erst an der Uni anfing. Das ist ziemlich spät.“ Seitdem ist die Studentin der Entwicklungsökonomie, die seit 2012 in Göttingen lebt, vom Lacrosse-Fieber befallen. „Das Spiel ist so komplex“, schwärmt Garcia. „Man muss immer in Bewegung sein, passen und schießen, und es gibt so viele verschiedene Techniken.“ Es gebe immer etwas Neues zu lernen, sagt die Mittelfeldspielerin, die zu den Top-Torjägerin der 2. Bundesliga West gehört.

 
Einen eigenen Coach haben die Göttinger Frauen derzeit nicht, auch die Trainingssituation ist nicht optimal. Frische Mitglieder zu rekrutieren, ist nicht einfach: „Auch beim Hochschulsporttraining kommen leider nicht so viele Neue“, bedauert die Spielertrainerin. Der Kader der Göttingerinnen ist deshalb knapp bestückt. „Ich hätte lieber eine eigene Mannschaft statt einer Spielgemeinschaft, aber dazu bräuchten wir mindestens 18 Spielerinnen“, sagt Garcia.
Da es in Göttingen keinen Platz gibt, der über Lacrosse-Linien verfügt, müssen die Akteurinnen vor Heimspielen selber die Spielfeldmarkierungen kleben oder kreiden. Aber das ist für Garcia kein Problem. Denn: „Lacrosse ist cool, unser Teamgeist auch“, versichert sie.

 

Potter van Loon

Quelle: EF

Auch Albertine Potter van Loon, eine 23-jährige Niederländerin, die in Göttingen im fünften Semester Ökosystem-Management studiert, spielt für die Spielgemeinschaft Göttingen-Marburg in der 2. Bundesliga West.  „Ich wollte unbedingt eine Mannschaftssportart ausprobieren, und Lacrosse erschien mir am spannendsten“, sagt die Studentin, die aus Leersum in der Nähe von Utrecht stammt.

 
„Lacrosse ist ein sehr taktisch-strategisches Spiel. Man muss schnell und agil sein und braucht eine gute Ausdauer. Es ist für mich noch immer eine große Herausforderung“, sagt Potter van Loon. Zumal es auch schon mal zur Sache gehen kann. Nicht selten passiert es, dass Bälle auf der Nase oder Schläge auf den Fingern landen. Mundschutz und Brille gehören zur Sicherheits-Standardausrüstung. „Anfangs hatte ich ein bisschen Respekt vor dem Körpereinsatz“, erinnert sich die 1,80 Meter große Potter van Loon, die vorrangig in der Verteidigung eingesetzt wird.

 
Der Respekt hat sich inzwischen gelegt – nun herrscht Begeisterung bei der Niederländerin: „Es passiert so viel auf dem Platz. Deshalb gucke ich es auch gerne selber an.“ Zusammengehörigkeitsgefühl und Gemeinschaft beim Lacrosse begeistern sie, außerdem technische und taktische Aspekte: „Es ist ein internationaler Sport, und beim Uni-Training kommen viele verschiedenen Leute. Das finde ich super. Studenten und Nichtstudenten, kommen, Ältere und Jüngere.“
Im Sommer hofft die Studentin, die in Göttingen gerne auf dem Wall oder am Kiessee joggt oder spazieren geht, wieder mehr wandern und klettern zu können. „Ich bin gerne draußen“, sagt sie. Auch in dieser Hinsicht kommt der Niederländerin die Sportart Lacrosse entgegen...

 

Von Christian Roeben

Herren-Regeln: Schlagen erlaubt

Es stehen sich Teams mit jeweils zehn Spielern (13 Auswechselspieler/fliegender Wechsel) gegenüber. Die Spielzeit beträgt 4 x 20 Minuten, bei Unentschieden kommen 2 x 4 Minuten Verlängerung dazu – danach greift die Golden-Goal-Regel. Bei Spiel-/Viertelbeginn und nach einem Tor kämpfen zwei Spieler in der Spielfeldmitte im sogenannten „Face-Off“ um den Ball. Ein Spieler darf mit dem Ball im Schläger unbegrenzt weit laufen. Das Schlagen mit dem Schläger ist erlaubt, sofern der zu attackierende Spieler sich in einer Entfernung von 2,74 m zum Ball befindet und am Schläger oder dem Handschuh getroffen wird. Es müssen stets vier Spieler in der zu verteidigenden Hälfte und drei Spieler in der Angriffshälfte verbleiben, ansonsten greift die Abseitsregel. Technische Fouls wie Abseits oder Wechselfehler sowie persönliche Fouls wie Beinstellen oder unnötige Härte werden vom Schiedsrichter durch das Werfen einer gelben Flagge signalisiert und führen teilweise zu Zeitstrafen. ses

Damen-Regeln: Beim Pfiff keine Bewegung mehr

Es stehen sich Teams mit jeweils zwölf Spielerinnen (sechs Auswechselspielerinnen/fliegender Wechsel) gegenüber. Die Spielzeit beträgt 2 x 30 Minuten, bei Unentschieden kommen 2 x 3 Minuten Verlängerung dazu – danach greift die Golden-Goal-Regel. Zu Spielbeginn und bei Beginn der zweiten Hälfte sowie nach einem Tor kämpfen die Mittelfeldspielerinnen um einen im „Draw“ in die Luft geschleuderten Ball. Auch ein weiblicher Lacrosse-Spieler darf mit dem Ball im Schläger unbegrenzt weit laufen. Die Balleroberung ist durch das Schlagen auf den Schläger, unter Beachtung der Sicherheit der Spielerin, erlaubt. Es müssen immer fünf Spielerinnen im zu verteidigenden Drittel und vier Spielerinnen im Angriffsdrittel verbleiben, ansonsten greift die Abseitsregel. Für den Torschuss gilt, dass sich nur die Verteidigerin der ballführenden Spielerin in die markierte Zone zwischen Tor und Ball stellen darf. Genauso darf auch nur auf das Tor geschossen werden, wenn keine verteidigende Spielerin in der Schussbahn steht. Kleine Fouls (Ball mit dem Schläger auf dem Boden verstecken) und große Fouls (unkontrolliertes Schlagen in Richtung Kopf) werden durch nachteilige Positionierung und gelbe sowie rote Karten geahndet. Daher müssen beim Pfiff alle Spielerinnen auf der Stelle stehen bleiben. ses

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