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Entflechtung abgeschlossen

Rekommunalisierter Energieversorger Entflechtung abgeschlossen

Alles im Soll: Das zweite Geschäftsjahr des Energieversorgers EAM ist mit gutem Ergebnis zuende gegangen. 2013 hatten zwölf Landkreise und die Stadt Göttingen die damalige E.ON Mitte übernommen, um die regionale Wertschöpfung zu stärken. Heute hat die EAM 126 kommunale Anteilseigner.

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Karte der Netzbetreiber in Südniedersachsen

Quelle: r

Kassel. Damit sei die finale Anteilseignerstruktur der EAM erreicht, so Georg von Meibom, Geschäftsführer der EAM. In zwei Beteiligungsrunden konnten Kommunen Anteile erwerben, eine weitere werde es nicht geben. Ursprünglich war geplant, rund 49 Prozent der Anteile an Kommunen abzugeben. Doch die Altgesellschafter – zwölf Landkreise und die Stadt Göttingen, die bereits Anteile der E.ON Mitte hielten – verfügen immer noch über 62,89 Prozent der Anteile. Der Landkreis Northeim ist der größte Anteilseigner der EAM mit 9,576 Prozent, gefolgt von der Stadt Göttingen mit 9,213 Prozent. Der Landkreis Göttingen hält 5,6 Prozent der Anteile.

Als über die Übernahme der E.ON Mitte verhandelt wurde, befand sich der Konzern in einer schwierigen Situation, weil er „massive Probleme“ hatte, die auslaufenden Konzessionen zu verlängern, so von Meibom. Die Übernahme in kommunale Hände habe jedoch dazu beigetragen, die Konzessionen zu sichern. „Wir haben auch versucht, uns mit den Stadtwerken zu verständigen, an die wir Konzessionen verloren hatten.“ Nur in zwei Fällen habe das nicht geklappt. Inzwischen gebe es eine Reihe von lokalen Kooperationen.

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„Mit E.ON sind wir jetzt komplett auseinander“, so Geschäftsführer Thomas Weber. Es habe viele Verflechtungen gegeben, aber seit März 2016 nehme man keine Dienstleistungen der E.ON mehr in Anspruch. Die Entflechtung der EAM vom Konzern sei insbesondere im IT-Bereich kompliziert gewesen. Hier musste eine eigene neue Abteilung aufgebaut werden, allein der Transfer von Milliarden von Datensätzen zur EAM habe fünf Monate gedauert – der laufende Betrieb musste unterdessen weitergehen. Dabei habe es auch gewisse Probleme mit Kundenabrechnungen gegeben, die inzwischen aber aufgearbeitet seien. Angesichts der Komplexität der Entflechtung habe aber alles erstaunlich gut funktioniert.

Der Umsatz der gesamten EAM-Gruppe lag 2015 bei 928 Millionen Euro. Die Zahl der Mitarbeiter erhöhte sich um 34 auf insgesamt 1251, darunter 71 Auszubildende. Vom Kredit in Höhe von 623 Mio. Euro, der für den Kauf aufgenommen wurde, seien bereits 100 Mio. Euro zurückgezahlt, so von Meibom. 59 Mio. Euro wurden an die Gesellschafter überwiesen, davon bekommt der Landkreis Northeim eine vereinbarte Dividende von 1,8 Mio. Euro, die Stadt Göttingen von 1,74 Mio. Euro und der Landkreis Göttingen von 1,1 Mio. Euro. „Die Wirtschaftszahlen stimmen und entsprechen der Planung, der Return on Invest ist im grünen Bereich“, so Göttingens Oberbürgermeister Rolf-Georg Köhler (SPD). Göttingens Landrat Bernhard Reuter (SPD) und Northeims Landrätin Astrid Klinkert-Kittel (SPD) sehen dies genauso.

Auch „die Gestaltungsmöglichkeiten sind gewachsen“, so Reuter über den Einfluss der Kommunen auf die EAM. Zudem gestalte sich „die Zusammenarbeit innerhalb der kommunalen Gesellschafter sehr konstruktiv“, ergänzt Klinkert-Kittel. Vom Erfolg der Rekommunalisierung ist Rolf-Georg Köhler überzeugt. „Das ist meine ehrliche Überzeugung.“

Die EAM will auch zukünftig einen großen Schwerpunkt auf Investitionen in die Netze und den Ausbau der Erneuerbaren Energien legen sowie auf den Ausbau des Stromverkaufs. Nach zwei Jahren ist man mit den Wachstumsraten der Stromkundenzahl „sehr zufrieden“, so von Meibom. „Wir sind etwas, das es sonst nur selten in der Bundesrepublik gibt.“ Der Vertrieb musste komplett neu aufgebaut werden, man habe mit null Kunden angefangen. So sei auch die Hamburg Energie gestartet, die sechs Jahre gebraucht hätte, um ihren aktuellen Marktanteil von 9,23 Prozent der Kunden im Geschäftsgebiet zu erreichen; ebenso die Stadtwerke Stuttgart, die nach drei Jahren bei 3,55 Prozent Marktanteil lägen. Die EAM komme nach zwei Jahren auf 4,47 Prozent Marktanteil – das sind etwa 38.400 Kunden.

Die starke Steigerung habe man vor allem durch die Eröffnung zahlreicher Vertriebsbüros in der Region und einen persönlichen Service vor Ort erreicht, so von Meibom. „Ein Kernproblem ist, dass die Kunden denken, dass sie schon bei und sind.“ Doch der E.ON Mitte Vertrieb ist 2013 nicht von den Kommunen gekauft worden, so dass die Kunden aktiv von der E.ON zur EAM wechseln müssten.

Netze, Konzessionen, Vertrieb

Der Strommarkt und die dahinter stehende Netzinfrastruktur sind kompliziert. Zunächst gibt es die Kabel und Trafostationen, die einem Netzbetreiber wie der EAM oder einem Stadtwerk gehören. Das Recht, diese Leitungen zu betreiben, zu warten, kommerziell zu nutzen und sie auszubauen, ist in einer Stromkonzession enthalten – deren Vergabe wiederum das Recht einer jeden Gemeinde ist. Langfristig, etwa alle 20 Jahre, werden diese Konzessionen neu ausgeschrieben, zumeist für das ganze Gemeindegebiet; eine Gemeinde kann aber auch diese Konzessionen stückeln und so etwa für Kernstadtgebiet und Ortsteile getrennt ausschreiben – wie in Duderstadt. Für die Konzession erhält die Gemeinde eine Nutzungsabgabe. Wechselt eine Konzession den Besitzer – etwa von der EAM zu einem Stadtwerk –, dann wird in aller Regel auch das dazugehörige Leitungsnetz mit verkauft. Mit der Konzession ist ein Netzbetreiber verpflichtet, die Funktionsfähigkeit der Leitungen zu gewährleisten. Der Netzbetreiber darf allerdings keinen Strom verkaufen. Das macht ein Stromanbieter, der dem Netzbetreiber in der Gemeinde des jeweiligen Kunden für die Stromdurchleitung eine Art Maut bezahlt.

Wichtiger Beitrag für Kommunalfinanzen

Auch der Flecken Bovenden hat seine Stromkonzession und die Netze für Strom und Gas rekommunalisiert. Zuerst betreuten die Gemeindewerke mit aktuell 16 Mitarbeitern nur Bovenden und Eddigehausen, seit Anfang 2016 alle Ortsteile. Für die Gemeinde ein lohnendes Geschäft, wie Bürgermeister Thomas Brandes deutlich macht. „Die jährliche Gewinnausschüttung, die wir bekommen, hat sich in der Größenordnung von 350.000 bis 400.000 Euro eingependelt. Das ist eine hervorragende Rendite, die wir als Kommune für die Infrastruktur zur Verfügung haben.“

Weil die Ansprüche an Energieversorger allerdings immer höher werden, etwa durch steigende gesetzliche Auflagen, sind die Gemeindewerke eine Partnerschaft mit der Harzenergie und den Stadtwerken Northeim eingegangen, die jeweils 20 Prozent Anteile halten. Mit den Northeimern arbeitet man auch personell zusammen. Das spart tatsächlich Geld, so Brandes, denn früher habe man zum Beispiel regelmäßig eine externe Rechtsberatung in Anspruch nehmen müssen – das wird jetzt intern erledigt. Zudem ist man Mitglied im Stadtwerke Verbund Südniedersachsen sowie Teil einer Strom-Einkaufsgemeinschaft zahlreicher kleinerer Stadtwerke.

Die Zusammenarbeit mit der EAM laufe im technischen Bereich, wo das Mittelspannungsnetz der EAM in das Niedrigspannungsnetz der Gemeindewerke übergeht, problemlos und gut, so Brandes. Die Gemeinde sei auch daran interessiert gewesen, Anteile der EAM zu erwerben. Das sei seinerzeit allerdings von der kommunalen Verhandlungsgruppe blockiert worden, weil Bovenden ein eigenes Versorgungsunternehmen hat. „Aber damit können wir ganz gut leben“, sagt Brandes.

Alles wieder aus einer Hand

Norbert Liekmeier

Norbert Liekmeier

Quelle: Archiv

Seit den 30er-Jahren sorgt die EAM in der Stadt Göttingen für Strom. Das Stromnetz ist und war immer in der Hand des Unternehmens – oder der E.ON Mitte, in der die EAM zeitweise aufgegangen war. Die Göttinger Stadtwerke lieferten hingegen Wasser und Gas. „Das blieb bis in die 90er-Jahre so“, sagt Norbert Liekmeier, langjähriger Chef der Stadtwerke und seit 2014 im Ruhestand. In den 90er-Jahren habe es einen Vorstoß gegeben, die Stomversorgung in die kommunale Hand zurückzuholen. „Der Gedanke war, alles aus einer Hand zu liefern“, so Liekmeier. „Man konnte sich damals allerdings nicht auf den Wert des Netzes einigen.“ Für Göttingen wäre ein Rückkauf zu teuer geworden, es habe sogar einen Prozess darum gegeben, einen fairen Wert für das Netz zu finden – vergeblich.

Das Ergebnis war eine Kooperation mit der EAM und als Folge ein Verkauf von Stadtwerke-Anteilen. „Wir brauchten damals einen großen Partner, die Veränderung der Märkte und vor allem die Liberalisierung des Strommarktes stellten uns vor große Herausforderungen“, so Liekmeier. Die Folge: 49,9 Prozent der Stadtwerke wurden 2003 an die EAM verkauft, 51,1 Prozent bleiben im Besitz der Stadt. Verhandlungsführer für Göttingen des damaligen Oberbürgermeisters Jürgen Danielowski (CDU) sei sein damaliger Rechtdezernent und Nachfolger im Amt, Wolfgang Meyer (SPD) gewesen. „Ob der Verkauf damals richtig war, ich weiß es nicht“, sagt Liekmeier. Die EAM wurde später zur E.ON Mitte. Durch deren Rekommunalisierung, erneut unter dem Namen EAM, wurden die Stadtwerke wieder zu 100 Prozent ein Unternehmen der öffentlichen Hand. bib

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