Volltextsuche über das Angebot:

10 ° / 6 ° Sprühregen

Navigation:
Schimmelteppiche in der Dosenabfüllung

Hygienemängel Schimmelteppiche in der Dosenabfüllung

Bilder aus der Produktion der Barteroder Feinkost zeigen schlechte, teils katastrophale Hygienebedingungen. Laut Ex-Mitarbeitern ein seit Jahren andauernder Zustand, der auch aktuell noch in der Produktion besteht. Bei Betriebsprüfungen wurde getrickst, um die Zustände zu vertuschen.

Schimmelflächen unter der Abdeckung eines Transportbandes, auf dem die offenen Dosen laufen. Die Schimmelsporen verteilen sich im gesamten Produktionsbereich. Nach Experteneinschätzung dauert es etwa zwei Wochen, bis der Schimmel solche Ausmaße erreicht.

Quelle: r

Barterode. Bilder und Videos, die dem Tageblatt zugespielt wurden, geben im Zeitraum April 2014 bis März 2015 Einblicke in die Produktion der Barteroder Feinkost. Dabei werden zahlreiche Hygienemängel deutlich, wie Lebensmittelexperten bestätigen. Seit März 2016 führt die Athalevo Foods GmbH die Produktion weiter. Nach Auskunft von dort noch tätigen Mitarbeitern bestehen die Hygienemängel weiterhin.
Gekeimte Linsen zwischen Kabeln in einem Maschineninnern, gekeimte Pflanzen zwischen Kacheln im Produktionsraum, festgebrannte Suppenbestandteile an Rührern und Kesseln, Lebensmittelreste großflächig im Produktionsraum und Anlageninneren verteilt, Lebensmittelschläuche, die offen auf dem Boden liegen – bildliche Eindrücke aus der Produktion bei der Barteroder Feinkost.
Und am gravierendsten: Schimmel unter der Abdeckung von Transportbändern, auf denen Lebensmittel transportiert werden, und an Wänden der Lagerhalle. „Wenn man unterstellt, dass diese Bilder tatsächlich aus der laufenden Produktion stammen, ist das katastrophal“, sagt jemand, der berufsbedingt viel mit Lebensmittelhygiene zu tun hat.

Schimmel wächst wochenlang ungehindert

Vor allem der Schimmel: Bis er diese Ausmaße erreicht hat, „dauert es locker zwei Wochen“, so der Experte. „Jede Art sichtbare Verunreinigung muss ich reinigen und desinfizieren.“ Dieses Schimmel-Ausmaß sei krass. „Das ist vollkommen inakzeptabel, der Betrieb gehört auf der Stelle dichtgemacht.“ Die Schimmel-Sporen gelangten in die Lebensmittel und auch in die Lungen der Mitarbeiter.
Auch die erkennbare Unsauberkeit – bis hin zu schon älter aussehenden Lebensmittelresten im Maschineninnenleben – habe jedes normale Maß überschritten: verschmierter Boden, Kisten, Leitern. „Es kann immer etwas herunterfallen, aber das hier ist flächendeckend. Hier funktioniert die Standardhygiene schon nicht mehr.“
Noch ein Detail fällt auf: An einem Transportband, auf dem einzuwiegende Produkte wie Fleisch oder Gemüse aufwärts transportiert werden, fehlt an den meisten der zahlreichen Stopperkanten eine Kunststoffecke. „Solche Anlagen gehören instandgesetzt. Es besteht sonst die Gefahr, dass Fremdkörper ins Lebensmittel gelangen“, so ein Lebensmittelexperte. Genau das soll laut ehemaligen Mitarbeitern der Firma passiert sein, denn weder wurde das Band ausgetauscht noch gibt es irgendwo eine Kontrolle, die diese Teile in den Konserven findet und herausholt.

Keine oder nur unzureichende Reinigung

Insgesamt habe es an der Umsetzung von Hygienevorschriften ständig gemangelt. „Anlagen wurden definitiv nicht fachgerecht gereinigt“, sagt ein Ex-Mitarbeiter. „Dort lagen teils wochenlang gammelnde Reste, die irgendwann abfallen und dem Abfüllprodukt zugeführt werden.“ Und ein anderer ergänzt: „Die Soja-Tanks wurden in meiner mehrjährigen Zeit bei der Firma nie gereinigt.“ Suppenschläuche wurden lediglich mit Wasser durchgespült – „sauber werden die dadurch nicht. Nicht einmal optisch.“ Es hätten zudem, wenn Geldnot bestand, Reinigungsmittel für hartnäckige Proteinbeläge gefehlt.
Zudem fehle eine Waschanlage für die Dosen, nachdem sie aus dem sterilisierenden Autoklaven kommen. Das Wasser für diese Autoklaven wiederum komme großenteils aus dem Bach Auschnippe, erklärt ein Insider. Ein Kanalschacht verläuft unter der Dransfelder Straße, eine Pumpe zieht das Wasser. Es sei jedoch auch vorgekommen, so ein Ex-Mitarbeiter, dass wenn der Bauer auf dem bachangrenzenden Feld Gülle ausgefahren hat, mit Güllewasser autoklaviert wurde und anschließend ein Schmutzfilm auf den Dosen lag. Waren die Dosen zu sehr verschmutzt, wurden mehrere Mitarbeiter zum händischen Dosenputzen abgeordnet. Das sei bedenklich, das Ausgangswasser muss Trinkwasserqualität haben, sagt ein Hygieneexperte. Sonst bestehe die Gefahr, dass Fäkalkeime auf der Dose zurückbleiben.

Auch verdorbene Lebensmittel wurden verarbeitet, berichten Augenzeugen

Mehrere Ex-Mitarbeiter berichten zudem, dass Lebensmittel jenseits des Haltbarkeitsdatums und auch schon einmal bereits verdorbene Lebensmittel in die Produkte gelangten: „Da kam Fleisch an die Linie, wurde ausgepackt und es roch komisch. Verdorbenes Geflügelfleisch“, schildert einer seine Erlebnisse. „Das wurde abgefüllt. ‚Das merkt keiner, wird gekocht‘, hieß es.“ Auch Sehnen und Schlundstränge gerieten mit in die Produkte, berichtet ein anderer. „Es gab Handelsretouren aufgrund schlechter Fleischqualität bei Ochsenschwanzsuppe. Die wurden einfach umetikettiert und wieder in den Handel gebracht.“
Aber auch die Entsorgung von verdorbenem Fleisch lief nicht immer regulär ab – aus Geldmangel. „Beispielsweise muss für die Entsorgung von 500 Kilogramm Wildschwein ein Zertifikat vorgelegt werden von jemandem, der das Fleisch vernichtet hat. Das kann der Geschäftsführer nicht, weil das Fleisch in den Hausmüll gekommen ist.“

Vertuschung für das Lebensmittelaudit

In regelmäßigen Abständen müssen sich Firmen, die die Eigenmarken für die großen Handelsketten produzieren, nach dem International Food Standard zertifizieren lassen, das sogenannte IFS-Audit. Damit sollen hohe Qualitäts- und Produktionsstandards dokumentiert und gesichert werden. Ab 2017 sollen diese Audits unangekündigt stattfinden. Daneben gibt es noch mehrmals im Jahr regelmäßige, aber unangekündigte Kontrollen durch das Veterinäramt, die die hygienischen Zustände begutachten sollen.
Ex-Mitarbeiter der Barteroder Feinkost berichten, wie dort mit Produktionsaudits und Besuchen vom Veterinäramt umgegangen wurde, um die Hygiene- und Qualitätsmängel zu verbergen: „Vor so einem Audit ist natürlich alles gewienert worden“, berichtet einer. Dann begann der Vertuschungseinsatz. „Alles, was einem Audit im Weg stand, wurde auf Lkws geladen und in Lagerhallen rings um Göttingen gefahren: abgelaufene Lebensmittel, abgelaufene Zutaten, alles, was an Müll herumlag. Nach dem Audit ist es wieder hergekommen.“
Für das Audit müssen auch regelmäßig Prüfprotokolle eines Gremiums aus verschiedenen Mitarbeitern – Koch, Produktentwicklung, Werkleiter, Produktionsabteilungsleiter und Geschäftsführer – ausgefüllt werden. Damit werden die hergestellten Produkte bewertet, jeder Teilnehmer unterschreibt. Einer, der an diesem Prozedere teilgenommen hat, berichtet von einer Verkostung, dass aus der Rezeptur vier  wertgebende Bestandteile gegen Alternativen ausgetauscht wurden, um Kosten zu sparen, die Mitarbeiter aber dennoch das Produkt als gut bewerten sollten. Auch, dass das Wasser für die Autoklaven aus der Auschnippe kommt, sei schwer zu entdecken: „Die Saugleitung ist versteckt. Welcher der Auditoren ist in der Lage zu entdecken, wo das Kühlwasser herkommt?“

Den Prüfer anraunzen, dann läuft‘s

Auch die Besuche des Veterinäramtes lassen sich „gestalten“, beschreibt einer, der mitbekommen hat, wie Betriebsprüfungen ablaufen. „Da sind von der Firma immer Fachleute dabei gewesen. Bei so einer Begehung werden die relativ schnell bei einer relativ einfachen Sache aggressiv und ergänzen das um fachliche Kommentare. Dann merkt der Prüfer, dass mit dem Firmenmitarbeiter nicht gut Kirschen essen ist. Dann hat man den Prüfer da, wo er sein muss und er konnte um die kritischen Stellen im Betrieb herumgeführt werden.“
Für den Prüfer stellt der Unternehmensbesuch zudem immer nur eine Momentaufnahme dar mit dem Wissen, dass es am nächsten Tag ganz anders aussehen kann.

Mehr zum Artikel
Insolvenzursachen nicht behoben

Von Jahr zu Jahr haben die Probleme der Barteroder Feinkost zugenommen, ohne dass sich etwas an der Unternehmensstrategie änderte. In den vergangenen Jahren lebte die Firma von der Hand in den Mund. Zeichen für eine Insolvenzverschleppung oder unternehmerisches Versagen?

mehr
Vor 25 Jahren erhielt der Göttinger Wissenschaftler Erwin Neher den Nobelpreis