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Scharfe Klinge aus glühendem Stahl

Norbert Wehler stellt sein eigenes Damaszenermesser her Scharfe Klinge aus glühendem Stahl

Filigrane Schneidekunst trifft auf archaisches Handwerk: Friseurmeister Norbert Wehler hat in einem zweitägigen Kurs beim Krebecker Schmiedemeister Franz Vollmer ein Damaszener-Messer hergestellt. „Damit ging ein Wunschtraum in Erfüllung“, so Wehler.

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Wer ein Messer selbst herstellt, weiß es hinterher noch mehr zu schätzen, so Wehler. 

Quelle: NR

Die Arbeit mit scharfen Klingen ist Norbert Wehler gewohnt – beruflich und privat. „Ich habe eine Schwäche für schöne Messer“, erzählt er. So holt der 70-Jährige zum Beispiel auch beim Restaurantbesuch sein eigenes aus der Tasche und klappt es aus, wenn das vom Haus bereitgestellte Messer mal wieder vor dem Steak kapituliert.

Nun steht der Friseurmeister in der Schmiede von Franz Vollmer und möchte ein eigenes Messer herstellen. Das Feuer in der Esse hat die optimale Betriebstemperatur von 1120 bis 1180 Grad Celsius bereits erreicht, als der Schmiedemeister die zwölf Lagen Stahl in die Glut hält. Sie verschmelzen zu einem dicken Block. Dann beginnt die Arbeit mit dem Hammer. Doch muss der 69-Jährige nur noch selten selbst auf den Amboss schlagen. Ein Lufthammer erleichtert die Arbeit. Vollmer erklärt, worauf es ankommt. Immer wieder lässt er seinen Schüler mitarbeiten, erläutert die Schritte genau.

Und er widerlegt Weisheiten aus dem Volksmund, wie zum Beispiel: Je mehr Lagen, desto besser die Qualität eines Messers. „Ab 30 Lagen verbessere ich die Qualität nicht mehr. Je häufiger ich den Stahl erwärme, tue ich ihm dabei nie etwas Gutes an.“ Richtig sei die Aussage: Je mehr Lagen, desto feiner die Struktur. Für die typische Struktur eines Damaszener-Messers nutzt der Schmied die unterschiedlichen Eigenschaften verschiedener Stähle. „Wir stapeln im Wechsel Holzkohlenstoffstahl und einen mit einem hohen Nickelgehalt“, erläutert er. Diese würden beim späteren Ätzen des Messers für die sich abwechselnd dunkle und helle Musterstruktur sorgen.
Norbert Wehler hat sich im Vorfeld für 180 Lagen entschieden.

Dazu holt Franz Vollmer die anfänglichen zwölf Lagen unter dem Lufthammer hervor und teilt diese in fünf gleiche Teile. Nun wiederholt sich der Ablauf. Der Stapel kommt in die Esse, bis er glüht. Dabei werden die Lagen zusammengeschweißt. Dann ist der Lufthammer wieder gefordert. 60 Lagen sind fertig und müssen noch einmal gedrittelt werden. Klingen mit Muster zu schmieden, ist kein effektives Verfahren. „Ich produziere dabei rund 70 Prozent Abfall“, erklärt Vollmer. Bei einem normalen Messer entstehe lediglich 25 Prozent Abfall. Nach den groben Arbeiten geht es ans Schleifen. Funken sprühen durch die Schmiede.

Das Duo arbeitet die Form der Klinge heraus und gibt ihr die notwendige Schärfe. Zum Abschluss bekommt sie einen passenden Griff. In zwei Kurstagen ist ein Messer fertiggestellt, für das ein Kunde im freien Handel rund 500 Euro bezahlen müsste. „Gute Messer kosten viel Geld“, sagt Wehler und ergänzt: „Wer ein Messer selbst herstellt, weiß es hinterher noch mehr zu schätzen.“

Erfüllte Träume

Als Rentner hat Franz Vollmer 2004 seinen Traum von einer eigenen Schmiede realisiert. Im Krebecker Rasenweg 3 gibt er sein Wissen an Kursteilnehmer weiter. Immerhin hat er als Achtjähriger begonnen, in der Schmiede seines Vaters zu helfen. „Damals habe ich beim Beschlagen der Pferde mit Pferdehaaren die Fliegen verscheucht.“ Als 13-Jähriger hat er dann in der Schmiede gearbeitet, später in Germershausen Landmaschinenmechaniker gelernt.
„Es ist eine ganz andere Welt“, sagt Friseurmeister Norbert Wehler, der aber auch Ähnlichkeiten in den Welten des Friseurs und des Schmieds entdeckt. „Auch der Schmied hat neben all der groben Arbeiten feine Elemente, die viel Fingerspitzengefühl erfordern.“ Deshalb habe er in der Schmiede auch gar nicht so viel selbst machen können. „Ich habe mehr gelernt, als selbst geleistet“, gibt er zu. Aber trotzdem macht ihn das Ergebnis stolz. „Es macht eben Spaß, selbst Hand anlegen zu können.“

Nach 42 Jahren als selbstständiger Friseurmeister hat Wehler seinen Betrieb abgegeben, arbeitet aber an vier halben Tagen noch mit. Jetzt habe er Zeit und könne häufiger Tennis spielen „und mir endlich ein schönes, praktisches Messer schmieden“. Zu seinem 70. Geburtstag schenkten ihm die Mitarbeiter den Kurs bei Franz Vollmer.

Das ideale Geschenk für den Messerliebhaber, der dabei auch sein Wissen rund ums Messer noch erweitern konnte. „Franz erklärt alles so, dass ich es verstehe“, lobt er seinen Lehrer. Dass auch er etwas von seiner Kunst versteht, zeigt er dem Schmiedemeister, als er am zweiten Tag sein Handwerkszeug mitbringt und Vollmer die Haare schneidet.

Franz Vollmer bietet in seiner Schmiede ein- und zweitägige Schmiedekurse zum Preis von 160 beziehungsweise 310 Euro an. Dabei stellen die Teilnehmer verschiedene Kunstgegenstände oder aber die kunstvollen Damaszener-Messer her. Anmeldung unter Telefon 05507/7088 oder 0170/3888424.

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