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Problemzone Waageplatz

Klagen über Gewalt, Drogen- und Alkoholkonsum Problemzone Waageplatz

Verkommt der Waageplatz und die neue Promenade entlang des Leinekanals zum „Nicht-Ort“, wie Anwohner klagen? Zum zugemüllten Treffpunkt für Trinker, Drogenhändler und -konsumenten? Anwohner am Robert-Gernhardt-Platz berichten von Gewalt, Drogen- und Alkoholkonsum, Einbrüchen und Müll

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Der Waageplatz, die Promenade am Leinekanal und der Robert-Gernhardt-Platz: Die Stadtverwaltung und Anwohner sorgen sich um die dort herrschenden Zustände.fotO: Höppner

Göttingen. Mittlerweile habe sich der Waageplatz und der Leinekanal zu einer innerstädtischen „Absteige“ entwickelt, klagt Anwohner Volker M. (Name der Redaktion bekannt). „Unmengen Alkohol“ würden konsumiert, Passanten „zum Teil unflätig“ angegangen, belästigt und beschimpft, sagt er. Von morgens bis abends gebe es laute Musik und die angrenzenden Wohnhäuser würden verunstaltet, Müll gebe es „in Hülle und Fülle“, Häuser würden „voll uriniert“, Menschen übergäben sich „ebenso vielfältig wie reichhaltig“, klagt M. Drogenhandel wie -konsum nähmen „bedenkliche Züge“an. Polizei und Ordnungskräfte sehe man hingegen kaum. Ähnliche Beobachtungen hat der Hausmeister der beiden Neubauten auf dem Robert-Gernhardt-Platz gemacht.

„Als Anwohner des entsprechenden Platzes kann ich diese Zustände nicht länger hinnehmen und sehe auch die Stadt Göttingen hier in der Verantwortung“, sagt M. Andere Anwohner sehen die Situation nicht ganz so kritisch wie M., gleichwohl bestreiten sie nicht, dass es durchaus Probleme gibt. „Es fehlt die soziale Kontrolle durch Anwohner, Passanten oder Einzelhändler auf dem Platz“, sagt einer.

Willi Otta und sein Kumpel Peter gehören zu denen, die regelmäßig zum Waageplatz kommen. „Zum zusammen chillen“, sagen sie. Viele ihrer Freunde und Bekannten kämen einmal am Tag dort „vorbeigeschossen“. „Die Leute, die man hier trifft, sind alle sehr nett“, meint Peter.

Beide sind arbeitslos, mit der Polizei seien sie am Waageplatz erst zweimal in Kontakt gekommen, wegen Lärmbelästigung. „Wir haben bis nachts getanzt - indische Musik - haben ein bisschen zu lange gemacht“, erzählt Willi Otta. Auf Bitten von Ordnungsamt und Polizei hätten sie die Musik aus gemacht, „dann war wieder Ruhe“. Sie würden Rücksicht nehmen auf die Anwohner. Das „muss man machen“, sagt Otta und ergänzt: „Wir wollen uns gar nicht mit denen in die Flicken kommen.“ Auch nicht mit Familien, die sich auf dem Waageplatz aufhalten. „Wo Kinder sind bleiben wir weg“, sagt der 57-Jährige. Und wenn doch mal welche an ihnen vorbeilaufen, dann „freuen sie sich“ über die Musik. „Wo soll ich denn sonst meine Musik hören?“

Dass der Platz manchmal so dreckig sei, das läge nicht an Ihnen, sondern an den Jugendlichen, die ins Savoy gingen, und an den Raben, die sich früh morgens an den Mülleimer vergingen, schildert Peter. „Wir passen sehr doll auf“, wirft Otta ein, „sonst fällt das auf uns zurück - der ganze Mist“. Sie würden den Platz, wie viele andere auch, schätzen. Die Sonne scheine lange auf die Promenade, an der sich an schönen Tagen bis zu 200 Leute aufhalten würden. „Mich stört am meisten, dass der Brunnen nicht läuft“, meint Peter.

Das sagt die Polizei:

„Es ist bekannt, dass der Platz auch durch Klientel aus der örtlichen Trinker- und Drogenszene frequentiert wird“, sagt Joachim Lüther. Durch die bauliche Gestaltung sei der Robert-Gernhardt-Platz ein attraktiver Aufenthaltsort. Vermehrte Polizei-Einsätze habe es dort aber nicht gegeben, sagt Lüther. Über die jetzige Situation in dem Bereich liegt der Polizei eine schriftliche Beschwerde der Hausverwaltung vor. Darüber hinaus habe es laut Lüther zwischen dem 1. Januar und 20. September 82 Polizeieinsätze dort gegeben – neun im Monat. Im „Rahmen der Möglichkeiten“ werde die Polizei auch am Robert-Gernhardt-Platz Präsenz zeigen. Mit der Hausverwaltung habe es bereits einen Ortstermin gegeben, „um auf mögliche Auffälligkeiten frühzeitig reagieren zu können“, sagt Lüther. Entgegen der Schilderungen der Anwohner ist es in dem Bereich um den Waageplatz weder zu mehr Einbrüchen noch zu mehr Gewalt gekommen. Gleiches gelte, so Lüther, für Drogenhandel oder -konsum. mib

Das sagt Pro City:

Auch City-Managerin Frederike Breyer meint, dass sich die Situation am Waage- und Robert-Gernhardt-Platz aber auch in der Prinzenstraße verschlimmert hat. Alkoholkonsum oder der Müll habe dort in den vergangenen Monaten zugenommen. Über die Gründe lasse sich nur spekulieren, sagt sie. Pro City habe bereits mit der Polizei Kontakt aufgenommen, um die konkrete Situation zu entschärfen. Gleichzeitig lasse sich der Aufenthalt von Personen, die sich friedliche verhielten, nicht verbieten. Es sei eine Abwägungssache, wie viele Sitzgelegenheiten es etwa am Waageplatz gebe. Zum einen solle der eigentlich schöne Platz durch Bänke aufgewertet werden, diese würden andererseits aber zum Verweilen einladen – auch die, die den Platz verunstalten. mib

Das sagt die Stadtverwaltung:

Wie die Anwohner sieht auch die Stadtverwaltung Probleme. Dass sich rund um den Waageplatz und entlang des Leinekanals immer wieder auch Menschen befänden, „die ein problematisches Verhalten an den Tag legen können“ und „reichlich dem Alkohol zusprechen“, sei der Verwaltung bekannt. „Und das macht uns auch Sorge“, sagt Verwaltungssprecher Detlef Johannson. Eine Rechtsgrundlage für ordnungsbehördliche oder polizeiliche Maßnahmen gebe es aber nicht. „Es sei denn, andere werden belästigt, beleidigt oder gar angegriffen.“

Es gehe um die Frage: „Wie weit geht das Recht des Einzelnen oder einer Gruppe und wann werden Grenzen überschritten, die ein Eingreifen erfordern?“ Beim Stadtordnungsdienst und Beschwerdemanagement seien in diesem Jahr drei eingegangen, sagte Johannson. Das Gebiet um den Waageplatz verdiene „die besondere Aufmerksamkeit der Stadt, ihres Stadtordnungsdienstes und der Polizei“. Gemeinsame Streifengänge und Kontrollen habe es gegeben, sagte Johannson. Künftig soll noch schärfer kontrolliert werden.

Maßnahmen gebe es auch für die Gruppe der Jugendlichen und junger Geflüchteter, die man dort häufig antreffen kann. „Der Verein Jugendhilfe macht dort – wie auch am Wilhelmsplatz – aufsuchende Jugendarbeit“, sagt Johannson. Das werde fortgeführt. „Nennenswerte Auffälligkeiten“ gebe es laut Jugendhilfe und Polizei aber nicht. Die Jugendlichen verhielten sich „im normalen altersentsprechenden Rahmen“, so Johannson. Er betont, dass die Stadtreinigung in dem Gebiet täglich „klar Schiff“ mache und die Delta Bau als Eigentümerin der Gebäude am Robert-Gernhardt-Platz vor kurzem „sämtliche Graffitis“ habe entfernen lassen. „Wenn es weitere Aktivitäten im bebauten Umfeld des Bereiches gäbe – das würde sicherlich dazu beitragen, die Verhältnisse zu verbessern“, sagte Johannson. mib

Probleme auch in der Prinzenstraße

Alkoholkonsum in der Prinzenstraße

Quelle:

Nicht nur am Waageplatz und am Leinekanal nehmen aus Sicht der Anwohner die Probleme mit Müll, Alkoholkonsum und Bettelei zu. Seit knapp zwei Jahren beobachte er eine Zunahme an Trinkern, Obdachlosen und Bettlern in der Prinzenstraße, sagt Michael Röttcher. Röttcher betreibt seit drei Jahren die Cello Coffee Bar in der Straße. Ihm täten diese Menschen leid, sagt er. „Wenn sie sich benehmen, habe ich auch nichts gegen sie“, sagt Röttcher.

Drei Gruppen hat er ausgemacht: die „sozial Schwächeren“, die zwar bettelten, aber sich unauffällig verhielten, die organisierten Bettler, die „aggressiv“ seine Gäste anbettelten, und die Menschen, die sich „sinnlos besaufen“. Vor allem letztere würden den Müll in der Straße verursachen, in Hauseingängen schlafen und auf offener Straße ihre Notdurft verrichten.

Der benachbarte Supermarkt bietet den halben Liter Bier für 29 Cent an, die Flasche Apfelkorn für 2,89 Euro. Korn gibt es für 3,99 Euro. Regelmäßig, so Röttcher, gingen von den Betrunkenen Schlägereien aus. Meist seien auch Hunde im Spiel. Viele seiner Gäste fühlten sich gestört, sagt der Café-Betreiber. Die Mitarbeiter des Ordnungsamtes seien sehr bemüht, und auch die Polizei habe schon Platzverweise ausgesprochen. Genützt hat es nichts. mib

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