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Dicke Luft auch in Göttingen

Stickstoffdioxid über dem Grenzwert Dicke Luft auch in Göttingen

Dicke Luft in Göttingen – in der Atemluft sowie bei Fahrern von Dieselautos: Seit Jahren liegt der Mittelwert für Stickstoffdioxid über dem Grenzwert, Tendenz steigend. In Hannover gibt es Pläne für ein Fahrverbot für Dieselautos. In Göttingen ist das noch nicht geplant, aber nicht ausgeschlossen.

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Quelle: Christina Hinzmann

Göttingen. Die Nachricht hat am Montag Zehntausende Autofahrer aufgeschreckt: Die Landeshauptstadt Hannover spielt mit dem Gedanken, ihre Umweltzone auszuweiten. Dann dürften nur noch Fahrzeuge mit Dieselmotoren in die Stadt fahren, deren Motor mit der Euro-6-Norm ausgestattet sind – und das sind bisher nur wenige.

Auslöser der Verbotsdebatte sind steigende Stickoxidwerte in großen Städten und die strenger werdende Forderung von der Europäischen Union, festgelegte Werte für saubere Luft einzuhalten. Das schafft auch Göttingen seit vielen Jahren nicht. Bereits vor zehn Jahren musste die Stadt einen Aktionsplan gegen hohe Schadstoffe in der Luft aufstellen, damals lag sie mit ihren Feinstaubwerten an der Spitze der niedersächsischen Städte. Bis zu 67 sogenannte Überschreitungstage waren an der Bürgerstraße gemessen worden – 35 Überschreitungstage sind laut EU-Richtlinie erlaubt. Folge: ein vom Rat beschlossener Luftreinhalteplan. Unter anderem rüsten die städtischen Verkehrsbetriebe die Motoren der Stadtbusse seitdem schrittweise auf sauberere Techniken um. Zugleich wollte sollte die Stadtverwaltung durch veränderte Ampelschaltungen dafür sorgen, dass der Verkehr besser und ohne Stauphasen abfließt. Eine Umweltzone wie in Hannover hatte der Rat damals gegen die Stimmen der Grünen und CDU abgelehnt.

Der Plan gilt weiter, obwohl sich der Feinstaub in Göttingen weitgehend gelegt hat. Dafür wird Stickstoffdioxid (NO2) zum Problem, bestätigte Verwaltungssprecher Detlef Johannson. Im vergangenen Jahr habe der Jahresmittelwert den Grenzwert wieder „etwas überschritten“. Der Grenzwert beträgt 40 Mikrogramm je Kubikmeter Luft, in Göttingen wurden an der Bürgerstraße 2015 im Jahresdurchschnitt 42 Mikrogramm gemessen. Nach Angaben des Lufthygienischen Überwachungssystems Niedersachsen (LÜN) unter Federführung des Gewerbeaufsichtsamtes Hildesheim lag der Göttinger Wert 2013 und 2014 bei 41 Mikrogramm, 2012 auf der Schwelle. Wird der Grenzwert dauerhaft oder massiv überschritten, müssen Kommunen gegensteuern – auch Göttingen.

Im April gab es dazu Gespräche mit dem Umweltministerium in Hannover: „Wir haben vereinbart, dass der Luftreinhalteplan aus 2011 aktualisiert werden muss“, so Johannson, „geplant ist das für 2017“. Im September oder Oktober seien zunächst Verkehrszählungen vorgesehen. Die Daten würden dann in Modellberechnungen ausgewertet. Dabei werde auch ermittelt, welche Maßnahmen effektiv zu einer saubereren Luft ohne hohe Stickoxidanteile führen können.

Welche das sein werden, sei allerdings noch offen. Für generelle Fahrverbote für Dieselfahrzeuge fehle zurzeit die Rechtsgrundlage. Denkbar wäre es, Dieselfahrzeuge mit schlechten Abgaswerten aus der Stadt zu verbannen, dafür „braucht es aber erst einmal eine Verordnung durch die Bundesregierung“.

Deutlich mehr Dieselfahrzeuge

Die Zahl der Dieselfahrzeuge in der Stadt Göttingen ist den vergangenen Jahren massiv angestiegen. Dieser Zuwachs ist vor allem den Lastwagen zuzuorden. Denn: Zum Stichtag 30. Juni diesen Jahres waren im Stadtgebiet 19 894 Dieselfahrzeuge angemeldet, darunter 5358 Pkw. Das teilt die Pressestelle der Stadt mit. Ende 2008 waren es wenige als die Hälfte – nämlich 7921 Dieselwagen. Darunter allerdings 5699 PKW. Die Landkreisverwaltung  Göttingen konnte gestern keine aktuellen Zahlen zur Verfügung stellen.  bib

Minister für Förderung anderer Verkehrsformen

Hannover/Göttingen. Die Verpflichtung zur Einhaltung der Grenzwerte sei aus gesundheitlichen Gründen streng geregelt, erklärt Niedersachsens Umweltminister Stefan Wenzel (Grüne). Der Göttinger sieht an erster Stelle der Maßnahmen allerdings kein Fahrverbot für Dieselautos sondern „die Förderung von Fuß- und Radverkehr. Auch bessere Bus- und Bahnverkehre, mehr Elektrofahrzeuge, Tempo 30 zur Emissionsreduzierung oder Umweltzonen sind denkbar“, sagt der Minister am Montag auf Tageblatt-Anfrage. Welche Maßnahmen notwendig sind, darüber entscheiden die Städte je nach Situation vor Ort, erklärt er.

Die Grenzwertüberschreitungen seien verursacht durch ein hohes Verkehrs­aufkommen an Stellen mit dichter Bebauung in Verbindung mit hohen Stickstoffoxid-Emissionen von Kraftfahrzeugen. „Hier stehen insbesondere die Diesel-Pkw im Fokus“, so das Umweltministerium.

„Käufer von neuen Fahrzeugen genießen Vertrauensschutz für eine Reihe von Jahren“, so der Minister weiter. Fahrverbote könnten aber schlimmstenfalls von Gerichten angeordnet werden, wenn sich Städte der Emissionsminderung total verweigern.

Wenzel hatte kürzlich zu einem Fachgespräch mit Vertretern der Kommunen aus Braunschweig, Göttingen, Hannover, Hameln, Hildesheim, Oldenburg und Osnabrück geladen. Im Ministerium haben Wenzel, die kommunalen Vertreter und Experten der Gewerbeaufsicht gemeinsam über mögliche Wege zur Senkung der Luft­belastung beraten.

Automobilbauer in die Pflicht nehmen

Göttingen/Brüssel. Ein plötzliches Verbot sei mit Problemen verbunden, meint Sabine Lösing, Göttinger Europaabgeordnete (Die Linke). Das zeige „das eklatante Versagen der Automobilindustrie, die mit den Abgasmanipulationen dazu beigetragen hat, dass die Emissionswerte in der Realität nicht eingehalten werden können“.

Lösings Meinung nach müssen die Verursacher müssen in die Pflicht genommen werden. Zum Beispiel könnte es eine Übergangsregelung für Altfahrzeuge geben oder Automobilbauer müssen zur Herstellung und zum Unterhalt von zusätzlichen städtischen Grünanlagen herangezogen werden, damit die Umweltbelastung verringert wird. Lösing: „Ich finde es nicht akzeptabel, das Käufer von Dieselfahrzeugen, die der Autoindustrie zur Umweltfreundlichkeit von Dieseln glaubten und die durch die Falschangaben der Autohersteller betrogen wurden, jetzt auch noch durch Fahrverbote geschädigt werden.“ bib

Zwei Messstationen - viele Daten

Göttingen. In Göttingen gibt es zwei Standorte, an denen die Außenluft gemessen wird: an der Herman-Nohl-Straße und an der Bürgerstraße. Weil die erstgenannte in einem recht grünen Umfeld mit geringer Verkehrsdichte liegt, wurde 2005 auf Drängen der Stadt eine weitere Messstation an der viel befahrenen Bürgerstraße installiert. Beide werden vom Lufthygienischen Überwachungssystems Niedersachsen (LÜN) unter Federführung des Gewerbeaufsichtsamtes Hildesheim betreut. Beide Stationen erfassen ununterbrochen unter anderem den Gehalt von Feinstaub, Stickstoffdioxid, Stickstoffoxid, Ozon, Schwefeldioxid, Kohlenmonoxid, alle Wetterdaten inklusive Luftdruck und den UV-Index. Die Daten werden nach Jahresablauf vom LÜN ausgewertet. Es errechnet dann auch den Jahresmittelwert für den des Stickstoffdioxid-Anteil in der Göttinger Luft. Ausschlaggebend für alarmierende Göttinger Luftwerte – ob Feinstaub oder Stickstoffdioxid - ist immer die sogenannte Verkehrsstation an der Bürgerstraße.  us

Viel Stickoxid bei hohen Temperaturen

Dr. Thomas Zeuch vom Institut für physikalische Chemie der Universität Göttingen.

Dr. Thomas Zeuch vom Institut für physikalische Chemie der Universität Göttingen.

Quelle: r

Göttingen/Kassel. Stickoxide sind Stickstoffverbindungen mit Sauerstoff. Sie entstehen vor allem bei der Verfeuerung fossiler Brennstoffe, erklärt Dr. Thomas Zeuch vom Institut für physikalische Chemie der Universität Göttingen. Der Stickstoff befinde sich in der Luft, verbinde sich bei der Verbrennung mit Sauerstoff und komme so aus dem Auspuff. Entscheidend seien dabei hohe Verbrennungstemperaturen, die in Dieselfahrzeugen in höherem Maße entstehen als in Heizungsanlagen. Ein Problem laut Zeuch: Der Wirkungsgrad steige mit der Verbrennungstemperatur. Je höher die Temperatur sei, desto wirtschaftlicher arbeitet ein Motor, aber desto mehr Stickoxide wirft er aus. Rund 50 Prozent der Belastung werde durch den Verkehr verursacht, in manchen Städten bis zu 75 Prozent.

Prof. em. Lutz Katzschner von der Universität Kassel.

Prof. em. Lutz Katzschner von der Universität Kassel.

Quelle: r

Der Umweltmetereologe Prof. em. Lutz Katzschner von der Universität Kassel verweist darauf, dass Stickoxide ein Reizgas seien, das Grenzwerten unterliege. Gemessen werde in Straßen- und Stadträumen oder auch in der ländlichen Umgebung. Gerade in den Straßenräumen würden die Werte überschritten, so Katzschner. Beim Menschen wirkten Stickoxide auf die Schleimhäute. Sie beeinträchtigten das Herz- und Kreislaufsystem und schwächten das Immunsystem. Aus seiner Sicht bringe nur eine Reduzierung des Straßenverkehrs Abhilfe, denn die Abgas-Euronorm 6 werde bei Realbetrieb der Fahrzeuge nicht eingehalten. pek

Was Göttingen unternimmt

Göttingen. Was Göttingen unternimmt, um Schadstoffe wie Stickstoffdioxid in der Luft zu vermeiden, entscheidet der Rat in Form eines Aktionsplanes. Den gibt es bereits – allerdings zur Reduzierung von Feinstaub. Die Stadt muss ihn jetzt erweitern. Nicht alle Ratsfraktionen schließen dabei ein Fahrverbot für Dieselautos aus.
❱„Wenn Stickoxide zu einem ernsthaften Problem werden, müssen wir alle Möglichkeiten, gegenzusteuern, auch prüfen“, sagte am Montag der SPD-Fraktionsvorsitzende Frank-Peter Arndt.

F.-P. Arndt

Wenn Fahrverbote für Dieselautos dann Besserung versprechen, „können wir uns dem nicht verschließen, da geht Gesundheit vor“. Vor so einer Entscheidung müssten erst einmal alle Daten genau geprüft werden, erklärte Ratsherr Ludwig Theuvsen für die CDU/FDP-Gruppe. Dabei müsse auch geklärt werden ob Dieselfahrzeuge die entscheidenden Schadstoffverursacher sind und welchen Anteil sie daran haben. Und Göttingen sollte auf Erfahrungen mit solchen Verboten in anderen Städten zurückgreifen.

❱ Vor so einer Entscheidung müssten erst einmal alle Daten genau geprüft werden, erklärte Ratsherr Ludwig Theuvsen für die CDU/FDP-Gruppe.

Ludwig Theuvsen

Ludwig Theuvsen

Quelle:

Dabei müsse auch geklärt werden ob Dieselfahrzeuge die entscheidenden Schadstoffverursacher sind und welchen Anteil sie daran haben. Und Göttingen sollte auf Erfahrungen mit solchen Verboten in anderen Städten zurückgreifen.

❱ „Ich kann mir nur schwer vorstellen, dass ein Fahrverbot für Diesel praktisch realisierbar ist“, sagte der Fraktionschef der Grünen im Rat, Rolf Becker.

Rolf Becker

Rolf Becker

Quelle:

Zumal Göttingen ja eine nur kleine Großstadt sei, ein Fahrverbot also große Teile des Stadtgebietes beträfe. Wenn die EU ein Vetragsverletzungsverfahren einleite, könne sich die Kommune die Maßnahmen zur Umsetzung aussuchen. Becker ist aber nach Gesprächen mit Stadtverwaltung und Ministerium, skeptisch, ob andere Maßnahmen den gewünschten Effekt bringen. Die EU habe Göttingen schon einmal mit einem solchen Verfahren zu einer Umsetzung gezwungen: Zum Bau der Kläranlage zur Verminderung von Nitrat- und Phosphatwerten.
❱ Partick Humke von der „Antifa Linke Ratsfraktion“ ist der Ansicht, dass es sich bei einem möglichen Diesel-Fahrverbot um „Symbolpolitik“ handelt.

Patrick Humke

Patrick Humke

Quelle:

Er spricht von einem „Schnellschuss“. Humke plädiert bei dem Stickoxid-Problem für eine andere Lösung. „Wir müssen den Individualverkehr reduzierten, indem wir den Öffentlichen Personennahverkehr ausbauen“, sagte er.  bib/ us

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