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Nach Umbenennung müssen Göttinger Anzug tragen

Interview mit Martin Sonneborn Nach Umbenennung müssen Göttinger Anzug tragen

„Die Partei“ in Göttingen möchte, dass Göttingen nach Martin Sonneborn benannt wird. Ein Antrag zu diesem Thema wird am Freitag im Rat der Stadt diskutiert. Der Satiriker und Bundesvorsitzende der Partei wird anwesend sein

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Martin Sonneborn
 

Quelle: EPA

Göttingen.  Heißt Göttingen bald Martin-Sonneborn-Stadt? Ein Gespräch mit dem gebürtigen Göttinger.

Die Göttinger Mitglieder der Partei - “Die Partei” - haben einen Ratsantrag formuliert. Demnach soll Göttingen in Martin-Sonneborn-Stadt umbenannt werden. Für Sie doch sicher eine wunderbare Idee, oder? Sind Sie denn persönlich am Freitag dabei?

Sonneborn: Ich hoffe, dass das Wort „wunderbar“ auch so in der Zeitung steht. Und, ja, das stimmt, ich werde am Freitag anwesend sein. Ich muss schauen, ob ich überhaupt in den Ratssaal reinkomme. Aber ich habe ja einen Diplomatenpass.

Jeder Bürger darf doch die Ratssitzung besuchen, Sie sind ja auch ein Bürger. Werden Sie sich in der Bürgerfragestunde zu Wort melden?

Das weiß ich noch nicht. Ich kenne solch eine Situation ja noch aus der Schule, vielleicht werde ich gar nicht drangenommen. Ich kann mir auch vorstellen, dass man gar nicht zu Wort kommt im Göttinger Rat. Ich werde das also spontan entscheiden.

Der Antrag ihrer Partei für die Umbenennung steht. Sind wir Pionierstadt oder gibt es vielleicht bereits irgendwo weltweit eine Martin-Sonneborn -Stadt?

Es gab in Leipzig anlässlich des Lutherjahres eine Initiative der “Partei”, einen großen Teil des Martin-Luther-Rings in Martin-Sonneborn-Ring umzubenennen. Damit wollte man unter anderem auf die antisemitischen Seiten Luthers hinweisen. Das ist aber von engstirnigen Bürokraten abgewiesen worden. Ich hoffe, dass die Niedersachsen einen anderen Zugang zum Thema finden. Göttingen kann hier also tatsächlich erstmals in irgendetwas eine Vorreiterrolle spielen.

Es wäre also ein ganz und gar einmaliger Vorgang?

Es soll natürlich nicht einmalig bleiben. Göttingen könnte aber später den Ruf haben, die erste Martin-Sonneborn-Stadt gewesen zu sein.

Der Antrag ist also eher als Anfang einer größeren Bewegung zu sehen?

Möglicherweise schaut die Republik auf Martin-Sonneborn-Stadt - vormals Göttingen - ob sich die Umbenennung positiv auswirkt. Ich sitze ja im EU-Parlament und kann Ihren Landstrich mit Millionen von Euro zuschütten wenn mir danach ist. Das könnte dann ein Argument für weitere Städte sein diesem Beispiel zu folgen.

Vielleicht werden Sie ja mit den Millionen von Euro mit offenen Armen im Rat empfangen.

Es freut mich, wenn man so materialistisch eingestellt ist, das erleichtert uns das Spiel.

Sollte es nicht zu einer Umbenennung kommen, haben Sie einen Plan B?

Plan B wäre, Göttingen dem Erdboden gleich zu machen. Das wäre schade, denn wir wollten eigentlich auch Kassel gleich umbenennen, in „Martin-Soneborn-Vorstadt“. Das entfiele dann natürlich.

Mehr Glitzer war ein Wahlkampfthema der Partei vor Ort. Wurde das Ziel erreicht?

Das kann ich nicht sagen, ich interessiere mich im Grunde nicht wirklich für Kleinstädte. Ich habe als kleines Kind mal in Göttingen gelebt. Für Lokalpolitik habe ich wenig Zeit, ich muss mich um die Geschicke des Landes und des Kontinentes kümmern.

Die Tradition, Städte nach Führern zu benennen, ist ja im sozialistisch-kommunistischen Kulturkreis eine verbreitete Tradition gewesen. Dienen Karl-Marx-Stadt und Leningrad als Vorbilder?

Ja genau. Es gibt drei Vorbilder, das eine ist Stalingrad, das zweite Karl-Marx-Stadt und das dritte ist die Bürgermeister-Kröpcke-Straße in Wustrow. Das sind die Orte, an denen wir orientiert sind. Große Namen, große Städte - große Tradition ist uns auf jeden Fall wichtig. Wir sind eine Führerorientierte und machtzentrierte Organisation.

Sind Ihnen Uniformen deshalb wichtig?

Es sind ja keine wirklichen Uniformen sondern fiese Voll-Nylonanzüge für 49 Euro von C&A, die wir uniform tragen. Diese Anzüge werden die Göttinger Bürger nach der Umbenennung der Stadt dann ebenfalls tragen. Das ist nicht für jeden eine Verschlechterung, habe ich kürzlich bei einem Besuch festgestellt.

Sie sind kein Freund von khakifarbenen Dreiviertel-Hosen für den Herren?

Nein. Die werden unter Höchststrafe verboten in meiner Stadt. Da bin ich natürlich auf die Mitarbeit der Göttinger angewiesen.Wir sind Ästheten in “Der Partei”. So etwas wird nicht einmal mehr der Bürgermeister tragen.

Was ist der nächste Schritt?

Ich habe gehört, dass es Widerstände gegen die Umbenennung in Göttingen gibt. Die werden wir natürlich zu brechen wissen. Mir wurde in diesem Zusammenhang der Name Oldenburg aus der Spaßpartei FDP zugetragen. Das ist natürlich durchsichtig - wenn man selber heißt wie eine Stadt.

Mein Name ist übrigens Bielefeld.

Nun. Sehen Sie: Diesen Quatsch den Sie da vormachen, den wollen wir jetzt mit den Göttingern nachmachen.

Zurück in die große Politik. “Die Partei” gibt es jetzt seit 13 Jahren, Sie sitzen im Europaparlament. Was haben Sie vor?

Jetzt wollen wir in den Bundestag einziehen. Mit Serdar Somuncu haben wir einen Spitzenkandidaten aufgestellt, der gute Chancen hat, ein Mandat zu erwerben. In Zeiten der AfD ist es ein gutes Zeichen, einen Türken aufzustellen - einen Mann, der besser aussieht als Merkel und eine sozialere Ader hat. Gregor Gysi scheidet aus, ich erwarte von Somuncu ein angemessenes Gebrüll im Bundestag. Wir treten in Berlin-Kreuzberg mit ihm an. Dort gibt es keinen prominenten Gegenkandidaten. Wir verspüren also ein Machtvakuum, in das wir stoßen.

Was ist das erklärte Ziel “Der Partei” in den nächsten fünf Jahren?

In der Politik denkt man nicht in derart großen Zeiträumen. Wir gehen jetzt erst mal bescheiden in die Bundestagswahl, 50 Prozent plus X ist unser erklärtes Ziel. Mein Hauptaugenmerk liegt derzeit aber auf der Europapolitik. Ich arbeite an einer Umstrukturierung der EU, ich will die Ungarn, die Polen und die Iren rausschmeißen.

Warum?

Die Osteuropäer, weil sie den überhasteten Sprung in die Demokratie offenbar nicht bewältigt haben, sie sind einfach noch nicht reif und stören. Die Iren, weil sich ihre Regierung weigert, bei der Firma Apple 13 Milliarden Euro Steuern einzutreiben. Die wenigen Göttinger, die noch in Lohn und Brot stehen, wissen, dass ein Steuersatz von 0,005 Prozent für Apple zu vernachlässigen ist. Dass nicht einmal dieser Betrag eingetrieben wird, erweckt den Verdacht, dass es sich um eine EU der Konzerne handelt, nicht um eine EU der Bürger.

Wenn die Umbenennung Göttingens vollzogen ist, was wird als Erstes inhaltlich umgesetzt?

Ich werde kommen und persönlich die „Göttingen“-Schilder an den Stadteingängen ersetzen. Auf Kosten der EU natürlich, wir machen einfach ein EU-Projekt daraus. Aber ich bin ja am Freitag auch in Ihrer unbedeutenden Kleinstadt, um das Gespräch mit dem einfachen Bürger zu suchen. Wir haben abends in der Gaststätte „Kadenz“ eine Veranstaltung namens “Trinker fragen, Politiker antworten”. Da werde ich mich den Göttingern und den Umlandbauern stellen und zumindest so tun, als würde ich mir ihre Sorgen, Nöte und Wünsche anhören.

Letzte Frage: Was ist so schlimm an dem Ö in Göttingen? Es ist ja ein wesentlicher Bestandteil der Begründung für die Abschaffung des alten Namens.

Im digitalen Zeitalter ist das Ö ein Buchstabe, der nicht mehr passt. Auf der internationalen Tastatur muss man dafür zwei Buchstaben tippen, das kostet Zeit. Das Leben muss noch hektischer und schnelllebiger werden als es schon ist. Da stört dieses Ö.

Von Britta Bielefeld

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