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Kein Klimpern für höhere Töchter

Nicht mehr in jeder Kirche der Region erklingt die Orgel Kein Klimpern für höhere Töchter

Sie gilt vielen als die Königin der Instrumente und dennoch fristet die Orgel in vielen Kirchen ein Schattendasein. Vielerorts fehlt es auch in der Region an Organisten, die Gemeinden sind bei Gottendiensten musikalisch auf sich gestellt.

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Der Arbeitsplatz des Organisten: Spieltisch und Pfeifen der Paul-Ott-Orgel in St. Jacobi.

Quelle: Hinzmann

Göttingen. Die Situation habe sich im Laufe der letzten zwanzig Jahre tatsächlich verschlechtert, sagt St.-Jacobi-Kantor Stefan Kordes. „Es ist richtig, dass wir mehr brauchen. Wir machen auch schon Werbung.“ Der studierte Kirchenmusiker ist zusammen mit Elke Hahn (St. Petri) und Bernd Eberhardt (St. Johannis) für die Nachwuchsausbildung im evangelisch-lutherischen Kirchenkreis Göttingen zuständig. Wer als nebenamtlicher Chorleiter oder Organist tätig sein will, durchläuft in der Regel eine zweijährige Schulung in Dirigieren, Stimmbildung, Musiktheorie, Liturgik, Musikgeschichte und Hymnologie. Wer sich der Orgel zuwenden möchte, bekommt zusätzlichen Unterricht. Die Kosten dafür können durch ein Stipendium der Landeskirche reduziert werden, wenn man es bis zur Prüfung schafft.

Vorbei die Zeiten, in denen der talentierteste Klavierspieler des Ortes am Wochenende den Gottesdienst begleitet? Natürlich könne man auch ohne Ausbildung in der Kirche Orgel spielen, sagt Kordes, „aber wir haben schon Interesse daran, dass das Niveau stimmt.“ Sein katholischer Kollege Günther Nörthemann sagt es noch deutlicher: „Wer sich in der Kirche an die Orgel setzt, ist im Bereich des professionellen Musizierens. Das ist nicht Klimpern für höhere Töchter.“ Der langjährige Pfarrer der St.-Godehard-Gemeinde kennt als Theologe und studierter Musiker beide Arbeitsplätze in der Kirche: Altar und Spieltisch. Das habe es für die Organisten in seiner Kirche nicht immer leichter gemacht. Einige fürchteten den kritischen Zuhörer, andere hätten aber auch gesagt: „Bei ihnen spiele ich am liebsten. Sie wissen, wie schwer das ist.“

Göttingen sei in Sachen Organisten in einer Sondersituation, erklärt Kordes. Durch die Studentenschaft erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, dass immer mal wieder Musiker in der Stadt kommen. Diese für Gottesdienste außerhalb von Göttingen zu begeistern, sei allerdings nicht zuletzt wegen der häufig fehlenden Mobilität ein Problem. Und so kann es abseits der Stadt schwierig werden, einen guten Organisten zu finden, sagt Kordes.

So erlebt hat das die Gemeinde St. Hedwig und Adelheid in Adelebsen. „Wir hatten wirklich keinen“, erzählt der Pfarrgemeinderatsvorsitzende Michael Uhrmacher. Nach siebenjähriger Suche hat man schließlich 2015 in eine Selbstspielorgel investiert. Damit lösten sie nicht nur ihr Problem mit dem Gesangsbegleitung, sondern sorgten auch für einige Aufregung im Bistum.

Für die einen ist die Adelebser Orgel ein rotes Tuch, für die anderen eine ganz pragmatische Lösung. Uhrmacher wehrt sich gegen den Vorwurf, man schade den Organisten: „Wir nehmen niemandem etwas weg.“ Sollte jemand Interesse haben, das Orgelspiel zu lernen, habe er durch die neue Orgel die beste Gelegenheit dazu. Denn das Instrument lasse sich auch manuell bedienen. Anfänger könnten schon mit ersten erlernten Lied bei der Messe spielen und den Rest der Orgel überlassen. Die beherrscht alle 1000 Lieder des Gotteslobs und ist bei Bedarf im Repertoire erweiterbar. Dass er damit die Kritiker nicht überzeugen wird, weiß Uhrmacher. Er weiß aber auch, dass sich mittlerweile einige Gemeinden aus ganz Niedersachsen bei ihm erkundigt hätten. In Dransfeld sei die Orgel auch schon umgerüstet worden, berichtet Uhrmacher

Für Nörthemann ist die Selbstspielorgel keine Lösung für die sinkende Zahl an Organisten. „Das Problem ist nicht die Qualität. Das Problem ist die Leblosigkeit“, sagt er. Und Kordes ergänzt: „Wenn in einer Kirche eine schöne Ongel steht, kann das auch Organisten anlocken.“ Schließlich handelt es sich um die Königin der Instrumente.

Mit Orgel und Schlagzeug

Schon als kleiner Junge hat Karl-Frederik Steinmetz die Quelle der Geräuschen in der Kirche gesucht. Am liebsten saß er neben dem Organisten und schaute zu. Mit neun Jahren griff Kalle erstmals selber in die Tasten. Sieben Jahre später spielte er seine erste Messe. Heute ist er 24 Jahre alt und auf dem Weg, aus seinem Hobby einen Beruf zu machen.

Wenn er könnte, würde er jeden Tag spielen. Tatsächlich beschränke sich die Zeit am Spieltisch aber auf etwa sieben Stunden in der Woche.  Plus Gottesdienste am Wochenende, meist in den Gemeinde rund um Duderstadt. Er habe nie Unterricht gehabt, sich vieles abgeschaut und anschließend ausprobiert. Noch heute fährt er durch Deutschland, um guten Organisten bei der Arbeit zuzuhören. Mit einigen steht er im ständigen Austausch.
Außerdem habe er früh die Erlaubnis bekommen, regelmäßig in der Kirche zu üben. Für ihn ein echter Glücksfall. Wenn er nicht in der Kirche proben kann, geht Kalle in den heimischen Keller. Da steht neben zwei Schlagzeugen und einigen Gitarrenverstärkern seine eigene Orgel. Eigentlich kommt er vom Trommeln. Das merke man seinem Orgelspiel wohl auch an. „Ich gebe schon richtig Gas.“ Die Gemeinde soll ja schließlich auch nicht einschlafen, sondern singen, sagt er. Und das ist bei Steinmetz nicht auf die Lieder des Gotteslobes beschränkt.

Für ihn habe das Instrument Orgel keine Grenzen. So übersetze er beispielsweise klassische Kirchenmusik in andere Stilrichtungen wie Jazz. Oder er bringe Stücke in der Kirche zu Gehör, die dort noch nicht oft zu hören waren. Seine Umhängetasche ist voll mit Noten. Einige davon hat er selbst aufgeschrieben, bearbeitet, an seine Spielweise angepasst und mit Anweisungen versehen. Die sind für seine Freundin, die bei Konzerten neben ihm steht und hilft, das Instrument zu bedienen.

Was ihn antreibe? „Ich will zeigen, was man aus einer Orgel herausholen kann.“ Dazu will er in den kommenden Jahren die Ausbildung zum Organisten machen. Die Kantorenprüfung habe er im vergangenen Jahr absolviert.  Abschließend hat der Eichsfelder noch einen Tipp. „Jedem Organisten sollte die Chance gegeben werden zu spielen“, findet Steinmetz. „Eine Orgel geht ja nicht durchs Spielen kaputt, sondern durch Rumstehen.“

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