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„Ich kann alles richtig machen und der Arsch sein“

Schiedsrichter Nicolas Ficks hat einen Gewaltexzess erlebt „Ich kann alles richtig machen und der Arsch sein“

Nicolas Ficks ist Schiedsrichter aus Überzeugung: „Ich bin einfach gern beim Fußball dabei, und als Schiedsrichter kann ich etwas Gutes tun“, sagt der 46-Jährige. „Ich freue mich einfach, wenn die Spieler und die Zuschauer zufrieden sind.“

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Nicolas Ficks als Schiedsrichter während einer von ihm geleiteten Begegnung.

Quelle: Theodoro Da Silva

Göttingen. Was er jedoch bei einer Kreisklassenpartie in Obernjesa erlebt hat, ließ ihn an seinem Hobby zweifeln: „Das war eine Geschichte, die ich vorher nicht kannte“, sagt der Vater dreier Kinder. „Tätowierte Muskelleute“ hätten eine Hauptrolle gespielt, Ficks erlebte eine Partie, die völlig aus dem Ruder lief.

Ein Spieler des Gastgebers TSV Obernjesa sei „ausgeflippt“, weil ein vermeintliches Foulspiel nicht geahndet wurde: Gelb für die Unmutsäußerung. Er klatschte Beifall: Gelb-Rot – erster Platzverweis. Ein weiterer TSV-Akteur kam bei einem Konter der Aufforderung  von außen „Hau ihn um!“ vorbildlich nach: Rot – zweiter Platzverweis. Fünf Minuten vor Schluss habe ein TSV-Akteur den „sterbenden Schwan“ markiert, Ficks hatte jedoch kein Foul gesehen und wurde deshalb verbal attackiert: Gelb-Rot – dritter Platzverweis.
Einem 1,90-Meter-Hünen seien daraufhin „die Sicherungen durchgebrannt“, und er sei aus einiger Entfernung im Vollsprint und mit geballten Fäusten auf Ficks zugerannt. „Da kam mir die Zeit ziemlich lange vor“, sagt der Schiedsrichter im Rückblick. Der Hüne berührte mit der Brust die Nase des Referees: Rot – vierter Platzverweis. Zuschauer stürmten auf den Platz, Spielabbruch.

„Ich hatte zuvor noch Potenzial für zwei weitere gelb-rote Karten, allerdings versucht man mit Ermahnungen die persönlichen Strafen im Rahmen zu halten“, sagt Ficks. „Ich dachte, ich bin im falschen Film: Wo leben wir denn hier?“ Weil sich seine Sachen in der Umkleidekabine des Gastgebers befanden und ihm zugerufen wurde „Sieh zu, wie du heile in die Kabine kommst“, rief er von der Vereinsgaststätte aus die Polizei.

Der ehemalige Fußballer hat in den 80er-Jahren für die A-Junioren des 1. SC Göttingen 05 gespielt und wurde auch in die Landesauswahl berufen. Als Schiedsrichter wollte er dann allerdings nicht nur im Kreis pfeifen und bildete sich fort. Seit vier Jahren ist er Bezirksschiedsrichter.

Natürlich frage er sich manchmal „Warum soll ich mir diesen Scheiß antun?“ und denkt daran, die Pfeife an den Nagel zu hängen. Das hänge aber nicht mit dem Spiel in Obernjesa zusammen. 30 Euro beträgt die Pauschale für ein Bezirksligaspiel, 17 Euro für ein Spiel in der Kreisklasse. „Der zeitliche Aufwand ist enorm“, sagt er. Mitunter ist Ficks sechs bis sieben Stunden unterwegs, und Braunschweig und Umgebung. Zusätzlich frustrierend sind „Pöbeleien“ der Zuschauer: „Ich kann alles richtig machen und trotzdem der Arsch sein“, weiß Ficks.

Ein weiteres Thema sind soziale Netzwerke. „Dem müsste man mal so richtig aufs Maul hauen“, sei mitunter zu lesen – auch für hartgesottene Schiedsrichter bisweilen schwer zu verdauen. Obernjesa habe ihn „einige Zeit“ beschäftigt. „Die Sprüche bleiben in Erinnerung.“ Ein schlechtes Vorbild ist oftmals die Bundesliga, glaubt Ficks.
Der Hüne aus Obernjesa erhielt schließlich eine dreimonatige Sperre. Sicher ist sich Ficks darin, dass die Sportgerichte noch mehr zu tun hätten, wenn die Schiedsrichter alles hören und berichten würden, was so von sich gegeben wird. Man muss auch mal weghören können.“

Bei aller Dramatik: „Obernjesa ist die absolute Ausnahme gewesen“, sagt Ficks, der auch gleich das Ausländerproblem als Vorurteil abräumt: „Rudelbildung ist schon wahrscheinlicher, aber sonst habe ich nie Schwierigkeiten gehabt.“ Auf eins kann Ficks aber in Zukunft verzichten: auf „tätowierte Muskelleute“, die das Regelwerk nicht kennen.

Keine Autorität, kein Respekt

Der Stachel der Enttäuschung sitzt bei Viktor Bruhl tief. „Die verbalen Anfeindungen nehmen zu, das macht mich sehr nachdenklich“, sagt der 55-Jährige, der eine ähnliche Eskalation wie sein Kollege Ficks erlebt hat – für sich aber die Konsequenzen gezogen und aufgehört hat.

Genauer gesagt, gab es zwei Zwischenfälle, nach denen Bruhl die Pfeife an den Nagel gehängt hat. Auch er hatte in Obernjesa eine Begegnung der dritten Art, und in Elliehausen musste es ihm so vorkommen, als hole ihn sein schlimmster Alptraum ein: Der Unparteiische sah sich konfrontiert mit demselben Spieler, der ihn bereits zuvor attackiert hatte. „Schade, dass wir dich in Obernjesa nicht umgebracht haben“, habe er gesagt und hinzugefügt: „Aber dann machen wir es halt jetzt.“ Bruhl sah keinen anderen Ausweg, als sich in der Kabine zu verschanzen und die Polizei zu rufen.

Die Hoffnung auf eine Unterstützung der Schiedsrichter durch das Sportgericht hatte er schon länger aufgegeben. „Das ist eine Lachnummer, die sind immer für die Spieler und gegen die Schiedsrichter“, betont er. Lange Sperren würden in der Sommer- oder Winterpause abgesessen werden. „Damit haben sie uns kaputtgemacht. Es fehlt Respekt“, findet Bruhl.

Das Schiedsrichter-Problem sei lange Zeit verharmlost und runtergespielt worden, findet der ehemalige Unparteiische. Dabei sei es immer das gleiche Phänomen: „Die Spieler suchen sich Schiedsrichter aus, die nicht abschreckend wirken. Zu viele junge Leute haben keine Hemmungen mehr“, glaubt Bruhl.
Schiedsrichter, die sich der Gewalt entgegenstellen, würden verfolgt, und es gebe Drohanrufe. Darum habe Bruhl sich entschlossen, sich vom aktiven Schiedsrichterdasein zurückzuziehen. „Ich werde nichts mehr machen“, sagt er. „Man fühlt sich ausgeliefert.“ Für ihn sei es „kein Wunder, dass heute Schiedsrichter fehlen“. Die Unparteiischen, glaubt er, sehen einer schweren Zukunft entgegen: „Ich sehe es sehr schwarz“, sagt er.

Buch: "Ich Pfeife"

Als „hochkomplexes Gebilde“ bezeichnet Christoph Schröder, Fußballschiedsrichter und freier Autor, in seinem autobiografischen Buch „Ich Pfeife!“ das Verhältnis von Trainern, Spielern, Fans und Schiedsrichtern. Nur hätten die Unparteiischen von allen die kleinste Lobby, „und in Extremfällen wir der Kampf auf dem Fußballplatz im Privatleben fortgeführt“.

Er kenne Kollegen, „die nach einem Amateurspiel auf dem Heimweg von mehreren Autos verfolgt und bedrängt wurden, über viele Kilometer hinweg“, schreibt Schröder. Erst vor einer Polizeistation seien sie sicher gewesen. Außerdem wisse er von Drohanrufen oder von Bezichtigungen, „der Herr sei ja eindeutig betrunken gewesen, der habe ja schon bei seiner Ankunft eine Fahne gehabt“.

Für den Amateurfußball gelte grundsätzlich: „Alles, was die da oben vormachen, kommt ganz schnell unten an, alles.“ Kein Einzelfall sei eine Solidarisierung mit dem gegnerischen Spieler, denn „auf den Schiedsrichter als Deppen kann man sich schnell und bequem einigen“ – bis hin zur Sportgerichtsverhandlung, in der der geschädigte Akteur sich nicht erinnern kann.

Stressabbau wichtiges Thema

Aggressionen gegen Schiedsrichter: Christian Rahlfs, Vorsitzender des Kreisschiedsrichterausschusses, über die aktuelle Situation.

Quelle: R

Die Schiedsrichter haben einen immer schwereren Stand – ist das auch Ihre Meinung?
Es wird unsportlicher und zum Teil auch aggressiver, aber in unserer Region gibt es zum Glück keine körperlichen Angriffe. In den anderen Kreisen geht es heftiger zur Sache, wie man hört. Vor allem Großstädte sind ein Problem.

Was sind Ihrer Meinung nach die Gründe dafür?
Es geht, glaube ich, den Leuten um Stressabbau: Der berufliche Druck wird immer größer, und der Fußball bietet eine Möglichkeit, den Druck rauszulassen. In dieser Hinsicht sind Wochenspiele für uns Schiedsrichter ein größeres Problem als Spiele am Wochenende, das merkt man ganz deutlich. Bei den Leuten hat sich tagsüber Frust angesammelt, und der muss raus. Spielabbrüche sind aber zumindest bei uns die Ausnahme.

Ist der schlechte Umgang mit den Schiedsrichtern auch der Grund dafür, dass es am Schiedsrichternachwuchs hapert?
Das glaube ich nicht. Wir haben jetzt erst einen Lehrgang mit 16 neuen Schiedsrichtern beendet. Der Rückgang hat zum einen gesellschaftliche Gründe: Es gibt heute viele andere Angebote, der Fußball steht nicht mehr im Mittelpunkt. Schließlich mangelt es auch den Vereinen an Spieler-Nachwuchs. Zweitens reduziert der Nachmittagsunterricht der Schule die Zeit für Hobbys wie Fußball. Drittens beklagen wir  nicht so sehr mangelndes Interesse als den Verlust frisch ausgebildeter Schiedsrichter, die sich fragen, warum sie sich bei einem Spiel im D-Juniorenbereich von Eltern anmeckern lassen müssen, weil sie vermeintlich falsch gepfiffen haben.

Die Eltern im Zwielicht?
Sie sind ein ganz großes Problem: Ich musste neulich bei einem C-Juniorenspiel einen Vater der Sportanlage verweisen, weil der pausenlos gefordert hat, sein Sohn möge dem Gegenspieler die Beine wegtreten.

Was kann getan werden?
Die Zuschauer sind nur ein geringes Problem, eher Trainer und Eltern. Es müsste das Verständnis für die Situation der Schiedsrichter gefördert werden. Ein Beispiel: Wir haben in dieser Saison so viele Regeländerungen durchzusetzen wie noch nie. Das schwierigste ist dabei, das den Spielern zu vermitteln. Ich habe als Schiedsrichter doch gar keine Wahl: Ich muss die neuen Regeln umsetzen. Dieses Verständnis wollen wir in Zukunft durch runde Tische fördern, zu denen beispielsweise Jugendspielleiter eingeladen werden sollen. Aber auch die Vereine sind in der Pflicht. Es muss in ihrem Interesse sein, dass das Spiel in einem ruhigen Rahmen verläuft, damit auch zukünftig Schiedsrichter zur Verfügung stehen.

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