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„Very urgent job waiting south of Göttingen“

Helfer im Flüchtlingslager Friedland „Very urgent job waiting south of Göttingen“

„Helft im Flüchtlingslager Friedland!“ Der Aufruf des Allgemeinden Studentischen Ausschusses (Asta) könnte von heute stammen. Studenten engagieren sich für Flüchtlinge. Er ist jedoch 70 Jahre alt. Wenn am 18. März das Museum Friedland öffnet, wird auch an die Rolle der Göttinger Studentenschaft und ihrer Freunde von der Organisation internationaler Militärdienstverweigerer genau 70 Jahren erinnert.

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IVSP-Helfer in britischer Uniform hilft Flüchtlingen am „Tor zur Freiheit“ bei Besenhausen.

Quelle: Fotograf unbekannt/Museum Friedland

Friedland. Der wichtigste Satz steht in „Report 28“: „There is a very urgent job waiting south of Göttingen“. Das schreibt am 4. November 1945 der Militärdienstverweigerer und freiwillige britische Helfer David Sainty ins heimische Leeds. Der „dringende Auftrag“ war der Start zum Bau des Grenzdurchgangslagers Friedland.

Was das Museum zeigt

Auch in der Dauerausstellung des Museums werden die freiwillige Hilfe Studierender aus Göttingen und die Tätigkeit des International Voluntary Service for Peace (IVSP) eine Rolle spielen. Gezeigt werden Fotos, die Mitglieder beider Gruppen bei Bauarbeiten, dem Aufbau der Wellblechhütten und der Kanalisation, zeigen.  Fotos des damaligen IVSP-Teamleiters David Sainty zeigen die Situation an der Grenze in Besenhausen. Ein Film mit dem Titel „Across the frontier“, der 1945/46 im Auftrag desw IVSP gedreht wurde, zeigt eindrucksvoll diese Arbeiten, aber auch das damalige Lagerleben mit Essensausgabe, Begleitung der Flüchtlinge von der Grenze ins Lager und sogar deren Entlausung. Zu den Ausstellungsstücken gehören das Original-Flugblatt des Asta und das Tagebuch des IVSP-Einsatzes im Februar und März 1946.

 
Bis dahin war das Lager, durch das seither mehr als vier Millionen Flüchtlinge und Aussiedler gegangen sind, nichts weiter als ein leergeräumter Schweinestall des Versuchsgutes der Universität Göttingen, in dem seit September 1945 Flüchtlinge hausten. Sainty vom „International Voluntary Service for Peace“ (IVSP) und bald auch Göttinger Studenten machten aus den Viehställen ein Lager, bauten Wellblechhütten als Schlafstätten, errichteten Baracken, verlegten Kanalisation.

 
Damals lebten die britischen Helfer in Bremke. Dort kamen täglich bis zu 1000 Flüchtlinge über die Grenze in den Westen. Bei Besenhausen, wo russische, amerikanische und britische Zone aneinandergrenzten, waren es zu dieser Zeit schon 6000 am Tag. Dort, so die Helfer, wurden sie gebraucht.

 
Das sahen auch Göttinger Studenten so. „Wir können Kinder und Kranke betreuen, wir können Blinde und alte Leute führen, und vor allem können wir den Erschöpften beim Transport ihrer letzten Habe helfen“, schrieb im Dezember 1945 Joachim Frege in ein Flugblatt des Asta der Uni. Frege hatte sich im September 1945, als die Uni den Lehrbetrieb wieder aufnahm, eingeschrieben. Im Asta vertrat er die juristische Fakultät, wurde später Asta-Vorsitzender. Durch die Verbindung zur britischen Universitätsverwaltung und weil er am Wochenende Freunde in Friedland besuchte, erfuhr er vom Leid der Flüchtlinge in den Viehställen des Lagers. Er trommelte andere Studenten zusammen, fuhr anfangs mit zehn Freunden zum Helfen ins Lager, organisierte später groß angelegte Hilfsaktionen. Asta und Rektorat der Universität mieteten einen Lastwagen, fuhren an den Wochenenden 60 bis 100 Studenten nach Friedland, errichteten das Barackenlager oder halfen einfach nur beim Schleppen der Habseligkeiten. Frege hat sich 1996 in einem Bericht für den IVSP an die Zeit erinnert: Wie britische Sanitätsoldaten und Volunteers das Lager planten, wie die britische Armee das Material für die Baracken stelle, wie die Studenten Seite an Seite mit den Briten anpackten und die Militärregierung die Augen davor zudrückte, dass die Aufbauaktion von niemandem genehmigt war.

 
„Ich bin meinen damaligen britischen Freunden und meinen deutschen Kameraden aus der Anfangszeit des Wiederufbaus für ihren großen, selbstlosen Einsatz sehr dankbar“, schreib Frege. Es war das erste „Workcamp“ des IVSP in Deutschland, viele weitere folgten. Zum Beispiel der Wideraufbau eines ausgebombten Kindergartens in Hamburg, bei dem Göttinger Studenten in den Semesterferien halfen. Im allerersten Aufruf des Asta hieß es: „Die Göttinger Studentenschaft muss es als eine ihrer vornehmsten Aufgaben ansehen, hier helfend einzugreifen.“

 

Schwerter zerbrechen, Taten mit dem Spaten

Wird am 18. März eröffnet: Das Museum Friedland.

Wird am 18. März eröffnet: Das Museum Friedland.

Quelle: SPF

Beratung und Aktion

Auch heute noch helfen Studenten im Grenzdurchgangslager Flüchtlingen. Bis vor kurzem organisierte eine Gruppe aus Göttingen das Beratungs- und Aktions-Zentrum (Baz), das Hilfe bei Anträgen, Deutschunterricht und Internetanschluss organisierte. Die Räume wurden gekündigt, das Baz sucht aktuell neue und hofft auf den ehemaligen Einzelhandelsladen am Bahnübergang. Einzelne Studenten helfen auch in den im Lager tätigen Organisationen wie der Kleiderkammer oder beim Deutschunterricht. Auch Anfragen von internationalen Studierendenorganisationen für Hilfseinsätze gehen laut Pastor Martin Steinberg bei Innerer Mission oder Caritas immer wieder ein.

Die Geschichte der Militärdienstverweigerer, die Hand anlegen, um zu helfen, reicht mehr als 100 Jahre zurück. Sie ist Folge der Greuel des Ersten Weltkriegs. Noch vor dessen Ausbruch war im August 1914 in Konstanz eine „Weltkonferenz für Friedensfragen“ geplant. Sie wurde wegen des Krieges abgebrochen. Damals gaben sich der Engländer Henry Hodkin und der Deutsche Friedrich Siegmund-Schultze beim Abschied das Versprechen, als Christen niemals in einen Krieg zu gehen. Der Brite gründete darauf eine Section der „Felloship of Reconciliation“, der gleich nach Kriegsende im niederländischen Bilthoven die Gründung des deutschen „Versöhnungsbundes“ sowie der Zusammenschluss zum „Internationalen Versönungsbund“ (IFOR) folgte.

 
Zum ersten Jahrestag des Kriegsausbruches im Juli 1920 traf man sich erneut in Bilthoven. Es reiche nicht, Schwerter zu zerbrechen, man müsse auch den Spaten anpacken - so die Übereinkunft. Es folgte in dem zerstörten Dorf Esnes nahe Verdun der erste internationale Hilfseinsatz. Er wurde von der französischen Präfektur verboten, weil deutsche Helfer dabei waren, eine „Verunglimpfung der gefallenen Franzosen“.

 
Aus dem Versöhnungsbund der Militärdienstverweigerer erwuchs der britische „International Voluntary Service“ (IVS), der von 1935 bis 1957 den Zusatz „for Peace“ (IVSP) trug. Die Kriegsdienstverweigerer wurden in Großbrittannien anfangs zu Forstarbeiten eingesetzt. Ab 1944 folgten Einsätze von „Relief Teams“ in den vom Krieg heimgesuchten Ländern Ägypten, auf Kreta, in Griechenland, später in Italien und ab 1945 in den Niederlanden. Am 7. Juli 1945 wurde die Gruppe aus Holland nach Norddeutschland verlegt. Aus Peine kam der erste Bericht aus diesem „Workcamp“. Es folgte ab November 1945 der Einsatz in Friedland. Bis Oktober 1949 war der IVSP in Friedland, Twistringen, Rendsburg, Hamburg, Meschede und Berlin im Einsatz. Am 27. Oktober 1946 wurde in Hannover erneut ein deutscher Zweig des SCI gegründet: der „Internationale Freiwilligen-Dienst für den Frieden“ (IFDF). Auch deutsche Helfer, die schon in Friedland dabei waren, wirkten im IFDF mit.

Studenten und IVSP-Helfer beim Bau einer Nissenhütte 1946.

Studenten und IVSP-Helfer beim Bau einer Nissenhütte 1946.

Quelle: Münstermann/Museum Friedland

Chronist des SCI, der 2010 sein 90-jähriges Bestehen feierte, ist der in Flensburg lebende Bertram Schröter. Er hat dem Museum umfassendes Material über die freiwilligen Helfer zur Verfügung gestellt. Für ihn haben die Militärdienstverweigerer maßgeblich zum Aufbau einer Demokratie in Deutschland beigetragen. Sie treten weiter für ein „Recht auf Militärdienstverweigerung aus Gewissensgründen“ ein, ohne dass sich seine Mitglieder vor alternativem Arbeitseinsatz drücken.

 

Mit Doktors Tochter bei Mutter Jütte

Bremke . „Das waren fast alles Göttinger Studenten…, die waren mit Begeisterung dabei.“ Das schreib Anneliese Ehrhardt in ihren Erinnerungen an die Zeit nach dem Kriegsende in Bremke. Als Dolmetcherin des IVSP-Teams war die Tochter des Bremker Dorfarztes schon früh dabei, als die ersten britischen Freiwilligen ihren Dienst in Südniedersachsen begannen und bald studentische Unterstützer bekamen. Die Briten wurden einquartiert ins vom DRK requirierte Gasthaus Jütte. Seine ersten Reports schrieb David Sainty, der Chef der Gruppe, von Ehrhardt scherzhaft „Sainty und seine zwölf Jünger“ genannt, aus dem „old Speisesaal of the Gasthof Jütte“. Dieser sei für Göttinger Studenten seit Generationen nur „Mutter Jütte“.
Zum „Social Life“ schreibt Sainty, er habe einige sehr interessante Gespräche mit „the staff of the Gasthaus“, the Pastor, mit den Studenten und mit „doctor‘s daughter“, die auch die Organistin sei, gehabt. Diese selbst schreibt es so: „Wir haben diskutiert bis in die Puppen.“
Anneliese Ehrhardt ist später mit dem IVSP-Team mitgereist, hat an den anderen Einsatzorten für sie gedolmetscht. Und auch der Kontakt der Wirtsleute zu den IVSP-Helfern habe Jahrzehnte gehalten. „In jeder freien Minute“ seien sie aus Duisburg, Berlin oder andernorts zurück nach Bremke gekommen und seien bei Jüttes immer wieder gern aufgenommen worden, um sich zu erholen. 

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