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Bilder aus einer vergangenen Zeit

Stammbuchblätter Bilder aus einer vergangenen Zeit

Den sogenannten Stammbuchblättern wird im Neuen Rathaus eine Ausstellung im Rahmen der Lichtenberg-Feierlichkeiten gewidmet. Die große Liebe zu diesen Miniaturansichten hing eng mit der Georg-August-Universität und auch mit Johann Carl Wiederhold zusammen. Eine Spurensuche…

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Quelle: r

Göttingen. Den sogenannten Stammbuchblättern wird im Neuen Rathaus eine Ausstellung im Rahmen der Lichtenberg-Feierlichkeiten gewidmet. Die große Liebe zu diesen Miniaturansichten hing eng mit der Georg-August-Universität und auch mit Johann Carl Wiederhold zusammen. Eine Spurensuche…
Alles begann mit Martin Luther und der Reformation. Schon vor 500 Jahren war es Mode, die Niederschriften von berühmten Reformatoren zu sammeln – am liebsten natürlich dann auch noch handsigniert. Daran hat sich über Jahrhunderte nichts geändert. Zuerst entwickelte sich, besonders in protestantischen Landstrichen, dieses Sammeln von Autografen, also handschriftlichen Niederschriften, in Büchern. Solch ein Stammbuch war damals etwas für die privilegierten Kreise.
Etwa 250 Jahre später kamen dann vermehrt Aktivitäten aus der noch jungen und aufblühenden Universitätsstadt Göttingen hinzu. Sogenannte Gebrauchsgrafiken brachte der „Universitäts-Kupferstecher“ Georg Daniel Heumann, er lebte von 1691 bis 1759, auf den Markt und setzte eine Bewegung in Gang. Die Radierungen im handlichen Format fanden schnell viele Freunde und wurden zum festen Bestandteil des damaligen akademischen Lebens.
Wer in studentischen Kreisen im 18. und im 19. Jahrhundert etwas auf sich hielt, der hatte ein Stammbuch. Dies hatte aber nichts, oder nur sehr wenig, mit einem Familienstammbuch oder einer Niederschriftensammlung zu tun. Denn aus den Büchern waren Loseblattsammlungen mit Goldschnitt geworden, die in einem Schuber oder in Umschlägen verwahrt wurden. Dies hatte für den Besitzer den großen Vorteil, dass er nicht sein kostbares Stammbuch aus der Hand geben musste und auch niemand mehr darin stöbern konnte.

Südlich des Geismar Tores, der Blick über die Heiligenstädter Chaussee (Reinhäuser Landstraße) nach Südwesten.

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Ein weiterer großer  Vorteil: Leere Stammbuchblätter konnten, beispielsweise im Rahmen von Feierlichkeiten, an viele Personen verteilt werden.
Damit wurden die Stammbuchblätter eher mit den Ansichtskarten im 20. Jahrhundert oder facebook-Einträgen von heute vergleichbar – nur war in den Jahren um 1800 diese Kommunikation eine viel spannendere Sache. Wie bekam man die ausgehändigten leeren, verzierten oder einseitig bedruckten Blätter zurück? Was schrieb der Freund? Kamen sie in Briefform, konnten wohl Wochen vergehen, denn sowohl Personen als auch  Post wurden damals mit der Postkutsche transportiert. Hannover war eben nicht gleich um die Ecke.
Die Stammbuchblätter könnten also als eine Vorstufe von Postkarten bezeichnet werden, zumindest wenn sie einseitig bedruckt oder auch liebevoll bemalt waren. Der Göttinger Universitäts-Kupferstecher Daniel Heumann war um 1750 der erste, der Abbildungen in Postkartengröße erstellte und auch vertrieb. Der Göttinger Drucker Johann Carl Wiederhold, er eröffnete sein Geschäft 1770, sah darin ein Geschäftsmodell. Er nutzte den Hype ab dem Jahr 1775. Er ließ Radierungen in großer Anzahl anfertigen, die er dann als Stammbuchblätter druckte. „Göttingen bey Wiederhold“ wurde zum Inbegriff des Stammbuchblatts. Die Radierungen bildeten vielfach das hiesige Umfeld ab. Es entstanden besonders viele Ansichten aus Göttingen und aus Kassel. Aber Radierungen entstanden auch von Northeim und Hann. Münden und den Ausflugszielen – wie das von der Innenstadt noch weit entfernte Weende oder Rauschenwasser. Auch andere markante Punkte der Umgebung, wie die Burg Plesse, die Gleichen, Berlepsch oder der Hanstein waren beliebte Stammbuchblätter. Selbst Johann Wolfgang von Goethe hat ein Wiederhold’sches Stammbuchblatt beschrieben – mit einem Motiv der Burg Plesse.

Info

Die Ausstellung „Studentische Stammbücher der Lichtenberg-Zeit (1763 – 1799)“ im Stadtarchiv Göttingen (Neues Rathaus, Dienstgebäude Reinhäuser Landstraße, 2. Obergeschoss) kann bis zum 30. November während der Öffnungszeiten (montags bis mittwochs 8 bis 15.30, donnerstags 8 bis 18, und freitags 8 bis 13 Uhr) besucht werden. Die Eröffnung findet am Donnerstag um 17 Uhr statt.

Diese Drucke wurden dann zumeist, aber nicht nur, rückseitig mit Sinnsprüchen oder Nachrichten beschrieben und an die Freude verschickt oder zurückgegeben. So kamen diese Stammbuchblättersammlungen auch zum Namen Liber Amicorum, „Buch der Freundschaft“, und wurden eine frühe, erwachsene Form des Poesiealbums.
Doch auch das Fernweh galt es zu befriedigen. Wurden irgendwo Abbildungen von fernen Städten oder markanten Landschaften entdeckt, setzten sich die Stecher daran und entwickelten eine Druckvorlage, die dann in, mit heutigen Maßstäben verglichen, relativ geringer Auflage gedruckt wurde. Etwa 400 Drucke konnten von einer Platte gewonnen werden. In Göttingen und Umgebung gab es, der Bedarf war riesig, um das Jahr 1800 viele sehr fleißige „Stecher“. Wie viele der Radierungen exakt in Umlauf gebracht wurden, das lässt sich heute nicht mehr belegen.
Mit „Denkmale der Freundschaft. Göttinger Stammbuchkupfer– Quellen der Kulturgeschichte“ hat der Göttinger Volkskundler Rolf Wilhelm Brednich im Jahr 1997 auf 544 Seiten ein Verzeichnis der Göttinger Stammbuchblätter geschaffen. Er beschreibt insgesamt 981 unterschiedliche Stiche und Einband- Schuber in seinem „Wiederhold-Werkverzeichnis“. Es gibt Porträts, ikonografische Motive, Phantasielandschaften, Schmuckblätter und Schmuckblatt-Denkmäler, religiöse Motive, literarische Motive, Abbildungen des Studentenlebens und Abbildungen von Landschaften. Landschaften und Gebäude machen mit knapp über 700 Motiven große Anzahl der Drucke aus – von Abbildungen aus Göttingen bis zu einer Abbildung von Rio de Janeiro.
Ein Nachfahre des Druckers Johann Carl Wiederhold ist Alexander Grosse. Er ist der Familientradition treu geblieben und Inhaber eines Schreibwarengeschäfts, der Firma Wiederholdt – das „t“ wurde um die Jahrhundertwende zum 19. Jahrhundert angefügt. „Ich stamme aus der Linie des Hann. Mündener Apothekers Georg Theodor Arnold Große, der hat Catharine Elisabeth Wiederholdt  geheiratet und ist dann in das blühende Druckereiwesen eingestiegen“, sagt Grosse. Die spannende Familien- und Firmengeschichte arbeitet er gemeinsam mit Vater Hartmut auf. Es gibt viele Zeugnisse aus der vergangenen Zeit, denn  Wiederholdt ist nach dem Modehaus Schlüter das zweitälteste noch inhabergeführte Geschäft in Göttingen. „Die Stammbuchblätter haben mich mein gesamtes Leben begleitet“, sagt Grosse. Er hat die Blätter und auch einige komplette Stammbücher, natürlich lichtgeschützt, in einer Vitrine in seinem Arbeitszimmer stehen. „Damit bin ich immer direkt mit unserer Firmengeschichte konfrontiert“, sagt Grosse und freut sich, dass die Radierungen, die zum Teil von seiner Familie gefertigt wurden, im Göttinger Lichtenbergjahr sogar mit einer eigenen Ausstellung gewürdigt werden. „Mein Ururgroßvater hat mit den Kupferdrucken mit Landschafts-, Theater- und Schmuckmotiven den Geschmack der Zeit getroffen und damit die Basis für das Geschäft gelegt und Lichtenberg hat die Wiederhold‘sche Druckerei ganz bestimmt häufig besucht.“

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