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Meisterwerk des Wortschatzes

Das Deutsche Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm Meisterwerk des Wortschatzes

Ein Wörterbuch, das die Begriffe umfänglich beschreibt, haben die Brüder Jacob und Wilhelm Grimm erschaffen. An der zweiten Auflage ist die Göttinger Akademie der Wissenschaften maßgeblich beteiligt.

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Die Gebrüder Grimm.

Quelle: r

Göttingen. Im Jahr 1837 hatte die schon damals weltberühmte Georg-August-Universität Göttingen zwei Professoren, die heute noch jeder kennt: Jacob und Wilhelm Grimm, die beiden Verfasser der „Grimm‘schen Kinder- und Hausmärchen“. Doch im Königreich Hannover tat sich damals Entscheidendes. Ernst August, der Herzog von Cumberland, bestieg den Thron in Hannover. Er war ein sehr konservativer König, der bei der Thronbesteigung schon 66 Jahre alt war. Eine seiner ersten Amtshandlungen war die Streichung des liberalen Staatsgrundgesetzes. Dagegen protestierten die Göttinger Sieben, allesamt Professoren der Georgia Augusta. Mit dabei auch Jacob und Wilhelm Grimm. Der neue König sah sich von den Göttingern kompromittiert und entließ am 12. Dezember 1837 die Professoren aus ihren Ämtern. Er warf ihnen Hochverrat vor. Die Grimms wurden des Landes verwiesen, gingen erst nach Kassel zurück und 1840 nach Berlin.

Doch dieser Rauswurf ermöglichte erst das Entstehen eines der außergewöhnlichsten und umfangreichsten Wörterbücher überhaupt: Das Deutsche Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Zu verdanken war dies dem Leipziger Verleger Karl Reimer und dem Philologen Moritz Haupt, die sich im Jahr 1838 an die Brüder wandten und anfragten, ob sie ein Wörterbuch des Deutschen verfassen wollten – natürlich gegen ein angemessenes Honorar. Der deutsche Wortschatz in seiner Entwicklung sollte von Luther bis Goethe mit Textbeispielen dargestellt werden. Die Brüder willigten ein, doch das Projekt erreichte Dimensionen, die damals niemand überschauen konnte – seine Fertigstellung sollte dann bis ins Jahr 1960 dauern.

Volker Harm sucht in den Belegen zum Wort Frieden; Belege, die Jacob und Wilhelm Grimm handschriftlich verfasst haben.

Quelle: CH

Göttingen spielt und spielte in Sachen Wörterbuch immer eine wichtige Rolle. An der Akademie der Wissenschaften in der Göttinger Geiststraße leitet Dr. Volker Harm die Arbeitsstelle Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm – er ist quasi der Göttinger Chef des Grimm‘schen Wörterbuchs. In seinem Büro steht auch die 33-bändige Taschenbuchausgabe des bis 1960 fertig gestellten Werks. Die Bände eins bis vier stammen direkt von Jacob und Wilhelm Grimm, weiter als bis zum Buchstaben F sind sie nicht gekommen.

„Ende der 1950er Jahre wurde in der Akademie der Wissenschaft der DDR und der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen beschlossen, das Grimm’sche Wörterbuch neu zu schreiben“, berichtet Harm, der seit dem Jahr 1998 in Göttingen an der Akademie arbeitet. „Der deutsche Wortschatz sollte in seiner Gesamtheit neu erfasst werden – ab dem Jahr 1450.“ Doch durch den Mauerbau kam Sand ins Getriebe der Zusammenarbeit, Ostberlin sollte die Buchstaben A bis C bearbeiten, Göttingen D bis F. Aber Ostberlin schaffte nur den Buchstaben A.

„Doch nun sind A bis F fast fertig“, so der gebürtige Rheinländer, der in Marburg studierte. „Bis Ende des Jahres wird dieser Teil abgeschlossen sein“, berichtet Harm. Wie es dann weitergehe, sei eine wissenschafts-politische Entscheidung der Union der Akademien der Wissenschaften, die gleichranging von Bund und Ländern finanziert werden. „Die Entscheidung, ob das Wörterbuch zum deutschen Wortschatz fortgeführt wird, fällt im März 2017“, sagt Harm.

Doch wie schafft es ein Wort überhaupt in das neue Grimm’sche Wörterbuch? Am Beispiel des Wortes Frieden erläutert Harm die Vorgehensweise. „Ganz viele Forscher, etwa 20 Wissenschaftler und wissenschaftliche Hilfskräfte sind in Göttingen beteiligt, sichten in etwa 5000 bis 6000 Basiswerken  von Luther über Goethe bis etwa zum Jahr 1995 und schreiben Belegmaterial zu diesem einen Wort heraus“, so Harm. So entstünden etwa 3000 bis 4000 Belege nur zum Wort Frieden. In den Kellergewölben des alten Teils der Staats- und Universitätsbibliothek lagern unzählige Kästen mit Belegzetteln zum Wörterbuch, auch einige handschriftliche Dokumente der Grimms sind dort zu finden. „Doch der Großteil des alten Wörterbuchs befindet sich in einem Archiv in Berlin und ist schon digitalisiert“, so Harm.

„Aus den aktuellen vielen Tausend Belegen zieht sich dann der Autor die wichtigsten Zitate heraus und ordnet diese für das Wörterbuch chronologisch. Es beginnt der der Herkunft des Wortes, Frieden stammt beispielsweise aus dem Germanischen. Danach wird die Entwicklung dieses Begriffs bis etwa zum Jahr  1995 beschrieben“, sagt Harm, der für das Wort Frieden verantwortlich zeichnet. Natürlich werde das Wörterbuch in Grimm’scher Schreibweise, also radikaler Kleinschreibung, geschrieben, das ß wird zum sz und die alte Rechtschreibung verwandt. „Schließlich geht es um die Einheitlichkeit des Werkes, das ja 1960 begonnen wurde“, so Harm.

Nach der Begriffsbeschreibung von Frieden folgen im Wörterbuch unzählige Wortzusammensetzungen. „Der Begriff Friedensbewegung taucht erstmals im Jahr 1888 bei Friedrich Nietzsche auf“, berichtet Harm, der nach wie vor von der Vielschichtigkeit der einzelnen Begriffe fasziniert ist. Ein Lieblingswort hat er nicht. „Ich habe alle Wörter gleich lieb“ sagt er lachend und hoffe, dass das Projekt „Deutsches Wörterbuch“ fortgesetzt wird.

Jacob und Wilhelm Grimm

Die Volkskundler und Sprachwissenschaftler Jacob (1785-1863) und Wilhelm (1786 bis 1859) Grimm gelten als die Begründer der Germanistik. Ihre Kinder- und Hausmärchen machten sie weltberühmt. Ihre Kindheit verbrachten die Grimms in Steinau an der Straße. Ihre Jugend verlebten sie in Kassel bei einer Tante, dort machten sie auch ihr Abitur. Beide studierten in Marburg Rechtswissenschaften.

Nach dem Studienabschluss verfassten sie ab 1806, wiederum in Kassel, die weltbekannte Märchensammlung. In der Folgezeit beschäftigten sie sich mit einer Sagensammlung. 1830 wurde Jacob ordentlicher Professor in Göttingen, Wilhelm folgte  ab 1835.

Drei Jahre später, 1838, begannen  sie mit der Arbeit am Deutschen Wörterbuch. Ab 1840 lebten und arbeiteten sie, angestellt vom Preußenkönig Friedrich Wilhelm IV., in Berlin, beschäftigten sich mit der Geschichte der deutschen Sprache – und weiterhin mit dem Deutschen Wörterbuch. Wilhelm Grimm starb 1859, Jacob im Jahr 1863, ihr gemeinsames Grab befindet sich auf dem Alten St.-Matthäus-Kirchhof in Berlin-Schöneberg.

Das Jahr 1837

Queen Victoria wird britische Königin und die 123-jährige Personal­union mit dem Königreich Hannover endet, Ernst-August I. wird dort König. Martin Van Buren wird neuer Präsident der Vereinigten Staaten, das Unternehmen Procter & Gamble wird in den USA gegründet, William Procter war Kerzenzieher aus England, James Gamble ein irischer Seifensieder.
Heute hat das Unternehmen weltweit über 100000 Mitarbeiter. Überall entstehen neue Eisenbahnen.  Es dauerte aber noch zwei Jahre bis die Bahnstrecke Leipzig – Dresden festig gestellt ist, von Leipzig kommt man 1837 bis Gerichshain.

Akademie der Wissenschaften

„Fecundat et ornat – sie befruchtet und ziert“. Unter diesem Leitgedanken wurde die Akademie der Wissenschaften zu Göttingen im Jahre 1751 vom Landesherrn, König Georg II. August von Großbritannien, Kurfürst von Hannover gegründet. Als älteste durchgehend bestehende Einrichtung ihrer Art in Deutschland kann die Göttinger Akademie auf eine lange Tradition zurückblicken mit berühmten Mitgliedern wie den Brüdern Jacob und Wilhelm Grimm, David Hilbert und Werner Heisenberg. Heute betreut die Göttinger Akademie über 20 Langzeitprojekte von nationalem und internationalem Rang und ist auf dem Gebiet der geisteswissenschaftlichen Grundlagenforschung die namhafteste außeruniversitäre Einrichtung Niedersachsens.

Von Frank Beckenbach

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