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Natur, Bauern und Politik vereint

Thema des Tages Natur, Bauern und Politik vereint

Seit gut 20 Jahren gibt es den Landschaftspflegeverband (LPV) Landkreis Göttingen. Seine Projekte und Aufgaben wachsen stetig. Mit der bereits eingeleiteten Fusion der Landkreise Göttingen und Osterode soll er sein Tätigkeitsgebiet bis an den Harzrand ausweiten. Das Interesse im Kreis Osterode ist groß: Zu einer Informations- und Auftaktveranstaltung in Herzberg kamen etwa 85 Bürgermeister, Landwirte, Forstwirte und Vertreter von Naturschutzgruppen. Sie wollten wissen, was der LPV macht. Ein Überblick:

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Mit Vertragsnaturschutz und anderen Projekten will der Landschaftspflegeverband auch blühende Wiesen und Weideland erhalten.

Quelle: EF

Göttingen. Er agiert fast unauffällig, und doch sind die Spuren des Landschaftspflegeverbandes (LPV) im Landkreis Göttingen überall zu sehen. Ohne ihn gebe es vermutlich keinen überregional bedeutsamen Hainbuchenwald mehr bei Gieboldehausen. Ihm ist es zu verdanken, dass wieder Leineschafe im Leinetal weiden. Er sorgt dafür, dass naturnahe Lebensräume wie bunte Ackerrandwiesen und Feuchtbiotope für bedrohte Pflanzen und Tiere erhalten bleiben.

Landwirte müssen mitmachen

Der LPV soll nach seiner eigenen Zielvorgabe die artenreiche Landschaft im Kreis Göttingen mit Hilfe der Landwirtschaft in ihrer Vielfalt erhalten und fördern. Dabei müsse sie kontinuierlich zwischen den scheinbar widerstrebenden Interessen des Naturschutzes, der Land- und Forstwirtschaft und der Politik vermitteln, sagt der LPV-Vorsitzende Martin Worbes. Das funktioniere allerdings nur, wenn die Landwirte mitmachen, ergänzt Klaus König, Mitarbeiter in der Geschäftsstelle des LPV. Und es machen immer mehr mit: unter anderem als Vertragspartner bei der Pflege wertvoller Lebensräume im Kreisgebiet, bei der Erhaltung von Weideflächen durch den Verzicht auf Düngemittel.

Kopfhainbuchenwald

Seit 1995 kümmert sich der LPV um eine von ihm gepachtete acht Hektar große Waldfläche bei Gieboldehausen mit etwa 1800 Kopfhainbuchen. Einige davon sind über 100 Jahre alt. Sie werden regelmäßig geschnitten, damit kein Buchenhochwald entsteht.

Es gibt einen Rundwanderweg mit Infotafeln. Hintergrund: Kopfhainbuchen sind in der Region, obwohl sie hier einmal bedeutend waren - als nachwachsendes Brennholz im oberen Bereich und zugleich als Weideland für Schafe und andere Tiere. us

Um das Ziel zu erreichen, berät der LPV Landwirte, arbeitet Verträge zwischen den Partnern aus und zapft Fördergelder an. Er ist auch Dienstleister für den Landkreis bei der Pflege seiner Flächen und initiiert besondere Projekte: zum Schutz von Rotmilanen und Ackerrandkräutern, zur Erhaltung einer Sortenvielfalt auf Streuobstwiesen in der Region, zur Wiederverbreitung von Leineschafen und Bewahrung von Kopfhainbuchen. „Das Aufgabenfeld ist riesig“, warb Worbes in Herzberg bei den Osterödern, als Mitglieder einzusteigen.

Immer wiederkehrender Streit

Der LPV ist ein gemeinnütziger Verein. Er hat zurzeit etwa 195 Mitglieder, davon 35 Institutionen wie Städte und Gemeinden, Verbände der Forst- und Landwirtschaft, Naturschutzvereine und die Fraktionen im Göttinger Kreistag. Dazu kommen noch etwa 150 Einzelpersonen. Sein Vorstand besteht aus 16 Mitgliedern und ist nach dem Prinzip der Drittelparität zu gleichen Teilen mit Vertretern aus Naturschutz, Land- und Forstwirtschaft sowie Kommunalpolitik besetzt. Für den Verein arbeiten drei Angestellte.

Leinschafe

Schon ihr Name lässt ahnen, dass sie einst eine wichtige Rolle im Raum Göttingen gespielt haben: die Leineschafe. Früher fehlten sie auf keinem Hof, gemeinsam weideten sie rund um die Dörfer. Der LPV hat es sich zur Aufgabe gemacht, die vom Aussterben bedrohte Haustierrasse wieder in Südniedersachsen anzusiedeln.

„Das ist auch ein Stück Identität und Kulturerhaltung“, sagt Klaus König, Mitarbeiter in der Geschäftsstelle. 1997 hat der Verband die ersten Zuchttiere gekauft, später einen eigenen Stall gebaut und einen Schafhalter-Stammtisch initiiert. Heute gibt es bereits wieder zehn Zuchtbetriebe in der Region mit etwa 550 Leineschafen.

Eine Ausstellung in der Historischen Spinnerei Gartetal informiert außerdem über Schäferleben und Schafhaltung im Göttinger Land, alle zwei Jahre gibt es ein Schäferfest in Klein Schneen und jährlich Leinelamm-Wochen mit regionalem Lammfleisch in Fleischereien. us

Entstanden sei die Idee, im immer wiederkehrenden Streit zwischen Naturschutz und Landwirtschaft alle Beteiligten an einen Tisch zu holen, vor etwa 30 Jahren in Franken, sagt König. Zehn Jahre später habe der frühere Kreis- und Landespolitiker Klaus Peter Bruns aus Reinhausen sie nach Südniedersachsen mitgebracht – es war der erste LPV in Niedersachsen.

Rotmilan-Projekt

Mehr als die Hälfte aller auf der Welt vorkommenden Rotmilane brütet in Deutschland. Ihre Nahrungssuche wird allerdings zunehmend durch moderne Ackerlandwirtschaft eingeschränkt. Seit 2013 beteiligt sich der LPV an einem bundesweiten Projekt „Rotmilan – Land zum Leben“.

Im Mittelpunkt steht die Beratung der Landwirte mit dem Ziel, Rotmilanen durch eine schonende Landwirtschaft mehr Nahrungsraum zu geben – zum Beispiel durch mehr Grünlandnutzung und den Anbau bestimmter Getreidesorten. us

Inzwischen gebe es drei im Land und etwa 150 in Deutschland. Finanziert wird der Göttinger LPV vom Landkreis seit 15 Jahren unverändert mit jährlich 60000 Euro, hinzu kommen projektbezogene Fördergelder. Ab 2017 ist der LPV auch für die Osteröder Bereiche im neuen Landkreis Göttingen zuständig. Dann soll er 35000 Euro zusätzlich bekommen.

Statements des Vorstandes

Martin Worbes, LPV-Vorsitzender, Vertreter der Kommunalpolitik:

Martin Worbes

Quelle: EF

„Der Landschaftspflegeverband ist eine Einrichtung die Brücken baut. Sie wird von allen Parteien im Kreistag getragen und unterstützt, weil die Arbeit des LPV letztlich den Erhalt gefährdeter Pflanzen, Tiere und Biotope fördert, wie zum Beispiel die Halbtrockenrasen mit ihrem Reichtum an bedrohten Arten.“

Hartmut Haepe, stellvertretender Vorsitzender, Vertreter der Landwirte:

Hartmut Haepe

Quelle: EF

„Beim Landschaftspflegeverband arbeite ich mit, weil die Landnutzer die über eine lange Zeit entstandene Kulturlandschaft erhalten und pflegen – zum Nulltarif. Mein Anliegen ist es, die Interessen von Naturschutz, Erholung und Landwirtschaft in Einklang zu bringen. Nur gegenseitiger Respekt bringt Vertrauen und bringt die Landschaftsentwicklung voran.“

Reinhard Urner, stellvertretender Vorsitzender, Vertreter der Naturschützer:

Reinhard Urner

Quelle: EF

„Der LPV ist auf jeden Fall eine hilfreiche und sinnvolle Institution, vor allem, weil er eine Mittlerrolle zwischen Naturschützern und Landwirtschaft einnimmt. Er engagiert sich besonders im Bereich Ackerwildkräuter und Kopfmagerrasen – ein wichtiges Fundament für die Schafweidehaltung.

Streuobstwiesen

Seit seiner Gründung hat der LPV mit Projektpartnern etwa 3500 Obstbäume neu gepflanzt. Auf rund 20 Hektar Land an sechs Standorten sind Streuobstplantagen mit mehr als 500 Sorten entstanden – darunter gut 130 Apfelsorten, knapp 30 Birnen und 35 bisher unbekannte Kernobstsorten sowie 300 Süßkirschen, 12 Sauerkirschen, fast 50 Pflaumen und anderes Steinobst.

Ziel ist es, die einstige Vielfalt zu erhalten, zu fördern und dabei auch längst vergessene Sorten zu kultivieren. Dazu bietet der LPV auch Baumschnittkurse an, er unterstützt eine regional verankerte Natursaftkelterei, bildet seit 2011 Baumwarte als ehrenamtlich tätige Berater aus und organisiert Streuobsttage. us

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