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Rückkehr von Masern und Polio

Thema des Tages Rückkehr von Masern und Polio

Jedes Jahr im April ruft die Welt­gesundheitsorganisation WHO die Woche des Impfens aus. Mit modernen Impfstoffen lassen sich viele – auch gefährliche –  Infektionskrankheiten verhindern. Dennoch haben nicht alle Bürger einen ausreichenden Impfschutz.

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Quelle: dpa (Symbolbild)

Göttingen . Im Mittelpunkt der diesjährigen Impfwoche steht die Bekämpfung von  Masern und Röteln. Infektionskrankheiten wie Masern und Poliomyelitis waren vor einigen Jahren nahezu weltweit verschwunden. Impflücken in der Bevölkerung machen es möglich: Die Masern sind auch in der Region Göttingen zurück. Bislang aber nur vereinzelt.

„Es handelt sich bei dem Masernauftreten  in und um Göttingen nicht um einen Ausbruch, aber es gibt wieder Fälle“, sagt Helmut Eiffert,  Professor und Oberarzt  am   Institut für Medizinische Mikrobiologie der Universitätsmedizin Göttingen (UMG).  Es sei nicht mehr – wie noch vor einigen Jahren – unwahrscheinlich, dass sich ein Mensch mit Masern anstecke. Masern gelten als Kinderkrankheit, sie sind aber längst nicht immer ungefährlich. Bei etwa einem Prozent der mit dem Virus infizierten Patienten kommt es zu schweren Hirnschäden. Eiffert selbst hat in den vergangenen Jahren etwa fünf bis sechs Kinder erlebt, die an der schweren Masernkomplikation SSPE (subakute sklerosierende Panenzephalitis) erkrankt sind. Diese gefürchtete Komplikation verläuft immer tödlich. „Man kann den Eltern dann nur noch sagen, dass ihr Kind sterben wird“, so der Oberarzt.

In den meisten Fällen verläuft eine Masern-Infektion ohne Folgeschäden. Viele ältere Menschen haben in ihrer Jugen Masern durchgemacht. „Wer sie einmal hatte, ist lebenslang immun“, so der Mediziner. Für alle, die nach 1970 geboren wurden und nicht wissen, ob sie Masern hatten oder geimpft sind, ist eine Impfung  immer noch zu empfehlen. „Die Impfung schadet nicht“, so Eiffert. Und: Masern sind eine Infektion, die man ausrotten kann. Einzig der Mensch ist ein Reservoir für das Virus, in Tieren existiert er nicht. „Auch die Weltgesundheitsorganisation WHO möchte die Masern gerne weltweit ausrotten“, sagt Eiffert. Die Fälle, die im Landkreis Göttingen aufgetreten sind, seien häufig  auf Infektionen über Menschen aus dem Ausland zurückzuführen. Wenn das Virus  dann auf ungeimpfte Menschen in der Region trifft, kann es sich verbreiten.

Wie wichtig konsequentes impfen ist, zeige beispielsweise die Geschichte der Verbreitung der Poliomyelitis, die auch als Kinderlähmung bekannt ist. Noch in den 50er-Jahren infizierten sich jährlich bundesweit 9500 Menschen mit dem Virus, 1961 waren es noch 4600. Seit 1962 wurde für Kinder die flächendeckende  Schluckimpfung eingeführt. Schon ein Jahr später, 1963, wurden nur noch 234 Poliofälle in Deutschland verzeichnet. Seit Anfang der 70er Jahre gab es nur noch vereinzelte Fälle.

„Seit 2001 galt Europa als Poliofrei, vor vier, fünf Jahren galt die Krankheit weltweit als so gut wie ausgerottet“, sagt Eiffert. Jetzt taucht sie wieder auf.  Verstärkt beispielsweise in Nigeria. Dort, so der Wissenschaftler, werden die Impfteams der WHO gezielt von Islamisten an ihrer Arbeit gehindert.  Die radikalislamische Boko Haram bekämpfe gezielt Impfkampagnen.

Auch in Deutschland melden sich immer wieder einmal Impfgegner zu Wort. Impfkritische Eltern lassen ihre Kinder nicht impfen, was zu den Impflücken in der Bevölkerung führt. Dennoch spricht sich Eiffert nicht für eine Impfpflicht aus. „Ich will keine Impfpflicht, sondern, dass sich Alle impfen lassen“, sagt der Fachmann. In den meisten seiner Fälle  konnte der Wissenschaftler Impfkritiker mit Argumenten überzeugen.

Northeim Schlusslicht

Landkreis schneidet unterdurchschnittlich ab

Das niedersächsische Landesgesundheitsamt dokumentiert jährlich die Impfquote bei Schulanfängern. Im Impfreport wird aufgezeigt, wie viele der Kinder gegen welche Krankheit geimpft sind, und wie viele ein Impfbuch besitzen. In dem jüngsten Report (Daten aus dem Jahr 2014) schneidet der Landkreis Northeim unterdurchschnittlich ab, Göttingen und Osterode liegen im Mittelfeld. In Northeim sind beispielsweise 94 Prozent der Schulanfänger, die ein Impfbuch vorlegen konnten, gegen Polio geimpft. Der Landesdurchschnitt liegt bei 96,3 Prozent, in Göttingen sind es 96, 4, in Osterode 97,9.

Auch bei der Vorlage eines Impfbuches liegt Northeim hinten. Nur 87,2 Prozent der Kinde hatten eines,  in Göttingen waren es 91,9, in Osterode 93,8. Der Landesdurchschnitt liegt bei 93,7. Sowohl bei der Impfbuchrate  als auch bei Polio (gemeinsam mit dem Landkreis Uelzen)

Impfgegner sind Einzelfälle

Die Zahl der Impfgegener geht offenbar zurück: Das beobachten zumindest einige Göttinger Allgemeinmediziner in ihren Praxen. Claudia Fülle, medizinische Fachangestellte der Hausarztpraxis Holtenser Berg, berichtet, dass es selten Eltern gebe, die sich gegen Impfungen stellen. Fast alle Kinder seien geimpft. „Wir führen regelmäßig alle Impfungen durch, sowohl Auslandsimpfungen als auch alle Pflichtimpfungen“, sagt Fülle.

Das kann auch Allgemeinärztin Lisbeth Oberdieck bestätigen: „Ich kann nicht sagen, dass die Impfbereitschaft zurück geht“, erklärt sie. Ihre Patienten ließen sich nach wie vor vollständig impfen.
Auch ein Allgemeinmediziner aus Weende beobachtet, dass es sich bei Impfgegner und „Impfmuffeln“, die in seine Praxis kommen, lediglich um „Einzelfälle“ handelt. Nur selten kämen Jugendliche zu ihm, die nicht geimpft seien. „Ich berate die Eltern dann“, sagt er. Denn: „Bei uns wird konsequent geipmft“, sagt er  – und das nach dem Katalog der ständigen Impfkommission (Stiko).

Einige impfkritische Eltern aber gibt es doch in Göttingen. Mit der Presse reden sie nur ungern, weil „man inzwischen direkt in eine Ecke gestellt wird“. Das berichtet jedenfalls eine Göttingerin, die anonym bleiben will, nachdem sie viele Anfeindungen erlebt habe. Unter anderem sei sie „als unverantwortlicher Elternteil“ dargestellt worden, erzählt sie. Sogar für Impf-Tote sei sie schon verantwortlich gemacht worden.

Zugleich steht die Göttingerin  der Schulmedizin generell skeptisch gegenüber: „Wenn ich meine, dass Immunabwehr anders funktioniert, wird das abgetan, weil es nicht dem aktuellen Stand der Wissenschaft entspricht.“ Dabei müsse sich doch jeder fragen, ob er die Verantwortung für sein Kind an Ärzte abgeben wolle, oder nicht, sagte sie weiter.
Wie häufig Göttingens Kinderärzte mit impfkritischen Eltern konfrontiert sind, wollten etliche auf Anfrage aber nicht mitteilen. bib/hö

Kampf gegen Viren

"Masern, Mumps und Röteln sind virale Erkrankungen des Kinder- und Jugendalters, die aber auch ungeschützte Erwachsene betreffen können“, so das Robert-Koch-Institut (RKI) in Berlin. Schutz werde durch Impfung mit dem dreifach-Impfstoff aufgebaut. Aufgrund der Bedeutung dieser Erkrankungen wurde laut RKI von der Weltgesundheitsorganisation WHO  in der Region Europa die Ausrottung der Masern und Röteln sowie die Verhinderung der Rötelnerkrankung bei Neugeborenen bis zum Jahr 2015 beschlossen. Diesem Ziel hat sich auch Deutschland angeschlossen.

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