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„Die Debatte darf nicht steckenbleiben“

#MeToo: Interview mit Soziologin Haas „Die Debatte darf nicht steckenbleiben“

Die #MeToo-Debatte im Netz stößt auf große Resonanz – aber auch auf Kritik. Im Interview erklärt Heide Haas, Soziologin an der Uni Göttingen und „Die Partei“-Mitglied, warum ihr die Diskussion nicht weit genug geht und warum sie auch mal die „unerträgliche Zicke“ ist.

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Heide Haas auf dem Campus der Uni Göttingen, wo sie als Soziologin arbeitet.

Quelle: Christina Hinzmann

Göttingen.
Sie können mit der aktuellen #MeToo-Debatte nicht viel anfangen. Warum nicht, Frau Haas?

Natürlich wird es höchste Zeit, dass wir diese Debatte führen. Wie in so vielen Diskussionen, die sich vor allem in den Sozialen Medien abspielen, droht eine so umfangreiche Debatte leider etwas zu einseitig zu werden.

Was fehlt Ihnen in der Diskussion?

Es ist unglaublich gut, dass durch den Hashtag deutlich wurde, wie weit Probleme rund um sexuelle Belästigung in unserer Gesellschaft verbreitet sind. Mir selbst fehlt häufig eine Debatte um die Frage „Wie soll ich als Frau mit Belästigung im Alltag und Beruf umgehen? Wie soll ich reagieren?“.

Glauben Sie, dass die Debatte um die Reaktion auf sexuelle Belästigung ausgelassen wird, weil es da keine eindeutigen Antworten gibt?

Es gibt natürlich nicht die eine richtige Reaktion auf sexuelle Belästigung. Dafür sind die jeweiligen Situationen und die beteiligten Menschen einfach zu unterschiedlich. Ich würde mich freuen, wenn viel mehr betroffene Frauen auch über ihre eigenen Reaktionen berichten und ob sie selbst eine gute Möglichkeit gefunden haben, sich gegen Belästigungen zu wehren. Wie gesagt: Das hängst stark vom eigenen Charakter und von der jeweiligen Situation ab. Ich selbst zwinge mich inzwischen dazu, bei Grenzüberschreitungen klar und unmissverständlich meine Grenzen zu benennen – auch wenn das extrem unangenehm werden kann. Ich bin inzwischen lieber einmal mehr die „unerträgliche Zicke“ oder „unentspannt“ als mich verletzen zu lassen. Frauen sollten sich gegenseitig mehr Mut machen, sich zu wehren.

Das Problem solcher Situationen von Alltagssexismus oder sexueller Belästigung ist häufig, dass sie in einem Abhängigkeitsverhältnis, zum Beispiel im Beruf, geschehen. Wie entscheidend schätzen Sie diesen Faktor für eine ausbleibende Reaktion ein?

Das ist in der Tat ein Riesenproblem! Aus der eigenen Erfahrung heraus kann ich sagen: Gerade während der Jobs in meinem Studium, die ich dringend gebraucht habe, aber auch später im ersten richtigen Job habe ich mich gefragt: „Kann ich das jetzt ansprechen? Mit welchen Konsequenzen muss ich rechnen?“. Bei einem Aushilfsjob blieb mir tatsächlich nur die Kündigung – da hatte ich in der Tat nur wenig zu lachen. Für viele ist dieser Exit aber keine Option. Umso wichtiger ist es, dass in den Unternehmen Anlaufstellen für Betroffene geschaffen werden. Von vielen Freundinnen habe ich aber auch mitbekommen, dass selbst dort, wo es solche Angebote gibt, es häufig eine Stigmatisierung derjenigen gibt, die diese Hilfe in Anspruch nehmen. Eine Gleichstellungsbeauftragte alleine macht da also noch nicht den entscheidenden Unterschied.

Ist Twitter Ihrer Meinung nach ein geeignetes Medium für so eine Aktion?

Um die Aufmerksamkeit auf ein Thema zu lenken und um klar zu machen, wie wichtig es ist: in jedem Fall! Aber die Debatte darf nicht in diesem Medium stecken bleiben, sondern muss auf vielen Ebenen weitergeführt werden.

Sie sind selbst politisch aktiv: Müsste die Politik das Thema mehr oder anders aufgreifen?

Ich denke, das Thema ist durchaus auf der politischen Agenda – auch wenn der Anteil der Frauen im Bundestag nach der letzten Wahl leider mal wieder unter ein Drittel gesunken ist. Was ich mir von Politikerinnen und besonders von denen in gehobeneren Ämtern wünsche, ist, dass ihr Beitrag zur #MeToo-Debatte nicht damit aufhört, was ihnen selbst widerfahren ist. Wenn sie wirklich anderen Frauen helfen wollen, sollten sie ihnen auch sagen, wie sie selbst damit umgegangen sind. Wie sind sie trotz der Steine, die ihnen in den Weg gelegt wurden, in ihre Position gekommen? Mein persönlicher Grundsatz hierzu: Ich habe längst aufgegeben „everybodys darling“ sein zu wollen. Dabei bin ich wirklich sehr froh über den großen Rückhalt meiner „Die Partei“-Frauen! Nicht umsonst standen wir bei der letzten Bundestagswahl in Niedersachsen auf den ersten Listenplätzen! Mut zur Auseinandersetzung kann sich eben auszahlen. Aber es gibt noch viel zu tun!

Interview: Hannah Scheiwe

Tipps zum Umgang mit sexueller Belästigung von Psychologin Maren Kolshorn vom Frauen-Notruf Göttingen

Im Netz berichten Frauen unter dem Hastag #MeToo vor allem von ihren Erlebnissen mit sexueller Belästigung, nicht aber davon, wie sie reagiert oder sie abgewehrt haben. Maren Kolshorn, Diplom-Psychologin beim Frauen-Notruf Göttingen, hat täglich mit dem Thema zu tun und gibt Tipps, wie mit sexueller Belästigung umgegangen werden sollte:

Das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) ist bei Belästigung am Arbeitsplatz das Schlüsselgesetz, wie Kolshorn erklärt. Es schütze Arbeitnehmer vor Benachteiligung, auch vor sexueller Belästigung, und daran sei der Arbeitgeber gebunden. Deshalb sei es wichtig, die eigenen Rechte zu kennen und schon bevor es zu einer Situation sexueller Belästigung komme, zu prüfen: Wie wird das Gesetz umgesetzt? Gibt es ein funktionierendes Beschwerdesystem? Gibt es präventive Strukturen? Und das Thema gegebenenfalls schon anzusprechen, bevor etwas passiert.

Anlaufstellen kennen: Frauen sollten Anlaufstellen wie den Frauennotruf kennen, um professionelle Hilfe in Anspruch nehmen zu können. Der Frauennotruf habe unter anderem Kontakte zu Juristen. Frauen könnten jederzeit bei vermeintlichen Kleinigkeiten nachfragen, wenn sie sich nicht sicher seien, wie sie damit umgehen sollen, empfiehlt Kolshorn.

„Ignorieren ist fast immer der falsche Weg“, sagt Kolshorn – und das gelte sowohl für Betroffene als auch für Beobachter von sexueller Belästigung. Die Belästigung müsse benannt und sichtbar gemacht werden. Außenstehende sollten sich einmischen, wenn sie so eine Situation beobachten.

Was ist sexuelle Belästigung? Was sexuelle Gewalt? „Früher galt es nur als sexuelle Belästigung, wenn diese auch beabsichtigt war, heute ist das Belästigung, was ich als Belästigung erlebe“, sagt Kolshorn. Das sei also vom individuellen Empfinden abhängig. Die Grenze zwischen sexueller Belästigung – vor allem mit Worten – zu sexueller Gewalt sei fließend. Sexuelle Gewalt beginne damit, dass eine Gefahr oder Bedrohung empfunden werde. Alles was mit Berührungen zu tun habe, gehe schon in Richtung Gewalt.

Internationaler Tag gegen Gewalt an Frauen

Am 25. November ist der internationale Tag gegen Gewalt an Frauen. Zu diesem Anlass organisiert das Göttinger Frauenforum verschiedene Veranstaltungen im November:

„Hass im Netz gegen Frauen“ ist am Mittwoch, 22. November, das Thema einer offenen Diskussionsrunde, die um 19 Uhr im Jungen Theater, Hospitalstraße 6, beginnt.

Flagge zeigen gegen Gewalt gegen Frauen können am Freitag, 24. November, alle Interessierten um 12 Uhr am Neuen Rathaus mit Oberbürgermeister Rolf-Georg Köhler, Landrat Bernhard Reuter und dem Frauenforum.

„Wen Do – Selbstbehauptung und Selbstverteidigung für Frauen“ können Interessierte am Sonnabend, 25. November, von 9 bis 15 Uhr im Gymnastikraum der Anne Frank Turnhalle in Rosdorf, Hinter den Höfen 14, erlernen.

Selbstverteidigung für Frauen wird am Sonnabend, 25. November, von 10 bis 16 Uhr und am Sonntag, 26. November, von 11 bis 15 Uhr in der Ashtanga-Yogaschule, Groner-Tor-Straße 12, angeboten. Anmeldung: 0551/57453 oder mail@kore-goettingen.de.


Eine Ausstellung zum Thema „Lebe ohne Gewalt – frei und selbstbestimmt“ wird am Montag, 27. November, um 12 Uhr mit Sozial- und Kulturdezernentin Petra Broistedt im Weststadtzentrum, Pfalz-Grona-Breite 84, eröffnet und ist anschließend montags bis donnerstags von 9 bis 16 Uhr und freitags von 9 bis 13 Uhr geöffnet.

Das Theaterstück „Die Wortlose“ wird am Dienstag, 28. November, um 20.15 Uhr im Apex, Burgstraße 46, präsentiert. Darin geht es um die Figur Renate, die das Martyrium ihrer Ehe mit einem Mord beendet.

„Sofortiges Hausverbot“: Das sagt „Freizeit In“-Chef Olaf Feuerstein zu Sexismus in der Gastrobranche

Gerade in der Gastrobranche stehen Alltagssexismus und sexuelle Belästigung leider immer wieder auf der Tagesordnung. Der Kunde, der versucht, der jungen Kellnerin mit plumpen Annäherungsversuchen näher zu kommen, ist keine Seltenheit – das bestätigt auch Olaf Feuerstein, Geschäftsführer des Göttinger Tagungshotels „Freizeit In“ und erster Vorsitzender des Göttinger Kreisverbandes des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga).

Deshalb vertrete er was das angeht eine stringente Haltung, erklärt Feuerstein, die den Mitarbeitern bekannt und im Verhaltenskodex festgehalten sei: „Sobald so etwas passiert, bekommt der Tagungsteilnehmer Hausverbot und wir unterstützen unsere Mitarbeiterinnen gegebenenfalls bei einer Anzeige.“ Dabei passierten solche verbalen oder körperlichen Übergriffe nicht nur abends, wenn auch Alkohol im Spiel sei, sondern zum Teil auch tagsüber. „Wir regeln das immer sofort“, so Feuerstein.

Er appelliert an betroffene Mitarbeiterinnen, dass sie sich schnell und mutig in so einer Situation melden. Der Hotelier berichtet von einem Fall vor zwei Jahren, als ein Kunde einer Mitarbeiterin während einer Tagung Nacktfotos zeigte. „Innerhalb einer halben Stunde hatten wir das geregelt und den Teilnehmer sanktioniert“, sagt er.

Weil viele aber in solchen Situationen erst einmal verunsichert seien, hätten sie Vertrauenspersonen im Unternehmen, speziell auch für junge Auszubildende, an die sich Mitarbeiter mit solchen Fällen wenden könnten. „Außerdem haben wir eine Unternehmenspsychologin“, erklärt Feuerstein. Mit der könnten Mitarbeiterinnen auch im Nachhinein über solche Dinge sprechen und sie nacharbeiten.

Feuersteins Meinung zu diesem Thema ist deutlich: „Kunden, die sowas machen, sind nicht unsere Kunden“, sagt er. Dass das Unternehmen mit seinen Mitarbeitern natürlich abhängig von seinen Kunden ist, spiele in solchen Fällen keine Rolle, so Feuerstein. „Der Kunde ist nur so lange König, wie er sich auch als König verhält.“

Von Hannah Scheiwe

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