Volltextsuche über das Angebot:

4 ° / -2 ° Nebel

Navigation:
Lernen aus der Vergangenheit

Duderstadt sucht Zeitzeugen der NS-Zeit Lernen aus der Vergangenheit

Geschichtsschreibung ist keineswegs in Stein gemeißelt. Sie kann sich durch neue Erkenntnisse erweitern und Blickwinkel verändern. In Duderstadt werden Zeitzeugen und deren Nachkommen aufgefordert, die Geschichte des Zweiten Weltkriegs zu ergänzen und damit Zeichen zu setzen.

Christian-Blank-Straße 1, Duderstadt 51.514676 10.256472
Google Map of 51.514676,10.256472
Christian-Blank-Straße 1, Duderstadt Mehr Infos
Nächster Artikel
Entflechtung abgeschlossen

Amerikanischer Panzer am Westertor in Duderstadt, 9. April 1945.

Quelle: r

Duderstadt. Bereits vor 24 Jahren hatte der heutige Duderstädter Stadtarchivar Reinhard Fricke zusammen mit Hans-Heinrich Ebeling das Buch Duderstadt 1929 - 1949 verfasst. „Das war nach den damaligen Kenntnissen und uns zur Verfügung stehenden Quellen entstanden. Heute müssten wir einiges ergänzen oder umschreiben“, meint Fricke. Anlass zur Ergänzung gab unter anderem der Tageblatt-Artikel am 8. April 2015, der an den Einmarsch der Amerikaner in Duderstadt vor 70 Jahren erinnerte.

Reinhard Fricke, Stadtarchivar in Duderstadt

Reinhard Fricke, Stadtarchivar in Duderstadt

Quelle: r

Damals, am 9. April 1945, gab es in Duderstadt keinen Widerstand von deutschen Kampfeinheiten oder dem Volkssturm, es wurden keine Panzersperren errichtet, und die Amerikaner marschierten ungehindert durch das Westertor. Die Stadt wurde nicht in Schutt und Asche gelegt wie viele andere Orte, die Widerstand bis zum letzten Mann leisteten.

Roman Link

Roman Link

Quelle: r

Dieser glimpfliche Ausgang war keineswegs dem Schicksal zu verdanken, sondern nach aktuellem Kenntnisstand dem besonnen und mutigen Vorgehen des letzten Duderstädter Kampfkommandanten Major Roman Link. Das belegen die handschriftlichen Aufzeichnungen des Majors, die auch Grundlage der Recherche für den Tageblatt-Artikel waren und durch weitere Zeitzeugenberichte bestätigt worden sind. Der heute in Hildesheim lebende Sohn des Majors, Siegfried Link, übergab der Stadt Duderstadt nach dem Erscheinen des Tageblatt-Artikels die Aufzeichnungen seines Vaters, die nun die Stadtgeschichte ergänzen und Erklärungen liefern.

Siegfried Link

Siegfried Link

Quelle: r

Dass auch Zeitzeugen nur einen Auszug aus der Geschichte kennen, bestätigt Johannes Förster, der den Krieg als 16-Jähriger miterlebt hatte. „Ich kannte Roman Link, aber ich wusste bis vor kurzem nicht, was er für Duderstadt getan hatte“, sagt Förster.

Johannes Förster

Johannes Förster

Quelle: r

Die Hintergründe um die letzten Kriegstage in Duderstadt seien vielen erst nach dem Tageblatt-Artikel bekannt geworden. Zeitzeuge Erwin Fiedler hatte die Recherche zur Geschichte Roman Links angestoßen. „Ich war in Gefangenschaft und hatte Angst, nach meiner Freilassung keine Heimat mehr vorzufinden. Dass es Duderstadt noch gab, grenzte für uns an ein Wunder“, sagt Fiedler.

Archiv

Das Duderstädter Stadtarchiv an der Christian-Blank-Straße 1 ist zu den Besuchszeiten montags und mittwochs von 9.30 Uhr bis 12 Uhr geöffnet. Weitere Termine gibt es nach Vereinbarung mit Stadtarchivar Reinhard Fricke. Telefonisch ist er auch außerhalb der Besuchszeiten unter 05527/2144 zu erreichen.
Das Göttinger Kreisarchiv zieht gerade im Rahmen der bevorstehenden Kreisfusion um nach Osterode, Herzberger Straße 5. Auch dort ist es möglich, Zeitzeugenberichte oder Fotos zur Ergänzung der regionalen Geschichtsschreibung anzubieten oder einzusehen, allerdings vorzugsweise nach dem Umzug, also ab November 2016. Ansprechpartnerin ist dort Kreisarchivarin Dagmar Frühling-Eder, Telefon 05522/9604190.

Doch mit dem Blick in die Geschichte der NS-Zeit entflammt auch erneut die Diskussion um Schuld, Verantwortung oder Mittäterschaft. Hans-Georg Schwedhelm, Mitarbeiter der Duderstädter Geschichtswerkstatt, fordert, den Schwerpunkt der Recherche nicht nur auf die Suche nach Schuldigen zu legen, sondern auf den Bezug in die Gegenwart: „Die heutige Gesellschaft soll aus der Vergangenheit lernen, um sich von der damaligen Politik distanzieren.“ Bürgermeister Wolfgang Nolte (CDU) verspricht: „Wir werden uns der Aufarbeitung weiter stellen.“ Er appelliert ebenso wie Stadtarchivar Fricke an die Menschen in der Region, die Geschichtsschreibung weiterhin mit Zeitzeugenberichten, eigenen oder denen von Angehörigen, zu ergänzen und damit einen Beitrag zum Erhalt der Demokratie zu leisten. „Mit der Summe an Erinnerungsstücken malen wir das Bild, das wir für die Nachwelt erhalten können“, sagt Fricke und bittet darum, „den großen Schatz der Erinnerung für das Stadtarchiv zu sichern“.

Das passiert mit Zeitzeugenberichten

Fragen zum Datenschutz und zur Weiterverwertung von Zeitzeugenberichten beantwortet der Duderstädter Stadtarchivar Reinhard Fricke:

Herr Fricke, was passiert mit Daten und Zeitzeugenberichten, die den Archiven zur Verfügung gestellt werden?

Zunächst gelten die allgemeinen gesetzlichen Datenschutzbestimmungen als Grundlage. Wer einen Zeitzeugenbericht zur Aufarbeitung der lokalen oder regionalen Geschichte einem Archiv zur Verfügung stellen möchte, bestimmt selbst, wann und in welchem Umfang das Material zu Forschungszwecken oder auch für die Öffentlichkeit einsehbar ist. Gespräche werden beispielsweise protokolliert und dem Zeitzeugen zur Autorisierung vorgelegt. Der Berichterstatter bestimmt außerdem den Zeitpunkt, wann das Material verfügbar ist. Das kann auch erst in 30 Jahren sein. In diesem Fall wäre das Archiv nur Ort des Depositums.

 

Zahlreiche Fernseh-Dokumentationen berichten von der NS-Zeit. Ist da eine regionale Aufarbeitung überhaupt noch sinnvoll?

Amtliche Akten – und die bewahrt ein Archiv ja in erster Linie auf – sagen nicht alles über das Zeitgeschehen aus. Gerade aus der Zeit des Kriegsendes gibt es wenig Dokumente, da hatten die Leute andere Sorgen. Hier können Zeitzeugenberichte unsere Wissenslücken füllen und die Geschichtsschreibung ergänzen. Nachdem die Geschichtswissenschaft lange die zentralen Ereignisse ins Zentrum stellte, konzentriert sie sich nun zunehmend auf regionale Ereignisse, Besonderheiten und Umstände. Diese spielen eine wichtige Rolle, um das Gesamtbild zu verdeutlichen.

 

An wen kann sich ein Zeitzeuge wenden?

Neben den Archivaren sind erste Ansprechpartner oft die Ortsheimatpfleger, da diese sich mit den lokalen Gegebenheiten am besten auskennen und man sich vielleicht ohnehin schon kennt. Eine vertraute Basis kann gut sein.

 

Wer besucht das Stadtarchiv?

Geschichtsforscher, Historiker, häufiger auch Ahnenforscher. Letztere müssen aber meistens weiter verwiesen werden an die zuständigen Kirchenarchive oder Staatsarchive So liegen die Personenstandsunterlagen für Duderstadt im Niedersächsischen Landesarchiv in Wolfenbüttel. Früher kamen häufiger Schüler, die sich in Projekten mit örtlicher Geschichte beschäftigten. Aber da beobachte ich einen rückläufigen Trend. Heute scheint der Einstiegspunkt, sich mit Geschichte auseinanderzusetzen, eher die eigene Familie zu sein.

Daten zur NS-Zeit in Südniedersachsen

  • 1933: Hitler wird am 30. Januar Reichskanzler, was in Göttingen mit einem Fackelzug gefeiert wird. In Moringen wird das KZ eingerichtet, das ab 1940 Jugendkonzentrationslager ist.
  • 1938: Die Göttinger Synagoge wird in der Progromnacht 9./10. November niedergebrannt.
  • 1942: Deportation der letzten 140 Juden aus Göttingen in die Vernichtungslager. Durch den Krieg fehlen Arbeitskräfte in Industrie und Landwirtschaft, die zunehmend durch Zwangsarbeiter aus den von Deutschland besetzten Ländern ersetzt werden.
  • 1941: In Duderstadt beginnt der Rüstungsbetrieb Polte auf dem Euzenberg, Munition für den Krieg herzustellen.
  • 1944: Der Volkssturm wird aus Jugendlichen, Veteranen und Greisen gegründet, um die heimatlichen Städte gegen die Alliierten zu verteidigen. Im Gebiet der heutigen Landkreise Northeim und Göttingen werden mehr als 50.000 Menschen geschätzt, die Zwangsarbeit leisten müssen. Bei den Polte-Werken in Duderstadt wird einen Außenstelle des KZ Buchenwald eingerichtet.
  • 1945: Im Januar/Februar kommt es vermehrt zu Fliegerangriffen der Alliierten im Raum Göttingen.
  • März: Acht deutsche Jagdflieger werden über dem Eichsfeld und bei Göttingen abgeschossen.
  • April: Die Amerikaner überschreiten die Weser bei Höxter. Deutsche Heeresverbände fliehen Richtung Harz. Göttingen und Duderstadt werden nahezu kampflos von den Amerikanern eingenommen. Gegenwehr gibt es unter anderem noch in Alt-Münden, Bursfelde, Ellershausen, Klein Wiershausen, Settmarshausen, Weißenborn, Etzenborn und weiteren kleineren Ortschaften.
Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr zum Artikel
Bis zum letzten Mann
Foto: Amerikaner mit Sherman-Panzern in Duderstadt.

Frühjahr 1945: Die Welt war endgültig aus den Fugen geraten. Der Krieg hatte auch im Eichsfeld jeden Winkel und jedes Kellerloch erreicht. Die Angst gehörte zum Alltag – vor Bombenangriffen, vor anrückenden Truppen der Alliierten, vor Rache und Vergewaltigung, vor Verlust und Tod.

  • Kommentare
mehr
Der Wochenrückblick vom 26. November bis 2. Dezember 2016