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Für ein selbstbestimmtes Leben

Sommercamp für Behinderte Für ein selbstbestimmtes Leben

Im Grundgesetz wird jedem Menschen das Recht auf freie Entfaltung der eigenen Persönlichkeit zugesprochen. Doch bei behinderten Menschen bestimmen oft andere über Tagesabläufe, Freizeitgestaltung oder Sexualität. Das Sommercamp für ein selbstbestimmtes Leben behinderter Menschen bietet ein Forum, das Betroffene selbst gestalten.

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Kostümiert und klassisch

„Malen mit Acryl“ ist eines von mehr als 100 Angeboten im Sommercamp.

Quelle: Richter

Duderstadt. „Die Idee zum Sommercamp entstand, nachdem ich 2003 in Bremen an der Sommer-Uni für Behinderte teilgenommen hatte“, sagt Koordinator Ottmar Miles-Paul, selbst seh- und hörbehindert. „Ich fand die Uni etwas zu hoch gehängt, zu wissenschaftlich. Die Inhalte könnten auch niedrigschwelliger und mit Spaß vermittelt werden“, erzählt Miles-Paul von der ersten Idee des Camps, das dann mit Unterstützung des Bildungs- und Forschungsinstituts zum selbstbestimmten Leben Behinderter 2006 ins Leben gerufen wurde.

Seitdem findet das Sommercamp jährlich im Wechsel in Duderstadt oder in Graz statt. Mehr als 120 Teilnehmer, Inklusionsbotschafter, Gebärden- und Schriftdolmetscher aus Deutschland und Österreich sind ins Duderstädter Jugendgästehaus gekommen, um gemeinsam daran zu arbeiten, die Selbstbestimmung Behinderter voranzutreiben. Dabei soll ein Austausch unter Betroffenen stattfinden, es soll Mut gemacht werden und eine politische Diskussion stattfinden – aber auch Kreativität und Spaß miteinander erlebt werden. Das Besondere beschreibt Miles-Paul: „Im Gegensatz zu anderen vorgegebenen Seminaren bestimmen die Teilnehmer hier selbst die Inhalte und machen Angebote – oder nutzen die Angebote anderer.“ Das Programm unter dem Titel „Auf dem Weg zur Inklusion“ liest sich vielfältig: Arbeitsgruppen zu Themen wie UN-Behindertenrechtskonvention oder Bundesteilhabegesetz, Selbstverteidigung, künstlerische Performance, Pokern, Gründung von Selbsthilfegruppen, Behinderung und Sexualität, Trommel-Session, Gebärdenchor, Filme drehen, Zeitung gestalten und Kreativ-Workshops sind nur eine kleine Auswahl.

So vielfältig wie die Angebote sind die Interessen, Bedürfnisse und Besonderheiten der Teilnehmer. „Auch Behinderte müssen Inklusion lernen und über ihre eigene Einschränkung hinaus blicken“, erklärt Thomas Künneke, Aktivist im Verein Kellerkinder, der Selbsthilfe bei seelischen Handicaps fördert. Künneke selbst sei eine „psychische Erkrankung“ diagnostiziert worden, daher verstehe er auch die möglichen Ängste ebenfalls Betroffener. „Seelische Handicaps werden eher als Erkrankung wahrgenommen, selten als Behinderung. Wir reden alle von Barrierefreiheit, aber die Barriere für psychisch Behinderte ist eine andere als die für Gehbehinderte“, wirbt er für mehr Aufgeschlossenheit – auch in den Reihen der Behinderten untereinander. Verbindend bei allen Teilnehmern am Sommercamp scheint der Wunsch, mehr Möglichkeiten zu haben, selbstbestimmt zu leben. Manche wollen sich als Inklusionsbotschafter weiterbilden oder Wege finden, auch politisch etwas für Behinderte in Bewegung zu setzen. Andere suchen Möglichkeiten, mit ihren Belangen an die Öffentlichkeit zu treten – über Medien, Kunst, Politik oder in verschiedenen Gruppen – und damit die Inklusion voranzutreiben. „Es wird mehr über uns als von uns beschlossen“, sagt Miles-Paul. Allen Teilnehmern gemeinsam scheint jedoch auch die Erfahrung zu sein, mit ihren Forderungen oft gegen die Wand zu laufen und nicht gehört zu werden.

Bifos klärt auf

Das Bildungs- und Forschungsinstitut zum selbstbestimmten Leben Behinderter (Bifos) bietet neben dem Sommercamp verschiedene Projekte an, die sich um Themen rund um das Leben mit Behinderung drehen. Weiterbildungsangebote und Projekte sollen Betroffene darin unterstützen, andere Betroffene zu beraten. Ziel ist, dass Behinderte Entscheidungen für das eigene Leben treffen und diese auch umsetzen können. Bifos besteht seit 1992 und hat seinen Sitz in Kassel. Der Verein betreibt auch einen Verlag, in dem die „Schriftenreihe zum selbstbestimmten Leben Behinderter“ veröffentlicht wird.

Mit Behinderung Politik machen

Maik Nothnagel kennt Körperbehinderung seit seiner Geburt. Nach Tätigkeiten unter anderem in der Behindertenberatung in der Diakoniestelle in Schmalkalden oder als Projektleiter im Landesverband „Interessenvertretung selbstbestimmt leben“ in Thüringen schlug Nothnagel seit 1999 eine politische Laufbahn ein. Er versuchte auch als Mitglied des Thüringer Landtags (Die Linke), sich für die Belange Behinderter einzusetzen, und machte dabei die Erfahrung, dass der Kampf für Barrierefreiheit ein äußerst mühsamer ist.

Maik Nothnagel schildert seiner Erlebnisse in der Politik.

Maik Nothnagel schildert seiner Erlebnisse in der Politik.

Quelle: Richter

Den schilderte er beim Sommercamp: „Die Bürokratie in Deutschland ist so kompliziert, dass wir zehn Jahre brauchen, um eine behindertengerechte Toilette durchzusetzen. Es ist also eine besondere Aufgabe, als Mensch mit Behinderung durch die Politik zu gehen, aber man tut es ja auch für sich selbst.“ Nothnagel plädierte für ein Umdenken und Umsetzen in den Kommunen, wofür die Behinderten aber selbst einstehen müssten. „Was Parteien im Wahlkampf versprechen, ist später meistens vergessen. Wir müssen mehr Mut beweisen und selber in die Parlamente, sonst ändert sich nichts“, appellierte er an Betroffene.

Betroffene werden „unbequem“

Thomas Künneke: Aktionist bei den Kellerkindern, die als Verein Menschen mit psychischen Handicaps vertreten und dieses Thema enttabuisieren wollen. Beim Sommercamp leitet er ein Filmprojekt und erklärt dazu: „Wir wollen mit unserem Film  über Euthanasie im Dritten Reich darauf aufmerksam machen, welche Mechanismen früher nicht funktionierten und was heute davon noch da ist. Zum Beispiel bei der Frage, ob es besser wäre, wenn ein Behinderter gar nicht leben würde, um ihm angebliches Leid zu ersparen.“

Martina Dorenwendt: Als 17-Jährige hatte die heute selbstständige Mediengestalterin einen Motorradunfall, der sie schließlich in den Rollstuhl brachte. „Behinderung ist heute ein Wirtschaftsfaktor. Im Gesundheitswesen sind wir oft die Ware und nicht der Kunde. Wir dürfen kaum noch eine Privatsphäre oder ein Schamgefühl haben und kommen uns oft vor wie Versuchskaninchen. Wer introvertiert ist, geht ein.“ Dorenwendt hat sich lange als Einzelkämpferin gefühlt und freut sich über den Austausch und die Unterstützung im Sommercamp.

Ute Germann:  Im Jahr 2001 wurde die Diagnose MS gestellt. Im Rollstuhl kämpft sie für Barrierefreiheit. „Ich bin unbequem geworden, mache knallhart darauf aufmerksam, wo Barrierefreiheit fehlt. Warum gibt es die Un-Behindertenkonvention? Wenn wir nicht selbst etwas tun, passiert nichts. Ich kann auch eine chronische Krankheit nutzen, um etwas weiterzugeben und etwas für andere zu tun. Damit tu ich auch mir selbst etwas Gutes.“

Klaus Tolliner: Der Österreicher hat mit Duderstadt eine besondere Verbindung. Bei der Firma Ottobock hat der Prothesenträger seine Diplomarbeit gemacht. Als er vom ersten Sommercamp in Duderstadt im Jahr 2006 hörte, wollte er nicht nur unbedingt dabei sein, sondern sorgte auch dafür, dass es keine einmalige Sache blieb. Seitdem organisiert er die Sommercamps in Graz. „Duderstadt hat die Vorzüge einer ländlichen Atmosphäre, Graz ist urban. Das ist ein reizvoller Gegensatz bei den Sommercamps und wir können die Angebote entsprechend abstimmen. Ansonsten ist es schwierig, für so eine Veranstaltung überhaupt barrierefreie Quartiere in dieser Größenordnung zu finden.“ Seine Frau Barbara ist auch als Nicht-Behinderte begeistert von den Angeboten.

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Der Wochenrückblick vom 3. bis 9. Dezember 2016