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Rübenäquator läuft durch den Landkreis

Viele Nordzucker-Bauern haben es ab nächsten Jahr schwerer Rübenäquator läuft durch den Landkreis

Rübenacker und Rübentrecker sind ein vertrauter Anblick im Landkreis Göttingen. Bislang galt die als Königin der Feldfrüchte bekannte Zuckerrübe als stabile Einnahmequelle für Bauern. 2017 fällt EU-weit die Zuckerquote. Das hat Auswirkungen auf die landwirtschaftlichen Betriebe der Region. Vor allem viele, die nördlich vom Rübenäquator liegen, befürchten Einbußen.

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Der Landkreis Göttingen gilt als Rübenäquator.

Quelle: dpa

Göttingen. Die Säcke voller  Saatgut für die Rüben-Aussaat stehen bereit, die Landwirte in den Startlöchern. Zum letzten Mal arbeiten sie in diesem Jahr unter den gewohnten Konditionen. Im nächsten Jahr wird alles anders – die Zuckerquote fällt. „Viele Landwirte in der Region müssen mit deutlichen Einbußen rechnen“, sagt Achim Hübner, Geschäftsführer des Landvolkverbandes Göttingen. Bislang galt der Anbau von Zuckerrüben als stabil lukrativ. „Die Rübe ist die Königin der Feldfrucht“, so Hübner. In der Region können Landwirte 12 bis 14 Tonnen der süßen Frucht pro Hektar Land aus der Erde holen. „Bislang gab es die feste Rübenquote, als Einnahmegarant für die Anbauer“, so Jan Hampe, Geschäftsführer des Maschinenrings Göttingen.

Ab 2017 gelten neue Bedingungen in der Europäischen Union. Und die wirken sich im Landkreis Göttingen sehr unterschiedlich aus. „Durch den Landkreis Göttingen verläuft der Rübenäquator“, so Hübner. Wer Flächen südlich von Rosdorf bewirtschaftet, ist Lieferant der Südzucker-AG, alle anderen Vertragspartner  der Nordzucker-AG. Die Firmen schließen künftig neue Verträge mit den Landwirten.

Die Südzucker-Bauern profitieren eher von der Neuregelung. „Die Fabriken in Wabern und Warburg haben bislang nur 90 Tage lang ihre Rübenkampagne gefahren, jetzt wird sie auf 120 Tage verlängert“, so Hampe.  Die Zuckerproduktion soll dort gesteigert werden.

Anders die Anbauer auf der Nordzucker-Seite – und das ist der Großteil der Rübenbauern im Landkreis. Laut Hübner sind rund 300 Rübenbauern in der Region von dieser Umstrukturierung betroffen. „Jeder zweite“, so Hübner. Die Fabriken der Nordzucker stehen in Schladen und Nordstemmen. Lieferquoten erhalten alle Landwirte, die Aktien an dem Zuckerunternehmen halten – anteilig nach der Größe des Aktienpaketes berechnet.

Nur etwa 15 Prozent der Liefermenge wird frei, also nicht an das Aktienpaket gekoppelt, vergeben. Und das auch zunächst nur für ein Jahr. Ebenso ist der Abnahmepreis nicht mehr staatlich garantiert, er wird  ebenfalls jährlich festgelegt und orientiert sich künftig am Weltmarktpreis.

Wer freie Liefermengen von der Nordzucker-AG zugeschlagen bekommt, das richtet sich nach wirtschaftlichen Faktoren. Einer davon: Transportkosten. Ein klarer Nachteil für die Bauern in Südniedersachsen. Das bestätigte jüngst Claus-Friso Gellermann von der Nordzucker AG während einer Versammlung in Germershausen.

Bei rund 80 Kilometern Entfernung, beispielsweise vom Eichsfeld bis zum Werk in Schladen sei es fraglich, ob es hier Zuschlag für freie Mengen gibt. „Ende April steht fest, wer 2017 wie viele Rüben  anbauen kann“, sagt Hübner. Er und Hampe gehen davon aus, dass die neue Regelung und die Preispolitik „existenzbedrohend für einige Betriebe ist“.

Rübenanbau

Rund 150 Landwirte bauen laut Achim Hübner vom Landvolkverband allein im Landkreis Göttingen Zuckerrüben für die Nordzucker-AG an. „Vor 10 Jahren waren es noch mehr als 200“, sagt er.  Durch Betriebskooperationen, Betriebsaufgaben und im Rahmen eines Restrukturierungsprogramms der EU 2008 sei die Zahl der Rübenanbauer bereits kräftig gesunken. Auf der rund 1300 Hektar großen Rübenanbaufläche, die an die  Nordzucker-AG liefern,  werden jährlich etwa 100 000 Tonnen Zuckerrüben erzeugt. „Die daraus gewonnene Zuckermenge deckt den Jahresbedarf von 500000 Menschen“, so der Landvolk-Geschäftsführer.
Aber: Durch Ertragssteigerungen von etwa zwei Prozent im Jahr nehme die Anbaufläche stetig ab. Als Gründe für die Steigerung nennt Hübner unter anderem bessere Rübensorten, Verbesserungen im Ackerbau, und das Klima. „Gleichzeitig gibt es aber jährlich angepasste Vertragsmengen der Zuckerunternehmen, so dass die Anbaufläche jährlich schwankt“.  Rechnen man die Produktion für Südzucker und Biogas mit ein, erben sich höhere Werte.

Schwankenden Märkten ausgesetzt

Interview mit Landwirt und Rübenanbauer Heinrich Klingelhöfer aus Groß Lengden

Wie viele Hektar Land bewirtschaften Sie mit Rüben?
In diesem Jahr sind das 24 Hektar Fläche. Im nächsten Jahr etwa 30 Hektar.

Heinrich Klingelhöfer

Quelle: HW

Wann geht die Aussaat auf ihren Feldern los?
Die Aussaat beginnt, wenn der Boden abgetrocknet ist und sich erwärmt hat. In der Regel ist das im April, der Fall. Für uns gilt aber die Devise, so früh wie möglich, denn dann verlängert sich die Vegetations- und damit die Wachstumszeit der Zuckerrübe. Die Bedingungen müssen aber passen. Der Boden bestimmt die Aussaat, nicht der Kalender.

Im nächsten Jahr gelten neue Regeln, die Zuckerquote fällt. Sind Sie davon betroffen?
Auch wir sind davon betroffen, jedoch nicht so stark wie andere Betriebe. Wir werden unsere Anbaufläche ausdehnen. Dadurch, dass es keine Marktordnung mehr gibt, sind wir den stark schwankenden Märkten voll ausgesetzt. Bislang gab es einen Mindestpreis. Die Südzucker möchte mindestens 40 Prozent mehr Rüben geliefert bekommen. Also auch 40 Prozent mehr Zucker auf dem Markt bringen. Wie der Zuckerpreis darauf reagiert, kann man sich ausmalen.

Liegt Ihr Betrieb denn auf der Nord- oder der Südseite des Rübenäquators?
Wir liegen in der Mitte und besitzen  sowohl Südzucker- als auch Nordzucker-Anteile. Wir sind also Doppellieferant.

Müssen Sie sich um die Lieferrechte neu bewerben?
Bei der Südzucker steht die Liefermenge fest, darüber hinaus belohnt die Fabrik diejenigen Anbauer, die ihre Flächen um 40 Prozent ausdehnen. Die Kampagne soll dann von 90 auf 120 Tage ausgedehnt werden um die Stückkosten zu senken. Bei der Nordzucker ist es etwas anders. Bestimmender Faktor sind zunächst die Geschäftsanteile, die der Landwirt besitzt. Aus der Menge der Geschäftsanteile  – zehn pro Tonne Liefermenge.   Da dies nicht ausreichen wird, benötigt Nordzucker aber rund 15 Prozent mehr Rüben. Auf diese freie Menge kann sich jeder Anbauer im Nordzucker-Land bewerben. Die Fabrik bestimmt jedoch nach ihren wirtschaftlichen Aspekten, wer den Zuschlag erhält.

Rechnen Sie mit Einbußen?
Die Bezahlung der Rüben richtet sich bei der Südzucker stark nach dem Verkaufserlös für den Zucker. Der EU-Zuckerpreis ist mit derzeit etwa 420 Euro recht niedrig, sodass ich mit Einbußen rechne. Bei der Noderzucker sind noch keine Preise bekannt, doch auch hier rechne ich bei den gesunkenen Rohstoffpreisen mit Einbußen.

Wie sieht es bei den Kollegen im Landkreis aus?
Die Südzucker-Anbauer bleiben von dem Problem ja relativ unbehelligt. Die Noderzucker übernimmt die Frachtkosten der Rüben zu 100 Prozent. Bei Südzucker übernimmt 25 Prozent der Anbauer, 75 Fabrik. Von daher werden die freien 15 Prozent wohl erst einmal den Betrieben zugeschlagen, die nahen am Fabrik-Standort liegen. Mit rund 100 Kilometern Entfernung zur nächsten Fabrik sind wir im Landkreis Göttingen recht weit von Nordstemmen entfernt. Hinzu kommt, dass viele Nordzucker-Anbauer in der Region – vor allem im Eichsfeld – keine oder nur wenig Geschäftsanteile haben. Ob diese Betriebe wieder Rüben anbauen werden und in welchem Ausmaß ist ungewiss.

Zuckermarkt

Die im Landkreis Göttingen aktiven Zuckerunternehmen Südzucker und Nordzucker sind Marktführer in Europa.     Laut Wikipedia hat Südzucker als Nummer eins europaweit einen Marktanteil von knapp 25 Prozent. Es folgt auf Platz zwei Nordzucker mit mehr als 15 Prozent Marktanteil. Es folgen Unternehmen aus England, Frankreich und den Niederlanden. Weltweit steht Brasilien auf Platz eins der Zucker erzeugenden Länder,  Deutschland auf Rang neun.
Nordzucker ist nach eigenen Angaben seit 1838 Zuckerproduzent. Der Konzern betreibt europaweit 15 Zuckerfabriken.  Südzucker  betreibt europaweit 29 Zuckerfabriken.  Die Zuordnung der Anbaubetriebe zum Nord- oder Südkonzern ist historisch gewachsen. Die Zuckerfirmen schließen Verträge mit den Bauern ab,  die geografische Zuordung resultiert teils noch aus Zeiten, in denen es deutlich mehr Fabriken gab. bib   

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