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Die Abwärtsspirale der Bihunsuppenproduktion

Insolvenzursachen nicht behoben Die Abwärtsspirale der Bihunsuppenproduktion

Von Jahr zu Jahr haben die Probleme der Barteroder Feinkost zugenommen, ohne dass sich etwas an der Unternehmensstrategie änderte. In den vergangenen Jahren lebte die Firma von der Hand in den Mund. Zeichen für eine Insolvenzverschleppung oder unternehmerisches Versagen?

Quelle: Harald Wenzel

Nach einer Anzeige wegen Betrugs gegen den Geschäftsführer der insolventen Barteroder Feinkost GmbH, Thomas Loibl, ermittelte die Staatsanwaltschaft Göttingen auch in Richtung Insolvenzverschleppung. Grund für die Anzeige waren zwei Monate vor dem Insolvenzantrag am 1. Juli 2015 vereinbarte Abfindungen, die nicht bezahlt wurden und damit in die Gläubigerforderungen an die Insolvenzmasse eingegangen sind.
Der Verdacht der Insolvenzverschleppung habe sich für die Staatsanwaltschaft bei ihren Ermittlungen jedoch nicht bestätigt. Auch „eine Täuschung des Beschuldigten“ – Geschäftsführer Thomas Loibl – sei „nicht hinreichend sicher nachweisbar“. Die Täuschung sei aber Voraussetzung für die Verurteilung wegen Betrugs, schrieb die Staatsanwaltschaft dem Anzeigenerstatter.  
Dabei war bereits im April 2015 Kurzarbeit angemeldet, wie eine Gehaltsabrechnung aus diesem Monat zeigt. Der Anzeigenerstatter wies zudem die Staatsanwaltschaft darauf hin, dass sowohl Mitarbeiter als auch Zulieferer mit großen Zahlungsverzögerungen konfrontiert waren und dass gegenüber Banken mit falschen Zahlen gearbeitet wurde, um Notkredite zu erhalten.
Mehrere ehemalige Mitarbeiter der Barteroder Feinkost, die das Unternehmen bis zur Insolvenz aus der Innenperspektive verschiedener Abteilungen erlebt haben, geben dieselbe Beobachtung wieder. Demnach seien die Finanzprobleme über Jahre ein Dauerthema gewesen.

Ein großer Schuldenberg bei über 200 Gläubigern

Mehr als 200 Gläubiger der Barteroder Feinkost – von 235 war auf der bislang einzigen Gläubigerversammlung Ende 2015 die Rede – hatten im Insolvenzverfahren Forderungen in Höhe von 10,23 Mio. Euro angemeldet. Diesen steht ein Betriebsvermögen der insolventen Firma von 3,8 Mio. Euro gegenüber. Privatpersonen, Speditionen oder Nahrungsmittellieferanten – sie werden wohl auf ihren Forderungen in Höhe von mindestens 6,5 Mio. Euro sitzen bleiben.
Einen solchen Schuldenberg anzuhäufen, dauert. Zum Vergleich: Der Jahresumsatz der Firma betrug 2013, im letzten abgeschlossenen Geschäftsjahr, für das eine Bilanz vorgelegt wurde, knapp 9,4 Mio. Euro. Doch wo kommen die ganzen Schulden her?

Ex-Mitarbeiter geben Einblicke in die Insolvenzursachen

Insolvenzverwalter Peter Steuerwald gab dazu in der Gläubigerversammlung Auskunft: Die Geschäftsführung sehe die Ursache in der Fehlentscheidung, 2013/2014 eine weitere Produktionslinie aufzubauen, der dafür eingeplante Auftrag sei jedoch ausgeblieben. Eine weitere Ursache seien zu geringe Margen im Handel, so Steuerwald.
Die Ex-Mitarbeiter sehen das jedoch anders. Demnach sind die Ursachen der Insolvenz bedeutend älter und viel grundsätzlicherer Natur (eine ausführliche Darstellung finden Sie hier):

  • Verfehlte Produktstrategie : Statt sich auf den einzigen Verkaufsschlager, die Original Indonesia Bihunsuppe, die rund 80 Prozent des Umsatzes ausmacht, zu konzentrieren, wurde das Sortiment auf zum Schluss 160 verschiedene Produkte ausgeweitet.
  • Vertriebsprobleme : Oft konnte nicht einmal die Hälfte der bestellten Menge geliefert werden. Folgen: geringe Absätze, Kundenärger, Konventionalstrafen.
  • Produktionsprobleme : Die überalterten Produktionsanlagen stammen zu weiten Teilen noch aus der Zeit vor der Übernahme der Firma 1998. Es kam oft zu Produktionsausfällen, weil die Maschinen standen – aufgrund von Geldproblemen konnten Ersatzteile oder auch Zutaten nicht bezahlt werden.

Geldschwierigkeiten sind über die Jahre immer akuter geworden

Bereits weit vor 2010 sollen die Zahlungsprobleme gegenüber Zulieferern begonnen haben. Ab etwa 2012 waren dann auch die eigenen Mitarbeiter von der Geldnot betroffen, Gehälter wurden teils mit Verzögerungen von bis zu drei Monaten überwiesen. Das Euler Hermes Kreditlimit soll von 100000 Euro im Jahr 2005 auf Null im Jahr 2013 gesunken sein, berichtet ein Ex-Mitarbeiter. Bis zu diesem Betrag sind Lieferungen von Zulieferern gegen den Zahlungsausfall ihres Kunden versichert. Damit waren Lieferungen praktisch nur gegen Vorkasse möglich. 2012 hat bereits ein stiller Gesellschafter knapp 1,5 Mio. Euro in die Firma eingebracht. Unternehmensberater der Deutschen Consulting, die Loibl selbst 2012 oder 2013 engagiert hat, sollen ihm empfohlen haben, einen Offenbarungseid gegenüber den Banken abzulegen.
2013 soll auch die Unternehmensberatung „S/E/ Strategie und Ergebnisse Mittelstandsberatung GmbH“ erstmals in die Barteroder Feinkost gekommen sein – auf Veranlassen einer Bank. In eine Software zum Risiko- und Krisenmanagement namens „ProjektCockpit“ mussten Mitarbeiter Produktions- und Unternehmenszahlen eingeben, damit die Geldgeber sich einen Einblick verschaffen konnten. Die SE-Mitarbeiter Peter Feil und Jens Dahmer seien mehrfach vor Ort gewesen und hätten selbst erlebt, wie die Produktion oft stand. 2014 sind aufgrund der anhaltenden Geldprobleme die Lieferanten eingeladen worden, da sie vorfinanzieren sollten.
Trotz nicht abgestellter Probleme: Banken gaben weiter Geld
Auch seien die offenen Rechnungen für Lieferungen an die großen Handelsketten weiterverkauft worden, das sogenannte Factoring. Diese Rechnungen für gelieferte Produkte seien von Aldi oder Rewe nicht sofort bezahlt worden, die Barteroder Feinkost war aber auf dieses Geld dringend angewiesen. Mit dem Weiterverkauf der offenen Forderungen gab es sofort Geld, allerdings auch nur etwa 80 Prozent des Rechnungsbetrags – bei ohnehin relativ geringen Margen am Markt.
Zwischenzeitlich seien auch Darlehen mit Zinsen im zweistelligen Bereich aufgenommen worden – „da stand keine eins oder zwei vorne“, so ein Ex-Mitarbeiter – um kurzfristige Verbindlichkeiten zu bedienen. Der Ex-Mitarbeiter bringt es auf die Formel: „Die Firma hätte schon 2014 Insolvenz anmelden können.“ Doch offenbar schossen die Banken, insbesondere die Hausbank der Barteroder Feinkost, die VR-Bank in Südniedersachsen, sowie später auch die Sparkasse Göttingen, immer wieder Geld nach. Auch die MBG Mittelständische Beteiligungsgesellschaft Niedersachsen und die Niedersächsische Bürgschaftsbank sollen an der Bürgschaft für eine überdimensionierte Lagerhalle beteiligt sein, die 2011 für rund 3,8 Mio. Euro fertiggestellt wurde.
Die Unternehmensbilanz für  das Jahr 2013 zeigt, dass die Verbindlichkeiten stark angestiegen sind – die Bilanz für das Jahr 2014 ist immer noch nicht veröffentlicht. Das vorhandene Kapital und die noch offenen Forderungen der Barteroder Feinkost entsprachen nur noch etwa der Hälfte den Verbindlichkeiten. „Da sollten die Warnlampen angehen“, sagt ein Steuerberater. Auch dass die „S/E/“ im Unternehmen war, zeige, dass der beauftragenden Bank offenbar die Probleme bekannt waren.

Problemursachen weisen auf die Geschäftsführung

Die strukturellen Probleme und Investitionsdefizite hätten ihre Ursache zentral bei der Geschäftsführung, denn dort wurden die strategischen Fehlentscheidungen getroffen. Thomas Loibl habe nicht auf seine Leute gehört, er könne alles gut verkaufen, aber nicht rechnen, so die unabhängig voneinander geäußerte Einschätzung verschiedener Ex-Mitarbeiter.
Thomas Loibl ist weiterhin als Geschäftsführer in Barterode tätig: Die neu gegründete und ebenfalls ihm gehörende Athalevo Foods GmbH ( Hier finden Sie Infos zum Firmenkonstrukt) hat die Geschäftstätigkeit der insolventen Barteroder Feinkost übernommen. Loibl ist persönlich unbeschadet aus der Insolvenz hervorgegangen. Sowohl die Markenrechte an der Indonesia, wenn auch laut Insolvenzverwalter verpfändet an eine Bank, als auch die Grundstücke sind weiterhin in seinem Besitz und er führt sein altes Geschäft unter neuem Namen weiter. Der einzige Unterschied: Er ist einen Berg an Schulden zu Lasten über 200 Dritter losgeworden. Darunter auch viele Betriebe aus der Region.
Die Athalevo Foods muss jedoch mit denselben Rahmenbedingungen produzieren wie die Barteroder Feinkost: denselben ausfallanfälligen Anlagen, denselben Mitarbeitern, teilweise den gleichen Lieferanten, Handelskunden und Speditionen. Auch nach der Gründung der Athalevo soll sich im Unternehmen nichts an den Grundproblemen geändert haben, so die Eindrücke von Mitarbeitern, die noch in Barterode beschäftigt sind. Von „Barteroder 1.1“ ist die Rede: Lieferverzug, Rohstoffe nur gegen Vorkasse – dieselbe Situation wie vor der Insolvenz. Dazu passt auch, dass Ende Mai drei neue Suppen ins Sortiment aufgenommen wurden.

Finanzsituation seit 2010

Der Bonitätsindex einer Unternehmensauskunftei zeigt für die Barteroder Feinkost bis zum Jahr 2014 ein moderates Ausfallrisiko der Firma. Danach stieg das Ausfallrisiko jedoch stark an. Eines der Gläubigerunternehmen machte etwa die Erfahrung, dass sich ab 2013 die Zahlungsmoral der Barteroder Feinkost verschlechterte – es musste zunehmend in zweiter Mahnstufe an ausstehende Zahlungen erinnert werden.
Die Bilanzkennziffern ab dem Jahr 2010 zeigen, dass die Liquidität des Unternehmens ausgesprochen niedrig und kontinuierlich sinkend war und damit eine hohe finanzielle Abhängigkeit von externen Gläubigern bestand. Der Anteil des Eigenkapitals am Gesamtkapital der Firma – als Indikator für die wirtschaftliche Stabilität und damit die finanzielle Unabhängigkeit des Unternehmens – lag 2010 bei knapp minus sieben Prozent, 2011 bei etwas über plus sieben Prozent, 2012 bei 1,7 Prozent und 2013 bei etwa minus 22 Prozent.
Die Bonität der neu gegründeten Athalevo Foods GmbH wird von der Auskunftei als „schwach“ eingeschätzt, die Wahrscheinlichkeit, dass das Unternehmen innerhalb der nächsten zwölf Monate mit seinen Zahlungen ausfällt, wird als „überdurchschnittlich hoch“ eingeschätzt.

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Hygienemängel

Bilder aus der Produktion der Barteroder Feinkost zeigen schlechte, teils katastrophale Hygienebedingungen. Laut Ex-Mitarbeitern ein seit Jahren andauernder Zustand, der auch aktuell noch in der Produktion besteht. Bei Betriebsprüfungen wurde getrickst, um die Zustände zu vertuschen.

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