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An der Betriebssicherheit gespart

Mangelnde Arbeitssicherheit An der Betriebssicherheit gespart

Bilder aus der Produktion der Barteroder Feinkost zeigen deutliche Mängel in der Arbeitssicherheit. Auch dies ist ein bereits langanhaltender Zustand, berichten Ex-Mitarbeiter, an dem sich bis heute kaum etwas geändert habe.

Reinigungskraft in einem etwa 2,5 Meter hohen Kessel. Oft, vor allem in der Nachtschicht, wird dort alleine gearbeitet, die Leiter hat wenig sicheren Stand – es besteht eine erhöhte Unfallgefahr, so Ex-Mitarbeiter der Barteroder Feinkost.

Quelle: R

Barterode. Die dem Göttinger Tageblatt zugespielten Bilder aus der Betriebsstätte der Barteroder Feinkost GmbH zeigen neben den Hygienemängeln auch deutliche Sicherheitsmängel im Zeitraum Mitte 2014 bis Mitte 2015. Mitarbeiter bestätigen zudem die laxe Handhabung des Themas Sicherheit. Seit der Fortführung der Produktion durch die Athalevo Foods GmbH ab März 2016 habe sich an der Sicherheitssituation kaum etwas geändert, so noch dort beschäftigte Mitarbeiter.
Auf den Bildern lassen sich verschiedene gesundheitsrelevante Mängel erkennen, wie Sicherheitsexperten deutlich machen: So sind etwa Stromkabel auf dem Boden zu erkennen, an deren Ummantelung schadhafte Stellen mit Klebeband abgedeckt wurden. Das sei „richtig risikoreich“ sagt einer – Feuchtigkeit dringe ein, es bestehe die Gefahr eines Stromschlags. Dasselbe gelte für mehrere, selbst während des Betriebs offenstehende Sicherungskästen. Auch im Detail zeigen sich Mängel wie lose Schrauben und nicht verschlossene Abdeckungen.

Schimmel belastet die Atemwege, Mitarbeiter werden nicht gesichert

Der Schimmel an den Abfüllanlagen, an Wänden oder den Pappen, mit denen die leeren Dosen im Lager abgedeckt sind, stellt ein weiteres Gesundheitsrisiko dar. Bedenklich sei auch, dass ein Mitarbeiter über eine Leiter in einen großen Rührkessel steigen muss, um diesen von innen zu putzen. Hier besteht ein Abrutschrisiko, ob die Leiter sicher stehen kann, ist nicht zu erkennen, aber ein zweiter Mitarbeiter muss außen stehen, um im Falle eines Unfalls Hilfe leisten zu können.
Doch genau das sei nicht der Fall, macht ein Ex-Mitarbeiter deutlich. Es fehle das Personal. Eine im wahrsten Sinne lebensgefährliche Situation: „In die Kessel kommt heißes Wasser durch eine große Rohrleitung von oben rein. Wenn einer von außen nicht sieht, dass da jemand drin ist, und einen falschen Knopf drückt, wird der zu Tode gekocht ohne Chance, da herauszukommen.“ Bei Erasco ist 2009 ein Arbeiter auf dieselbe Art ums Leben gekommen.
Offensichtlich sind auch die Mängel bei einem Autoklaven – hier werden die Dosen bei etwa 120 Grad stark erhitzt und Keime abgetötet. Bilder und auch ein Video zeigen, wie heiße Wasserfontänen während des Betriebs herausspritzen. Ein Indiz für das Alter des Geräts, so ein Sicherheitsfachmann. Außerdem steht „daneben ein Trockenschrank, da kann nicht einfach Wasser auf den Boden davor gesprüht werden“. Zudem müsse das Autoklaven-Wasser sauber dem Abwasser zugeführt werden.

Überbrückung von Sicherheitsvorrichtungen im laufenden Betrieb

Ein Ex-Mitarbeiter berichtet davon, dass an der Packmaschine, mit der Dosen in Kartons gesetzt werden, die Sicherheitsvorkehrungen überbrückt wurden, damit die Türen im laufenden Betrieb geöffnet werden konnten. „Damit konnte hineingegriffen werden, wenn eine Dose umkippt. Nur wenn man nicht schnell genug ist oder hängenbleibt, dann ist der Arm ab.“
Ähnliches an der Haupt-Etikettiermaschine für Dosen. Auch da wurden „sämtliche Schutzverkleidungen demontiert, weil Teile kaputt waren“. So sei die Maschine über Jahre immer wieder betrieben worden. In der Maschine arbeiten Heißleimdüsen, die den etwa 160 Grad heißen Leim mit hohem Druck an die Dosen spritzen. „Wenn keine Dose da ist, spritzt der einen Meter weit.“ Mitarbeiter hätten sich dort oft verbrannt, zumeist an den Händen. Eine Reparatur sei vom Geschäftsführer abgelehnt worden, weil es zu teuer war – die Maschine laufe doch.  

Aus Geldmangel wurden Reparaturen nicht vorgenommen

Fahrgestelle und Verriegelungen der Autoklavenwagen wurden nicht repariert. Die Wagen seien befüllt etwa 500 Kilogramm schwer und es sei häufiger vorgekommen, dass die darauf befindlichen Metallkörbe mit scharfen Kanten herausgerutscht und gegen die Schienbeine geschlagen sind. Verschärft wurde das Problem der defekten Autoklavenwagen noch durch den Untergrund, da Fliesen teils lose oder herausgebrochen waren und sich die Räder darin verkantet hätten. Auch an anderen Transportgeräten eierten Räder, weil notwendige Reparaturen nicht durchgeführt wurden, so dass Paletten umstürzten und dann auch einmal Arbeiter einquetschten. „Katastrophale Arbeitssicherheit“, urteilt ein Ex-Mitarbeiter.
Im Bereich der Arbeitssicherheit zeigt sich dasselbe Muster, das bereits bei der Hygiene und der Unternehmensstrategie deutlich wurde: Ein Geldmangel führt zu betrieblichen Mängeln, die von der Geschäftsführung nicht behoben wurden. Auch nach der Insolvenz der Barteroder Feinkost GmbH sollen die Sicherheitsdefizite weiter bestehen: „In der Zeit der Insolvenz gab es eine drei Stunden andauernde Brandschutzbegehung von der Feuerwehr und dem Gewerbeaufsichtsamt“, berichtet jemand. „Es wurde ein sehr langer Bericht angefertigt mit Auflagen, was zu tun ist. Es ist aber nichts passiert.“

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