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Rolf-Georg ist für mich „Herr Oberbürgermeister“

Thema des Tages Rolf-Georg ist für mich „Herr Oberbürgermeister“

Chauffeur, ein Beruf der ein hohes Maß an Verantwortungsbewusstsein und Zuverlässigkeit erfordert. Dietmar Kampe ist seit mehr als 36 Jahren als Fahrer der Stadtverwaltung Göttingen tätig. Er hat in dieser Zeit einiges erlebt.

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Aufmerksam und konzentriert am Volant: Seit über 36 Jahren ist Dietmar Kampe als Fahrer bei der Stadt Göttingen angestellt.

Quelle: Mischke

Göttingen. 1980 trat der Kfz-Mechaniker seinen Dienst an, 1981, als Joachim Kummer zum Oberbürgermeister gewählt wurde, wurde er zu dessen Fahrer. „Da konnte ich auf einen Mercedes 200 umsteigen und es war vorbei mit der alten Klapperkiste“, sagt der heute 64-Jährige. Er erinnert sich an einen orangefarbenen, in die Jahre gekommenen VW Golf, mit dem er seine ersten Touren absolvierte. „Jeden Montag bin ich los und habe in der damaligen städtischen Gärtnerei in der Merkelstraße Blumen geholt. Die waren als Schmuck für die Büros der Dezernenten und Amtsleiter bestimmt.

Viele seiner Erinnerungen sind nicht für die Öffentlichkeit bestimmt. Einige Begebenheiten gibt er aber doch preis. Die Erinnerung an eine Rückfahrt aus Göttingens polnischer Partnerstadt Torun beispielsweise, im November 1996. Sie geriet zur zwölfstündigen Strapaze. „Kurz hinter Magdeburg begann es, so stark zu schneien, dass nichts mehr ging“, berichtet Kampe. Gott sei Dank hatten wir uns kurz vorher auf einer Raststätte noch mit ein paar Flaschen Cola versorgt. Erst am nächsten Morgen gegen 8 Uhr ging es weiter – ohne Frühstück, denn die Raststätte Helmstedt war schlicht ausverkauft.“

Dietmar Kampe

Quelle: Mischke

Kampe fällt eine weitere Geschichte ein: Noch vor der Grenzöffnung 1989 sei er mit dem damaligen OB Levi zum Neujahrsempfang der ständigen Vertretung der DDR nach Bonn gefahren. „Ich setzte den OB vor der Beethovenhalle ab, um einen Parkplatz zu suchen. Kaum hatte ich eingeparkt, stand Levi wieder vor mir. Der Oberbürgermeister hatte nur seine Einladungskarte abgegeben, damit seine Anwesenheit dokumentiert und bat mich um eine zügige Rückfahrt. Korrekt wie Levi war, wollte er wegen einer wichtigen Abstimmung pünktlich zur abendlichen Ratssitzung in Göttingen erscheinen.“

Er habe sich, so der Chef-Fahrer, zu Vor-Navi-Zeiten immer akribisch auf seine Touren vorbereitet, Karten gelesen, Routen herausgesucht und diese auf Zetteln notiert. „Ein früherer Oberstadtdirektor fragte mich zu Beginn der Fahrt, ob ich gut vorbereitet sei. Als ich bejahte, ließ er sich meine Aufzeichnungen geben. Augenscheinlich war er so beeindruckt, dass er sie behielt, lächelte und sagte: Sie müssen heute nur fahren, ich zeige Ihnen den Weg. Die Strecke kannte er nämlich aus dem Effeff.“

OBs wechselten, der Fahrer blieb

Einer Anordnung der britischen Militär-Regierung vom 2. Januar 1946 folgend, führte der Präsident des Stadtrates ab dieser Zeit den Titel „Oberbürgermeister“. Die Amtsbezeichnung des leitenden Beamten der Stadtverwaltung war „Oberstadtdirektor“. Als Fahrer des 1981 ehrenamtlich tätigen Oberbürgermeisters Joachim Kummer brachte Kampe nicht nur ihn von Termin zu Termin, sondern auch seine jeweiligen Stellvertreter, Stadtdirektoren und Dezernenten.

„Da die Herren ja alle noch einen Hauptberuf hatten, holten wir sie auf Wunsch auch von ihrer Arbeitsstätte ab.“ Deshalb seien damals notwendigerweise auch viel mehr Termine auf die Abende und die Wochenenden gefallen als heutzutage. Die Oberbürgermeister wechselten im Lauf der Jahrzehnte, Kampe aber blieb.

1982 fuhr Kampe (l.) mit einer Delegation erstmals nach Torun.

Quelle: r

Auf Joachim Kummer, mit 97 Tagen der OB mit der kürzesten Amtszeit, folgten Prof. Gerd Rinck (1982 – 1986), erneut Artur Levi (1986 -1991), der dieses Amt schon von 1973 bis 1981 inne hatte, Rainer Kallmann (1991 – 2000), Jürgen Danielowski (2000 – 2006), der als erster hauptamtlicher Oberbürgermeister die Nachfolge von Göttingens letztem Oberstadtdirektor Hermann Schierwater antrat, Wolfgang Meyer (2006 – 2014) und, seit dem 1. November 2014, Rolf-Georg Köhler. cm

Obwohl er vor einer Tour in unbekanntes Gebiet auch heute noch in die Straßenkarte schaut, anstatt sich ausschließlich auf das Navi zu verlassen, sei doch vieles einfacher geworden, findet Kampe, vor allem bei der Streckenplanung. „Verkehrsnachrichten, Navi, iPad und Handy erleichtern die Arbeit doch sehr.“ Die Vorteile hat auch OB Wolfgang Meyer erlebt. „Auf der Fahrt zu einer wichtigen Sitzung in Kassel gerieten wir in eine Vollsperrung. Der OB hat dann an der Sitzung via Handy teilgenommen“, sagt Kampe.

Penibel und pünktlich

Zum heutigen OB Köhler hat er ein gutes Verhältnis. „Ich kenne Rolf-Georg schon seit Mitte der 80er-Jahre, seiner Zeit als Ratsherr und Fraktionsvorsitzender der SPD.“ Obwohl die beiden seit vielen Jahren „per Du“ sind, spricht er ihn, speziell während Terminen, mit „Herr Oberbürgermeister“ an. „Für mich ist das ist eine Frage des höflichen, respektvollen Umgangs in der Öffentlichkeit.“ Köhler lobt seinen Fahrer als absolut verlässlichen Menschen. „Dass Dietmar sicher fährt, ist hinlänglich bekannt, aber mindestens ebenso wichtig sind mir seine Verschwiegenheit und Loyalität. Die Pünktlichkeit allerdings“, sagt Köhler und lacht, „ist ihm wichtiger als mir. Er ist immer vor der verabredeten Zeit da.“

Von den ehemals fünf Fahrern sind heute nur noch Kampe und sein Stellvertreter Rolf Teuteberg übrig. Für den zweifachen Familienvater und seine Ehefrau Simone sind Kampes Arbeitszeiten kein Problem. Mit ein wenig Abstimmung untereinander seien auch Urlaub oder freie Tage zu koordinieren.

Der derzeitige Dienstwagen für den OB ist ein Audi A6. Kampe ist in Diensten der Stadt viele Fabrikate gefahren: Mercedes, Audi, BMW. Ganz gleich aber, welches Fabrikat oder welcher Typ es schlussendlich wird, eines steht für Kampe fest: „Mein Auto wird nur von Hand gewaschen, wenn es sein muss, mehrmals am Tag.“

Von Christoph Mischke

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