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Ohne Weihnachtsmärkte sähe es düster aus

Viele Schausteller kämpfen ums Überleben Ohne Weihnachtsmärkte sähe es düster aus

Der Bummel über den Rummel bei Frühlings- oder Schützenfest – das lockte noch vor zehn Jahren viele Menschen an. Mit der ganzen Familie oder der Clique wurde an Fahrgeschäften und Buden gerne Geld ausgegeben. Das ist heute anders, wie viele Schausteller festgestellt haben. Erwartet werden immer neue, größere Attraktionen, sonst bleiben die Besucher fern. Und kommen keine Gäste mehr, dann lohnt es sich für die Schausteller auch nicht mehr. Britta Eichner-Ramm hat mit Schaustellern aus der Region über die Gründe für diese Abwärtsspirale gesprochen.

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Frühlingsfest in Göttingen 2006 auf dem Schützenplatz. Seither schrumpfte die Zahl der Besucher und in der Folge auch der Schausteller immer mehr.

Quelle: BB/Archiv

Frühlings-, Schützen- und Herbstfest, davon habe man einst leben können, sagt Andreas Krummacker. „Heute würde das nicht mehr funktionieren“, sagt der Schausteller aus der Nähe von Dassel. Gäbe es die Weihnachtsmärkte nicht, es sähe düster aus für das Schaustellergewerbe.

 
Der klassische Jahrmarkt scheint sich überlebt zu haben. Immer mehr Menschen gehen lieber ins Internet als auf dem Rummelplatz, geben „Geld lieber für andere Lustbarkeiten aus“, meint Krummacker. Eindrücke, die man gewinnen kann, wenn man die großen Volksfeste von einst mit deren Überbleibseln von heute vergleicht – zumindest in Südniedersachsen. Der Rummel beim Göttinger Schützenfest ist ein solches Beispiel. Ähnliches lassen die in der Region ansässigen Schaustellerfamilien im Tageblatt-Gespräch durchblicken.

Es ist ein hartes Brot, den Lebensunterhalt mit Fahrgeschäft, Schießbude oder Karussell zu verdienen. Beim jüngsten City-Rummel in Northeim lockte vor allem der verkaufsoffene Sonntag in die Stadt. Davon profitierten letztlich auch die Schausteller.

 
Eine der wichtigsten Einnahmequellen für die meisten Schausteller sind indes die Weihnachtsmärkte. Ohne sie würde es sich nicht mehr rechnen, einen Stand für mehrere Tage aufzubauen, sagen Krummacker und seine Kollegen einhellig. „85 Prozent der Schausteller wären ohne Weihnachtsmarkt pleite“, schätzt der Göttinger Ingo Beinhorn, dessen Familie Reisegastronomie betreibt.
„Mit den Weihnachtsmärkten halten wir uns noch über Wasser“, bestätigt Margret Bodem vom gleichnamigen Duderstädter Familienunternehmen, das auf den Märkten in der Region mit Kinderkarussells vertreten ist.
Bleiben die Besucher weg, lohnt es sich für die Schausteller nicht mehr, werden die Angebote auf einem Fest weniger, bleiben wiederum die Besucher fern – die Spirale drehe sich kontinuierlich nach unten und sei nicht mehr aufzuhalten, analysiert Beinhorn. 

Immaterielles Kulturerbe

„Wo Jahrmarkt ist, ist pures Leben“ – dieses Zitat von Pythagoras (um 570 vor Christus) stellt der Deutsche Schaustellerbund auf seiner Internetseite dem Text voran, in dem es um die Anerkennung „der gelebten Volksfestkultur in Deutschland“ als sogenanntes immaterielles Kulturerbe der Unesco geht. Volksfeste und Kirmessen einschließlich Weihnachtsmärkten, so heißt es, seien über Jahrhunderte gewachsene, kulturell und kirchlich beeinflusste Veranstaltungen. Oft stehe die Verleihung von Stadt- und Marktrechten in Verbindung mit Volksfesten, wie etwa der Oldenburger Kramermarkt (1608). Als ältestes deutsches Volksfest gilt das Lullusfest in Bad Hersfeld, das 1200 Jahre alt ist. Die Schausteller, so ist auf der Internetseite des Schaustellerbundes zu lesen, seien seit jeher die Träger der deutschen Volksfestkultur. bE

 

Freizeitparks als Konkurrenz

 
Die klassischen Fahrgeschäfte seien für viele Menschen kaum noch reizvoll. Heute verlangten die Leute nach immer neuen Attraktionen, so Krummackers Erfahrung. Und die Konkurrenz im Freizeitsektor ist groß. „Früher war die Kirmes oder das Volksfest die einzige Attraktion“, sagt Beinhorn, heute lockten große Freizeitparks.

 
Für ein großes neues Fahrgeschäft müsse aber mindestens eine Million Euro investiert werden. Eine Achterbahn koste in der Anschaffung rund drei bis vier Millionen Euro, rechnet Beinhorn vor. Das seien Kosten, die ein Schausteller erst einmal erwirtschaften müsse.

 
Manche Schausteller kritisieren die Höhe der Standgebühr, die zum Teil verlangt werde. Davon kann auch Claus Braun ein Lied singen. Der Friedländer hatte jüngst beim Northeimer City-Rummel seinen „Hau den Lukas“ aufgebaut. Auch er klagt darüber, dass die Kosten wie Platzgeld, aber auch die Gewerbesteuer „dermaßen angestiegen“ seien, dass mancher Schausteller um seine Existenz kämpfen müsse. Hinzu komme, dass bei den Menschen das Interesse an Volksfesten sinke.

 
Ein Beruf mit ungewisser Zukunft

 
Ob Krummacker, Beinhorn, Bodem, Braun oder deren Bodenfelder Kollege Hilmar Theile – sie alle sind bislang auf Festen und Märkten zuhause. Krummacker sagt, er sei auf dem Rummel groß geworden, bei Familie Bodem ist inzwischen die vierte Generation am Start. Ihren Kindern oder Enkelkindern würden sie heute jedoch nicht mehr empfehlen, eine Laufbahn als Schausteller einzuschlagen. „Das hat keine Zukunft“, glaubt Krummacker, dessen Sohn einen Handwerksberuf lernt. Auch Margret Beinhorn ist froh, dass ihre Enkelkinder eine Ausbildung machen. Der elfjährige Enkel Beinhorns stehe schon jetzt gelegentlich mit am Stand, so Beinhorn, „aber Gott sei Dank will er Zahnarzt werden“.
Hat der Rummel Zukunft? Theile: „Die traditionellen großen Volksfeste werden überleben, die kleinen eher nicht.“ Krummacker sieht das ähnlich und nennt das Bad Hersfelder Lullusfest als eines der Traditionsfeste, das „gehegt und gepflegt werde“. Dabei handle es sich um eines der ältesten Volksfeste in Deutschland.

Schausteller in vierter Generation

Das Schaustellergewerbe hat meist Familientradition. Andreas Krummacker aus der Nähe von Dassel sagt: „Ich bin mit dem Rummel groß geworden.“ Er ist überzeugt: „Die Schausteller-Familien sterben nicht aus .“ Das sieht auch Ingo Beinhorn aus Göttingen so. Der 62-Jährige sagt, sein Sohn sei inzwischen in vierter Generation Schausteller. Die Familie Beinhorn ist seit 1880 im Schaustellergewerbe. Ähnlich verwurzelt in dem Metier ist die Duderstädter Familie Bodem. Franz Bodem baute 1946 das Familienunternehmen auf. Margret und Werner Boden (74 und 76 Jahre alt) sind noch immer dabei, und auch Sohn Volker (48) könne sich keinen anderen Beruf vorstellen. „Ich müsste nicht mehr weitermachen,“ sagt der 65-jährige Claus Braun aus Friedland. Doch auch wenn es für Schausteller schwer geworden sei: „Ich kann nicht aufhören."

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Von Redakteur Britta Eichner-Ramm

Der Wochenrückblick vom 26. November bis 2. Dezember 2016