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Porträt: DDR-Turnerin Dagmar Kersten

Thema des Tages Porträt: DDR-Turnerin Dagmar Kersten

Die ehemalige Olympia-Turnerin Dagmar Kersten hat mit ihrer Vergangenheit im DDR-Leistungssport abgeschlossen, dieses frühe, erfolgreiche und viele Entbehrungen beinhaltende Kapitel aufgearbeitet. Als anerkanntes Doping-Opfer hat sie sich ausführlich mit dieser Problematik auseinander gesetzt, wurde entschädigt und referiert heute immer wieder zu diesem Thema.

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Dagmar Kersten am Anfang ihrer Sportler-Karriere.

Quelle: Gymmedia

Göttingen. Als sie bei den Olympischen Spielen in Seoul 1988 den letzten Abgang vom Stufenbarren gestanden und für ihre Kür die Silbermedaille bekommen hatte, hakte sie ihre Kindheit und Jugend, die ohne Schulabschluss endete, ab. „Andere haben Abitur gemacht, sind später Ärzte geworden. Ich habe einen Ausreiseantrag gestellt.“ Das Sportsystem der DDR wollte sie nicht gehen lassen, WM-Medaillen waren noch eingeplant.

Doch Dagmar Kersten hatte genug vom Leistungssport, von fast 40 Stunden Training pro Woche und den Entbehrungen. Ein Einstieg in das „normale“ Leben war schwierig. „Zu unserer aktiven Zeit war die Schule um unser Training herumgebaut worden. Mit einem normalen Schulalltag wäre ich nicht klar gekommen. Ich war mental viel weiter.“

Hat Spaß mit dem Turnnachwuchs: Dagmar Kersten.

Quelle: NTB

43 Kilogramm betrug ihr Sollgewicht bei 1,54 Meter Körpergröße. Das Gewicht wurde mit Hilfe von Wassertabletten gehalten, später las sie in ihrer mehr als hundert Seiten umfassenden Krankenakte von Wirbelsäulenschäden, die im Alter von 15 Jahren diagnostiziert worden waren, und Medikamenten-Cocktails, die auch das Steroid Oral-Turinabol beinhalteten.

Dieses Anabolikum wurde in großem Umfang im DDR-Leistungssport verabreicht, bewirkte ein schnelleres Muskelwachstum und stand auf der Dopingliste. „Wir haben andere Sportarten und Sportler beobachtet. Wir glaubten immer, dass diese Medikamente im Turnen nichts bringen würden...“, sagte Kersten über die blauen Pillen.

Zur Person

Dagmar Kersten (Jahrgang 1970) begann als Siebenjährige im Trainingszentrum Cottbus mit dem Turnen, wechselte mit neun Jahren ins Berliner Turninternat des SC Dynamo. Nach Spartakiade-Siegen im Mehrkampf 1981 und 1983 sicherte sie sich 1985 EM-Bronze im Pferdsprung. Vier Medaillen brachte sie von der WM im gleichen Jahr aus Montreal mit.

Neben Silber am Stufenbarren holte sie Bronze im Mehrkampf, in der Teamwertung mit der DDR-Mannschaft und im Pferdsprung. Mit zwei Medaillen am Stufenbarren (Silber) und mit dem DDR-Team (Bronze) kehrte sie von den Olympischen Spielen 1988 aus Seoul zurück. Unmittelbar im Anschluss beendete sie ihre Karriere, stellte einen Ausreiseantrag.

Erst nach der Grenzöffnung erhielt sie ein Visum, ging zu ihrer Mutter nach Celle und von dort aus nach Stuttgart, wo sie beim Schwäbischen Turnerbund eine Ausbildung zur Bürokauffrau machte. Seit 2006 ist Kersten beim Niedersächsischen Turnerbund als Referentin tätig. 2011 machte sie ihre eigene Doping-Historie öffentlich, sie ist ein anerkanntes Doping-Opfer. Heute betreibt sie eine Kampf- und Bewegungskunst-Schule nahe Oldenburg, ist Mutter eines Sohnes (19) und einer Tochter (17).

Beim Turnfest in Göttingen bietet Kersten in der Erlebnis-Akademie (Erlebniswelt Turnen) am Sonnabend, 25. Juni, und Sonntag, 26. Juni, eine Fortbildung zum Thema „Rollen und Springen“. Dabei kommen Trampolin und Air Track zum Einsatz. kal

Hochkarätige Referenten

Hochkarätige Referenten haben die Organisatoren des Turnfestes vom 23. bis 27. Juni in Göttingen den Teilnehmern der Erlebnis-Akademie versprochen: Und sie haben Wort gehalten. In der Erlebniswelt Turnen bieten mit Dagmar Kersten und Anja Brinker zwei ehemalige Olympia-Turnerinnen praktische Fortbildungen an.

Als anerkanntes Doping-Opfer des DDR-Sportsystems hat die mehrfache Medaillengewinnerin Kersten viel zu erzählen. Gerade vor dem Hintergrund der neuesten Enthüllungen in Zusammenhang mit den Olympischen Spielen in Sotschi ist das Thema Doping so aktuell wie nie.

Als 1996 die Polizei bei ihr vor der Tür stand und von brisanten Unterlagen sprach, die im Zusammenhang mit ihrer Person aufgetaucht waren und um eine Zeugenaussage bat, stellte sie Nachforschungen an, wurde fündig, stellte sich dieser Problematik und wurde als Doping-Opfer anerkannt. „Ich habe keinen Gram mehr auf meine Trainer, habe das alles gut aufgearbeitet und kann damit leben.Ich gehe in Schulen und halte Vorträge. Es ist mir ein großes Anliegen, dass der Sport nicht durch Doping kaputt gemacht wird.“ Bei der 45-Jährigen haben sich inzwischen Verschleißerscheinungen eingestellt, betroffen sind die Fußgelenke, Hüften und der Rücken. „Verschleiß und Doping-Spätfolgen kann man nicht auseinanderhalten.

Viele haben auch Psychopharmaka erhalten, haben heute mit Depressionen zu kämpfen. Ich konnte das auffangen, das hat nicht jeder geschafft. Unsere Kerze wurde einfach zu schnell abgebrannt.“ Das hat zur Folge, dass sich Dagmar Kersten mehr und mehr der Lehrtätigkeit zuwenden muss.

„Dabei kann ich hervorragend Leute bewegen und Bambule in einer Halle machen.“ Aber: Sie müsse jetzt einen Schnitt machen, um nicht später einmal im Rollstuhl zu enden, weil ihre Gelenke nicht mehr mitmachen. „Ich bin 45, habe aber den Körper einer 60-, 70-Jährigen. Dabei bewege ich mich so gerne.“

Anja Brinker

Anja Brinker war acht Jahre alt, als sie das Gerätturnen für sich entdeckt hat. Zwei Jahre zuvor hatte sie über das klassische Kinderturnen bei ihrer Mutter Astrid den Einstieg gefunden, sich dann sehr schnell entwickelt und den Stufenbarren als „ihr“ Gerät gefunden. „Daran konnte ich immer viel ausprobieren, neue Elemente zu lernen.“

Mit der Olympia-Qualifikation für Peking 2008, wo sie 14. am Stufenbarren wird, erfüllt sich die damals 17-Jährige einen Kindheitstraum. Ein Jahr später bejubelt sie Bronze an ihrem Lieblingsgerät bei der Europameisterschaft in Mailand. London 2012 hat die 1,52 Meter kleine Turnerin fest im Visier. Tägliches Training, manchmal sogar zwei Einheiten pro Tag, wird nicht belohnt: Es folgen Operationen an der Ferse, ein Achillessehnenriss mit einem zweiten Eingriff und das Karriereende.

Anja Brinker

Quelle: NTB

„Ich wollte noch nach London, habe alles probiert“, erzählt die Turnerin, die heute manchmal noch für sich selbst an ihr Lieblingsgerät geht. „Nur weil ich Stufenbarren geturnt habe, konnte ich den Leistungssport überhaupt so lange betreiben. Da werden die Füße nicht so sehr beansprucht wie bei anderen Geräten. Mit den Füßen hatte ich immer Probleme.“

Astrid Brinker

Astrid Brinker hat die Turnkarriere ihrer Tochter von Beginn an begleitet, war Ihre erste Trainerin und später immer in der Nähe ihrer Tochter. „Anja ist mit zehn Jahren bei Wettkämpfen auf Landesebene aufgefallen – und dann auch auf Bundesebene. Als sie zwölf Jahre alt war, kam die Einladung vom Bundestrainer.“ Um die entsprechende Förderung zu bekommen, wurde ein Wechsel zum Bundesstützpunkt nach Bergisch Gladbach notwendig. Da war Anja Brinker gerade 13 geworden. Damit sie dort nicht ohne ihre Familie auskommen musste, teilten sich ihre Eltern die Woche auf. „Wir hatten dort eine kleine Wohnung, sind immer gependelt, haben uns die Woche geteilt, sechseinhalb Jahre lang“, sagt Astrid Brinker. „Im Nachhinein können wir sagen, dass es sich gelohnt hat und wir alles richtig gemacht haben.“

Das Thema Doping war während Anja Brinkers Karriere allgegenwärtig – täglich. Sie musste alle Aktivitäten zwischen 7 und 22 Uhr protokollieren, auch bei Auslandsreisen. „Die Kontrollen waren engmaschig, wurden jedes Jahr schlimmer. Die Kontrolleure standen auch mal um 6 Uhr morgens unangemeldet vor der Tür“, erinnert sich Astrid Brinker, für die Doping im Turnen nur begrenzt Sinn machen würde. „Für die Kraft würde es etwas bringen, vielleicht könnte man mehr trainieren. An sich ist Turnen aber eine sehr technische Sportart.“ kal

Das Thema Doping war während Anja Brinkers Karriere allgegenwärtig – täglich. Sie musste alle Aktivitäten zwischen 7 und 22 Uhr protokollieren, auch bei Auslandsreisen. „Die Kontrollen waren engmaschig, wurden jedes Jahr schlimmer. Die Kontrolleure standen auch mal um 6 Uhr morgens unangemeldet vor der Tür“, erinnert sich Astrid Brinker, für die Doping im Turnen nur begrenzt Sinn machen würde. „Für die Kraft würde es etwas bringen, vielleicht könnte man mehr trainieren. An sich ist Turnen aber eine sehr technische Sportart.“

Auch wenn sie Turnen nicht mehr als Wettkampfsport betreibt, ist sie der Sportart treu geblieben. Dreimal pro Woche steht sie als Trainerin neben den Geräten, ist als Kampfrichterin aktiv und als Referentin in der Aus- und Fortbildung tätig. „Ganz ohne geht es nicht“, sagt sie nach 16 Jahren Leistungssport.

Auch beruflich wird Brinker, die für Großburgwedel, den TV Herkenrath (bei Köln) und TK Hannover geturnt hat, zukünftig mit Sport zu tun haben: Die 25-Jährige studiert in Hildesheim Mathe und Sport für das Lehramt. Ihre pädagogischen Fähigkeiten kann sie beim Göttinger Turnfest in der Erlebnis-Akademie beweisen: Als Referentin mit Turnfest-Erfahrung ist ihr Thema „Gleichgewicht“. kal

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