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Tete Böttger wird 75

Die Kunst der Denkunruhe Tete Böttger wird 75

Manche Menschen erleben mehr, manche weniger in ihrem Leben. Der Göttinger Verleger Tete Böttger gehört zu denen, deren Erfahrungen Bücher füllen können. Am Mittwoch wird er 75 Jahre alt.

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Feiert seinen 75. Geburtstag: Der Göttinger Verleger und Kunstsammler Tete Böttger.

Quelle: Heller

Göttingen. Kunst, Diplomatie, Geheimdienste, Genscher, Gorbatschow, Gaddafi, eine chinesische Kulturministerin und immer wieder eine gewisse Hellsicht: Wenn der Göttinger Verleger Tete Böttger aus seinem Leben erzählt, erzählt er ein Stück Weltgeschichte. Die Art von Geschichte, die nicht in den Geschichtsbüchern steht.

„Ach wissen Sie, die Dinge laufen mir so zu“, sagt Böttger. In rostroten Cordhosen, mit Schal und abgestimmten Einstecktuch im Tweedsakko sitzt der 74-Jährige inmitten seines Sammelsuriums aus Kunst und schenkt Tee ein – nepalesischen –  ein Präsent eines Freundes. Dazu reicht er feine Konditorenkekse und Halva, das eine seiner sechs Töchter aus Pergamon mitbrachte. Das Gemälde, das hinter ihm an der Wand hängt, zeigt Kaiserin Katharina I. von Russland. „Die erste russische Kaiserin“, sagt Böttger. Er weiß fast alles über diese Frau, gerät beim Erzählen über sie ins Schwärmen. Es gibt ein Foto am Türrahmen, das zeigt den ehemaligen russischen Präsidenten Dmiti Medwedew, den Chef der russischen Gazprom und den Chef der Eremitage – vor einem identischen Bild von Katharina. Das Gemälde hatte  die Firma Gazprom von Böttger  für die Eremitage in St. Petersburg gekauft. Dort ist es nie angekommen. Das zweite Gemälde der Kaiserin – vom gleichen Künstler gefertigt –  hängt in Göttingen, Böttger hat es bei Sothebys ersteigert. „Das russische Kulturministerium hat mir mitgeteilt, dass es das Bild gerne tauschen möchte, gegen Beutekunst“, so der Verleger. Böttger wartet und hofft  auf ein ganz spezielles Angebot: seit 1945 verschollene Partituren Richard Wagners, die Hitler zu seinem 50. Geburtstag erhielt und die die Russen laut Böttger immer noch suchen. Der Mann weiß viel über Russland. Botschafter, Künstler und Kulturminister zählen heute zu Böttgers Freunden, er war unzählige Male in der Sowjetunion und in Russland. Vor und hinter dem eisernen Vorhang ging der Göttinger  ein und aus, die Ost-West-Beziehungen ziehen sich wie ein roter Faden durch seine Erzählungen.  

Ein anderer Faden: der Künstler Horst Janssen. Mit ihm war Böttger bis zu dessen Tod eng verbunden. 1985 organisierte er die erste Janssen- Ausstellung in Moskau. Es folgen weitere – alles in allem ein Millionen-Projekt. Böttgers große Janssen-Ausstellungen in Russland ergaben sich ein wenig zufällig. Der Chef der Deutschen Bank in Moskau damals war Axel Lebhan, sein Göttinger Nachbar. Für die Schau schuf Janssen eigens eine Reihe von Zeichnungen und Aquarellen, er zeichnete die großen russischen Dichter und einige anonyme Russen aus dem 19. Jahrhundert. Die Bilder des deutschen Ausnahmekünstlers hat Böttger später in alle Welt gebracht – unter anderem nach Nordkorea (dort blieb es allerdings bei einem Versuch), Libyen, Kuwait und kürzlich erst nach Turkmenistan. „Ich habe ja immer schon Janssen gesammelt“, sagt der 74-Jährige. Wie hellsichtig. Und: „Fast alle Länder, in denen wir ausgestellt haben, haben sich danach massiv verändert. DDR, UDSSR, Albanien, Libanon, Syrien, Libyen - nur Nordkorea ist so geblieben“, sagt er.

Aufgewachsen in der Nähe von Berlin, studiert der junge Böttger nach dem Abitur in einem Schwarzwälder Internat von 1961 bis 1968 Jura, Geschichte und Wirtschaft in Genf, Berlin und Göttingen. Die Mutter arbeitete als Ärztin in Göttingen. „Dem Irrsinn nach dem Mauerbau in Berlin bin ich entflohen“, sagt Böttger. Immer wieder habe es ihn in seinem bewegten Leben, „wie an einem Gummiband“, nach Göttingen zurück gezogen. „Als Ruhepunkt“, und weil Göttingen mit all den Nobelpreisträgern für ihn die Stadt der „Denkunruhe“ war und ist.

Für den Stifterverband der deutschen Wissenschaft arbeite er in den 70er Jahren in Bonn. „Dort lernte man damals ja Gott weiß wen kennen“. Einer, den er vorher schon  gut kannte, ist der Göttinger FDP-Politiker Torsten Wolfgramm, bis heute ein Freund des Verlegers. Schon zu  den Hoch-Zeiten des kalten Krieges war Böttger von der Wiedervereinigung überzeugt. Auch den Ausgang des Vietnamkrieges und den Zerfall der UDSSR habe er vorausgesehen.  „Ich war immer neugierig, was aus dieser Welt wird“, sagt er. Diese Neugier, gepaart mit ein wenig Hellsicht, einem untrüglichen Gespür für Kunst und die Menschen in aller Welt, muss es wohl sein, die den nonchalanten Weltbürger mit einem kleinen Hang zur Parapsychologie immer wieder antreibt. Er hat nach dem Bernsteinzimmer gesucht und ist überzeugt, es ist in den Schächten Volpriehausens vernichtet worden, der Rest steht in Königsberg.
Er hat ein Bild als Staatsgeschenk  für Gorbatschow organisiert – seinen Janssen findet der russische Ex-Präsident laut Böttger allerdings nicht wieder – er wurde aus Nord Korea fast ausgewiesen und von Gaddafis Leibwache kurzfristig festgenommen. Ernsthaft passiert ist ihm nie etwas. In Novosibirsk entkam er knapp einem Hotelbrand – weil er nachts um 4 Uhr wach war – einer Göttinger Delegation wegen, die abzuholen war. Auch die Göttinger kamen wegen Horst Janssens Bildern nach Novosibirsk. Böttger hatte den Freund gebeten, sich den Göttinger Lichtenberg als Thema vorzunehmen, was der Künstler tat. Zuerst in Göttingen, dann auch in Sibirien wurden die Janssen-Werke unter anderem gezeigt.

Lichtenberg ist ein weiterer Faden in des Verlegers Leben.  Böttger war es nämlich, der die Lichtenberg-Statue, die am Göttinger Markt steht, gießen ließ und stiftete. Der Lichtenberg ist ein recycelter Diktator. Die Statue ließ Böttger in Albanien fertigen (wo er 1989 Janssen ausstellte) – aus ausrangierten Standbildern des ehemaligen Staatsoberhauptes Enver Hodscha. „Mit einem Schuss Stalin“, so Böttger. Wie er ausgerechnet auf Albanien kam? „Ach, ich hatte da mal einem Diplomaten geholfen, der der erste deutsche Geschäftsträger  dort war.“

Um die deutsche Geschichte dreht sich Böttgers neu aufgeflammtes Interesse: weitere Informationen darüber zu erhalten, dass die Nationalsozialisten im thüringischen  Ohrdruff bereits Atombombenversuche gestartet haben. Zeugnisse und Akten darüber hat Böttger, er habe sie auch noch direkt von Otto Günsche bekommen. Günsche war persönlicher Adjutant Hitlers, er starb 2003. Während er davon erzählt, vibriert das Telefon in Böttgers Tasche. Das ZDF, die Redaktion von History. Eine Anfrage genau zu diesem Thema.

Dreimal war Böttger verheiratet. Die Damen in Nordkorea, die in den 90er Jahren den nicht vorhanden Autoverkehr regelten, nennt er „erotisches Ballett“. Kurz zuvor hatte er sich in die chinesische Kulturministerin blitzverliebt. „Sie war nicht hübsch, aber unglaublich.“  Die Chinesin war schnell wieder Geschichte.  Bestand hat hingegen folgendes: Anlässlich Böttgers Janssen-Ausstellung in Taiwan 1993 wurde Lichtenberg erstmals ins Chinesische übersetzt.

Zur Zeit ist er gerade von Turkmenistan begeistert - dort lief seine jüngste Janssen-Ausstellung.  „Die Frauen dort haben es mir angetan, sagt er und lächelt. „Sie sind alle gleich groß und gleich angezogen, aber in verschiedenen bezaubernden Mustern.“ Zum Beweis zückt er sein Ibook, zeigt Fotos. Unzählige Länder hat er kennengelernt, Künstler, Diplomaten und andere Menschen. „Ich bin einfach immer überall hineingegangen“, sagt er. Denn: „Ian Fleming schrieb, der Geheimdienst ist das beste Reisebüro. Noch besser aber ist Kultur.“

Zur Person

Tete Böttger,  geboren am 15. Dezember 1940 in Bad Saarow, studierte von 1961 bis 1968 Jura, Geschichte und Wirtschaft in Genf, Berlin und Göttingen. Dreimal war er verheiratet, sechs Töchter sind aus diesen Ehen erwachsen. Inzwischen ist er mehrfacher Großvater.

Nach seiner Arbeit im Stifterverband wurde Böttger Kunstverleger, Sammler und Aussteller mit dem Schwerpunkt des Werkes von Horst Janssen. Zudem engagierte Böttger sich beim Auffinden und bei der Rückgabe von Beutekunst.

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