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Den Kopf leer laufen, die Seele aufräumen

Pilgern liegt weiter im Trend Den Kopf leer laufen, die Seele aufräumen

Eine Lebenskrise kann einen Menschen zum Pilger machen oder die Suche nach dem verschütteten Glauben. Das Bedürfnis, sich auf den Weg zu machen, ist in den vergangenen Jahren enorm gewachsen – und ein Ende des Booms ist nicht absehbar.

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Fröhliche Pilger: Jugendliche aus dem Kirchenkreis Verden auf dem Pilgerweg von Loccum nach Volkenroda.

Quelle: r

Bursfelde. Das sagt jedenfalls Diakon Klaas Grensemann vom evangelischen Kloster Bursfelde. Das Interesse am Pilgern sei ungebrochen, die Tendenz immer noch eher leicht steigend: „Pilgern ist ein festes Thema in der Landeskirche geworden.“ Rund 3000 Pilgerpässe gebe allein das Haus kirchlicher Dienste in Hannover jährlich aus.
Ganz unterschiedliche Menschen machten sich auf den Weg, sagt Grensemann, Lehrer ebenso wie Handwerker, Polizisten oder Rentner. Eine Trennung könne der Auslöser für eine Pilgertour sein, der Tod eines nahestehenden Menschen, der bevorstehende Ruhestand, Unzufriedenheit mit dem Job oder eine Orientierungsphase nach dem Studium. Ein Ziel der Menschen sei, das Leben zu sortieren, die Seele aufzuräumen, den Kopf leer zu laufen.
Oft gehe es aber auch darum, einer unbestimmten Gottessehnsucht Raum zu geben. Die Menschen hätten ihren Kindheitsglauben verloren, ohne dass etwas Neues an seine Stelle getreten sei. Oder sie hätten gedacht, mit dem Thema Kirche durch zu sein, aber dann doch gespürt, dass noch immer eine suchende Bewegung da sei.

„Ein Wanderer geht los, ein Pilger bricht auf.“ Klaas Grensemann, Diakon evangelisches Kloster Bursfelde

„Ein Wanderer geht los, ein Pilger bricht auf.“
Klaas Grensemann, Diakon evangelisches Kloster Bursfelde

Quelle: r

Vielen Menschen habe auch das Buch „Ich bin dann mal weg“, in dem Hape Kerkeling seine Pilgerreise auf dem Jakobsweg beschreibt, einen Anstoß gegeben. Für Grensemann hat das nicht nur mit der Bekanntheit des Entertainers, sondern auch der Qualität des Buches zu tun, in dem Kerkeling auch seinen inneren Weg beschreibt.
„Ein Wanderer geht los, ein Pilger bricht auf“, erklärt Grensemann den Unterschied. Ein Pilger sei offen für Begegnungen, für Themen, die er mitnimmt, für geistliche Fragen. Der Weg des Pilgers führe entlang an Kirchen und Klöstern, wo es die Möglichkeit zu geistlichen Impulsen gebe, wo eine Kerze entzündet oder ein Zettel mit Gebeten mitgenommen werden könne. Das sei etwas Anderes, als auf einem Höhenwanderweg Natur und Landschaft zu genießen.

Info

Nähere Informationen: www.loccum-volkenroda.de

Wanderführer und Pilgerpass können für 12,90 Euro
plus Porto bestellt werden:
Haus kirchlicher Dienste,
Kirche im Tourismus,
Stichwort Wanderführer
Pilgerweg, Archivstraße 3,
30 169 Hannover. Infos unter Telefon 05 11/12 41-592.

Beim Pilgern begehe man sein Probleme, bringe Themen quasi unter seine Füße, meint Grensemann, der in der Landeskirche Pilgerbegleiter ausbildet. Dass Pilgern so gut geeignet sei, die Seele aufzuräumen und den Kopf leer zu laufen, hänge damit zusammen, dass man auf das Wesentliche reduziert sei: das Gehen von A nach B mit einem festen Ziel. Durch die Bewegung des Körpers setzten sich auch die Gedanken in Bewegung. Die äußeren Gegebenheiten wirkten auf die inneren zurück: Beim Gehen sortiere man, was rechts und links des Weges und was unmittelbar vor den Füßen liege. Manchmal trete man aus dem Dickicht ins Weite. Bei wechselnden Lichtverhältnissen könne man überlegen, was im eigenen Leben im Licht und was im Dunkel liege. So wie man in Pausen das Gepäck vom Rücken ablege, könne man auch das innere Gepäck ablegen. Und schließlich müsse man beim Pilgern auch einmal nichts besorgen, könne nur sein.
Ein großes Thema der Pilger ist laut Grensemann oft, wie man die guten Erfahrungen auf dem Weg mit nach Hause nehmen und im Alltag wachhalten kann. Pilgerbegleiter geben dann Tipps – sich zu Hause eine Postkarte an die Wand zu klemmen oder einen wichtigen Text an den Badezimmerspiegel, um so jeden Tag noch einmal kurz in den Weg einzutauchen. Das Pilgern verändere nicht nur die Pilger, sondern auch die Kirchengemeinden am Wegesrand, meint Grensemann. Wenn diese ihre Kirchen verlässlich zu bestimmten Zeiten für Pilger öffneten, merkten sie plötzlich, dass auch Menschen aus der Gemeinde oder Touristen in die Kirche kämen. Auf diese Weise werde in den Gemeinden neu entdeckt, dass es eine Sehnsucht nach Glauben im Alltag gebe.
Mit dem Pilgerweg von Loccum nach Volkenroda und dem Jakobsweg führen gleich zwei Pilgerwege durch Südniedersachsen. Vor der Haustür zu pilgern könne genauso effektiv sein, wie in der Ferne zu pilgern, meint Grensemann. Das müsse jeder nach seiner eigenen Persönlichkeit entscheiden. Manche Menschen sagten, dass sie die räumliche Distanz brauchten, andere könnten auch vor der Haustür gut pilgern.

Von Loccum nach Volkenroda über Bursfelde

Der Pilgerweg von Loccum nach Volkenroda wurde 2005 von der evangelisch-lutherischen Landeskirche eröffnet. Der Weg verbindet die ehemaligen Zisterzienserklöster Loccum in Niedersachsen und Volkenroda in Thüringen. Auf etwa 300 Kilometern führt er durch eine abwechslungsreiche Landschaft an Weser, Leine und Unstrut, über Wesergebirge, Vogler und Solling sowie durchs Eichsfeld. Ein Teil der Strecke verläuft durch die Region, unter anderem durch Dransfeld, Jühnde und Friedland.
Direkt am Pilgerweg liegt die evangelische Klosterkirche Bursfelde. Dort gibt es seit 2012 eine Pilgerherberge, in der jährlich etwa 400 Menschen übernachten. Die Pilgerherberge ist jedes Jahr von Ostern bis Ende Oktober geöffnet.
Voranfragen für einen Auf­enthalt sind unter der Telefonnummer 0 55 44 / 16 88 oder per E-Mail an info@kloster-bursfelde.de möglich, Anfragen während der Saison unter der Telefonnummer 01 51/12 04 07 59. Ein ehrenamtliches Team, zu dem rund 50 Menschen ge­hören, betreut die Pilger bei ihrem Aufenthalt.
Darüber hinaus bieten einzelne Kirchengemeinden nach Voranmeldung Übernachtungsmöglichkeiten an. In der Region sind dies etwa die Kirchengemeinde St. Martini in Dransfeld, die Trinitatis-Gemeinde Jühnde-Barlissen-Meensen und die katholische Kirchengemeinde St. Norbert in Friedland.

Als Jakobspilger vor der Haustür

Den Vier-Kirchen-Blick in der Göttinger Innenstadt sollten Pilger nicht verpassen.

Den Vier-Kirchen-Blick in der Göttinger Innenstadt sollten Pilger nicht verpassen.

Quelle: CH

Info

Pilgerführer : Martin Simon: Via Scandinavica. Conrad-Stein-Verlag, 260 Seiten mit Abbildungen und Karten, 16,90 Euro.
Pilgergemeinschaft : www.jakobus-pilger-göttingen.de. Der nächste Stammtisch der Gemeinschaft beginnt am Freitag, 2. September, in der katholischen Gemeinde St. Michael in Göttingen, Kurze Straße 13.

Neben dem Pilgerweg von Loccum nach Volkenroda durchquert ein weiterer Pilgerweg die Region: die Via Scandinavica. Es handelt sich um eine Route im deutschen Wegenetz für Jakobspilger. Die Via Scandinavica führt über eine Strecke von rund 660 Kilometern von Fehmarn bis nach Eisenach. In Göttingen engagiert sich eine Jakobus-Pilgergemeinschaft mit knapp 30 Mitgliedern in der Herstellung und Pflege der Wegführung. Stationen der Via Scandinavica sind Lübeck, Celle, Hannover und Hildesheim. In der Region liegen am Weg unter anderem die romanische Klosterkirche Wiebrechtshausen, Northeim, Billingshausen, Nikolausberg, Göttingen, Diemarden, Reinhausen und Lichtenhagen.

Ausbildung zum Pilgerbegleiter

Info

 Informationen und Anmeldung beim Haus kirchlicher Dienste, Telefon: 05 11/12 41-592.

Wer nicht allein, sondern angeleitet pilgern möchte, hat dazu die Möglichkeit. Die hannoversche Landeskirche bildet Pilgerbegleiter aus. Sie kennen den Weg und gestalten Pilgeretappen unter anderem durch Tagzeitengebete.
Angeboten werden Tages­etappen und auch mehrtägige Etappen. Jährlich erscheint eine Broschüre, die das Angebot auflistet. Eine neue Ausbildung zum ehrenamtlichen Pilgerbegleiter ist 2017 möglich.
An mehreren Wochenenden werden Kenntnisse über den Pilgerweg sowie über geistliche Angebote vermittelt.

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