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Tarifauskunft: Wirrwarr im Web

Was kostet eine Bahnfahrt nach Northeim oder Bad Karlshafen? Tarifauskunft: Wirrwarr im Web

Es ist ganz leicht, online herauszufinden, was eine Bahnfahrt nach Rom kostet.  Wer wissen will, wie teuer eine Fahrt von Göttingen nach Northeim  ist, muss deutlich länger suchen. Nahverkehr ohne Nerv: So geht es.

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Jörg Schliephake kämpft sich durch den Tarifdschungel des Verkehrsverbunds Südniedersachsen und der Bahn.

Quelle: CH

Göttingen. Göttingen. Von Göttingen nach Rom kostet eine Bahnfahrt (mit Umsteigen in München) 270 Euro. Auch die Preisauskunft für eine Fahrkarte nach Hamburg oder Berlin ist auf der übersichtlichen Homepage der Bahn schnell möglich. Aber: Was kostet ein Ticket ins benachbarte Northeim? Diese Information ist weit schwieriger zu finden.

Tageblatt-Leser Jörg Schliep-hake ist gerne in der Region unterwegs, mit dem Fahrrad oder mit Freunden. Nach Northeim sollte es gehen, Informationen wollte sich Schliephake unter bahn.de besorgen. „Ich gebe also die Daten ein, erfahre, zu welchen Zeiten die Züge fahren. Unter Preis für alle Reisenden steht aber: Preisauskunft nicht möglich“, sagt er.

Als erfahrener Bahnreisender weiß er, unter dem Kürzel „ME“  wird dort ausgewiesen, dass es sich um einen Metronom-Zug handelt. Auf der Homepage dieses Unternehmens erhält man bei einer Preisanfrage für Göttingen-Northeim dann die Auskunft: „Für die angefragte Verbindung oder Fahrkartenart gibt es kein Angebot im Niedersachsentarif“. Aha.

Schliephake will es wissen, ruft bei der Metronom-Gesellschaft an. „Die Mitarbeiterin im Kundenservice bestätigte mir, dass das System für einen Laien nicht zu durchschauen sei,“ so der Göttinger. Die zentrale Frage lautet nämlich, in welchem Verkehrsverbund sich der Kunde befindet. In Südniedersachsen ist das der VSN, der Verkehrsverbund Südniedersachsen. „Den Preis macht nämlich nicht das Bahnunternehmen“, erklärt Gerd Aschoff vom Fahrgastverband Pro Bahn.

„Das Problem mit der Preisauskunft  besteht bei Fahrten innerhalb von Verkehrsverbünden. Die Systematik der Fahrpreise in den verschiedenen Verkehrsverbünden ist einfach zu unterschiedlich, als dass es auf Bahn.de vollständig abgebildet werden könnte“, erklärt er. Dafür müsse man auf die Internetseiten der jeweiligen Verkehrsverbünde – in Südniedersachsen also vsninfo.de – schauen. Ein Problem beispielsweise für Gäste von auswärts. Wer weiß schon, welcher Verkehrsverbund in Buxtehude oder Oberammergau gilt.

„In Deutschland gibt es über 70 Verkehrsverbünde, die ihre eigenen Tarifbedingungen, Preise und Tickets haben“, sagt auch der Pressesprecher und Leiter der Kommunikation im Regionalbüro Nord der Bahn, Egbert Meyer-Lovis. Diese Tarife könnten einfach nicht mit allen Daten auf der Bahnhomepage hinterlegt werden.

Eher unkomfortabel für den Kunden ist auch, dass für die unterschiedlichen Bahnunternehmen unterschiedliche Regeln gelten. „Im VSN beispielsweise müssen Fahrkarten immer vor Antritt der Fahrt gekauft werden“, sagt Aschoff. Steigt man in Göttingen in einen Zug nach Bad Karlshafen, kann man an Bord der Nordwestbahn (NWB) direkt am Automaten Karten ziehen.

Und: Dass das im Landkreis Kassel, also in Hessen liegende Bad Karlshafen zum Verkehrsverbund Südniedersachsen gehört, muss der Kunde auch erst mal herausfinden. Bei der Verbindungssuche via Bahn.de erfährt der Kunde, dass die Strecke Göttingen-Bad Karlshafen von der Nordwestbahn bedient wird. Auf deren Homepage erfährt man aber nicht den Preis, sondern erhält folgende Information: „Für diese Verbindung konnten keine Preise ermittelt werden. Die Preisauskunft ist nur für bestimmte Verbünde / Verkehrsgemeinschaften möglich (VBN, VOS, GVH, VLN, VVW).“ 

Vom wirklich zuständigen VSN also keine Rede.  Die Preisauskunft auf dieser Strecke gleicht einer Odyssee. Ganz anders eine Fahrt ins  südniedersächsische Elze: 16,10 Euro, spuckt die Bahnhomepage problemlos zur passenden Zug-Verbindung aus. Auch die VSN-Seite gibt Auskunft über die Verbindungen, nicht aber über den Preis. „Der von ihnen ausgewählte Ziel-Ort Elze liegt nicht im Tarifgebiet“, heißt es dann.

Man muss also genau wissen, welche Orte im jeweiligen Verkehrsverbund zu finden sind, zumal Bundesländer-Grenzen überschritten werden. „Mit diesem Wirrwarr ist selbst ein eingefleischter Eisenbahnfan wie ich hilflos“, sagt Schliephake.

Warum das Ganze? „Der Verkehrsverbund ist vor allem für Pendler und Schüler interessant“, erklärt Aschoff. Man kann nämlich beispielsweise direkt in den Bus vor der Haustür steigen und  dort das Ticket, beispielsweise nach Bad Karlshafen kaufen. Aschoff weiter: „Was bahn.de aber leisten müsste, ist simpel: Statt ‚Preisauskunft nicht möglich‘ müsste dort ein Verweis auf den jeweiligen Verkehrsverbund stehen.“

VSN braucht übersichtlicheren Tarif

Der Fahrgastverband Pro Bahn setzt sich für die Interessen der Bahnkunden ein. Gerd Aschoff ist Ehrenvorsitzender und Sprecher des Regionalverbandes Südniedersachsen von Pro Bahn  in Göttingen.

Worin liegt der Vorteil des VSN?

In einem Verkehrsverbund wie dem VSN soll das Umsteigen erleichtert werden. Der Fahrschein gilt unabhängig vom Verkehrsmittel und vom Verkehrsunternehmen, egal ob Bus oder Bahn, egal ob Metronom oder Deutsche Bahn.

Wer profitiert am meisten von diesem  Sytem?
Fahrgäste, die als Pendler häufig auf einer Relation fahren und dabei die Vorteile des Umsteigens mit einem Fahrschein nutzen können.

Gerd Aschoff

Quelle: EF

Kein Online-Ticket beim VSN. Ist das noch zeitgemäß?
Stationär würde ein Online-Ticket den Fahrgästen kaum Vorteile bringen, zumal alle Busfahrer Fahrkartenverkäufer sind. Mobil auf dem Handy – das ist in vielen Verkehrsverbünden heutzutage Standard.

Für Kunden ist es schwer, sich zurechtzufinden. Bad Karlshafen gehört zum VSN, Elze nicht mehr. Wo informiere ich mich am besten?
Uns kann www.vsninfo.de nicht wirklich begeistern, aber nach einer Eingewöhnung findet man sich schon zurecht. Zudem kann man unter 0551/998099 den VSN anrufen und Fragen stellen.

 70 Verbünde gibt es bundesweit, ist es nicht Zeit für eine Vereinheitlichung?
Grundsätzlich wäre das wünschenswert, damit man sich in anderen Regionen leichter zurecht findet. Aber die Verkehrsregionen sind sehr verschieden strukturiert und finanziert. Der Verband der Verkehrsunternehmen VDV müsste hier seine steuernde Funktion entschlossener wahrnehmen, etwa bei einer deutschlandweiten Handy-App für den Ticket-Kauf, bei der bislang nur 16 Verbünde mitmachen. Für die Verbindungen für Busse und Bahnen ohne Tarifinfo setzt www.bahn.de ganz klar die Standards, auch mobil.

Welche Verbesserungen wünscht sich Ihre Organisation?
Der VSN muss sich einen übersichtlicheren Tarif zulegen. Er muss Schmankerl im Freizeitbereich für Spontanfahrer und Gruppen schaffen. Und wir brauchen Vereinbarungen mit den Fremdenverkehrsverbänden, damit Touristen mit ihrer Gästekarte kostenfrei Busse und Bahnen nutzen dürfen. Im Schwarzwald und im Ostharz gibt es dazu gute Ansätze. Wir fordern dies auch für Westharz und Weser.

Welchen Tipp haben Sie für Reisende?
Öffentliche Verkehrsmittel sind häufig besser als ihr Ruf. Also ausprobieren! Ob von Grone oder Dransfeld, Rosdorf oder Bovenden – man kommt in eineinhalb Stunden bequem zum Kloster Walkenried, nach Herzberg zum Schloss oder zum Wandern in den Harz. Eine Fünfergruppe bezahlt pro Kopf für Hin- und Rückfahrt gerade mal 7 Euro.

 Interview: Britta Bielefeld

Nordwestbahn

Die Nordwestbahn fährt auf der Strecke Göttingen-Ottbergen, Kreiensen-Ottbergen und von dort weiter nach Paderborn. Das private Eisenbahnunternehmen ging  2000 in der Region Weser-Ems auf die Schienen, es ist Teil der Transdev-Gruppe. Fahrkarten gibt es am Automaten im Bahnhof.

Cantus

Die Cantus Verkehrsgesellschaft ist ein junges Eisenbahnunternehmen mit Sitz in Kassel. Der Cantus verkehrt in Südniedersachsen auf der Strecke Göttingen- Eichenberg-Kassel und Göttingen-Eschwege-Bebra-Fulda. Ticketautomaten gibt es auch im Zug. Im VSN-Bereich gelten deren Tickets.

Metronom

Der Metronom, eine private Eisenbahngesellschaft, fährt in Südniedersachsen auf der  Strecke Göttingen-Hannover. Gegründete wurde das Unternehmen 2002 in Uelzen. Auskünfte gibt es online unter der-metronom.de. Tickets müssen vor Fahrtantritt allerdings am Automaten oder in Verkaufsstellen erworben werden. Tickets des VSN oder das Niedersachsenticket werden im Metronom akzeptiert.

Verbund

Der Verkehrsverbund Südniedersachsen (VSN) besteht unter anderem aus 16  Verkehrsunternehmen. Sie haben sich 1999 zusammengeschlossen. Ziel ist es laut VSN „den rund 600000 Bewohnern der Landkreise Göttingen, Northeim, Osterode, Holzminden und der Stadt Göttingen einen einheitlichen Tarif und aufeinander abgestimmte Bus- und Bahnverbindungen zu bieten“.  Ein kleines Stück der Landkreise Kassel und Goslar sind ebenfalls im Verbund. Mit einer Fahrkarte des VSN können Kunden jede Strecke zurücklegen, beispielsweise von Holzminden nach Duderstadt fahren und dabei unterschiedliche Verkehrsmittel benutzen. Im Verbund sind beispielsweise  auch die Deutsche Bahn oder die Göttinger Verkehrsbetriebe organisiert. Die Fahrkarten kann man allerdings nicht online kaufen. Die Verbindungen und Preise finden sich unter vsninfo.de. Ermäßigungen mit einer Bahncard 25 oder 50 gelten nur für Strecken über das Gebiet  des VSN hinaus.

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