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Die Jagd mit dem Vogel

Thema des Tages Die Jagd mit dem Vogel

Die Falknerei oder Beizjagd hat ihre Ursprünge in der Antike und wurde 2016 von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt. In Nesselröden wird diese uralte Kunst von Thomas Andres, Falkner in der Jägerschaft Duderstadt, ausgeübt.

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Ein gutes Gespür für seine Wüstenbussard-Dame Jeany zeigt Falkner Thomas Andres.

Quelle: Wenzel

Wenn Thomas Andres mit seinem Hund Merlin in der Nesselröder Feldflur Gassi geht, schwebt meist ein Schatten über ihm. Argusaugen beobachten ihn vom Himmel aus. Dann landet die Jägerin auf einem Baum, hebt wieder ab und folgt ihrem Herrn. Dass die südamerikanische Wüstenbussard-Dame Jeany nicht am Horizont verschwindet, liegt an intensiver Prägung, erklärt Andres. „Greifvögel bleiben immer Wildtiere. Wenn ich vier Wochen kaum Kontakt zu ihr hätte, würde sie sich distanzieren“, weiß der Falkner. Daher ist es bei der Falknerei erforderlich, sich konsequent darauf einzulassen.


Wenn Andres von der Arbeit kommt, wird er sofort von der Vogeldame begrüßt. „In der Jagdzeit ist sie ganz aufgeregt. Sie weiß, dass es losgeht“, sagt Andres. Die Jagdzeit gilt für die Falknerei von Oktober bis Februar. Jeany ist auf Kaninchen spezialisiert, wird aber außerhalb der Jagd auch von Mäusen, Ratten oder Geflügel ernährt. Der Aufwand für den Speise- und Diätplan eines Greifvogels gleicht dem eines Spitzensportlers. Morgens muss Jeany auf die Waage. „Das kennt sie, da setzt sie sich schon freiwillig drauf“, sagt Andres und zeigt die Küchenwaage mit einer Sitzstangenkonstruktion für Greifvogelfüße. Das Gewicht der gefiederten Dame hängt vom Futter, von der Außentemperatur und Jahreszeit und vom Energieverbrauch beim Flug ab. Andres führt genau Buch über Jeanys Werte. „So kann ich jeden Tag individuell bestimmen, wieviel Atzung (Futter) sie bekommt. Bei Gewichtsabweichungen lässt sich dann einschätzen, ob sie einfach mehr Energie verbraucht hat, weil sie geflogen ist oder weil es draußen kälter wurde, oder ob sie vielleicht krank ist“, erklärt der Fachmann.

170323-tdt-falknerei-HW; Thomas Andres, Falkner der Jägerschaft Duderstadt, gibt Einblicke in die Jagd mit Falken (der Vogel fliegt zurzeit nicht, da er in der Mauser ist, käme aber für ein Foto auf die Falknerhand). Die Falknerei ist von der UNESCO zum immateriellen Kulturerbe ernannt worden; hier ein Balg; HW

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Das Vertrauen des Tieres zu gewinnen, ist ebenfalls zeitintensiv und muss stetig gefestigt werden. Wenn Andres zu Hause ist, begleitet sein Vogel ihn bei der Gartenarbeit, sitzt mit ihm auf der Terrasse oder in der Garage, wenn er an seinen Motorrädern schraubt. Auf die Frage, wie seine Ehefrau die ständige Anwesenheit des Vogels findet, lacht der Falkner: „Die Familie muss mitziehen, sonst geht das nicht.“ Seine Frau ist ebenfalls begeistert von der Jagd und begleitet ihren Mann, den Vogel und den Hund als Frettchenführerin. Die beiden Frettchen von Doris Andres haben die Aufgabe, die Kaninchen aus dem Bau zu scheuchen, und Jeany wartet, bis sich eines ihrer Beutetiere zeigt. Nicht immer wird das Tier erwischt, das Kaninchen hat die Chance zu entkommen. In freier Wildbahn geht ein Greifvogel auch mal leer aus.
Das Training erfordert gründliches Fachwissen. „Wenn man etwas falsch macht, merkt sich der Vogel das“, sagt Andres. Wer auf die Beizjagd – wie die Falknerei auch genannt wird – gehen will, muss schon einen Jagdschein vorweisen, um überhaupt zur Falknerprüfung zugelassen zu werden. Geprüft wird über einen der Verbände: Deutscher Falkenorden (DFO), Orden Deutscher Falkoniere (ODF) und Verband Deutscher Falkner (VDF). Zu den Themengebieten gehören Greifvogelkunde, Haltung und Pflege, Ausübung der Beizjagd und Rechtsgrundlagen. „Man muss nicht einem Verband angehören, aber ich halte es für vorteilhaft. Man lernt voneinander, bekommt Hilfe, kann sich austauschen und ist informiert“, sagt Andres, der dem ODF-Vorstand der Komturei Niedersachsen angehört.
Für das Training des Greifvogels gibt es einige hilfreiche Utensilien: Mit dem Balg, einem Fellsack an einer Schnur, oder mit dem Federspiel – das gleiche Prinzip wie der Balg, aber aus Leder – wird ein Beutetier imitiert. Durch Schleudern und Werfen gerät Bewegung in die Attrappe. Je mehr das Vertrauen des Vogels zu seinem Falkner wächst, desto größer wird der Abstand zur Schnur und die Gewissheit, dass der Vogel zurückkehrt. Die Bells (Glöckchen, die der Vogel bei der Jagd an den Füßen trägt) geben dem Falkner bessere Übersicht, wo sich das Tier gerade befindet. Die moderne Technik ist ebenfalls hilfreich bei der Ortung. Die Telemetrie besteht aus Sender und Empfänger, der Sender wird an den Beinen des Vogels befestigt. „Das kleine Modell reicht bis zu zehn Kilometern, aber ein Wanderfalke schafft auch mal 50 Kilometer, da braucht man eine stärkere Telemetrie“, sagt Andres. Greifvögel werden zwischen Grifftötern (Habicht, Adler) und Bisstötern (alle Falkenarten) unterschieden. Grifftöter erlegen ihre Beute mit ihren scharfen Krallen, Bisstöter bringen Flugwild mit einem Schlag zum Taumeln und töten es am Boden mit einem Nackenbiss. Die Ausbildung zur Beizjagd kann je nach Vogelart, nach Charakter des Tieres und seinem Vertrauen zum Menschen zwischen vier Wochen und zwei Jahren dauern. „Falknerei ist eine Lebenseinstellung und eine Lebensaufgabe“, ist der Nesselröder überzeugt. Immerhin kann ein Wüstenbussard bis 20 Jahre alt werden, ein Steinadler sogar bis 70 Jahre. Nur Tiere vom Züchter dürfen für die Falknerei verwendet werden. Und nicht jeder Vogel passt zu jedem Falkner. „Die Chemie muss stimmen“, sagt Andres und krault seine Jeany.

Kulturerbe Falknerei

Die Falknerei in Deutschland wurde im Dezember 2016 von der UNESCO zum Immateriellen Kulturerbe ernannt. Mit ihren jeweiligen Falknerei-Traditionen gehören seit 2010 Belgien, Frankreich, Katar, Marokko, Mongolei, Saudi-Arabien, Spanien, Süd-Korea, Syrien, Tschechien und die vereinigten Arabischen Emirate dazu, 2013 folgten Österreich und Ungarn. Dazu erklärt die UNESCO: „Die Jagd mit abgerichteten Greifvögeln auf freilebendes Wild in seinem natürlichen Lebensraum ist eine jahrtausendealte Kulturform, die nun durch 18 Staaten weltweit gemeinsam auf der repräsentativen Liste der Unesco eingetragen ist.“

Blütezeiten der Beizjagd

  • 4. Jahrhundert v. Chr. – Aristoteles erwähnt die Falknerei bei den Thrakern und Indern. Die Beizjagd, wie die Falknerei auch genannt wird, ist vor rund 3500 Jahren in Zentralasien entstanden.
  • 2. Jahrhundert n. Chr. – Im Zuge der Völkerwanderungen kommen Germanen und Goten mit der Beizjagd in Berührung.
  • 6. Jahrhundert – Ein Habicht als Grabbeilage in Quedlinburg weist auf die Beliebtheit der Beizjagd bei den Germanen hin.
  • 13. Jahrhundert – Über die Kreuzzüge entsteht ein Erfahrungsaustausch mit arabischen Falknern, wodurch die Jagdtechniken auch in Europa verfeinert werden.
  • 16. Jahrhundert – Ein kostspieliges Falkenkorps entwickelt sich zum Statussymbol der Reichen und Mächtigen. Im Absolutismus erlebt die Falknerei eine Blütezeit.
  • 19. Jahrhundert - Durch die Entwicklung anderer Jagdtechniken mit Schusswaffen geht die Beizjagd erheblich zurück.
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