Volltextsuche über das Angebot:

7 ° / 6 ° wolkig

Navigation:
Digga, frasen, shotgun - Bahnhof?

Thema des Tages: Jugendsprache Digga, frasen, shotgun - Bahnhof?

Am Freitag präsentiert der Langenscheidt-Verlag das Jugendwort des Jahres. 30 Begriffe standen zuvor im Online-Voting zur Auswahl - Hopfensmoothie und darthvadern haben es in die engere Auswahl geschafft. Dabei ist Jugendsprache weit vielfältiger.

Voriger Artikel
Geld für die „älteste Großfamilie der Welt“
Nächster Artikel
Erst zuhören, dann fragen

Von „Hopfensmoothie“ und „darthvadern“ haben Julian Bernhard und Marvin Meseke noch nie etwas gehört.

Quelle: CH

Göttingen. Von „Hopfensmoothie“ und „darthvadern“ haben Julian Bernhard und Marvin Meseke noch nie etwas gehört. „Dicker“ ist ihr Wort des Jahres. Das steht aber nicht auf der Liste. Wenn die beiden Freunde untereinander und mit Ihren Freunden reden, kommen Ältere nicht mehr mit. Sobald sie sich aber mit anderen Menschen unterhalten, sprechen der 21-jährige Jura-Student Marvin und der 22-jährige Mode-Verkäufer Julian geschliffenes Hochdeutsch. Die beiden sind in der Hip-Hop-Kultur verwurzelt, Die Sprache des Rap hat sie beeinflusst.

Sie sprechen sich mit „Kollege“ an, das auf der Liste genannte „Mois“ für Kumpel sei ihnen aber geläufig, sagt Marvin. „Wir benutzen es aber nicht“, so Julian. Etwa neun Freunde aus den Bereich Geismar gehören zu dem Kreis, der ihre spezielle Sprache spricht. „In Grone oder Weende kann sich das schon wieder ganz anders anhören“, so Marvin. Die beiden benutzen völlig neue Vokabeln: „Ich hab voll Serb“, das verhält sich wie „Fraze“ (beides englisch ausgesprochen. Serb und Fraze kann man verspüren oder kaufen. Erstes steht für Durst und gleichermaßen für Getränk, zweites für Hunger oder Etwas zu Essen.

Mache ihrer Worte sind extrem verkürzt. „Fjedn“ zum Beispiel, ein Wort, das Julian gerne sagt. Füllt man ein paar Buchstaben auf, ergibt sich das allseits bekannte „auf jeden“ oder ganz korrekt „auf jeden Fall“. Auch ein schwer komprimierter Laut, der irgendwie aus einem gequälkten a und e besteht, ist in der Freundesgang beliebt. Das „ae“ war, bevor es einer sprachlichen Straffung unterzogen wurde, mal das Wort „easy“ und dient als Zustimmung. Das ist schon richtig speziell“, räumt Marvin ein. Die Jungs verstehen sich.

Auch wenn sie ihre farbigen Freunde mit „ Negro“ „Gambos“ oder „Nigga“ anreden, ist das ein Freundschaftsbeweis, der in der Gruppe bleibt. „Am Start“, klar, das sagt doch jeder. Gemeint ist aber nicht, dabei oder bereit zu sein, sondern auch, dass jemand erfolgreich ist. Die meisten Wörter, für die abgestimmt werden kann, benutzen die beiden nicht. „Vielleicht reden die 14-Jährigen so“, meint Julian. Einige wenige Begriffe der Liste benutzen die jungen Männer aber doch, „bae“ und „isso“ beispielsweise. Isso dient der Zustimmung. Bae, so erklärt Marvin, stehe für „Babe“ oder Baby und damit für etwas, was Mann besonders mag.

Sagen sie das auch zu Mädchen? „Nein, nie. Mit Frauen reden wir immer normal.“ Ebenfalls missverständlich für untrainierte Zuhörer ist der Gebrauch von „mies“. Wenn Modemann Julian einem Freund bestätigt, dass er „mies geil“ aussieht, heißt das nicht, dass er im herkömmlichen Sinne mies sondern extrem gut aussieht. Die Liste Ihrer Wörter ist lang. Ob sie alle die nächsten Jahre überstehen, glauben die beiden jungen Männer nicht. „Dicker bleibt“, mein Julian. „Digga“, wie es vorher hieß gelte auch. Und: „Ein Ja am Ende eines Satzes, das geht auch immer“.

Lou Willms

Lou Willms

Quelle: r

„Digga“ und „sheesh“ gab der Schüler Lou Willms als Beispiele für Wörter aus der heutigen Jugendsprache an. Dabei stehe „Digga“ synonym für „Kumpel“. „Sheesh“ werde vor allem am Ende eines Satzes platziert und ist dem Schüler zufolge ein Ausdruck, der in etwa mit dem Wort „krass“ gleichgesetzt werden kann. Er ist der Meinung, dass viele jugendsprachliche Begriffe aus dem Sprachgebrauch von amerikanischen Hip-Hoppern stammen. Willms seien viele dieser Wörter geläufig. Allerdings seien sie kein Teil seiner alltäglichen Sprache, betonte der Schüler. „Ich würde so etwas eher aus Spaß sagen“, erklärte der 18-Jährige.

Lia Kentzler

Lia Kentzler

Quelle: r

Lia Kentzler benutzt relativ oft Ausdrücke aus der Jugendsprache. Ein besonderes Beispiel dafür sei das Wort „frasen“. „Das bedeutet essen“, sagte die 18-Jährige. Wahrscheinlich leitet sich der Begriff von „fressen“ ab. „Hustlen“ ist ein weiterer Ausdruck, der ihr aus der Jugendsprache bekannt ist. Dieses Wort stammt aus der Hip-Hop-Szene und hat ursprünglich mehrere Bedeutungen: Zum einen kann es soviel wie „hetzen“ „drängen“ oder „schnell erledigen“ bedeuten. Es kann aber auch „sich prostituieren“ oder „ranklotzen“ bedeuten. Kentzler und ihre Freunde gebrauchen den Begriff, um auszudrücken, „dass man bei einer Sache alles gibt“.

„Peace out“, um sich zu verabschieden, benutzen sie und ihre Freunde häufig, sagte die 18-Jährige Schülerin Henrike Hofmeister. Dieser Begriff kommt wohl auch aus dem Hip-Hop-Jargon und wird unter den Mitgliedern dieser Szene als die Abschiedsformel schlechthin gebraucht. Ein weiterer jugendsprachlicher Ausdruck sei „Das schockt“. Das bedeute so viel wie „Das macht Spaß“ oder „Das ist toll“. Außerdem sagen junge Menschen in ihrem Bekanntenkreis „Shotgun“ in bestimmten Situationen, berichtete die Schülerin. „Wenn man mit vielen Leuten in ein Auto einsteigen will, sagt man ‚Shotgun‘. Derjenige, der das zuerst gesagt hat, darf vorne sitzen“, so Hofmeister.

Sophia Beyer

Sophia Beyer

Quelle:

Die Schülerin Sophia Beyer benutzt den Ausdruck „Das bockt “ häufig. „Das höre ich auch oft in meinem Freundeskreis“, sagte Beyer. „Das bockt“ ist die verkürzte Form von „Das macht Bock“, was wiederum so viel wie „Das macht Spaß“ bedeutet. Der Ausdruck kann aber auch synonym für den Satz „Das ist lustig“ verwendet werden. aa

Interview: „Jugendliche fassen ihre Welt in ihre Sprache“

Albert Busch ist Professor für Sprachwissenschaften am Seminar für Deutsche Philologie an der Uni Göttingen. Dem Tageblatt beantwortete er Fragen zu Jugendsprache.

Welche Bedeutung hat die sogenannte Jugendsprache für junge Menschen? Wie sprechen Jugendliche?

Anders! Anders als Erwachsene. Aber auch nicht alle Jugendlichen im Alter von 14 bis 17 Jahren sprechen gleich anders. Denn: DIE Jugendsprache gibt es nicht. Jugendliche fassen ihre Welt in ihre Sprache: Man nennt das oft „die“ Jugendsprache und meint damit aber ein ganzes Spektrum von Abweichungen und Auffälligkeiten im jugendlichen Sprachgebrauch. So gesehen ist Jugendsprache das Idiom der jeweiligen Jugend – so wechselhaft, vielseitig und variabel wie diese selbst. Viele Jugendliche lieben „ihre“ Jugendsprache, die oft auch die Sprache einer bestimmten Gruppe ist. Sie benutzen ihre Sprache, sie verändern sie, sie spielen damit, sie haben Freude daran. Nach außen grenzen sich Jugendliche mit ihrem ganz eigenen Gruppenstil ab und schaffen Gruppenzusammenhalt und Identifikation nach innen. In der Jugendsprache sind alle „jugendtypischen Selbstentfaltungswerte“ codiert, die etwa die Sinus-Jugendstudie 2016 repräsentativ erhoben hat. Hierzu gehören zum Beispiel Ich-Orientierung, Selbstverwirklichung, Kreativität, Einzigartigkeit, Veränderung, Spaß, Spannung, Neuheit, Risiko, Ekstase, Performing, Flexibilität und Mobilität. Wen wundert´s wirklich, dass diese Sprache anders sein muss, sein will?

Inwieweit hat sie sich in den vergangenen Jahren verändert?

Jugendsprache hat sich nicht nur in den vergangenen Jahren verändert. Sie ändert sich ständig. Das ist ihre wahre Natur. Jede neue Kohorte von Jugendlichen entwickelt neue Ausprägungen, Wörter, Wendungen und grammatische Formen. Generationendifferenz wird hier sprachlich sichtbar gemacht und gelebt. Klassische Bereiche, in denen Jugendsprache sich verändert und immer wieder erneuert, sind neben Grußformeln (wie die Sprachforscherin Heike Wiese (2012): Kiezdeutsch und Eva Neuland (2008): Jugendsprache untersucht haben) die so genannten paradigmatischen Klassen wie

• neue Ortsangaben: „Wir gehen Kino“, „Ich steig Hauptbahnhof um“

• Kürzungen: „Ich frag mein Bruder“

• Aufforderungen wie „musstu neu machen, glaubich“, „lassma treffen“ „ischwör, Alter, war so.“

• Kreative Wortstellung: „wenn wir Schule gehen, so isch hab keine Zeit, zu kommen.“Ich wollte heut zu X gehen, danach ich muss zu mein Mutter.

• Partikel: Bedeutungsleeres „so“: „Isch muss noch bisschen abnehmen. Teilweise so für Bikinifigur und so“. Manche Elemente der Jugendsprache bleiben im Sprachgebrauch eine Weile erhalten, manche verschwinden wieder im Sprachorkus der Erwachsenenwelt. Bleibt etwas erhalten, geschieht das in einer Art Zirkel von Destandardisierung und Restandardisierung.

• Destandardisierung: Aus der Standardsprache werden Elemente verändert, neu gebildet oder umgedeutet

• Restandardisierung: Einige solcher Elemente verbreiten sich über die Umgangssprache und halten Einzug in die künftige Standardsprache.

Besteht dadurch die Gefahr des Sprachverfalls, wenn beispielsweise keine Artikel mehr verwendet werden?

Nein. Was soll verfallen, wenn Menschen sich ohne Artikel verständigen? So lange sie sich so gut verständigen können? Wenn die Kommunikation verständlich und trennscharf bleibt, ist das ja in dieser Hinsicht unproblematisch. Auf einem kleinen Smartphonedisplay kann das sogar ganz sinnvoll sein. Dass das in gesprochener Form in meinen Ohren ganz schauerlich klingt, ist ja eine stilistische Frage und ein Problem meines eigenen Stilempfindens. Das letztlich erlernt ist, nach den Standards in der biographischen Vergangenheit. Stile werden situativ angemessen eingesetzt. Das ist die Kompetenz, die notwendig ist, die unterrichtet und ausgebildet werden muss: Für jede Situation den richtigen Stil! Das muss das Ziel der Schulung optimaler Kommunikationskompetenz sein. Jugendliche müssen lernen, dass man sich im Bewerbungsgespräch sprachlich anders verhalten muss als im Freundeskreis.

Normgerechte Sprache wird in bestimmten Zusammenhängen, hierzu gehören besonders Elternhaus, Schule und Ausbildung, gefordert und nicht normgerechte Sprache sanktioniert. Der oft beklagte Sprachverfall durch Jugendsprache ist sprachwissenschaftlich nicht belegt. Die Vorstellung eines Sprachverfalls geht ja auch davon aus, dass Sprache etwas Festes und Starres sei, das verfallen könne. Keine Sorge, das wird so nicht sein. Sprache ist ständig in lebendiger Veränderung, ständig im Fluss. Sie ist ein echter Gestaltwandler. Passt sich an, an Politik, Wirtschaft, Gesellschaft Technik, Migration, Kulturkontakte, Medien, Wirtschaft, Werbung. Hinzu kommt, dass viele Sprachkritiker sich auf mediale Konstrukte von Jugendsprache beziehen, die nicht immer authentisch sind, sondern auch von Medien und Werbung inszeniert. Oder, um es einmal fachsprachlich zu sagen: „Das mediale Konstrukt „Jugendsprache“ entsteht in einem Prozess des „Doing Youth“ aus medialer Vermittlung, Stereotypisierung und Kommerzialisierung, der Jugend und Jugendsprache zu Gunsten wirtschaftlicher und politischer Interessen funktionalisiert.“ (Neuland 2008:19) Oder journalistisch: Wie in diesem Artikel.

Gibt es sprachliche Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen?

Ja, eine sprachliche Gender-Differenzierung wird auch in der Jugendsprache zunehmend belegbar. So hat ein Projekt in Wuppertal erbracht, dass wohl Mädchen insgesamt sprachsensibler sind als Jungen. Diskriminierende Ausdrücke, sog. Vulgarismen, werden von den Mädchen in der Studie teilweise ausdrücklich abgelehnt. Sie scheinen sich der diskriminierenden und diffamierenden Mitbedeutungen, linguistisch Konnotationen, von Wörtern, die etwa homosexuelle oder behinderte Menschen bezeichnen, eher bewusst zu sein als Jungen.

Wie wichtig ist es, sich mit Jugendsprache zu beschäftigen und sie ernst zu nehmen? Jugendsprache ist ein wichtiges Element sprachlicher Sozialisation und Weltbewältigung. Beschäftigen sollte man sich mit ihr, indem man sie als normales alterstypisches Sprachverhalten aufnimmt und nicht bekämpft. Solange Jugendliche lernen, die sprachlichen Register zu beherrschen, die man zur kommunikativen Bewältigung des Alltags in Schule, Beruf, Freizeit und Familie benötigt, gibt es keinen Grund, skeptisch gegenüber Jugendsprache zu sein. Es ist auch ganz nutzlos: Denn Jugendsprache führt ein eigenes Leben. Es gibt sie völlig unabhängig davon, ob die jeweils älteren Generationen sie mögen oder nicht. Sie ist ein bereichernder Teil der sogenannten inneren Mehrsprachigkeit und changiert zwischen Stilformen und den Subsystemen der deutschen Sprache, die Varietäten genannt werden. Also: keine Sorge, die deutsche Sprache wird auch weiterhin flexibel, vollkommen funktional und freudig verwendet alle Skeptikerinnen und Skeptiker überleben.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Der Wochenrückblick vom 26. November bis 2. Dezember 2016