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Vom Versuch eine Sprache zu retten

Plattdeutsch als Kulturgut Vom Versuch eine Sprache zu retten

Es soll in Südniedersachsen Dörfer geben, da kann man sein Bier noch auf Platt bestellen. Aber es sind nicht mehr viele. Das Niederdeutsche, die Sprache unserer Vorfahren, droht zu verschwinden. Laut einer Studie aus dem Jahr 2007 können nur noch 14 Prozent der Niedersachsen Plattdeutsch verstehen und sprechen.Vor 20 Jahren waren es noch mehr als doppelt so viele.

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Platt ist überall: Andreas Kompart und Fritz Schmidt unterrichten Platt in die Grundschule Adelebsen.

Quelle: HW

Göttingen.  Vor 20 Jahren waren es noch mehr als doppelt so viele.
„Die Schulen haben es versaut.“ Andreas Kompart geht hart mit seinem eigenen Berufsstand ins Gericht, wenn es ums Plattdeutsche geht. Er hat es während seiner Schulzeit in den 50er Jahren noch erlebt, dass Schüler für ihren Dialekt getadelt wurden. Selbst die Eltern waren angehalten, zu Hause doch bitte Hochdeutsch mit den Kindern zu sprechen. Platt galt als unfein.

„Platt war was für die Dummen“, erinnert sich auch Werner Grobecker an die Zeit, in der das Ostfälische, der hier vorherrschende Dialekt, auch aus den Dörfern verdrängt wurde. Ganz verschwunden ist er nie. Grobecker ist als 16-Jähriger zum ersten Mal zu den „Plattdütschen Frünnen“ gegangen, heute mit über 70 Jahren begrüßt er als Präsident immer noch jeden Monat in einem anderen Dorf mindestens 150 Gleichgesinnte bei den Treffen, jeden einzelnen per Handschlag. Aber auch er weiß, dass die Aktiven immer älter werden. Die Folgegeneration hat die heimische Mundart nie gelernt – lange Zeit nicht lernen sollten.

Werner Grobecker feierte 2011 das 60-Jährige mit seinen „Frünnen“.

Quelle: Richter

Was einst unerwünscht war, soll jetzt gefördert werden. Kompart freut sich über jeden Schüler, den er für Platt begeistern kann. Er ist als Fachberater für die Region und ihre Sprachen im Auftrag der Landesschulbehörde aktiv. Rund 260 südniedersächsische Schulen soll er von der Notwendigkeit überzeugen, dass Platt auf den Lehrplan gehört. „Das ist nicht nur aus Jux und Dollerei. Es gibt einen ganz klaren Auftrag.“

Niedersachsen hat die Europäische Charta der Regional- und Minderheitensprachen unterzeichnet. Seitdem ist Plattdeutsch sogar als zweite Amtssprache anerkannt. Seit 2011 gibt es zudem einen Erlass des Kultusministeriums zur Rettung der regionalen Sprachen. Dort heißt es unter anderem: „Im Rahmen des Deutschunterrichts ist die Sprachbegegnung für alle Schüler verpflichtend.“ Niederdeutsch findet auch im Niedersächsischen Schulgesetz Erwähnung.

Ernst Schrader unterhält das Publikum beim Plattdeutsch-Nachmittag in Geismar.

Quelle: HW

Aber kann Platt per Gesetz gerettet werden? Kann eine Sprache verordnet werden? Kompart glaubt nicht daran: „Eine Rettung wird es nicht geben. Dafür besteht aber eine geringe Chance auf Neubelebung“, sagt er und lächelt. Diesen vorsichtigen Optimismus teilt auch Rolf Gruschinski. „Der Wind ist günstig“, sagt der Netzwerker des „Südniedersächsischen Plattdeutsch-Forums“.
Seit kurzer Zeit organisieren sich hier die regionalen Akteure und Initiativen, halten Kontakt zu Schulen, Kommunen, Ortsheimatpflegern und Vereinen. Über 40 Paten stehen in den Dörfern als Ansprechpartner zur Verfügung, bieten Plattdeutsch-AGs an. Es dürften gerne mehr werden, sagt Gruschinski.

Unterstützung erhalten sie vom Beauftragen des Landkreises Northeim, Holzminden soll folgen. Stadt und Landkreis Göttingen hätten ebenfalls zugesagt, sich mit dem Thema zu befassen, sagt Gruschinki. Im Januar soll dann die offizielle Vereinsgründung folgen. Das gemeinsame Ziel aller Aktiven: Plattdeutsch soll als Kulturgut raus aus dem Museum und zurück in die Öffentlichkeit. Auf Ortsschilder, in Reden, in Andachten, ins Krippenspiel oder eben einfach zurück auf die Straße – und sei es zum Bier bestellen.

Termine:

Das nächste Treffen der Plattdüütschen Frünne im Eichsfeld ist am Sonntag, 4. Dezember, 14.30 Uhr im Museumskrug in Obernfeld geplant. Die Weihnachtsgeschichte op Platt wird am Dienstag, 6. Dezember, in Groß Schneen und am Sonntag, 17. Dezember in Klein Schneen erzählt. Beide Veranstaltungen beginnen um 18 Uhr in der Kirche.

Geschichtlich

Niederdeutsch war noch bis vor etwa 500 Jahren in unseren Breiten eine voll funktionstüchtige Sprache. In der Zeit der Hanse – also Mitte des 12. Jahrhunderts bis Mitte des 17. Jahrhunderts – hatte sich Niederdeutsch als allgemeine Verkehrssprache etabliert und entlang der Handelswege in der Nordhälfte des heutigen deutschsprachigen Raums verbreitet. Man sprach und man schrieb Platt. Kaufleute verschiedener Nationalitäten verhandelten auf Niederdeutsch, Richter sprachen Urteile in dieser Sprache.

Im 14. Jahrhundert hatten niederdeutsche Schreibsprachen das Latein in nahezu allen gesellschaftlichen Bereichen abgelöst: im Rechtswesen, der Verwaltung, dem Geschäftsverkehr und auch in der Literatur. Schrift war nicht mehr Privileg der Geistlichkeit. Da aber die Lateinkenntnisse in weiten Teilen der Bevölkerung nicht ausreichten, schrieb man, was man sprach – inklusive aller regionalen Besonderheiten.
Mit dem Zusammenbruch der Hanse verlor auch die Sprache an Bedeutung. Zwar bediente sich der größte Teil der norddeutschen Bevölkerung im Alltag zunächst weiterhin des Niederdeutschen, allerdings vorwiegend mündlich. Als Schriftsprache wurde es im Laufe des 17. Jahrhunderts in ganz Norddeutschland immer mehr vom Hochdeutschen verdrängt. Schließlich war die alte Sprache der Region fast nur noch als Mundart der Landbevölkerung präsent.

Sprachlich

Allgemein lässt sich sagen: das Niederdeutsche unterscheidet sich vom Hochdeutsch maßgeblich durch die zweite Lautverschiebungen. Aus „t“ wurde ein „z“ oder „ss“, aus „p“ wurde ein „pf“ oder „f“, aus „d“ ein hartes „t“, aus „k“ wurde „ch“. Das Plattdeutsche hat sie nicht mitgemacht. Dadurch ähneln viele Worte eher der englischen, niederländischen oder schwedischen Vokabel als dem hochdeutschen Pendant.
Ein Beispiel: „Water“ erkennt man im Rest Nordeuropas schneller wieder als das hochdeutsche „Wasser“. Auch ist „kopp“ näher an „Cup“ als an Tasse. Gleiches gilt für „Melk“, „Appel“ oder „Solt“.

Der hiesige Dialekt heißt Ostfälisch, „wat von Uelzen bet an’n Hoarz un von de Weser bet nah Sassen-Anhalt esproken word“. Die Mundart in Göttingen war das Göttingisch-Grubenhagensch. Hier heißt es „mik“ und „dik“ und nicht „mi“ und „di“ wie an der Küste. Hier ist die Vorsilbe „ge-“ zum „e-“ verkürzt. Hier heißt es „Löppel“ statt „Läpel“ und „betten“ statt „bäten“. Und nur hier heißt der Frosch „Üütsche“, der Eber „Kempe“ oder der Storch „Hailebort“.
Gut Güte Göttingen: Ausgerechnet die Stadt, die gern mit gesteltzem „G“ gesprochen wird, wird im Dialekt zu „Chöttingen“.

Husch, husch, husch up Jühnde tau

80 Prozent der Niedersachsen behaupten, Niederdeutsch zu verstehen. Machen sie den Selbstversuch mit Auszügen aus einer Geschichte von Reinfried Schöttel. Der Groß Schneer schreibt Geschichten aus dem Alltag auf Plattdeutsch.

„Ek will jök mol wat vertellen, wat ßek in Chroat Snaan vor over hunnert Joahren mol tauedrogen hätt. Ob ßek dat allet ßau affespeelt hätt, kann me hüte nech mehr festestellen. Ek möchte de Cheschichte vertellen, de hätt: „Husch, husch, husch up Jühnde tau“.

ßau ümme de Joahrhundertwenne vor ober hunnert Joahren, doa was oak allemoal nen chanz drüjen ßommer. Dat Korn, de Chaßte, de Waate, de Runkschen un allet wat uppen Feldern un innen Choarn wassen ßolle, was an verdrüjen. Ümmer weer kucken de Bouwern noahn Himmel un tofften up Reen. Oaber et kamm nitz. Tau düsse Tiet chaff et in Jühnde ßaun Mannskärel, de was nech ßau chanz fix met ßienen Chedanken. ßaun beten döllmerisch. De behauptete, dat man in Chroat Snaan for ennen Doaler inner Afthaken nen Chewitter köapen konne. De Leue ut Jühnde wussten, dat ha ßaun klaanen Husch harre. De hätt öhne, ek will ne mol Eijust nennen, nen Doaler cheben un doarfor ßolle ha nen Chewitter köapen. Joa, joa, dat moke ek!

An nächsten Doage smerde ha ßek noch nen Stücke, namm ßek noch ne Pulle Woater un moakede ßek uppen Wech noar Chroat Snaan inne Afthake. Ha moßte tau Faute chohn. Dat wörn woll wenn ha querfeldin ching ßau 8 bet tahn km. Ower ha hätt et eschaffet. Ha tratt in, in de Afthake. Doa chaff et tau de Tiet den Afthaker Schminke, den Eijust ßien Anlejen vordrauk. Schminke kuckede erstaunt, doch ha merkede hastich wat ßek de Jühnschen doa utehecket harren. Doa ha oak ümmer Kneepe in Koppe harre, mokede ha dat Speel me. Ha namm ßek ne Schachtel, ching inne Köke un hätt doa ßaunen dicken Brummer efongen. Schwuppediwupp, rin in de Schachtel, un chaff Eijust dat Chewitter inne Hand un ha hörde we et in de Schachtel dunere.

Ha kreech noch me uppen Wech, dat ha erst in Jühnde de Schachtel uppmoaken dorfte. Joah nech vorher, ßüßt härre dat allet kenne Wirkunge. Joa, joa ßächt Eijust, moake ek, ek passe alle up. Wat mot ek denn betohlen? Och ßächt Schminke, chiff mek moal nen Chroschen. Eijust freue ßek, dat ha ßaun Cheschäfte moaket het. Nen Doaler hät ha krejen un nen Chroschen bloat utecheben. Ha, ha, ha! No mokede ha ßek hastich weer uppen Wech noa Jühnde.De wörn woll  dämlich kucken, wenn ha met ßienen Chewitter ankamm. Underwejes hät ha de Schachtel ümmer moal an ßien Oahr ehoahlen, ob dat Chewitter noch doainne is un was met ßek un de Welt taufreen.

Ha word nu doch en beten niefährich un dachte ßek: wenn ek de Schachtel moal ßaun beten upmoake, bloat ßaun betchen, denn kann doch choar ßau veele nech passern. Na ja! Chedacht edoahn. Ha moakede de Schachtel ßaun klahnen Ritz up. Flutsch! De Brummer was rut. Drapp ßien Oare. Herje raap ha. No hätt mek de Blitz edropen! Et dunere oak nech mehr inne Schachtel. Ha lechte ßiene Hänne ant Mul un raap chanz lauet hinner her:“ Husch, husch up Jühnde tau, up Jühnde tau!“ Ob no dat Chewitter jemoals in Jühnde annekoamen is, dat is nech mehr oawerlewert.

Groß Schneen im Juni 2014: von Reinfried Schöttel

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„Drei Dorfweiber auf dem Traumschiff“ (von links): Elisabeth Arend, Monika Müller und Beate Nickel.

Zum vierten Mal haben die Plattdütschen Frünne die Kirmes in Ecklingerode eröffnet. „Wir wollen mit unseren Veranstaltungen zum Erhalt der Plattdeutschen Sprache beitragen“, erklärte der Gieboldehäuser Frünne-Vorsitzende Werner Grobecker, warum die Akteure regelmäßig im gesamten Eichsfeld auftreten.

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