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Der Fortschritt führt aufs Abstellgleis

Thema des Tages Der Fortschritt führt aufs Abstellgleis

Erreichbarkeit ist nicht erst im digitalen Zeitalter zu einem der wichtigsten Faktoren in nahezu allen Lebensbereichen geworden. Im Beruf, im sozialen Umfeld, in Bildung und Wirtschaft stehen diejenigen schnell auf dem Abstellgleis, die schlecht zu erreichen sind. Das gilt nicht nur für Einzelpersonen, sondern auch für ganze Bevölkerungsschichten. Seit der Antike zeigt sich: Wer an Handelswegen lebt, wird erreicht und erreicht andere. Er hat mehr, hört mehr, weiß mehr als derjenige, der im Hinterland sein Dasein fristet.

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Bahnhof ín Nesselröden um 1910

Quelle: r

Prunkvolle Fachwerkbauten zeugen heute noch vom einstigen Wohlstand Duderstadts. Im Mittelalter lag die Eichsfeld-Metropole an wichtigen Handels- und Pilgerrouten, die im Norden bis in die Hansestädte, im Süden über Nürnberg und Würzburg bis über die Alpen nach Rom führten. Richtung Osten gab es Anbindungen zur Kornkammer Goldene Aue und schließlich zum östlichen Salzhandel, und Richtung Westen erreichte man die Leinetalachse.

Bahnhof Duderstadt von Süden, um 1900

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„Die Fuhrleute nahmen mit ihren schweren Ochsenkarren vor allem die Höhenwege. Die Tal-Auen waren zu schlammig, da blieben die Wagen stecken“, erklärt der Duderstädter Ortsheimatpfleger Herbert Pfeiffer. Die Handelsrouten änderten sich jedoch grundlegend ab Beginn des 19. Jahrhunderts: Die Eisenbahn war erfunden worden. Die ersten Bahnen wurden zwar noch von Pferden gezogen, dennoch kamen die auf Eisenschienen rollenden Waggons deutlich besser voran als die alten, über Stock und Stein rumpelnden Fuhrwerke. „Bis auf wenige Ausnahmen schafften es Eisenbahnen aber nicht den Berg hinauf“, sagt Pfeiffer, der sich auch durch seine Mitgliedschaft im Duderstädter Eisenbahnclub als Bahn-Fan outet.
Also wurden die neuen Bahnstrecken Mitte des 19. Jahrhunderts nicht auf den alten Handelsrouten im hügeligen Eichsfeld verlegt, sondern im flacheren Umfeld durch das Leinetal. Duderstadt lag nun im Verkehrsschatten. Zwar gab es Stimmen, zum Beispiel aus dem Volksverein, die sich für eine Strecke über Duderstadt einsetzten, jedoch ließen erst 1884 Pläne der Eisenbahndirektionen Hannover und Frankfurt/Main auf einen Anschluss hoffen. Am 31. Oktober 1889 wurde die Teilstrecke Wulften-Duderstadt eröffnet und 1897 bis Leinefelde erweitert.

Die Bedeutung der Bahn für Wirtschaft und Wohlstand in einer strukturschwachen Region

Dass sich in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts vor allem die Industrie- und Handelskammer Südhannover für weiteren Lückenschluss von Göttingen bis in den Harz einsetzte, unterstreicht wieder die wirtschaftliche Bedeutung der Bahn für die Region. Zwar hatte sich inzwischen auch das Automobil durchgesetzt, aber es mangelte gerade in ländlichen Regionen am gepflasterten Straßennetz.
Bis 1931 erreichten zwei vollspurige und eine schmalspurige Bahn das Untereichsfeld, und Veränderungen in den Ortsbildern wurden sichtbar. In Duderstadt säumten nun noble Villen die neu entstandene Bahnhofstraße, Gewerbegebiete rund um den Bahnhof wuchsen. In den Weltkriegen war die Bahn eines der wichtigsten Transportmittel für Truppenbewegung, Verpflegung, Gefangene, Verwundete, Nachschub oder Flüchtlinge.
Nach 1945 brachte die innerdeutsche Grenze Duderstadt erneut in ein verkehrstechnisches und wirtschaftliches Abseits. Duderstadt lag nun im Zonenrandgebiet. Seit den 1960er Jahren wurden Autos auch für Durchschnittsfamilien erschwinglich, und das Straßennetz wurde für den wachsenden Verkehr ausgebaut. Die Bahn baute ihre wenig rentablen Strecken ab. Der letzte Personenzug fuhr am 25. Mai 1974, ein Jahr später rollte der letzte Güterzug durch Duderstadt. Bei der wirtschaftlichen Entwicklung im Untereichsfeld sind Parallelen bezüglich der Erreichbarkeit zu entdecken. Die im Mittelalter durch Handel mit Tuch und Bier blühende Stadt – ab dem 17. Jahrhundert setzte sich zudem der Tabakhandel in der Region durch – litt ab Mitte des 19. Jahrhunderts unter hoher Arbeitslosigkeit. Wanderarbeiter aus dem Eichsfeld versuchten woanders ihren Lebensunterhalt zu verdienen, und die Quote der Auswanderer nach Übersee wuchs. Die zeitweise schlechte Verkehrsanbindung könnte neben politischen Gegebenheiten, steigender Konkurrenz und den Folgen von Kriegen zumindest mit eine Rolle für eine ökonomische Benachteiligung gespielt haben.
Nach der Wiedervereinigung 1990 hatte es Chancen gegeben, die Bahnstrecke wiederzubeleben. Obwohl sich die Stadt Duderstadt für den Lückenschluss nach Teistungen eingesetzt hatte, wurde im Eisenbahn-Bundesamt die Wirtschaftlichkeit der Strecke nicht festgestellt. Heute wird das Bahnhofsgebäude gewerblich genutzt. Nur ein nostalgischer Schienenbus auf dem Abstellgleis erinnert an die einstige Haltestation in Duderstadt. 

Chronologie der Eisenbahn im Eichsfeld

  • 1846: Duderstädter Ratsleute leiten erste Bemühungen zum Bau einer Eisenbahn durch das Eichsfeld ein.
  • 1886: Gesetz zum Bau einer Bahn Wulften-Duderstadt-Leinefelde wird verabschiedet.
  • 1889: Die Strecke Duderstadt-Wulften wird mit einem Festumzug eingeweiht. Für die Strecke nach Worbis ist noch die Finanzierung unklar.
  • 1897: Eröffnung des zweiten Abschnittes Duderstadt-Worbis-Leinefelde
  • 1906: Kleinbahn Duderstadt-Zwinge und Inbetriebnahme der Gartetalbahn Rittmarshausen-Duderstadt
  • 1935: Strecke Göttingen-Duderstadt-Rhumspringe wird eröffnet.
  • 1945: Die Alliierten ziehen den Zonengrenzverlauf. Die Strecke zwischen Gerlingerode und Teistungen wird stillgelegt.
  • 1974: Einstellung des Personenverkehrs Duderstadt-Wulften, aber erst 1996 Abbau der Gleise.

Eisenbahn Club Eichsfeld fertigt Bahnhofs-Modell

Im Eisenbahn Club Eichsfeld (ECE) treffen sich nicht nur ein paar detailverliebte Tüftler. Hier wird seit der Gründung 1980 auch Wissen bewahrt. Alles, was mit der Eisenbahn in Duderstadt und Umgebung zu tun hat, wird hier gesammelt, diskutiert, und vor allem wird vieles originalgetreu nachgebaut. „Wir haben in unserer Clubanlage den Duderstädter Bahnhof um 1930 als Modellanlage in Baugröße H0 mit durchgehender Verbindung in Normalspur und der Schmalspuranbindung Richtung Göttingen aufgestellt (Foto). Jetzt sind wir dabei, das Modell um den Bahnhof Wulften zu erweitern“, berichtet der Vorsitzende Gerd Hülfenhaus stolz. Um solche Modelle in geduldiger Fummelarbeit und mit technischem Sachverstand aufzubauen, wird vorher akribische Recherche betrieben. Damit haben sich die ECE-Mitglieder zu Fachleuten zur Historie der Eisenbahn im Eichsfeld entwickelt. „Im Fachkatalog Faller ist übrigens der Duderstädter Lokschuppen einer der meistverkauften Lokschuppen weltweit“, verweist Hülfenhaus auf eine Eichsfelder Berühmtheit in Modellbauerkreisen. Vorläufer für das Faller-Modell war eine Konstruktion der ECE-Mitglieder.  

Für eine bessere Anbindung

Herbert Pfeiffer, Mitglied im Eisenbahn Club Eichsfeld, fährt auch privat Bahn, sooft es möglich ist. Er hat Vorschläge, welche Faktoren heute gegeben sein müssten, damit mehr Menschen seinem Vorbild folgen würden: „Die Bahn müsste ein vernünftiges Konzept für die Vernetzung von Bus und Bahn weiterentwickeln. Für kurze Strecken sind die Preise zu hoch, 8,40 Euro für eine einfache Fahrt von Duderstadt nach Göttingen ist zu viel.
Die Ortschaften müssten mit den Bussen besser erreichbar sein. „In Duderstadt gibt es zudem nur zwei Bushaltestellen, in Gieboldehausen immerhin vier. Und die Bahncard müsste auch im Busverkehr eine höhere Flexibilität bieten,“ fordert Pfeiffer.

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