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Wenn aus Spiel Ernst wird

Spielsucht Wenn aus Spiel Ernst wird

Die Gedanken kreisen ständig ums Zocken und um den Jackpot: Glücksspielsucht ist eine ernste Erkrankung. Nun soll ein neues Glückspielgesetz die Zahl der niedersächsischen Spielhallen ab dem 1. Juli stark reduzieren. Ab wann ist Glücksspiel krankhaft, und welche Auswege gibt es?

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Quelle: Richter (Symbolbild)

Göttingen. „Man spricht dann von einer Glücksspielsucht, wenn das persönliche Spielverhalten nicht mehr kontrollierbar ist“, sagt Uta Dohrmann von der Fachstelle für Sucht- und Suchtprävention in Trägerschaft des Diakonieverbands Göttingen. „Glücksspiele sind dadurch gekennzeichnet, dass für die Spielteilnahme ein Geldeinsatz erforderlich ist und der Gewinn überwiegend vom Zufall abhängig ist“, erklärt Dohrmann. Das sei auch bei Online-Glücksspielen der Fall.

Übergänge von genussvollem Spielen zur Abhängigkeit

Die Übergänge von genussvollem Spielen zur Gewöhnung, zu Missbrauch und Abhängigkeit seien fließend, bauten aber nicht zwangsläufig aufeinander auf. So gebe es ein „soziales, unproblematisches Spielen“, bei dem die finanziellen Verluste gering sind. Der Spieler gehe risikoarm vor und empfinde Freude, Aufregung und Entspannung. Als „problematisches Spielen“ bezeichnet Dohrmann, wenn der Betroffene risikoreich spielt, seine Spielfrequenz und Einsätze erhöht und den Drang verspürt, seine Verluste auszugleichen. Außerdem leide der Spieler unter einer verzerrten Wahrnehmung und denke irrational. Zusätzlich vernachlässige er Beruf und Privatleben.

Spielhallen in der Region

Im Landkreis Göttingen gibt es 85 Spielhallen. Davon befinden sich 39 im Stadtgebiet von Göttingen. Diese Zahl soll der Göttinger Stadtverwaltung zufolge zum 1. Juli auf 15 sinken. Grund dafür ist die Umsetzung des Glücksspielstaatsvertrages und des Niedersächsischen Glücksspielgesetzes. Derzeit befinden sich vier Spielhallen in Duderstadt, sechs in Hann. Münden und zehn in Osterode am Harz. Jeweils fünf gibt es in Herzberg am Harz und Bad Lauterberg, jeweils drei in Bad Sachsa und Gieboldehausen. Jeweils zwei Spielhallen befinden sich in Bovenden, Dransfeld, Rosdorf und Staufenberg. In Hattorf am Harz und Radolfshausen gibt es jeweils eine Spielhalle. aa

Wenn das Glücksspiel zum Zwang und zum zentralen Lebensinhalt geworden ist, handele es sich um eine Glücksspielsucht. Weitere Symptome seien Kontrollverlust, der ständige Druck, Geld fürs Spielen zu beschaffen, Konfliktflucht sowie Unruhe und Gereiztheit. Betroffene verschulden sich zunehmend und können deswegen sogar kriminell werden. Auch Depressionen und Selbstmordgedanken können zum Krankheitsbild gehören. Als typische Symptome nennt Dohrmann auch das „Leugnen des Spielens vor anderen“ und „aggressives Verhalten“, wenn Betroffene aufs Spielen angesprochen werden.

Die Krankheitsursachen seien unterschiedlich: Das soziale Umfeld, individuelle Faktoren wie die Lebensgeschichte, aber auch die Verfügbarkeit des Suchtmittels können eine Rolle spielen.

Zahl der jungen Männer, die auf Sportergebnisse wetten, steigt

„Es gibt Diagnosekriterien, die in Gesprächen abgefragt werden“, sagt Dohrmann. Zusätzlich gebe es Tests, auch im Internet, die auf eine Störung hinweisen können.

Fast 100 Menschen haben sich in den vergangenen drei Jahren pro Jahr wegen einer Glücksspielsucht in der Göttinger Fachstelle beraten lassen. Statistisch sei die Zahl der Glücksspieler 2015 zurückgegangen, sagt Dohrmann. „Nur die Anzahl der jungen Männer, die sich an Glücksspielen, vor allem Sportwetten, beteiligt hatten, war gestiegen“, ergänzt sie.

Fachstellen für Sucht und Suchtprävention seien für die ambulante Behandlung zuständig, Suchtfachkliniken oder Kliniken für Psychosomatik und Sucht für die stationäre Behandlung. „Kostenträger sind Rentenversicherungsträger oder Krankenkassen“, so Dohrmann. Kostenanträge laufen über Fachstellen für Sucht- und Suchtprävention. Die Beratung ist kostenfrei.

Von Alisa Altrock

Weitere Informationen gibt es bei der Göttinger Fachstelle für Sucht- und Suchtprävention unter Telefon 05 51 / 7 20 51 oder per E-Mail an info@suchtberatung-goettingen.de.

Strikte Vorschriften, auch bei Gewinnen

"Die Anforderungen an den Spielerschutz sind dramatisch angestiegen“, sagt David Schnabel, Präventionsbeauftragter der Gauselmann AG, die bundesweit 280 Spielhallen betreibt. Damit Spielsucht schon in Spielhallen, also dort, wo sie entsteht, bekämpft wird, haben alle 16 Bundesländer 2011 den „Staatsvertrag zum Glücksspielwesen in Deutschland“ unterzeichnet.

Viermal im Jahr würden die Mitarbeiter der Gauselmann Spielhallen – zu denen unter anderem die Merkur Spielotheken gehören – zum Thema Spielsucht geschult, auf insgesamt 11 000 Schulungen bundesweit, sagt Schnabel. Dadurch soll das Personal in der „Erkennung, Ansprache und Unterstützung von betroffenen Spielern“ trainiert werden. „Es ist so, dass wir dieses Thema sehr ernst nehmen“, betont Schnabel. Nach Vorgabe des Staatsvertrages müssen die Betreiber das auch. Paragraph 1, Absatz 1, des Vertrages setzt als Ziel fest: „Das Entstehen von Glücksspielsucht und Wettsucht zu verhindern und die Voraussetzungen für eine wirksame Suchtbekämpfung zu schaffen.“ Des Weiteren verpflichteten die Bundesländer durch die Unterzeichnung durch die Ministerpräsidenten Glücksspielbetreiber dazu, Sozialkonzepte zu erstellen und Spieler zu sperren, sollten diese einer Sucht unterliegen. „Das ist ein hilfreiches Mittel, um Menschen, die davon betroffen sind, zu unterstützen“, sagt Schnabel.

Allerdings hätten nur acht Bundesländer die Spielersperre in ihr Landesgesetz für Spielhallen aufgenommen; zu denen gehört Niedersachsen nicht. Daher appelliert Schnabel, ein „Einlasskontrollsystem auf Basis biometrischer Merkmale“ einzuführen. Denn für die Spielersperre seien einerseits die Erfassung persönlicher Daten erforderlich, andererseits unterliege man dem engen Korsett des Datenschutzgesetzes. „Das ist alles relativ unglücklich geregelt“, meint der Präventionsbeauftragte.

Doch ab wann jemand wirklich spielsüchtig ist, lässt sich nicht immer zweifelsohne feststellen. Und auch Spielhallen versuchen „durch ein ansprechendes Ambiente“ und „guten Service“, wie Schnabel sagt, Kunden zum Wiederkommen anzuregen. Die Spielgäste der Gauselmann AG besuchten auf Grundlage unternehmenseigener Erhebungen etwa zweimal im Monat für 45 bis 90 Minuten eine Spielhalle – durchschnittlich. Um den Reiz des Glücksspiels zu verstehen, reicht ein Blick in die gesetzliche Spielverordnung. Denn: Auch die Ausschüttung von Gewinnen ist fest vorgeschrieben.

Von Yannick Höppner

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