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„Riesenproblem“ und „falsches Nationalbewusstsein“

Brexit und die Folgen für Göttingen „Riesenproblem“ und „falsches Nationalbewusstsein“

Um 23 Uhr deutscher Zeit schließen am Donnerstag, 23. Juni, die Wahllokale in Großbritannien. Dann ist die Entscheidung für oder gegen einen EU-Austritt gefallen. Viele Göttinger arbeiten in England, viele Engländer an der Göttinger Universität. Sie alle sind Gegner des Brexits. Wie bewerten sie den drohenden Ausstieg aus der EU?

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Brexit oder nicht Brexit? Die Folgen eines EU-Ausstiegs wären für Göttingen erheblich.

Quelle: dpa (Symbolbild)

Göttingen/London. „Der Brexit kann zu einem Riesenproblem für die Wissenschaft und die Universitäten in England werden“, sagt Aron Popov. Der promovierte Herzchirurg und vorherige Oberarzt am Uniklinikum Göttingen arbeitet seit 2014 in der größten Transplantationsklinik in London. 

Göttinger Herzchirurg in London: Auch Aron Popov ist Brexit-Gegner.

Göttinger Herzchirurg in London: Auch Aron Popov ist Brexit-Gegner.

Quelle: r

Er befürchtet, dass die vielen internationalen Wissenschaftsprojekte, die an den britischen Universitäten aus EU-Mitteln finanziert werden, bedroht sind. „Gerade in der Medizin gibt es zahlreiche solcher Projekte“. Popov selbst hatte als deutscher Staatsbürger einige bürokratische Hürden zu nehmen, als er nach London ging. Beispielsweise für die Anerkennung seines Facharzttitels. Das alles, so seine Einschätzung, könnte sich durch den Brexit drastisch verschärfen.

Andrew Wells

Andrew Wells

Quelle: r

Andrew Wells, Historiker und wissenschaftlicher Mitarbeiter der Uni Göttingen, stammt aus Mittelengland. „Das ist die Hochburg der Brexit-Befürworter“, sagt er. Wells ist im Jahr  2013 von der Uni Edinburgh an die Göttinger Universität gekommen. Er ist der Meinung, dass ein Austritt der Briten aus der EU auch die Engländer selbst treffen würde – denn viele Millionen Euro Forschungsgelder fließen von der EU nach Groß Britannien. Für europäische Wissenschaftler und Studenten werde es möglicherweise schwerer, an eine britische Universität zu wechseln. „Einwanderung ist für die Brexit-Befürworter ja ein zentrales Thema“. Wells hat bereits abgestimmt. So, wie ein Großteil der Akademiker und der Briten unter 40 Jahren – gegen den Brexit.

Peter Harrington

Peter Harrington

Quelle: r

Auch Peter Harrington ist erklärter Gegner des Brexit. Der Brite lebt seit 48 Jahren in Deutschland. Harrington arbeitet in der Universitätsmedizin, er ist dort für die Programme Freiwilliges Soziales Jahr und Bundesfreiwilligendienst zuständig. Solltes es zum Brexit kommen, sei er schließlich kein EU-Bürger mehr. „Ich habe zwar eine unbefristete Aufenthaltsgenehmigung, aber was kommt dann?“ sagt er. Er findet einen Brexit „unmöglich, engstirning und ein Zeichen für falsches Nationalbewusstsein“. Als Brite mit ständigem Wohnsitz in Deutschland darf der Göttinger allerdings nicht wählen und somit auch nicht gegen den Brexit stimmen.

„Sorgen der Studenten sind das kleinste Problem“

Göttinger Student: Vassili Golod arbeitet zurzeit in London.

Göttinger Student: Vassili Golod arbeitet zurzeit in London.

Quelle: r

Mit einem Partygast, der nicht feiern will, vergleicht Vassili Golod Großbritannien. „Viele sagen: ‚Die Briten mochten die EU sowieso nie‘. Sie sehen darin einen Angriff auf ihre nationale Souveränität“, so der Göttinger Student. Das Land sei in der Europäischen Union (EU), wolle aber nicht „mitfeiern“. Großbritannien werde trotzdem in der EU gebraucht, so Golod. Die EU stehe für Frieden. Dazu habe das Land maßgeblich beigetragen.

„Wenn es zum Brexit kommt, sind die Sorgen der Studenten das kleinste Problem“, sagt Golod über den am Donnerstag drohenden Ausstieg Großbritanniens aus der EU. „Man kann ja auch recht unproblematisch Auslandssemester in Brasilien oder Japan machen, obwohl es keine EU-Länder sind“, sagt er. Trotzdem hofft Golod, der Politik und Geschichte in Göttingen studiert und gerade in London für die ARD über das Brexit-Referendum berichtet, auf Großbritanniens Verbleib in der EU.

Leonie Buchow

Leonie Buchow

Quelle: r

Auch Geographie-Studentin Leonie Buchow glaubt, dass der Brexit auf Studenten keinen großen Einfluss haben wird. Sie geht im Sommer für ein Auslandsjahr an die University of Exeter. „Ich halte Unis für offene Institutionen, die an einer internationalen Vernetzung interessiert sind“, so ihre Einschätzung. Trotzdem könne es sein, dass sich bei einem Brexit der bürokratische Aufwand erhöhe.

Vincent Lindner

Vincent Lindner

Quelle: r

Student Vincent Lindner ist pessimistischer. Er hat in Göttingen Wirtschafts- und Sozialgeschichte und Politikwissenschaften studiert, macht nun seinen Master an der London School of Economics. „Hier ist keiner für den Brexit“, sagt er im Telefongespräch aus London mit dem Tageblatt. „Die Unilandschaft ist international geprägt, ich befürchte, dass das weniger wird“, sagt Lindner.

Änderungen betreffen ihn nicht. „Interessant wird es bei Bewerbungen für 2018“, so Lindner. Bei einem Brexit steigen wahrscheinlich Gebühren, weil es kein EU-Studium mehr sei, so Lindner. „Dann werden sicher weniger Studenten nach Großbritannien gehen“, sagt er.   

Das will auch Golod nicht: „Ich fühle mich europäisch“, sagt der 23-Jährige, der in der Ukraine als Sohn einer Russin geboren und in Deutschland aufgewachsen ist. Dass er problemlos nach England fliegen könne und sein Auslandssemester in Wales machen konnte, will er nicht missen. „Das Studenten-Auslandsprogramm Erasmus ist auch ein Verdienst der EU“, sagt er.

„Die Kampagnen beider Lager sind von Populismus geprägt“, kritisiert Golod und verweist auf das Plakat von Brexit-Befürworter Nigel Farage (UKIP), auf dem Flüchtlinge zu sehen sind, die als Grund für einen Austritt genannt werden. Wenn der Brexit eintrete, „könnten auch andere Länder zum Austritt tendieren. Ich sehe darin eine Gefahr für die europäische Idee“, sagt Golod. hsc

Nach Brexit: Ähnliches Verhältnis wie zur Schweiz

Andreas Busch

Andreas Busch

Quelle: r

Die Zusammenarbeit zwischen britischen und deutschen Wissenschaftlern ist vielfältig. Was ein Brexit für Universitäten bedeutet, beantwortet Prof. Andreas Busch, Vorstand des Instituts für Politikwissenschaft der Universität Göttingen.

Info

Mit 48 britischen Universitäten kooperiert die Universität Göttingen.  An 20 EU-Forschungs-Projekten ist die Uni Göttingen gemeinsam mit Forschungseinrichtungen des UK beteiligt. „Ein enger Partner ist die University of Edinburgh“, so Gabriele Bartolomaeus von der Göttinger Uni. Zur Zeit sind an der Uni Göttingen 36 Personen  mit britischer Staatsangehörigkeit beschäftigt. Im Wintersemster 2015/16 waren 33 Studierende mit britischer Staatsangehörigkeit eingeschrieben.         bib

Welche Auswirkungen hätte der Brexit auf die deutsche Wissenschaft und Universitäten?

Busch : Es wird auch weiterhin einen regen wissenschaftlichen Austausch geben. Sollten die Briten für den Austritt aus der EU stimmen, werden wir zu den britischen Universitäten ein ähnliches Verhältnis bekommen wie etwa zu denen in der Schweiz.

Wann würden wir denn – wenn – die Auswirkungen zu spüren bekommen?

Das wird wohl noch eine Weile dauern. Gewinnen die Austrittsbefürworter, ist es ziemlich unwahrscheinlich, dass David Cameron Premierminister bleibt. Man würde also zunächst eine neue Regierung brauchen. Die erst wird dem Europäischen Rat den Austritt offiziell mitteilen – ein administrativer Vorgang. Ab diesem Zeitpunkt dauert das Verfahren dann maximal zwei Jahre.

Befürchten Sie höhere bürokratische Hürden?

Welche Auswirkungen ein Brexit konkret haben wird, ist noch nicht klar. Ich habe selbst jahrelang in England gearbeitet und bin mit einem britischen Forschungsprojekt vor acht Jahren nach Göttingen umgezogen. Die Bürokratie war auch damals schon erheblich – und zwar auf beiden Seiten.

Sie haben demnach keine große Angst vor einem Brexit?

Ich würde einen Brexit sehr bedauern, aber wir müssten mit ihm umgehen. Unsere Kollegen an den  britischen Universitäten würden sicher alles tun, damit der Schaden so gering wie möglich bleibt – wie unsere Seite auch. Deshalb hoffe ich, dass die Auswirkungen nicht allzu dramatisch würden. Die Briten sind ja pragmatisch. Positiv wäre, dass deutsche Universitäten dann weniger Konkurrenz bei der EU-Forschungsförderung hätten.

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