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Untergegangene Dörfer

Orte, die in Vergessenheit geraten sind Untergegangene Dörfer

Im Laufe der vergangenen sechs Jahrhunderte sind auf dem Gebiet des alten Landkreises Göttingen rund die Hälfte der Siedlungen, etwa 120, aufgegeben worden. „Rein rechnerisch hat es neben jedem heutigen Dorf eine Beisiedlung gegeben“, erklärt Klaus Grote, Kreisarchäologe im Ruhestand.

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Die Kapelle Totenhausen

Quelle: Oliver Thiele

Eichsfeld. So könnte ein Fall von damals aussehen: Hans, Ende zwanzig, hatte alles verloren. Seine Frau und beide Söhne starben an der Pest, dem Schwarzen Tod. Nach strengen Wintern häuften sich Anfang des vierzehnten Jahrhunderts zudem die Missernten. Dann fasste er den Plan: Er wollte weg, wie andere auch sein Heil in den Städten und befestigten Siedlungen suchen. „Es entstehen Zentralorte“, erklärt Grote, „die als Leuchtbeispiele für ein freies, sicheres Leben standen.“

Durch die Missernten kam es zu Hungernöten, die Bevölkerung war durch die Plagen dezimiert, die Getreidepreise sanken immer weiter. Zugleich sollte der Bauer einen Ackerzins, der bis zu einem Drittel der Einnahmen betrug, an die Lehnsherren leisten. Hans war kein abhängiger Leibeigener und machte sich auf den Weg. „Im ausgehenden Mittelalter sind auch immer wieder Fehden im Gang“, so Grote, „kleine und große, lokale wie regionale Auseinandersetzungen.“ Wenn Grundherren verloren, sei ein Dorf eben auch ausradiert worden, so der Archäologe.

Doch die immer wiederkehrende Mär, der 30-jährige Krieg habe die Dörfer wüst werden lassen, stimme nicht. In den 33 Jahren seiner Tätigkeit organisierte Grote Grabungen an vielen Orten im Landkreis, verschaffte sich einen Blick in die Zeit von Dörfern, die heute höchstens noch als Flurnamen vorkommen. „Die Besiedlung der Region lässt sich an den Ortsnamen erkennen, da sieht man regelrechte Wellenbewegungen“, sagt er. Bereits ab dem 8. und 9. Jahrhundert breiteten sich „-h(a)usen“-Namen aus. Mit 120 Namen sei es „das“ Grundwort der Region, erläutert die Sprachwissenschaftlerin Kirstin Casemir im Ortsnamenbuch für Göttingen.

Nahe der Werra, einen Kilometer nördlich von Münden lag Gardelshausen. Funde datieren in das frühe 9. Jahrhundert, wenngleich der Ort mit seinem Bethaus erst 1442 durch eine Schenkung in Urkunden auftaucht. Da lag er vermutlich bereits 200 Jahre wüst. Hügelgräber deuten jedoch bereits auf eine Siedlung um 450 vor Christus hin. In Altmünden, wenige Kilometer die Werra hinauf, wurde die wiedergefundene Ruine der Laurentiuskapelle zur Besichtigung freigelegt.

Die Kapellenruine im früheren Wetenborn

Die Kapellenruine im früheren Wetenborn

Quelle: Grote

Sichtbare Reste einer Kirche erinnern auch heute an das Dorf Wetenborn, zwei Kilometer westlich von Oberscheden, an einem Feldweg nach Jühnde. „Jedes Jahr werden dort noch im Sommer Gottes-dienste gefeiert“, so Grote. Dazu musste die Ruine, die etwa aus dem 14. Jahrhundert stammt, konserviert werden. Üblicherweise verdeckten die Archäologen Fundstellen im Anschluss wieder unter der Ackerkrume. „Konservatorisch gesehen ist das das Beste“, erläutert Grote.

Möglicherweise fiel der Ort, der 1397 als „Wetenbornen“ und „Wittenbornen“ erwähnt wird, kurz danach wüst. Ein beliebter Name: Neben Deiderode befindet sich bis heute die kleine Siedlung Wetenborn, ein Weißenwasser befand sich auch nördlich von Katlenburg-Lindau. Bis heute steht dort eine mit einem Friedhof umgebene Kirche.

Die Kirchturm-Ruine im einstigen Moseborn

Die Kirchturm-Ruine im einstigen Moseborn

Quelle: Grote

Vielleicht kam Hans auf seiner Flucht an Moseborn, etwa einen Kilometer neben Holzerode, vorbei. Noch heute erhebt sich der etwa 13 Meter hohe Turm der St.-Crucis-Kirchenruine über die Büsche. Im Mittelalter scheint der Ort ein Wallfahrtsort gewesen zu sein. Eine Wehrkirche mit Kreuzgewölbe und doppeltem Boden für Nahrungsvorräte. Über die Jahrhunderte änderte sich der Name immer wieder von Mose- über Meise- bis Mauseborn. Wohl daher stammt auch der Name Mäuseturm. „Mose-„ führt Casemir auf das Mittelniederdeutsche „mos“ für Moos, Sumpfland zurück.

Vielleicht wurde wegen der ungünstigen Lage der Ort bereits um oder vor 1400 verlassen. „Man weiß, dass am Ende allesamt mit Sack und Pack nach Holzerode gezogen sind“, erläutert Grote. . Der Wüstungsprozess der Dörfer und die Konzentration auf Zusammensiedlungen war bis Anfang des 15. Jahrhunderts weitgehend abgeschlossen. Aber, erklärt Grote, auch heute fielen Stellen in den Dörfern wüst: Einzelne Häuser stünden leer, Tankstellen oder Bahnhöfe hätten andere Nutzungen; Stauseen oder Braunkohleabbau fielen ganze Dörfer zum Opfer.

Feiern am Wohnort der Urahnen

Die Kapelle Totenhausen

Die Kapelle Totenhausen

Quelle:

1000 Jahre Totenhausen: Mit Festgottesdienst und Szenen aus dem Mittelalter haben im August Gieboldehäuser ihren Nachbarort gefeiert. Mehr als ein halbes Jahrhutausend nach dessen Verschwinden. Sieben Orte in der Umgebung des Fleckens Gieboldehausen fielen im ausgehenden Mittelalter ganz oder größtenteils wüst. Um das Jahr 1400 zählte Totenhausen zwar noch 23 Höfe, doch die rund 300 Bewohner siedelten in den größeren Flecken um und bestellten von dort ihre Felder. 1016 taucht Totenhausen (Doddohusen) in einer Urkunde Kaiser Heinrichs II. auf. Der Name deutet jedoch auf eine frühere Besiedlung hin. Zum kleinen Kirchlein der Wüstung führte jahrhundertelang eine Prozession: Um 1682 wurde an der Stelle des verfallenen Kirchleins eine Kapelle errichtet, 1848 eine neue Bartholomäuskapelle.

Keine Bewohner, aber Mitglieder: die „Rosenthaler Erben

Im Herbst 2015 sind Flüchtlinge im Rosenthaler Hof untergekommen. Wo heute eine Art Niemandsland zwischen Duderstadt und Westerode liegt, bestand bis ins 14. Jahrhundert hinein das Dorf Rosenthal. Bis heute bewahrt die Realgemeinde „Rosenthaler Erbschaft“ dessen Tradition. Ein gewaltiger Erdrutsch vom Euzenberg, ausgelöst durch Niederschläge, begrub einst das Dorf in der Nathe-Niederung. Die Strafe Gottes für einen lästerlichen Lebenswandel – so lautet die Sage über den Niedergang Rosen-thals.

„Da ist schon ein wahrer Kern drin“, erläutert Lothar Rudolph von den Rosenthaler Erben. Ein- bis eineinhalb Meter Schlamm lägen heute über der Stelle, unter der sich Reste der im Spätmittelalter aufgegebenen Siedlung befinden sollen. „Der eigentliche Untergang der Siedlung dürfte aber erheblich undramatischer verlaufen sein“, so Rudolph. Weder von kriegerischen Auseinandersetzungen noch von Seuchen ist in den Aufzeichnungen die Rede.

Irgendwann verließen die Bewohner, möglicherweise wegen wiederkehrender Überschwemmungen das Gebiet; die meisten in Richtung Westerode. Hölscher, Rudolph, Zwingmann: Viele der Familien, die heute noch vor Ort leben, haben Namen, die bereits in den ältesten Unterlagen der Rosenthaler Erbschaft auftauchen. Die stammen aus dem Februar 1297: „Hugo de Marchia verkauft laut der ältesten noch überlieferten Urkunde Propst Bertold uns seinem Kloster Teistungenburg einige Güter, darunter molendinum situm in Rosenthal.“

Auch knapp 30 Jahre später ist noch von Rosenthal die Rede. In Urkunden ab 1361 wird „zu dem Rosenthal“ verwendet, eine Bezeichnung für eine Flur. Irgendwann zwischen 1331 und 1361 verließen also die meisten der Einwohner das Dorf. Doch bis ins 15. Jahrhundert sind noch zwei Höfe bezeugt, eine Mühle hat noch im 17. Jahrhundert Öl produziert. Der Ortskern, der Kirchhof, Äcker, Wiesen und Waldungen bildeten im Mittelalter die Allmende, die gemeinschaftlich genutzt wurde. Sie fiel auch nach der Wüstwerdung Rosenthals nicht an die Grundherren, das Kloster Quedlinburg, zurück, sondern blieb den Dorfbewohnern und ihren Nachkommen erhalten. Daraus entstanden die „Rosenthaler Erben“, die sich 1502 eine Satzung gaben. Demnach wurde ein Mitglied für ein Jahr zum Vogt gewählt, der vorangegangene blieb ein schlafender Vogt und wurde wie der aktuelle bei der Verteilung des Überschusses zusätzlich berücksichtigt. Neben dem Verkauf von Holz ist auch die Abgabe von Hopfen belegt.

Einmal im Jahr um Walpurgis versammelten sich die Erben und verprassten einen Teil des Gewinns mit einem Sauf- und Fressgelage. Über alle mittelalterlichen Konventionen hinweg saßen alle Stände zusammen. „Irgendwie ist es den Erben gelungen, Rosenthal dem Kloster Quedlinburg abzugaunern“, freut sich Rudolph. Irgendwann war das Eigentum des Klosters in Vergessenheit geraten. Nicht nur das: Die Rosenthaler Erben durften sich besser schützen, blieben steuerfrei. „Ein Status auf einer Stufe mit Reichsstädten“, so Rudolph. Eine „freie Republik“, ohne Ort und Bewohner. Knapp 30 Hektar am Euzenbergwald, Euzenberg, Mühlenbusch und eine kleine Ackerfläche gehören noch heute den rund 30 Mitgliedern.

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